Foto Israa Ghrayeb / Facebook
Foto Israa Ghrayeb / Facebook
Lesezeit: 4 Minuten

Am vergangenen Donnerstag, den 29. August 2019, wurde eine junge Palästinensische Frau Opfer eines Ehrenmordes in Bethlehem. Die 21 jährige Visagistin, Israa Ghrayeb, wurde von ihrem Bruder, Ihab, einem kanadischen Staatsbürger brutal misshandelt und ermordet, alles im Namen des Patriarchat, der „Familienehre“ und der Traditionen, die menschenverachtend und hochgradig Frauenfeindlich sind.

Doch wie kam es eigentlich dazu? Israa postete ein Video auf ihrem Instagram Account, in dem sie, zusammen mit ihrem Partner, zu sehen war. Was in westlichen Gesellschaft gang und gäbe ist, ist in arabischen Gesellschaften ein Fauxpas, da Israa noch vor der bevorstehenden Verlobung ein Video gemeinsam mit ihrem Freund veröffentlichte.

Laut Medienberichten beauftragte die Familie ihren Bruder, sich der gefallenen Schwester anzunehmen und sie zu „züchtigen“. Während eines Fluchtversuches aus ihrem Elternhaus, stürzte sie aus dem Fenster im zweiten Stock und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sie Bilder von ihren Verletzungen postete und ihre Willenskraft und ihr Durchhaltevermögen beteuerte. Doch dies stellte nur eine weitere Provokation gegenüber ihrer Familie dar und so wurde sie ein weiteres Mal von ihrem Bruder und männlichen Verwandten im Krankenhaus misshandelt. Eine Aufnahme, die die Schreie aus ihrem Krankenzimmer wiedergeben, verbreitete sich wie eine Lauffeuer in den Sozialen Netzwerken. Sie erlag schlussendlich ihren Verletzungen in ihrem Elternhaus. Die Familie von Israa distanzierte sich von den Vorwürfen und erklärte, dass sie nicht für ihren Tod verantwortlich wären. Sie beteuerten, dass Israa an einem Herzversagen verstorben sei. Zusätzlich führten sie an, dass sie von Dämonen besessen war und sich deswegen einem Exorzismus unterzogen habe.

Festhalten an uralten „Traditionen“

Israas Schicksal, so unfassbar tragisch es auch ist, stellt leider keinen Einzelfall dar. Wirft man einen Blick auf die vergangenen Jahre, so wird schnell klar, dass die Palästinensische Gesellschaft insgesamt ein problematisches Festhalten an uralten Traditionen pflegt, die Ehrenmorden und Misshandlungen ein Fundament geben. Im Jahr 2010 wurden in Gaza 150 Frauen wegen „Hexerei“ festgenommen und 25 Frauen wurden im Jahr 2013 von ihren Verwandten getötet. Laut dem Arabic Academy Institute befürworteten 20 Prozent der Palästinensischen Studenten in Israel „Ehrenmorde“. Laut WAFA wurden 24 Frauen von ihren Ehemännern, oder männlichen Bekannten im Jahr 2018 ermordet. Diese Reihe an Aufzählungen könnte traurigerweise noch ewig so weitergehen, man fragt sich jedoch: Wie werden diese Morde in Israel und in den Palästinensischen Gebieten eigentlich geahndet? Der Jüdische Staat bestraft die Täter mit 15 Jahre +, oder lebenslänglichen Gefängnisstrafe. Das Problem hierbei ist jedoch, dass die Opfer von Häuslicher Gewalt oftmals nicht den Mut haben, die Wahrheit zu bekunden, oder ihre Peiniger zu melden, aus Angst vor den Folgen. Ein befreundeter palästinensischer Arzt erzählt all zu oft von Patienten, die aus Angst um ihr Leben und dass ihrer Kinder, sich stillschweigend behandeln lassen und wieder in die Wohnhäuser der Misshandlung zurückkehren.

