Fahnen der Muslimbrüder. Foto Screenshot Youtube
Fahnen der Muslimbrüder. Foto Screenshot Youtube
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Zwei französische Journalisten enthüllten vor Kurzem, dass Qatar Charity, eine regierungsnahe Organisation jenes Golf-Emirats, bis 2014 mehr als 70 Millionen Euro in seine Missionierungstätigkeit in Europa und vier Millionen Euro alleine in das Schweizer Netzwerk der Muslimbruderschaft investiert hat, fast ebenso viel wie in Deutschland – eine überraschende Tatsache angesichts der weitaus grösseren globalen Präsenz Deutschlands. Abgesehen von der Unterstützung von der örtlichen Muslimbruderschaft zugehörigen Projekten eines Museums und einer Moschee, versorgte Katar auch den schweizerisch-französischen Islamaktivisten Tariq Ramadan mit einem festen Einkommen, indem man ihm nicht weniger als 35.000 US-Dollar monatlich für seine „Beratertätigkeit“ für Qatar Charity zahlte. 1.

 

von Dr. Daniel Rickenbacher

Das Interesse Katars an der Schweiz erklärt sich durch die lange Geschichte der Aktivitäten der Muslimbruderschaft vor Ort: Seit den späten 1950er Jahren war die Schweiz ein zentraler Anlaufpunkt für die Netzwerke der Muslimbruderschaft in Europa, in erster Linie aufgrund der Anwesenheit der Familie Ramadan.

Tariqs Vater, der Ägypter Said Ramadan, trat als Teenager der Muslimbruderschaft bei. 1945 wurde er Privatsekretär von Hassan al-Banna, seinem späteren Schwiegervater und Gründer der Bewegung. In den Jahren vor der Gründung Israels war Ramadan massgeblich an der Organisation der Zweigstellen der Bruderschaft in Palästina und Jordanien beteiligt. Der zweimal aus Ägypten ausgewiesene Ramadan – erstmals von König Faruq und später von Gamal Abdel Nasser, nachdem dieser sich mit der Bruderschaft überworfen hatte – durchstreifte mehrere Jahre lang die arabische Welt und Pakistan, bevor er sich 1958 mit seiner Familie in Genf niederliess. Während seines Exils und in den folgenden Jahren genoss er die Unterstützung von Ländern, die Nassers Ambitionen der regionalen Vorherrschaft und seinen arabischen Sozialismus ablehnten, insbesondere Saudi-Arabien und Jordanien.

Mithilfe seiner Verbündeten eröffnete Ramadan in einer Villa, die Ali bin Abdullah Al Thani, ehemaliger Emir von Katar, 1959 erworben hatte, ein islamisches Zentrum. Anfänglich wurde die Gründung des Islamischen Zentrums von den Schweizer Behörden begrüsst. Sie betrachteten Ramadan als pro-westlich eingestellt, da sie von seiner Oppositionshaltung gegenüber Nasser und dem Kommunismus wussten. In Genf war Said Ramadan Herausgeber des Magazins Al-Muslimun, des damals wichtigsten intellektuellen Presseorgans der Muslimbruderschaft. 1962 wurde er ausserdem zum „Roving Ambassador“ (reisenden Gesandten) der gerade erst von Saudi-Arabien gegründeten Islamischen Weltliga ernannt. Das Ziel seiner journalistischen und religiös-politischen Arbeit war es, die wachsende muslimische Diaspora in Europa vor dem Einfluss der westlichen Kultur zu schützen und ihre islamische Identität zu stärken. Das Netzwerk der Muslimbruderschaft im Westen sollte dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen – und Ramadan betrachtete Genf als Basis für ihre weitere Ausbreitung.2

Allerdings hatte Ramadan zahlreiche Feinde. Ägypten sabotierte Ramadan bei jeder Gelegenheit und setzte Katar unter Druck, damit es seine Unterstützung abziehen sollte. In der Folge musste Ramadan ein neues Zuhause für sein Islamisches Zentrum finden. Das ägyptische Regime verfügte in der Schweiz über einen ausgefeilten Propaganda- und Spionageapparat für seine Aktionen gegen die Muslimbruderschaft, der nicht nur dazu da war, um die ägyptischen Emigranten zu kontrollieren, sondern auch, um Informationen über die jüdische Gemeinde in der Schweiz zu sammeln und Kampagnen gegen Israel und Frankreich zu organisieren.3

