Die Synagoge in Halle und der Eingang zum Jüdischen Friedhof. Foto Allexkoch, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42881122
Die Synagoge in Halle und der Eingang zum Jüdischen Friedhof. Foto Allexkoch, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42881122
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Mauern können Leben retten, wie am Jom Kippur dieses Jahres in der deutschen Stadt Halle. Während man darüber staunte, was für ein „Glück im Unglück“ die Juden in der Synagoge hatten, konnte sogar ein überzeugter Atheist sich schwer gegen ein mulmiges Gefühl wehren: Trotz fester Mauern und gut abgeschlossenen Pforten, hätte das Schicksal der Betenden im G-tteshaus am Tag des Gerichts auch ganz anders besiegelt werden können, wenn… Was hätte der Unmensch angerichtet, der sich zurecht als Versager bezeichnete, wenn….

von Rabbiner Dr. Elijahu Tarantul

Vorweg, um Missverständnissem vorzubeugen: Selbstverständlich haben Sicherheitsvorkehrungen die höchste Priorität – gerade aus religiöser Perspektive. Nicht fromm, sondern töricht ist ein falsches G-ttesvertrauen, das eine tatkräftige, wehrhafte Haltung für unnötig hält. „Man darf sich nie auf Wunder verlassen!“ – heisst es an mehreren Stellen im Talmud. Oder wie es in dem Witz über einen jüdischen Boxer heisst, der zum Rabbiner lief, um für den bevorstehenden Kampf einen Segen zu holen und die Antwort hörte: „Selbstverständlich bekommen Sie einen Segen, aber Sie brauchen trotzdem einen guten Punch und vor allem eine gute Deckung!“ Die Heilige Schrift ist voller Erwähnungen von Mauern und ihrer bewaffneten, wachsamen Hüter. Sie zeigt aber auch die andere Seite der Medaille: Sich auf Mauerwerke und Wächter alleine zu verlassen ist ebenso falsch. Im Psalm 127 heisst es z.B.: „Wenn der Ewige nicht baut das Haus – umsonst mühen sich seine Erbauer daran. Wenn der Ewige nicht hütet die Stadt – umsonst wacht der Wächter.“


Der Psalm 127 interpretiert vom Shira Choir. Komponiert von Shlomo Yehuda Rechnitz an einer Bar Mitzvah des Sohnes von Shraga Gold in Williamsburg.

Unsere Vorfahren waren Nomaden, die unter dem freien Himmel ihre Herden hüteten, in wackeligen Zelten übernachteten und sich dem Willen des Himmels völlig ausgeliefert fühlten. Sie besaßen keine Mauern, um sich gegen physische Gefahren zu schützen. Als sie Bürger der befestigten Städte im Gelobten Lande wurden, wurden sie einer neuen, geistigen Gefahr ausgesetzt: Zu vergessen, dass ein Mensch dennoch unter dem Himmel sein irdisches Dasein fristet.

In Leviticus, Kap 23, Vers 42 lesen wir: Die Bürger Israels sollen sieben Tage in den Laubhütten wohnen. Im Zusammenhang mit anderen Festen erwähnt die Tora einen Ger, d.h. einen Proselyten oder Heiden, auf jeden Fall einen Fremden. Warum wird in Leviticus 23,42 die Pflicht des Bürgers betont? Warum wird hier nicht von einem Fremden verlangt, in der Laubhütte zu wohnen? Rabbiner Chaim Palagi (1788-1869) stellte diese Frage und gab eine hochinteressante Antwort. Zuerst sollen wir aber kurz in Erinnerung rufen, was eine Laubhütte (hebr. Sukka) ist und weshalb Juden in ihr 7 Tage wohnen müssen. Im Babylonischen Talmud, Sukka 11b lesen wir, woran die feierlichen Laubhütten erinnern: an die von G-tt gesandten Wolken, die den (gut bewaffneten und kampfbereiten!) Israeliten in der Wüste einen – im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne des Wortes – himmlischen Schutz gaben, so Rabbi Elieser. Rabbi Akiwa meint: Eine Sukka erinnert an provisorische, wackelige und improvisierte Hütten während der Wüstenwanderung. Wer hat Recht? Um noch mehr Verwirrung zu stiften, fügen wir hinzu, dass Sukkot an Ernte erinnert und deshalb in der Tora (Exodus 23,16-19) ausdrücklich als „Fest des Einsammelns“ bezeichnet wird. Noch mehr Verwirrung gefällig? Bitte! Die stabilen, schönen und luxuriösen Hütten, die Juden in Europa und Nordamerika am Sukkot benutzen, sehen anders als wackelige Laubhütten aus, die man auf Weinbergen zur Zeit der Weinlese aufstellte: solide Wände, Zeituhr für Licht und Heizung. So sah die Sukka nicht aus, die der Prophet Jona am Stadtrand von Ninewe baute (Jona 4, 5).