Zumindest Israas Fall erregte Aufmerksamkeit und der Hashtag #WeAreIsraa verbreitete sich schnell in den Sozialen Netzwerken. Natürlich gab es aber auch jene, die die die Schuld eher bei der „Israelischen Besatzung“ suchten. Eine dieser Kandidaten war Linda Sarsour, die für ihre anti-israelische Haltung bekannt ist. Sie schrieb in ihrem Twitter Post unter anderem: „Es ist genug, dass Palästinensische Frauen unter dem Stiefel einer brutalen Besatzung leben müssen, so etwas können sie nicht gebrauchen.“ Dabei scheint sie zu vergessen, dass nicht die angebliche israelische „Besatzung“ Israa umbrachte, sondern ihre Familie, die in der Westbank lebt und deren archaischen und patriarchalen Traditionen und Ansichten der jungen Frau das Leben kosteten. Das die selbsternannte Frauenrechtsaktivistin, Linda Sarsour, den Tod einer jungen Frau derart für ihre anti-israelische Agenda missbraucht ist zwar nichts Neues, dennoch ist es an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten. Aber was will man auch erwarten, wenn selbst die Familie des Opfers wirre Theorien über den Tod Israas erfindet und sich die eigene Regierung, die Palästinensische Autonomiebehörde, über den schrecklichen Mord ausschweigt.

Porträt der ermordeten Palästinenserin Israa Ghrayeb. Illustration von @reemkelattar auf Instagram

Ein anderes Beispiel ist der Kommentar des Soziologen Iyad Barghouthi vom „Ramallah Center for Human Rights Studies“. In dem Gespräch mit der Deutschen Welle sprach er über die Frustration, die in vielen Arabischen Gesellschaften vorherrsche. „Die schwierigen Lebensumstände machten zwar nicht nur den Männern, sondern auch den Frauen zu schaffen. Doch die Frauen hätten unter dieser Situation gleich doppelt zu leiden.“so Barghouthi. Dieser Kommentar ist jedoch mehr als vage, haben palästinensische Israelis doch zum Beispiel die selben Rechte wie jeder andere Israelische Staatsbürger, sei es die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die Religionsfreiheit und vieles mehr. Was hierbei also die „schwierigen Lebensumstände“ sein sollen, die sich in Form von Gewalt gegen Frauen entladen, ist hierbei fraglich.

Ähnliche Fälle in westlichen Ländern

Das Gleiche gilt für arabisch-muslimische Gesellschaften in westlichen Ländern und trotzdem zeigt unter anderem eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, dass jeder fünfte Muslim Gewalt gegenüber Frauen für gut befindet. Einen besonders hohen Wert erzielten die Teilnehmer mit einem Migrationshintergrund aus Sri Lanka, Mazedonien und dem Kosovo. Bei den Teilnehmer mit einem Schweizer, deutschen, oder französischen Hintergrund, waren die Zahlen wesentlich niedriger, aber dennoch alarmierend. Ein Blick auf die befragten Religionsgruppen lohnt sich ebenfalls. An der Spitze liegen Muslime mit 19,4 Prozent, gefolgt von Katholiken mit 7,1 Prozent. Studienautor Dirk Baier beurteilte die Resultate wie folgt: „In muslimischen und teilweise katholischen Milieus sind Frauen weniger wert als Männer […] Das Verteidigen ihrer Ehre legitimiert sie, Gewalt einzusetzen.“

Als Fazit bleibt nur zu sagen, dass sich ein düsteres Bild in Sachen Gleichberechtigung und Emanzipation in der arabisch-muslimischen Gesellschaft abzeichnet. Diese Annahme hat nichts mit einem etwaigen Eurozentrismus zu tun, sondern zeigt viel mehr, dass nicht einmal die tatsächliche Umgebung gewisse kulturelle und patriarchische Strukturen zu brechen vermag. Eine Emanzipation in jeglicher Hinsicht ist hierbei mehr als nötig, doch ist sie auch möglich, wenn Frauen sich davor fürchten müssen, Misshandlungen zu melden, aus Angst, dass etwas noch Schlimmeres passieren könnte?

Die schreckliche Tragödie um Israa Ghrayeb und die darauffolgenden Proteste könnten die arabische Gesellschaft wachrütteln, doch viel eher scheint es so, als wäre sie nur ein weiterer Tropfen auf dem kulturellen heissen Stein, welcher Ehrenmorde legitimiert.

Über Tina Adcock

Tina Adcock ist Religionswissenschaftlerin und schreibt gerade in der Tel Aviv University an ihrer Masterarbeit für „Middle Eastern Studies“.

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2 KOMMENTARE

  1. Tja, und Merkel winkt Millionen von Menschen, mit der gleichen Einstellung, nach Deutschland durch!
    Helmut Schmit: “ die Kulturen passen nicht zusammen..“.

  2. Diese vorsintflutliche Traditionen sind so aber soooooo was von schrecklich, dass ich das gar nicht sagen kann. Dabei können Traditionen auch schön sei. Aber nicht solche. So ein schönes sympathisches Mädchen! Man sollte die Familie lebenslang – im Wortsinn! – einsperren. Nicht einmal das wäre eine adäquate Strafe.
    lg
    caruso

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