Foto Ali Hegazy / Unsplash
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„Die Tora spricht zu uns mit unseren Begriffen, mit den Metaphern aus unserem Alltag“ – behaupten die Weisen des Talmuds. Die Prüfung am Ende des Schuljahres, die Jahresbilanz in der Buchhaltung, die jährliche Steuererklärung – das sind moderne Begriffe. Unsere Vorfahren waren Viehzüchter und Bauern. In dieser Reihenfolge: Zuerst Nomaden, deren Herden zwischen Mesopotamien und Ägypten weideten; und erst dann allmählich sesshafte Bewohner des Gelobten Landes, in dem Ackerbau möglich wurde. Deswegen kehren in der Heiligen Schrift immer wieder Metaphern und Topoi aus dem Erfahrungskreis der Hirtenwelt.

von Rabbiner Dr. Elijahu Tarantul

Der erste Hebräer namens Awraham führte seine Herden auf der Suche nach saftigem Weideland und dankte G-tt dafür, dass seine Schafe und Ziegen sich rasch vermehrten. Awraham fühlte, wie er selber geführt wurde — durch den Himmlischen Hirten, dessen Wege unergründlich sind. Awraham trug in seinem Herzen die Verheissung, dass von seiner Frau Sarah und ihm eine Herde G-ttes sich entwickeln wird. Nicht zufällig spricht, mehr als ein Jahrtausend nach Awraham, der Prophet Ezechiel in dem 34. Kapitel seines Buches über das Volk Israel als Herde G-ttes. Aber auch die Nichtjuden bilden Seine Herden. Nicht zufällig spielt im Christentum, das sich bekanntlich aus einer der geistigen Strömungen des Judentums entwickelt hatte, die Vorstellung vom Pastor eine so wichtige Rolle. Nicht zufällig ist der Hirtenstab, der sich allmählich in den Bischofstab verwandelte, ein Symbol der geistigen Führung. Nicht zufällig betonen alte und moderne Rabbiner (z.B. der orthodoxe Rebell Shlomo Riskin aus Efrat in Israel) völlig zurecht das jüdisch-christliche Erbe als ethisch-geistige Basis der abendländischen Zivilisation.

Die Leser, die nur Friede-Freude-Eierkuchen vertragen können, sollen lieber an dieser Stelle aufhören zu lesen. Ein Schock folgt. In der Mitte des 13. Jahrhunderts, im Herzen des christlichen Abendlandes, in Wien schreibt Rabbi Jitzhak ben Mosche, der Schüler des erhabenen Rabbi Elasar ben Jehudah aus Worms, des Schülers des sagenumwobenen Rabbi Jehuda ben Schmuel he-Chassid in seinem berühmten Buch Or Sarua („Gesätes Licht“): „In Magenza (Mainz) lebte ein gelehrter und frommer Rabbi Amnon, der sich eines Tages mit dem Bischof von Mainz unterhielt…“ Zwischen den Zeilen lesen wir: der Rabbi und der Bischof kennen und verstehen sich vermutlich gut, sind vielleicht sogar befreundet… „Der Bischof fordert den Rabbi plötzlich auf, sich taufen zu lassen. Der überrumpelte Rabbi bietet um Bedenkzeit, nach deren Ablauf er verhaftet und in einen Verlies gezerrt wird. Vorbei ist die Freundschaft. Mit brutaler Folter versucht der Bischof eine Zwangstaufe zu erreichen – ohne Erfolg. Der verstümmelte und dem Tode gewehte, aber immer noch unbeugsame Rabbi wird nach Hause getragen, um dort zu sterben. Die Tage der Ehrfurcht, die Hohen Feiertage nahen.

