Auf dem Tempelberg am 11. August 2019. Foto TPS
Auf dem Tempelberg am 11. August 2019. Foto TPS
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Jerusalem ist seit jeher Schauplatz politischer Machtspiele und Zankapfel der drei grossen Weltreligionen — dem Christentum, Judentum und Islam. Die beiden letztgenannten haben jeweils ihre eigenen Ansichten ob der Heiligkeit der Jahrtausend alten Stadt, vor allem geht es ihnen hierbei jedoch um den Tempelberg.

 

Der Tempelberg und die darauf befindliche Al-Aqusa Mosche gilt im Islam als drittheiligster Ort für Muslime. Laut der islamischen Überlieferung reiste der Prophet Mohammad (620 n. Chr.) in einer nächtlichen Reise von Mekka nach Jerusalem, von wo aus er in den Himmel aufstieg und die vorangegangenen Propheten traf, wie z.B. Abraham, oder Jesus. Heute noch, mit viel Fantasie, soll der Fussabdruck seines Pferdes, Buraq, auf dem Platz erkennbar sein.

Für Juden hat der Tempelberg gleich mehrere wichtige Bedeutungen. Zum einen befand sich sowohl der erste, als auch der zweite Jüdische Tempel an genau jenem diesem Ort.

Zum anderen berichtet die Tora vom Berg Moriah, auf welchem der Stammvater Abraham, seinen Sohn Isaac zu opfern gewillt war. Gott sandte einen Engel, um ihn von seiner Tat abzuhalten und viele Juden vermuten, dass es sich bei dem Ort um den Tempelberg handelt. Eine weitere Überlieferung spricht davon, dass Gott höchst selbst den Berg als seinen irdischen Wohnsitz auserkor und dies der Grund dafür war, dass König Salomon seinen Tempel an genau jener Stelle errichtete. Der Tempel beherbergte eine Kammer, in welcher das „Allerheiligste“, die Bundeslade, welche die 10 Gebote enthält, aufbewahrt wurde. Nach der Zerstörung des ersten Tempels (586 v. Chr.) durch die Babylonier, baute man den zweiten Tempel an genau dem selben Standort wieder auf. Doch 70 n. Chr. wurde jener, nach einem jüdischen Aufstand gegen die Römer, wieder zerstört. Seit diese Zeit verstreute sich das Jüdische Volk in die Diaspora. Trotzdem beten Juden bis heute an den Überresten der westlichen Stützmauer des ehemaligen Tempels, der Kotel.

Im Jahr 691 n. Chr., nach der Eroberung Jerusalems durch die Muslime, erbauten die siegreichen Feldherren den Felsendom auf dem Areal des zerstörten Tempels, in Erinnerung an die Nachtreise Mohammads. Erwähnenswert ist ebenfalls, dass Jerusalem nicht ein einziges Mal im Qran Erwähnung findet. In der Tora wird die Stadt gleich 699 Mal erwähnt wird und Zion 154 Mal. Es bleibt also festzuhalten, dass der Tempelberg für den Islam der drittheiligste Ort ist, für Juden das Areal jedoch am allerheiligsten.

Neben den Erwähnungen in der Tora, wird jedes Jahr zu Tisha BʾAv der Zerstörung der beiden Tempel gedacht und zu jeder Hochzeit wird ein Glas vom Bräutigam mit dem Fuss zertreten, mit dem Ausspruch: „Sollte ich Dich vergessen, Oh Jerusalem, so versage meine rechte Hand. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich dein nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht meine höchste Freude sein lasse.“ Jedes Jahr zu Pessach, wird folgender Spruch aufgesagt: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Dieser Ausspruch verleiht dem uralten Wunsch der Diaspora Ausdruck, welche wieder in die Jüdische Heimstätte zurückzukehren möchte.

Nach diesem kurzen historischen und theologischen Abriss, ist mit dem Blick auf die heutige Situation hinzuzufügen, dass seitdem die Israelische Armee nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1976, das Westjordanland und Ostjerusalem erobern konnte, welches vormals von Jordanien als Folge des Unabhängigkeitskrieges im Jahr 1948 besetzt war, jede Religion frei an ihren jeweiligen Heiligtümern beten kann. Israel entschied, aus Rücksicht gegenüber der religiösen Gefühle der Palästinenser, die jordanisch-muslimische Stiftung, den Waqf, damit zu beauftragen, den Tempelberg zu verwalten. Gleichzeitig kümmert sich die israelische Polizei auf dem Gelände um die Sicherheit. Doch diese grosszügige Geste sollte nicht ohne Folgen bleiben. Um gewaltsame Ausschreitungen und Aufstände zu vermeiden, ist es Juden oftmals nicht gestattet den Tempelberg zu betreten, um dort zu beten. Des öfteren kann man Besuchergruppen beobachten, in denen man Personen mit geschlossenen Augen, Worte flüstern sieht, die Gebete sind. Doch auch dies geschieht eher im Verborgenen, da selbst diese kleine verborgene Geste bereits für Aufregung sorgte. Dieses Phänomen konnte man erst vor wenigen Tagen wieder live miterleben, als um 09.30 Uhr verkündet wurde, dass obwohl es der Tag von Tisha BʾAv war, keine Ausnahmeregelung getroffen werden würde, insbesondere da am selben Tag der islamische Feiertag Eid al-Adha stattfand und der Tempelberg somit den Juden verschlossen bleiben sollte. Trotz dieser Bekanntgebung, fanden kurz danach Ausschreitungen statt. Die Polizei revidierte die Entscheidung jedoch später und erlaubte Juden den Zugang zum Tempelberg, was zu einer noch grösseren Ausschreitungswelle führte.

Kein Niederknien vor Aufständen und Terroranschlägen

Zu sagen bleibt, dass der jüdische Anspruch auf Jerusalem historisch und theologisch gesehen der gewichtigere im Vergleich zum Islam ist. Dank Israel ist es heute allen Religionen gestattet an ihren Heiligtümern jederzeit zu beten — solange man im Jüdischen Staat nicht Jude ist und auf dem Tempelberg beten möchte. Es werden eindeutig grössere Eingeständnisse gegenüber der muslimischen Bevölkerung gemacht. Dies scheint einerseits logisch, da es hierbei neben der Einräumung der freien Glaubensausübung, auch um Sicherheitsbedenken geht. Doch gibt man andererseits damit nicht auch ein Stückweit das jüdische Recht auf freie Glaubensausübung auf und diskriminiert man damit nicht die eine Bevölkerungsschicht ein Stück weit, während man eine andere gleichzeitig belohnt, die immer wieder durch gewaltsame Ausschreitungen auf dem Tempelberg hervorsticht?


Laut Palestinian Media Watch, hat die Palästinensische Autonomiebehörde die Zusammenstösse auf dem Tempelberg am vergangenen Sonntag initiiert.

Jerusalem und seine Heiligtümer sollten jedem zugänglich gemacht werden und dies ist seit Jahrhunderten das erste Mal möglich, seit der östliche Teil durch die Israelische Armee wiedervereint wurde. Somit sollte weder vor Aufständen, noch vor Terroranschlägen das Knie gebeugt werden (ausser zum Gebet) und לשנה הבאה בירושלים (Nächstes Jahr in Jerusalem) sollte nicht nur die Stadt an sich, sondern auch das heiligste des Judentums umfassen, den Tempelberg.

Über Tina Adcock

Tina Adcock ist Religionswissenschaftlerin und schreibt gerade in der Tel Aviv University an ihrer Masterarbeit für „Middle Eastern Studies“.

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