Bombardierung von Tel Abyad. Foto Orhan Erkılıç / PD
Bombardierung von Tel Abyad. Foto Orhan Erkılıç / PD
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Das jüngste Blutvergiessen in Syrien wurde nach einer Einigung zwischen Washington und Ankara, die am Donnerstagabend erzielt wurde, vorübergehend gestoppt. Das türkische Militär hat zugesagt, seine Offensive in Syrien  auszusetzen, damit sich die kurdischen Streitkräfte von der Grenze zwischen der Türkei und Syrien zurückziehen können. Trotz vereinbarter Waffenruhe scheinen die Kämpfe zwischen türkischen Soldaten und kurdischen Milizen in Nordsyrien aber offenbar nicht vollkommen eingestellt worden zu sein. 

Der amerikanische Präsident Donald Trump begrüsst das Abkommen als Erfolg, aber die syrischen Kurden fühlen sich – nicht zum ersten Mal – von den Vereinigten Staaten verlassen und verraten. Das Abkommen gibt Ankara effektiv das, was es will – die Entfernung von kurdisch geführten Truppen aus dem Grenzgebiet.

Diesen Monat vor fünf Jahren wurde Rabia, eine kleine irakische Stadt nahe der Grenze zu Syrien, von den Peschmerga – den kurdischen Streitkräften im Irak – eingenommen. Die jüngste Militäroperation des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Nordosten Syriens hat Rabia und andere Städte, die seit einem halben Jahrzehnt in den Händen der Kurden sind, vor eine unsichere Zukunft gestellt.

Ich war im Oktober 2014, drei Tage, nachdem die Peschmerga den Islamischen Staat (IS) aus der Stadt vertrieben hatten, das letzte Mal in Rabia. Mein Team und ich hatten über eine Woche lang versucht, die kurdischen Militär-Kontrollpunkte zu passieren, um in eine Gegend zu reisen, die im Volksmund als „Niemandsland“ bezeichnet wurde, aber die schwerfällige Bürokratie verlangte uns einen endlosen Papierkram ab. Wir änderten täglich unser Nummernschild für den Fall, dass man uns folgte.

Schliesslich erhielten wir das Einverständnis und fuhren los. Der Weg nach Rabia hinein führte uns durch die Überreste des örtlichen Krankenhauses hindurch – Berge von Schutt und ein überwältigender Gestank nach verwesenden Leichen. Am Tag zuvor waren zwei IS-Kämpfer aus einem der Lüftungsrohre der Klimaanlage gekrochen und hatten mit Maschinengewehren um sich geschossen, bis sie getötet wurden.

Auf dem Weg nach Rabia. Foto Sam Henderson

Wir schlugen uns durch bis zum anderen Ende der Stadt, wo uns der kurdische Kommandeur, General Kadr, in sein Zelt einlud. Dort sassen wir auf dem staubigen Boden und tranken dampfendem Pfefferminztee aus winzigen Gläsern, die wacklig auf zerbrochenen Untertassen standen. Nachdem er ein paar Dosen kalter Bohnen geöffnet hatte, entschuldigte er sich für seine mangelhafte Gastfreundschaft. „Ich hatte keine Zeit, mich auf Ihren Besuch vorzubereiten“, lächelte er.

Den kurdischen Truppen ist das Lächeln mittlerweile vergangen. Die kürzliche Ankündigung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, er werde seine Truppen aus dem Nordosten Syriens abziehen, hatte sie kalt erwischt.

Die vom Weissen Haus als „Friedenshüter“ bezeichneten Truppen hatten die kurdischen Streitkräfte in der Region schlagkräftig unterstützt und ein Vordringen der Türkei nach Syrien hinein verhindert. Nach seiner Ankündigung tat Ankara genau dies und schickte seine Armee, um die kurdischen Streitkräfte zu bekämpfen, was Präsident Erdogan nachdrücklich für eine „anti-terroristische Operation“ bezeichnete. Erdogan glaubt, die syrischen Kurden seien mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden, die aus unterschiedlichen Gründen von der Türkei, den USA, 28 europäischen Staaten und Japan als Terrororganisation eingestuft wird.