Keine Tricks, keine Ausreden helfen

Am Rosch haSchana, dem jüdischen Neujahr, will der Rabbi in die Synagoge getragen werden. Mitten im G-ttesdienst unterbricht er den Vorbeter und spricht plötzlich einen selbst gedichteten Pijut, d.h. ein poetisches Gebet und haucht seine Seele mit dem letzten Wort aus. Die einfachen, kurzen Sätze mit schlichten Worten kommen direkt aus dem Herzen und gravieren sich tief in die Herzen der Zuhörer ein. Es sind klare, ergreifende Sprachbilder: So wie ein Hirte zu Beginn des Landwirtschaftsjahres seine Herde prüft, werden wir Menschen am Neujahr von G-tt geprüft und gemustert. So wie ein Hirte jedes einzelne Schaf unter seinem Stab gehen lässt, müssen wir Menschen mindestens einmal im Jahr eine schwere Prüfung bestehen, vor der sogar die Engel erzittern. „Der Prüfling soll noch ein Jahr leben. Dann schauen wir weiter!“ – so kann die Entscheidung der Prüfungskommission lauten. Oder, G-tt behüte: „Leider durchgefallen. Das war der letzte Versuch.“ Obwohl von einer Herde die Rede ist, bleibt kein Raum mehr für Herdentrieb übrig. Jeder wird individuell geprüft, kein schwarzes Schaf kann sich hinter den anderen verstecken und behaupten: „Ich habe nur das getan, was auch alle tun!“ Nicht „alle“ werden geprüft, sondern du! Keine Tricks, keine Ausreden helfen. Der Prüfer ist allwissend, schaut direkt in das Herz. Am Neujahr entscheidet Er, wer im kommenden Jahr lebt und wer stirbt; wer in Ehre und Wohlstand, in Ruhe und Frieden lebt und wer, G-tt behüte! – rastlos, glücklos und ziellos durch das Leben herumirrt. Es wird über die dem Tode geweihten entschieden: Wer im hohen Alter im Kreise der Familie friedlich einschläft und wer – G-tt behüte! – aus der Blüte des Leben gewaltsam und frühzeitig hinausgerissen wird: durch Feuer oder Wasser, durch Schwert oder Raubtier, durch Seuche oder Naturkatastrophe.

Während die Rabbiner diese ernste und wunderschöne Dichtung als Quintessenz der Vorstellung vom g-ttlichen Gericht am Neujahrstag betrachten, zweifeln Professoren an dem historischen Kern der Legende über Rabbi Amnon: „Warum wird der angeblich berühmte Rabbi sonst in keiner anderen Quelle erwähnt? Was ist denn das für ein unpassender Name für einen Rabbiner (Amnon in Heiligen Schrift ist Vergewaltiger seiner Halbschwester)! Und warum ähnelt diese Erzählung so auffällig einer christlichen Legende über das Martyrium eines Heiligen namens Emmerich? Gab es Rabbi Amnon wirklich? Ein tiefsinniger Historiker, der in der Geschichte des Volkes Israel mehr als eine Ansammlung von Daten und Fakten sieht, beantwortet diese Frage gelassen: Vielleicht gab es den legendären Rabbi Amnon nicht. Aber es gab so viele wie ihn! Und was für eine Rolle spielt es, ob die Legende buchstäblich stimmt? Ob die herzzerreissende Dichtung kurz nach 1096 in Mainz oder in der Zeit der Geonim in Babylonien entstanden sei? Die einfachen, schlichten Worte über Leben und Tod sprechen doch zu jedem Menschen in jeder Epoche!

Das Buch des Lebens und das Buch des Todes

Nachdem unsere Vorfahren aus Hirten zu Buchhaltern, Rechtsanwälten und Bankiers wurden, änderten sich allmählich auch die Metaphern. Neben dem Sprachbild der Schafe unter dem Hirtenstab entstand die poetische Schilderung der Bücher, die über uns Menschen im Himmel geführt wurden: Das Buch des Lebens und das Buch des Todes. Mögen alle Menschen, die diese Zeilen lesen, in das Buch des guten Lebens eingetragen werden! Aber auch diejenigen, deren Namen, G-tt behüte, in das andere Buch hineingeschrieben wurden, haben noch einige Tage, um in die Berufung zu gehen, wie ein Jurist sagen würde, denn erst am Jom Kippur wird das himmlische Urteil rechtskräftig. Darüber denken wir gemeinsam nach im nächsten Artikel, zum Thema Versöhnungstag. Ein gesundes, süsses, erfolgreiches, mit Lebenskraft und Freude erfülltes Jahr wünschen wir Ihnen, liebe Freunde!

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