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Screenshot "Gestatten ich bin ein Siedler" - Trailer
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Gestatten, ich bin ein Siedler! Wie leben die Menschen in der Westbank?“ – Die Filmemacherin Ilona Rothin (u.a. „Holocaust light gibt es nicht!“, 2012) hat einen neuen Film gedreht über jene Israelis, die jenseits der Waffenstillstandslinie von 1949 in der alten jüdischen Kernregion Judäa und Samaria leben. In ihm kommen – und das ist aussergewöhnlich in der deutschen Medienlandschaft – die Betroffenen zu Wort, Juden und Araber. Verbreiteten Klischees setzt Rothin die Wirklichkeit entgegen. Am 14. September feiert er im Berliner Kino Babylon Premiere.

 

Permanent werden Israel und israelische Juden wegen „Siedlungsbaus“ angefeindet. Das Schlagwort von den „illegalen Siedlungen“ befeuert weltweit den Antisemitismus. Juden werden stigmatisiert und als „Friedenshindernis“ dämonisiert. Wohnungen für Familien zu bauen, scheint in den Augen westlicher Journalisten und Politiker schlimmer zu sein als die Morde, zu denen die Palästinensische Autonomiebehörde aufruft. Eines fällt dabei immer wieder auf: Die „Siedler“, um die so viel Wirbel gemacht wird, bleiben im Dunkeln, ohne Gesicht, ohne Stimme, ein Phantom. Die Filmemacherin Ilona Rothin rückt sie nun ins Licht. In ihrem Film Gestatten, ich bin ein Siedler! Wie leben die Menschen in der Westbank? spricht sie mit Juden, Arabern und deutschen Experten; mit Arbeitern, Managern und Hebammen; mit jungen Familien, einer israelischen Soldatin und mit arabischen Handwerkern, die für jüdische Kunden arbeiten. Die gute Botschaft des – absolut sehenswerten – Films: Die Zeit arbeitet gegen die Anti-Israel-Fanatiker. Arabisch-jüdische Freundschaften sind längst Normalität und werden über die hasserfüllte „Anti-Normalisierungs-Kampagne“ von Fatah und Hamas siegen. „Wir machen hier eigentlich schon den Frieden“, sagt Shaban Amer, der palästinensische Vorarbeiter in einer Süsswarenfabrik, in dem Film. Westliche Journalisten aber wollen von Frieden nichts hören und nichts sehen. Sie sitzen in ihren Büros und Hotelbars in Tel Aviv und malen sich ihr eigenes Bild von den „jüdischen Siedlern“. Zur Premiere des Films am 14. September (Eintritt frei!) sind auch die israelische Botschaft und jüdische Organisationen aus Berlin eingeladen. Stefan Frank sprach für Audiatur-Online mit der Autorin Ilona Rothin.

Wie entstand die Idee für den Film?

Seit zehn Jahren fahre ich bei Dreharbeiten in Israel um die Westbank herum, mitten durch oder hautnah an ihr vorbei. Stets ist mir aufgefallen, dass dort nahezu alles anders ist, als es bei uns in den Medien dargestellt wird. Nach dieser Lesart sind die Siedler immer die Bösen und die Palästinenser die armen Opfer. Aber ausgerechnet diese Palästinenser bauen die jüdischen Siedlungen, verdienen eine Menge Geld bei den Siedlern und feiern mit ihnen zusammen Feste. Spätestens da dachte ich: Moment, hier stimmt was nicht! Wie das, Juden und Palästinenser machen zusammen Betriebsausflüge? Feiern Hochzeiten und Kinderfeste zusammen? Da habe ich entschieden, einen Film über das biblische Judäa und Samaria bzw. die Westbank zu machen. Ohne Schaum vorm Mund, ohne den ganzen politischen Rucksack – einfach nur mit dem Wunsch, die Realität einzufangen und mit den Leuten zu reden. Viele Christen, aber vor allem die „Sächsischen Israelfreunde e.V.“ halfen, dass der Film mit Spenden finanziert werden konnte.

Wie kamen die Kontakte zu den Interviewpartnern zustande?