„Jüdische Kreuzritter-Koalition gegen den Islam“

Die Konkurrenz zwischen Ägypten und der Muslimbruderschaft um die Einflussnahme auf die arabischen Studenten in Europa war besonders heftig. Ramadan hatte sie zur primären Zielgruppe für die Propaganda der Muslimbruderschaft gemacht. Die kleine Gruppe der an Schweizer Universitäten studierenden Ägypter stand der Diktatur Nassers eher kritisch gegenüber. Daher schickte das ägyptische Regime einen Sonderagenten in die Schweiz, um arabische Studenten zu bespitzeln und sie dazu zu drängen, eine neue arabische Studentenorganisation zu gründen, die frei vom Einfluss Ramadans wäre. Die Nasser gegenüber loyal gesinnten Studenten wurden mit einer Fortführung ihrer Stipendien belohnt, selbst, wenn sie keine Studienfortschritte erzielten.4 Der Kampf zwischen Ramadan und seinen arabischen Kontrahenten gipfelte 1962 in einem gescheiterten Attentatsversuch auf Ramadan.5

In der Zwischenzeit wurde der Schweiz zunehmend bewusst, dass Ramadan ein doppeltes Spiel trieb: In englischer Sprache präsentierte er sich den Schweizer Autoritäten als antikommunistischer Freund, während er in den Veröffentlichungen in arabischer Sprache gegen die westliche Zivilisation – einschliesslich der Schweiz – schimpfte und Antisemitismus propagierte. In einem internen Schweizer Bericht hiess es, die Schriften der Muslimbruderschaft hätten eine „Haltung gegenüber westlichen Gepflogenheiten und Vorstellungen, [die] im Allgemeinen intolerant [ist] […] Insbesondere verübelt sie es dem Westen, dass er die islamische Welt […] mit (angeblichem) Materialismus und Relativismus infiziert habe. Anhaltende Warnungen gibt man vor allen Dingen gegen die rationalistische Universitätslehre heraus, soweit sich diese auf den Islam, Religion und Geschichte bezieht“.6 Ein weiterer Bericht kam zu dem Schluss, dass die Muslimbruderschaft eindeutig besessen sei von der Idee einer angeblichen „jüdischen Kreuzritter-Koalition“ gegen den Islam, in deren Zentrum Israel stehe, ein Staat, der beschrieben wird als „eine Inkarnation dessen, wie man sich die Hölle vorstellt, eine Mixtur, die entstanden ist aus dem Zusammentreffen von gierigem Zionismus, der aus dem verfälschten Talmud und der verfälschten Tora stammt, wie in den Protokollen der Weisen von Zion dargelegt, und dem Geist der Kreuzritter, beseelt von Neid und somit von Gründen, über den Islam erzürnt zu sein. […] Unserer Ansicht nach kann dieses missgebildete Findelkind nur mit der Waffe des religiösen Dogmas und des Glaubens vernichtet werden. Und welches Glaubenssystem ist stärker und besser in der Lage, das Judentum und den Kreuzzug zu vernichten, als der Islam?7 Dennoch hatte die Erkenntnis, dass Said Ramadan ein antiwestlicher Aktivist war, keinen Einfluss auf die Politikgestaltung der Schweiz.

1965 gab Nassers Regime bekannt, dass die Muslimbruderschaft einen missglückten Staatsstreich gegen Nasser verübt habe und warf Said Ramadan vor, der Drahtzieher dahinter gewesen zu sein. Beschämt entzogen die Jordanier Ramadan ihre Unterstützung und er verlor seinen Posten als Ständiger Delegierter Jordaniens bei den Vereinten Nationen in Genf, den er seit 1961 innegehabt hatte und der ihm neben diplomatischer Immunität auch eine Aufenthaltserlaubnis verschafft hatte.8 Die USA und Grossbritannien, welche die Muslimbruderschaft im endgültigen Niedergang gewähnt hatten, waren von diesen Ereignissen überrascht – angesichts dessen sind Zweifel gegenüber ägyptischen Anschuldigungen angebracht, denen zufolge diese westlichen Regierungen insgeheim mit der Muslimbruderschaft zusammenarbeiteten. 9 Im gleichen Zuge wurde die Schweizer Tatenlosigkeit hinsichtlich eines Entzugs der Aufenthaltserlaubnis Ramadans von Ägypten als Beweis für US-amerikanischen und britischen Einfluss auf die eidgenössische Politik gewertet. Allerdings ist in den internen Gesprächen der Schweizer Autoritäten bezüglich des zukünftigen Aufenthaltsstatus Ramadans in der Schweiz kein derartiger Einfluss zu erkennen. Vielmehr stand man Ramadan wegen seiner Opposition gegen Nasser und den Sozialismus mit Sympathie gegenüber – die Verstaatlichung Ägyptens hatte in grossem Masse Schweizer Investitionen in Ägypten zum Ziel gehabt und die jahrelange Spionage und Propaganda Ägyptens in der Schweiz hatten die Schweizer Behörden gegen das Land aufgebracht. Aus diesem Grund waren sie bereit, die Augen vor den Aktivitäten Ramadans zu verschliessen.10