Als ich Flüchtlingslager entlang der irakisch-syrischen Grenze besuchte, war das Kürzel PKK auf viele Wände gesprüht und die Einheimischen drückten offen ihre Bewunderung für diese Gruppe aus. In dieser Hinsicht liegt Erdogan also nicht falsch – das Band zwischen der PKK und den Kämpfern, die ich getroffen habe, ist stark.

„Wir sind die Fusssoldaten des Westens“

Ich kann mich daran erinnern, wie ich die Treppen zu einem Wachposten der YPJ– einer rein weiblichen kurdischen Miliz, die aktiv an den Kämpfen in Nordsyrien teilnahm – erklomm. Aus ihrer Position konnten sie Bewegungen des IS sowohl in Syrien als auch im nahen Irak verfolgen. Rosarine, eine neunzehnjährige Kämpferin, hatte die Schule abgebrochen, um hierher zu kommen.

„Ich muss mein Land und mein Volk schützen“, sagte sie mir. „Unsere Familien unterstützen und ermutigen uns. Als ich den YPJ beitrat, wurde ich geschult, man zeigte mir, wie man ein Gewehr abfeuert. Hier gibt es überall IS-Terroristen, also schiessen wir auf alles, was sich bewegt. Der IS dachte, Frauen könnten ihn nicht bekämpfen, aber hier sind wir. Wir haben keine Angst, denn wir wissen, wofür wir kämpfen.“

In einem irakischen Flüchtlingslager. Foto Sam Henderson

Einige IS-Kämpfer glauben, sie kämen nicht ins Paradies, wenn sie von einer Frau getötet würden. Daher schreien die Kämpferinnen häufig laut, sobald sie in eine Schlacht kommen, um sich bemerkbar zu machen, in der Hoffnung, die auf der anderen Seite in die Flucht zu schlagen.

„Wir sind die Fusssoldaten des Westens“, sagte mir der kurdische Kommandeur wiederholt. „Wir sind die Ersten, die gegen die IS-Streitkräfte kämpfen – und sterben.“

Es überrascht daher nicht, dass sich die Kurden durch den Rückzug Präsident Trumps verraten fühlten und sich angesichts der wachsenden türkischen Offensive ihrem Schicksal überlassen sehen.

Das hat bei vielen – auch bei Israelis – die Frage aufgeworfen, ob man Trump trauen kann oder ob seine wankelmütige Aussenpolitik bedeutet, dass die USA heute dein Freund sein kann und das morgen schon nicht mehr gilt.

Dr. Hay Eytan Cohen Yanarocak, ein Experte in Sachen moderne Türkei, bestätigt, dass Trumps unvorhersehbare und mitunter launische Entscheidungen ein grosses Problem darstellen. „Trump hat dies aus innenpolitischen Gründen zu seinem eigenen Nutzen getan“, so Yanarocak.

„Ich sehe natürlich ein, dass die amerikanischen Truppen nicht ewig in Syrien bleiben konnten, sie hätten aber bleiben können, so lange die russischen Truppen hier sind … Aber Israel hat eigene Möglichkeiten, sich zu verteidigen. Wir erwarten nicht, dass ein anderer Staat uns beschützt.“

Nimrod Goren, Chef des Mitvim, des israelischen Instituts für regionale Aussenpolitik, glaubt nicht, dass Israel sich Sorgen machen muss.