Nun, der Anfang war zäh. Siedlerfamilien, die ich im letzten Jahr per E-Mail kontaktierte, antworteten gar nicht erst. Firmen, bei denen ich drehen wollte, waren telefonisch nie erreichbar. Die ewig einseitige und negative Berichterstattung über die Siedler in der Westbank durch die deutschen Medien kriegt man auch in Israel mit. Dann kamen mir die Sächsischen Israelfreunde zu Hilfe. Eine Organisation von deutschen Christen, die in Israel sehr engagiert ist und dort einen guten Ruf hat. Mit Hilfe ihrer Kontakte öffneten sich Türen. Ich konnte das Vertrauen von Menschen gewinnen, die in der Westbank leben und den Dreh planen.

An den Landstrassen in Judäa und Samaria werden immer wieder Anschläge mit Steinen, Molotowcocktails oder sogar mit Schusswaffen verübt. Haben Sie die Autofahrten als gefährlich empfunden?

Ja. Jede Strassenkreuzung ist bewacht. Da stehen aber nicht ein paar nette Polizisten rum, sondern schwerbewaffnete Soldaten. Weil palästinensische Terroristen, angespitzt von der Hamas, jeden Tag versuchen, Terroranschläge in der Westbank zu verüben. Und wenn man dann bei Rot an einer Ampelkreuzung steht und direkt in den Gewehrlauf eines israelischen Soldaten schaut, bekommt man schon ein mulmiges Gefühl. Aber die IDF, die Israelische Verteidigungsarmee, beschützt alle, die in der Westbank leben. Ein Bataillonkommandeur der IDF erklärt im Film: „Unsere Mission hier in Judäa und Samaria ist es, die Menschen zu schützen, Israelis und Palästinenser!“ Die Autofahrten waren das Schlimmste. Jeden Tag fliegen Steine in Windschutzscheiben. Palästinensische Steinewerfer haben es auf Busse, Autos mit israelischen Kennzeichen abgesehen. Oder irgendwo gehen Granaten hoch. Erst vor ein paar Tagen ist Rina Shnerb, ein 17jähriges Mädchen, an einer Quelle in der Nähe der Siedlung Donev, durch eine Granate getötet worden. In diesem Jahr wurden schon zehn Israelis in der Westbank getötet.

War es schwierig, arabische Interviewpartner zu finden?

Unterschiedlich. In Betrieben wie der Süsswarenfabrik ACHVA in Ariel kamen wir locker mit Palästinensern ins Gespräch. Ihr Vorarbeiter, Ahmer Shaban, sagte uns, dass sie seit Jahren mit den Israelis friedlich zusammen arbeiten, ohne dass es je Streit gegeben hätte. Sie feiern zusammen Hochzeiten, machen Kinderfeste und Bootsausflüge. „Wir machen hier schon den Frieden, auch ohne Politiker.“ So der Palästinenser. Aber so einfach war es nicht immer. In Karnei Shomron im Norden der Westbank, in einer Baufirma, sagten uns palästinensische Arbeiter, dass sie sich wegen unseres Interviews Sorgen machten, weil sie Angst vor ihren eigenen Leuten hätten. Die Hamas, so hörten wir, versucht die Palästinenser, die gut mit Siedlern zusammenarbeiten, unter Druck zu setzen und dazu anzustiften, Israelis zu töten. Würde die Hamas aufhören, Terror zu verbreiten, sähe vieles in der Westbank anders aus. Und wenn die PLO-Führer endlich Israel anerkennen würden, könnte es hier Frieden geben. Aber, wie der Kölner Publizist und Autor Alex Feuerherdt im Film sagt: „Die PLO-Führung will keine Zwei-Staaten-Lösung. Oder irgendeine andere Lösung. Sie wollen eine Kein-Staat-Israel-Lösung. Das ist das Problem und nicht irgendwelche Siedlungen.“

Gab es bei den Dreharbeiten Schwierigkeiten?

