Schweizer KZ-Häftlinge – Ein kritischer Blick auf die Geschichte der Schweiz im 2. Weltkrieg

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Im Konzentrationslager Dachau hatte Albert Mülli keinen Namen mehr. Er war nur noch der politische Häftling Nummer 29'331. Quelle: Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich
Im Konzentrationslager Dachau hatte Albert Mülli keinen Namen mehr. Er war nur noch der politische Häftling Nummer 29'331. Quelle: Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich
Lesezeit: 3 Minuten

Mindestens 391 Schweizerinnen und Schweizer wurden zwischen 1933 und 1945 vom NS-Regime in Konzentrationslagern inhaftiert. Im neuen Buch «Die Schweizer KZ-Häftlinge» wird ihr Schicksal zum ersten Mal aufgearbeitet. Die Autoren üben scharfe Kritik am Bundesrat, der zu wenig tat, um den Betroffenen zu helfen. Ein kritischer Blick auf die Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.

Die Tatsache, dass so viele Schweizerinnen und Schweizer im KZ inhaftiert waren, ist bis heute unbekannt. Ein Autorenteam hat 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dieses unerforschte Kapitel Schweizer Geschichte aufgearbeitet und legt zum ersten Mal Zahlen vor: Mindestens 391 Schweizer Bürgerinnen und Bürger waren zwischen 1933 und 1945 in einem KZ inhaftiert, mehr als 200 von ihnen starben während der Haft oder kurz nach der Befreiung. Hinzu kommen rund 330 Männer, Frauen und Kinder, die in der Schweiz geboren wurden, in vielen Fällen hier aufwuchsen, aber nie die Schweizer Staatsbürgerschaft besassen. Von ihnen überlebten mehr als 250 die Torturen nicht.

Zu den Schweizer Opfern der NS-Verfolgung zählten unter anderem Widerstandskämpfer, Juden, Sozialisten, «Asoziale», Zeugen Jehovas, Sinti und Roma. Die meisten von ihnen wurden an ihrem Wohnort in Frankreich verhaftet und von dort in ein KZ deportiert. Andere lebten als Auslandschweizer in von Deutschland besetzten Ländern wie Polen, Österreich, Italien, Belgien oder Griechenland.

Minutiös zeichnen die Autoren Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid in ihrem Buch «Die Schweizer KZ-Häftlinge – vergessene Opfer des Dritten Reichs» nach, wie Schweizer Bürgerinnen und Bürger in die Fänge des nationalsozialistischen Terrorapparats gerieten – und was die offizielle Schweiz tat, um ihnen zu helfen. Nach fast vierjähriger Recherche in in- und ausländischen Archiven kommen sie zu einem klaren Schluss: «Die Schweiz hätte Dutzende Leben retten können, wenn sie sich mutiger und mit mehr Nachdruck für die Schweizer KZ-Häftlinge eingesetzt hätte.» Doch der Bundesrat und die massgebenden Diplomaten intervenierten nur zögerlich beim NS-Regime. Zum einen aus Angst, Hitler zu verärgern und zu einem Einmarsch in die Schweiz zu provozieren. Zum andern aus mangelndem Interesse an den Opfern.

Nebst einer historischen Einordnung und zehn umfassenden Lebensgeschichten von Betroffenen werden in diesem Buch die 391 Opfer mit ihren Schicksalen erstmals namentlich in einer Liste aufgeführt. Sie soll ein Mahnmal gegen das Vergessen sein. Die Autoren übergeben zudem ihre umfassende Forschungsdokumentation an das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, wo sie aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Die Autoren

  • Balz Spörri (* 1959) studierte Germanistik, Geschichte sowie Media Ecology und promovierte mit einer Arbeit über die Sozialgeschichte des Lesens. Heute lebt er als Journalist und Autor in Zürich.
  • René Staubli (* 1953) war Redaktor bei der SonntagsZeitung, der Weltwoche und beim Tages-Anzeiger. 2003 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Heute ist er als Lektor und Ghostwriter tätig. 
  • Benno Tuchschmid (* 1985) war Reporter bei der Aargauer Zeitung, Redaktor bei der SonntagsZeitung und der Schweiz am Sonntag. Derzeit leitet er das SonntagsBlick Magazin.

Die Schweizer KZ-Häftlinge
Vergessene Opfer des Dritten Reichs
Verlag NZZ Libro
2019. 320 S., 147 Abb.
17 x 24 cm, gebunden.
Fr. 48.– (UVP) / € 48.–
ISBN 978-3-03810-436-0

Veranstaltungen

Dienstag, 29. Oktober 2019, 19 Uhr 30
Kosmos Zürich Lagerstrasse 104, 8004 Zürich
Eintritt frei

BUCHVERNISSAGE

«Die Schweizer KZ-Häftlinge»

Gespräch mit den Autoren Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid
Lesung aus Porträts von Schweizer NS-Opfern: Dorothee Roth (SRF)
Moderation: Peer Teuwsen (NZZ am Sonntag)

Einladung (PDF)

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Dienstag, 19. November 2019, 19:30 Uhr
Kulturhaus Bider & Tanner, Aeschenvorstadt 2, 4010 Basel
Eintritt frei, beschränkte Platzzahl*

BUCHPRÄSENTATION

«Die Schweizer KZ-Häftlinge»

Die Autoren Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid stellen das Buch vor, erzählen von ihren aufwändigen Recherchen, berührenden Begegnungen und erschütternden Erkenntnissen.

Moderation: Simon Erlanger, Historiker und Journalist

Einladung (PDF)

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