„Man muss zwischen dem Verhältnis Israels zu Trump und dem Verhältnis Israels zu den USA unterscheiden. Das Bündnis zwischen Israel und den USA ist sehr solide. Es reicht zurück bis in die 1960er Jahre, ist breitangelegt und wird in weiten Kreisen der USA unterstützt. Es hängt nicht davon ab, wer amerikanischer Präsident ist.“

Zerstörung in Rabia. Foto Sam Henderson

Allerdings befindet sich Israel jetzt in der schwierigen Position, entscheiden zu müssen, wen es unterstützen soll – die Türkei oder die Kurden. Die Allianz Israels mit den Kurden reicht zurück bis in die 1950er Jahre, als Jerusalem damit begann, diese militärisch, politisch und moralisch zu unterstützen. General Kadr scheute sich nicht, mir zu sagen, wie wichtig die israelischen Schulungen – auch wenn sie im Geheimen stattfanden – für seine Truppen gewesen waren. Vor zwei Jahren kündigte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Unterstützung für einen unabhängigen kurdischen Staat an. Auf einen solchen hatten die Kurden gehofft, nachdem sie zur Niederlage des IS beigetragen hatten. Aber er kam nicht zustande – und es wird ihn wahrscheinlich auch nicht geben.

Bedrohung durch den Iran

Gleichzeitig hat Jerusalem ein Abkommen zur militärischen Zusammenarbeit mit der Türkei, das Milliarden Dollar wert ist. Bislang hat Netanjahu den Kurden humanitäre Hilfen angeboten; da diese jedoch vor Kurzem ihre Streitkräfte mit denen des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad zusammengeschlossen haben, werden sie sein Angebot vermutlich nicht annehmen. Goren ist ausserdem der Ansicht, es sei untauglich.

„Die Region, um die es jetzt geht, ist ziemlich weit weg von der israelischen Grenze. Hilfsmittel dorthin zu bringen, ginge am ehesten über die Türkei oder die USA, und ich glaube nicht, dass sich einer der beiden daran beteiligen würde. Ich glaube, das israelische Angebot erfolgt aus moralischen Erwägungen heraus. Das ist auch wichtig, aber ich glaube nicht, dass Israel einen grossen Einfluss auf die Situation der Kurden vor Ort nehmen kann – es gibt viel wichtigere internationale Akteure, die dazu in der Lage sind, wie etwa Russland, die Türkei und vielleicht auch die Vereinigten Staaten.“

Sorgen bereitet Israel dennoch die russische Unterstützung für die neue Allianz der kurdisch-syrischen Kämpfer. In dieser Hinsicht könnte es für den Iran leichter werden, Einfluss im Nordosten Syriens zu gewinnen. Jerusalem kämpft schon jetzt gegen den iranischen Einfluss im Süden Syriens und wird, so die Sorge Dr. Yanarocaks, zunehmend ohne Verbündete in diesem Land dastehen.

„Wenn sich die USA aus Syrien zurückgezogen haben, wird Israel alleine mit der Bedrohung durch den Iran in Syrien fertigwerden müssen. Teheran kann nur durch ein starkes, unabhängiges Kurdistan am Eindringen in den Osten Syriens gehindert werden. Da aber die Regionalregierung Kurdistans nicht unabhängig und sehr stark von Nachbarstaaten abhängig ist, ist dies keine Option. Israel sollte seine Luftschläge fortsetzen“, meint er.

Goren glaubt jedoch nicht, dass damit die Spielregeln geändert werden können, „wegen der Beschränkungen der iranischen Beteiligung, die Teil des Abkommens zwischen Russland, der Türkei und dem Iran sind. Nicht nur Israel ist besorgt über einen nuklear ausgestatteten Iran. Die Türken wollen dies nicht und die Russen wollen es nur bis zu einem gewissen Mass. Wenn sich also der Iran in Syrien einmischt, wird das nicht unwidersprochen bleiben“, sagt er.

Paula Slier

Über Paula Slier

Paula Slier ist eine südafrikanische Journalistin und Kriegsberichterstatterin die im Nahen Osten lebt. Sie ist als Chief Executive des Middle East Bureau für RT sowie als Gründerin und CEO von Newshound Media International tätig.

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