Jede Menge. Wir hatten natürlich zuerst kein Geld. Dann tauchten Zweifel auf wie: „Ihr bekommt dort nie eine Drehgenehmigung. Das schafft Ihr nie! Die Westbank ist eine mediale No-go-Area in Deutschland!“ – Gerade das hat mich gereizt. Journalisten sind umso neugieriger, je mehr etwas verheimlicht, vertuscht, ins Gegenteil verkehrt wird. Deshalb sprechen wir in unserem Film auch von den „ewig guten Palästinensern und den immer bösen Siedlern“. Das ist so lächerlich falsch, dass es jeder sieht, der mit offenen Augen durch die Westbank fährt. Der Historiker Michael Wolffsohn, der sich ja schon sehr, sehr lange mit dem Nahen Osten beschäftigt, stellt im Film klar, dass diese alten Schablonen nicht der Wahrheit entsprechen. „Die Realitäten haben sich geändert“, sagt er. Er stellt im Film die provokante Frage, was sich die Gegner der Siedler eigentlich vorstellen: „Soll denn die Westbank judenrein werden?“

„Siedler“ klingt nach Wildem Westen. Empfinden die Israelis, die jenseits der Waffenstillstandslinie von 1949 leben, einen Unterschied zwischen sich und anderen Israelis?

Manche ja, andere nicht. In Israel sind die Siedlungen umstritten. Es gibt Pro und Contra, wie in jeder westlichen Demokratie. Und Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten. Meinungs- und Pressefreiheit sind so selbstverständlich wie bei uns. Und so ist es eben auch eine Tatsache, dass z.B. immer mehr junge Israelis in die Westbank ziehen, die kein besonders grosses Interesse an Religion, Politik und Geschichte haben. Wohnungen sind in der Westbank einfach billiger als in Grossstädten wie Tel Aviv oder Jerusalem. Auch das ist eine Realität: Es gibt nicht nur religiöse Siedler. Die Kommunen der Westbank geben nicht nur Wohnungssuchenden ein neues Zuhause, sondern auch Holocaustüberlebenden aus der ehemaligen Sowjetunion oder Juden aus Deutschland und Frankreich, die wegen des Antisemitismus ihre Heimatländer verlassen haben. Manche Israelis vergleichen die Siedlungen tatsächlich mit dem „Wilden Westen“. Eine Siedlerin erzählte mir, Leute hätten zu ihr gesagt, die Westbank sei „eine Region, wo die Leute in Zelten wohnen und Waffen tragen und wo gleich die Indianer um die Ecke kommen…“

Wie hat sich Ihr eigenes Bild von den Bewohnern und der politisch-gesellschaftlichen Lage geändert? Was war für Sie das Überraschendste?

Wie humorvoll und gelassen die Siedler sind. Das hat mich am meisten überrascht. Eine Siedlerin sagte zu mir, sie wüsste, wie man den Konflikt um die Westbank lösen könne. Sie schlägt vor: Einfach die Politiker rauswerfen. Und danach die Journalisten. „Wenn die Leute in der Westbank direkt miteinander sprechen könnten“, so ihr Vorschlag, „wird sich zu 99 Prozent etwas verändern.“

Dreharbeiten bei einer Siedlerfamilie. Foto zVg
Dreharbeiten bei einer Siedlerfamilie. Foto zVg

Viele Leser, die nicht zur Premiere nach Berlin kommen können, werden den Film sehen wollen – oder sogar in ihrer Stadt öffentlich aufführen. Was können sie tun?

Unseren Film „Gestatten, ich bin ein Siedler! Wie leben die Menschen in der Westbank?“ kann man online auf www.zum-leben.de bestellen. Oder: Uns gibt es auch im Doppelpack. Den Film und die Autorin zusammen, direkt vor Ort. Das mache ich gern. Ich komme und zeige den Film auf Veranstaltungen mit anschliessender Diskussion. Denn wer zeigt nicht gern, wie das Leben wirklich ist.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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1 KOMMENTAR

  1. Super!

    Endlich wird mal (auch in deutscher Sprache) über uns „Siedler“ und über unsere Wohngemeinden berichtet!

    Meines Erachtens gehört diese Reportage ins TV (ARD oder ZDF zu prominenter Sendezeit) aber auch in die Schulen!

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