Ist es möglich, all die Widersprüche zu versöhnen? Ja! Sowohl Rabbi Elieser als auch Rabbi Akiwa hatten Recht; das Fest Sukkot erinnert sowohl an das Fest der Weinlese als auch an den Auszug aus Ägypten; man sitzt in der stabilen Sukka aus Massivholz (gerne auch aus Stein oder Beton!) und erinnert sich: sowohl an die Ernte als auch an den Exodus. Wie ist das möglich? Selbst in der stabilsten Sukka ist man dem Willen des Himmels ausgeliefert. Eine Sukka muss ein Dach aus Pflanzen haben, das nicht wasserfest ist. Es kann jede Minute regnen, und man wird nass, auch zwischen Betonwänden. Es ist eine Warnung gegen Selbstzufriedenheit und Arroganz – in der biblischen Zeit wie heute. Vor Jahrtausenden feierten die bodenständigen Bürger Israels an Sukkot die dritte und die letzte Ernte im landwirtschaftlichen Zyklus, bevor die Regenzeit begann. An Pessach (Gerste) und an Schawuoth (Weizen) war die Freude noch nicht vollkommen: Was wird aus der nächsten Ernte? An Sukkot (Oliven und Weintrauben) bildete man sich ein, hinter einer imaginären Betonmauer des bürgerlichen Wohlstandes abgesichert zu sein – bis zum nächsten Jahr. Aus diesem Grund ist das Fest Sukkot der Inbegriff der Freude und wird im Talmud als Chag – „das Fest“ schlechthin bezeichnet.

„Wenn man in der Sukka sitzt, ist man dem Willen des Himmels ausgeliefert“

Und heute? Kurz vor Rosch haSchana beginnt eine schwere geistige Arbeit, die ebenfalls mit Unsicherheit und Sorge erfüllt ist: Was wird mit mir passieren im nächsten Jahr? Was schreibt man über mich in die offenen Bücher im Himmel? Schaffe ich es noch durch Gebet, Fasten und gute Taten, mein Schicksal zum Guten zu wenden? Nach Jom Kippur scheint diese geistige Arbeit beendet zu sein. Man hat alle religiösen Pflichten erfüllt, man sitzt in der Sukka und stellt sich vor, dass auch die geistige Ernte „im Trockenen“ sei. Ein tüchtiger, fleissiger und vermögender Bürger vergleicht sich gerne mit seinem weniger erfolgreichen Nachbarn: „Bin ich nicht gut?“ Auf eine ähnliche Art vergleicht sich womöglich ein frommer Jude heute mit einem weltlichen, einem nicht praktizierenden Juden: „Ich betete und fastete, während er Schabbath und Feiertage entweihte! Ich sitze in meiner Beton-Sukka und schaue auf ihn von oben herab: Der Arme! Ich kann mir vorstellen, was im Himmlischen Buch über ihn eingetragen ist… Was? Auch er baut eine Sukka? Das ich nicht lache! Improvisiert aus Holzresten und Grünzeug?! Wie peinlich!“ Nein, nicht peinlich! Wenn die Sonne scheint -sie scheint gleich auf den Orthodoxen und den Weltlichen – braucht man keine Wände. Wenn es regnet – es regnet auch gleich auf beide – helfen die Wände nicht. Wenn man in der Sukka sitzt, ist man dem Willen des Himmels ausgeliefert.

Eine Sukka auf einem Balkon in Jerusalem. Foto https://www.flickr.com/photos/zeevveez/30505939575/ (CC BY 2.0)

Nur in der Sukka? Ist das arrogante Gefühl der Geborgenheit nicht trügerisch, wenn ein Bürger sich auf seine Mauern verlässt? Das ist die Antwort von Rabbi Chaim Palagi: Selbstzufriedene Bürger und nicht heimatlose Fremde brauchen diese Ermahnung! Rabbi Elieser und Rabbi Akiwa sprachen doch über dasselbe: Wir alle sitzen in unseren provisorischen Hütten (auch wenn es massive Gebäude sind) und sollen nicht nur dicke Mauern errichten, sondern auch auf den Himmel schauen! Die provisorische Sukka ist ein Sinnbild des kurzen, fragilen menschlichen Lebens: Lohnt es sich, dicke Wände für eine Woche zu bauen? Soll man nicht lieber beten, dass die Sonne scheint? Eine bekannte Erzählung berichtet über den Rabbiner Israel Meir Kogan (1838-1933), den berühmten Chafetz Chaim: Reisende besuchten ihn und wunderten sich über seine ärmliche Wohnung: „Wo sind denn ihre Möbel?“ – „Und wo sind Ihre Möbel, liebe Gäste?“ – „Wir sind doch auf der Reise!“ – „Ich auch.“ Nicht zufällig wird an Sukkot das traurige Buch Kohelet (Ecclesiastes) gelesen, ein Epos der Vergänglichkeit.

Chag Sameach, liebe Freunde!

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