Nein, Omar Barghouti ist nicht Mitbegründer der Anti-Israel-Boykottbewegung BDS

Lesezeit: 4 MinutenAls Omar Barghouti kürzlich die Einreise nach Grossbritannien verwehrt wurde, wurde er in vielen Medienberichten, darunter im Jewish Chronicle, als Gründer (oder Mitgründer) der Anti-Israel-Boykottbewegung BDS bezeichnet. Das ist sachlich falsch: Erst vier Jahre nach dem Start von BDS und den ersten Boykotten in Grossbritannien wurde Barghouti zu Marketingzwecken hinzugefügt.

Die Details sind hier wichtig. In Wahrheit wurde die BDS-Bewegung im September 2001 offiziell ins Leben gerufen – in Durban, Südafrika, auf dem NGO-Forum der berüchtigten antisemitischen UN-Weltkonferenz zur Beseitigung des Rassismus. Drahtzieher dabei war eine Gruppe radikaler und politisch einflussreicher Nichtregierungsorganisationen mit einer tief sitzenden Anti-Israel-Agenda. In Durban verbanden sich Offizielle von Human Rights Watch, Amnesty International und der in Paris ansässigen Internationalen Menschenrechtsföderation (FIDH) mit südafrikanischen und palästinensischen Gruppen, um „die vollständige internationale Isolation Israels als Apartheidstaat…“ zu fordern. Zu den gewählten Waffen gehörten Boykotte, wie sie einst gegen die echte Apartheid in Südafrika eingesetzt worden waren. Omar Barghouti war daran nicht beteiligt – er war kein „Gründer“.

Ein paar Monate später begannen unter dem Vorwand der IDF-Anti-Terror-Operation in Jenin die ersten Boykotte. Trotzkistische Zellen in der britischen Universitätsgewerkschaft manipulierten Abstimmungen, um Unterstützung für Boykotte gegen israelische Universitäten zu erhalten und Gruppen wie War on Want führten Dämonisierungskampagnen durch, die Sanktionen gegen Israel bewarben.

Parallel dazu organisierten Anti-Israel-Aktivisten von Human Rights Watch in den USA Kundgebungen am Rande von Vorstandssitzungen und forderten Unternehmen wie Caterpillar auf, keine Geschäfte mit Israel mehr zu machen. Ihr Ziel war die Öffentlichkeitsarbeit, und sie hatten Erfolg. Im Verlauf kamen bald die antisemitischen Vorgänger von BDS zum Vorschein – etwa die UN-Resolution von 1975, in der Zionismus und Rassismus gleichgesetzt wurden, sowie die früheren antizionistischen Kampagnen der Sowjetunion, die den Weg nach Durban geebnet hatten. Von Omar Barghouti war weit und breit nichts zu sehen.

Als diese Aktivitäten im Jahr 2004 zunahmen, betrat eine von Westlern angeführte Bewegung die politische Bühne, die sich angeblich für die palästinensische Sache einsetzte. Um BDS eine authentischere Fassade zu geben, wurde die palästinensische Kampagne für den akademischen und kulturellen Boykott Israels (PACBI) ins Leben gerufen, mit einem Brief, der von einer Gruppe palästinensischer Intellektueller unterzeichnet worden war. In den folgenden Monaten und Jahren versuchten die BDS-Aktivisten, ihre Dämonisierungskampagnen als Reaktion auf den Boykottaufruf der Palästinenser zu vermarkten, obwohl jeder, der mit der Geschichte vertraut war, wusste, dass das nicht stimmte. BDS war und ist weitgehend eine westliche antisemitische Bewegung, die von NGOs geführt und von europäischen Regierungen finanziert wird.

Dank des PACBI-Briefs wurde Barghouti zum palästinensischen Gesicht von BDS. Er ist ein Intellektueller, der als Sohn palästinensischer Eltern in Katar geboren wurde, in Ägypten aufgewachsen ist, mit einer israelischen Araberin verheiratet ist und in Israel lebt. Als Doktorand an der Universität Tel Aviv (Philosophie) unterzeichnete er einen Brief, in dem er zum internationalen Boykott eben jener Institution aufrief, die er selbst nicht boykottiert hatte.

Da er aber die Vorzüge hat, ein produktiver Schriftsteller und Polemiker zu sein und noch dazu ein Palästinenser, von dem keine konsistente Argumentation erwartet wird, wurde dieser kleine Widerspruch übersehen. Herr Barghouti warb nebenberuflich für das Thema Boykott und bezeichnete sich, als er im November 2004 den Aufsatz The Pianist of Palestine veröffentlichte, als einen „unabhängigen politischen Analysten mit Sitz in Palästina“. Ein BDS-Führer oder -Gründer war er zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht.

Nach und nach, als seine Ausstrahlungskraft beim westlichen Publikum – insbesondere bei Journalisten, Akademikern und Diplomaten – wuchs, schmückte er seine BDS-Rolle immer weiter aus. Er begann zu reisen und für PACBI zu sprechen. Seine artikulierten Englischkenntnisse, intellektuellen Fähigkeiten und sein westliches Erscheinungsbild sprachen ein spezielles Publikum an. Er hatte die Fähigkeit, die Forderung nach der Beseitigung Israels in scheinbar vernünftige und gewaltfreie Worte zu kleiden, zumindest gegenüber Zuhörern, die für die diese Botschaft empfänglich sind.

Strategien und Ziele durch westliche antiisraelische NGOs

Parallel dazu verschmolz die PACBI mit der BDS-Bewegung, wodurch in Vergessenheit geriet, dass die wahren Urheber von BDS westliche NGOs in Durban gewesen waren.

Auf diese Weise wurde Herr Barghouti fälschlicherweise zum Gründer von BDS gemacht.

Die Rolle eines Sprechers ist jedoch begrenzt. Weder PACBI noch Herr Barghouti bestimmen die Agenda und die Aktivitäten der BDS-Bewegung. Strategien und Ziele werden nach wie vor von westlichen antiisraelischen NGOs festgelegt, die zum grossen Teil immer noch die gleichen sind wie am Anfang. Die jüngsten BDS-Kampagnen, die sich gegen Airbnb und andere Unternehmen im Tourismusbereich richteten, wurden von Human Rights Watch und Amnesty International geleitet. Beide waren Fehlschläge. Andere Ziele für BDS-Aktionen werden von einer – von europäischen Regierungen finanzierten – NGO namens Who Profits festgelegt. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Herr Barghouti bislang dabei konsultiert oder informiert worden wäre.

Bei der politischen Kriegsführung, bei der es darum geht, Israel zur Verurteilung herauszugreifen und mit zweierlei Mass zu messen, ist Omar Barghouti ein praktischer Sprecher, der den palästinensischen Narrativ einem westlichen Publikum nahebringt.

Dabei werden der Kern von BDS und seine Hauptbestandteile verborgen. Dies alles bedeutet nicht, dass die Rolle, die Barghouti bei antisemitischen Kampagnen spielt, harmlos wäre – ganz im Gegenteil. Die Bekanntheit von Herrn Barghouti sollte jedoch nicht anderen Tätern ermöglichen, ihre eigene Rolle zu verbergen.

Professor Gerald Steinberg ist Präsident des Think Tanks NGO Monitor. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Jewish Chronicle. Übersetzung Audiatur-Online.

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