Neu gewonnene Ruhe in Genf 

Die geopolitischen Entwicklungen schienen diese Politik zu rechtfertigen. Als Nassers Armee nach dem Sechs-Tage-Krieg geschlagen war, kam die Schweiz zu dem Schluss, dass der Islamismus das Modell der Zukunft sei, und dass „die Freunde von Said Ramadan in den kommenden Monaten [möglicherweise] in dem ein oder anderen, zwar nach wie vor als progressiv oder sozialistisch geltenden, jedoch von den jüngsten Ereignissen tief erschütterten Staat die Macht übernehmen könnten“.11 Dies hatte zur Folge, dass man sich nicht mit den zukünftigen Machthabern anlegen wollte und daher Said Ramadan und seiner Familie gegenüber eine positivere Haltung einnahm. Diese Einschätzung, und nicht die angeblichen Verbindungen Said Ramadans zu westlichen Geheimdiensten (von Nasser verbreitete Gerüchte), war der Grund dafür, dass Ramadan auch weiterhin in der Schweiz bleiben durfte. Aus seiner Position der neu gewonnenen Ruhe in Genf heraus und mithilfe seines Talents zur Selbstvermarktung war Said Ramadan in der Lage, das Netzwerk der Muslimbruderschaft kontinuierlich auszubauen. So erklärte er beispielsweise in einem Interview aus dem Jahr 1975, das Islamische Zentrum betreue vierzig Moscheen in Westeuropa und gab an, er sei der Führer der damals sieben Millionen auf dem Kontinent lebenden Muslime.12 Abgesehen von solch vollmundigen Aussagen waren Said Ramadans Ambitionen jedoch durchaus ernsthaft, wie die zukünftige Entwicklung der Muslimbruderschaft in Europa zeigen sollte.

Dr. Daniel Rickenbacher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Concordia Institute for Canadian Jewish Studies in Montreal und Assistenzdirektor am Canadian Institute for Jewish Research. Er forscht zu den Themen Terrorismus, Islamismus und Antisemitismus. Auf Englisch zuerst erschienen bei European Eye on Radicalization. Übersetzung Audiatur-Online.

  1. Sylvain Besson, „L’argent du Qatar inonde l’islam suisse – et paie Tariq Ramadan,“ 24Heures, 4. März, 2019, sec. Suisse, https://www.24heures.ch/suisse/argent-qatar-inonde-lislam-suisse-paie-salaire-tariq-ramadan/story/19768990; Christian Chesnot and Georges Malbrunot, Qatar papers: Comment l’émirat finance l’islam de France et d’Europe (Michel Lafon, 2019).
  2. Siehe meinen kommenden Artikel D, „The Beginnings of Political Islam in Switzerland: Said Ramadan‘s Moslem Brotherhood Mosque in Geneva and the Swiss Authorities,“ Journal of the Middle East and Africa, 2019.
  3. Daniel Rickenbacher, „Arab States, Arab Interest Groups and Anti-Zionist Movements in Western Europe and the US“ (electronische Dissertation, Universität Zürich, 2018).
  4. Ministère Public Fédéral Service de Police, „Rapport sur Abdel-Wahab Hamdy“ 11. Januar, 1963, CHBAR E4320C#1994/120#700*.
  5. Rickenbacher, „The Beginnings of Political Islam in Switzerland: Said Ramadan‘s Moslem Brotherhood Mosque in Geneva and the Swiss Authorities“.
  6. Robert Rahn, „Bericht zu Al-Muslimun“ Oktober 1962, CHBAR E2003A#1974/52#37*.
  7. Sylvain Besson, La Conquête de l’Occident. Le projet secret des islamistes (Paris: Le Seuil, 2005), 57–58.
  8. Rickenbacher, „The Beginnings of Political Islam in Switzerland: Said Ramadan‘s Moslem Brotherhood Mosque in Geneva and the Swiss Authorities“.
  9. Martin Frampton, The Muslim Brotherhood and the West: A History of Enmity and Engagement (Cambridge, Massachusetts: Belknap Press: An Imprint of Harvard University Press, 2018); siehe auch Daniel Rickenbacher, „Maryn Frampton, The Muslim Brotherhood and the West“, European Eye on Radicalization, Februar 2019, https://eeradicalization.com/the-muslim-brotherhood-and-the-west-a-history-of-enmity-and-engagement/.
  10. Rickenbacher, „The Beginnings of Political Islam in Switzerland: Said Ramadan‘s Moslem Brotherhood Mosque in Geneva and the Swiss Authorities“.
  11. EPD, „Notice concernant Said Ramadan“ 5. Juli 1967, CHBAR E4320C#1994/120#700*.
  12. Antoine Exchaquet, „Le Centre Islamique de Genève responsable de 7 millions de musulmans en Europe“, Tribune de Genève, Mai 1975.
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