Schweizer Illustrierte: Ein skandalöses Interview mit dem iranischen Botschafter

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Foto Screenshot schweizer-illustrierte.ch
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Das laut Eigendefinition „beliebteste und meistgelesene People-Magazin der Schweiz“ hat ein Interview mit dem iranischen Botschafter geführt und dabei auf kritische Fragen vollständig verzichtet. Der Emissär nutzte die Gelegenheit, um unwidersprochen Propaganda zu betreiben. Das ist ungeheuerlich, besonders gegenüber den Opfern des Regimes.

 

Wenn man als Schweizer Medium den Vertreter eines theokratisch-islamistischen Regimes, das tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat und dem einzigen jüdischen Staat auf der Welt immer wieder mit der Vernichtung droht, zum Interview trifft: Welche Fragen drängen sich dann auf? Wie und wo begegnet man diesem Mann, und in welcher Atmosphäre findet das Gespräch statt? Wie und als wen möchte man ihn porträtieren, den Lesern vorstellen? All das wird sich auch die Reporterin der Schweizer Illustrierten, Lynn Scheurer gefragt haben, bevor sie mit Mohammad Reza Haji Karim Jabbari sprach, dem iranischen Botschafter in der Schweiz. Das Interview ist in der Schweizer Illustrierten vom 5. Juli 2019 erschienen. Dort wurde es in der Rubrik «People» veröffentlicht, genauer gesagt: in der Reihe «Klartext». Schnell ist zu erkennen, dass Scheurer keine kritischen Fragen stellen wird, schon der szenische Einstieg in den Text lässt keine konfrontative Gesprächsführung  erwarten.

Das Treffen findet in der iranischen Botschaft statt, also auf Jabbaris Terrain. «Jeder Schritt wird vom Teppich gedämpft», schreibt die Reporterin, die Stimmung sei «bedächtig», obwohl es wegen der Verschärfung der amerikanischen Sanktionen doch eigentlich «Grund zur Aufregung» geben müsste. Doch Botschafter Jabbari, 56 Jahre alt und seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten im Dienste des Regimes tätig, lässt sich – dieser Eindruck wird jedenfalls vermittelt – nicht aus der Ruhe bringen, obwohl er «mittendrin steckt». Er empfängt seinen weiblichen Gast «mit einem reich gedeckten Tisch voller Pistazien und Kirschen». Es soll ja nicht der Eindruck mangelnder Gastfreundschaft entstehen.

Stichwortgeberei statt kritischer Fragen

Ob der Iran und die USA auf einen Krieg zusteuern, möchte Lynn Scheurer wissen, und Jabbari antwortet, weder sein Land noch Donald Trump wollten einen solchen Waffengang, dafür aber Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und US-Sicherheitsberater John Bolton. Als Journalistin sollte, ja, müsste man an dieser Stelle, statt die Mär vom friedliebenden Iran und der Aggressivität seiner Kontrahenten unwidersprochen stehen zu lassen, nachhaken und den Emissär auf die Destabilisierungspolitik des Iran im Nahen Osten sowie die Vernichtungsdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat ansprechen. Doch die Interviewerin entschliesst sich stattdessen, den Botschafter zu fragen, ob die Schweiz «die Situation entschärfen» könne. Woraufhin dieser deren «guten Dienste» lobt, gerade «im Verhältnis zwischen dem Iran und den USA». Offensichtlich unternimmt die Schweiz rein gar nichts, was den Regime missfällt.

Auch die bedrohliche Ankündigung des iranischen Präsidenten Hassan Rohani, wieder unbegrenzt Uran anzureichern, nimmt Scheurer nicht zum Anlass für eine kritische Frage, sondern sie ist lediglich der Aufhänger, um dem Vertreter des islamistischen Regimes erneut ein Lob zu entlocken: «Spielt unser Engagement» – gemeint ist das der Schweiz – «auch beim Atomabkommen eine Rolle?», will die Interviewerin erfahren, und Jabbari entgegnet wunschgemäss: «Ja, die gute Beziehung zur Schweiz verbessert auch unser Verhältnis zur EU und hilft, das Atomabkommen am Leben zu erhalten.» Ein Abkommen, das «nicht zur Beendigung der iranischen Nuklear- und Raketenrüstung geführt hat, sondern zu ihrer Institutionalisierung», wie der Politikwissenschaftler Stephan Grigat zu Recht schrieb. «Das Raketenprogramm, das ein entscheidender Bestandteil des Strebens nach der Technologie der Massenvernichtung ist, wurde in der Vereinbarung ausgeklammert. Die gesamte Infrastruktur des Atomprogramms ist intakt geblieben.»

Tweet von Jessica Pfister, Nachrichtenchefin Schweizer Illustrierte

Zwischendurch darf Mohammad Reza Haji Karim Jabbari ein wenig von Bern, dem Schweizer Käse und der Zugänglichkeit der Einheimischen schwärmen sowie über seine Kinder sprechen, das lässt den Repräsentanten der mörderischen iranischen Diktatur menschlich und sympathisch wirken. Danach ist wieder die Politik das Thema: Es geht um den Besuch einer iranischen Delegation in der Schweiz, um einen wegen der US-Sanktionen geplatzten Wirtschaftsdeal, um China und Russland und um Donald Trump. Routiniert nutzt der Botschafter die Stichwortgeberei von Lynn Scheurer für seine Agenda: Viele Firmen seien zu unterwürfig gegenüber den USA, Trump betreibe «ökonomischen Terrorismus» und wolle mit den Sanktionen die iranische Bevölkerung treffen, doch der Iran lasse sich trotz steigender Inflation und sinkender Ölimporte nicht in die Knie zwingen. Jabbari dockt an den auch in der Schweiz virulenten Antiamerikanismus an und präsentiert sein Land als rationalen Akteur, der allen Widrigkeiten trotzt.

Unwidersprochene Propaganda

Immer wieder rühmt er die Schweiz, mal für ihren «Einsatz für humanitäre Exporte in unser Land», mal für ihre Unabhängigkeit – der Iran und die Schweiz seien sich «da sehr ähnlich» und «sehr nahe», sagt er. Man respektiere auch die bilateralen schweizerischen Beziehungen – mit Ausnahme von jenen zu Israel, versteht sich. «Im Iran sind wir umzingelt von Nachbarländern mit eigenen Interessen und Waffenarsenalen», stellt Jabbari das Regime in freier Erfindung als prospektives Opfer einer feindlichen Umgebung dar. «Unsere geografische Lage zwingt uns zu Sicherheit und Stabilität», fährt er fort. «Auch wir Iraner sind besorgt um unsere Identität und unsere Unabhängigkeit. Wir zahlen einen hohen Preis dafür, sie zu erhalten.» Natürlich ist das reine Propaganda, die nach Widerspruch förmlich schreit, denn das Regime mit seinen brutalen Menschenrechtsverletzungen nach innen und seinen aggressiven Hegemonialbestrebungen nach aussen hat klar und eindeutig die Täterrolle inne.

Auch Lynn Scheurer kommt nicht umhin, wenigstens vorsichtig zu konstatieren, der Iran sei «seit Langem in einer isolierten Position», und die Frage folgen zu lassen: «Was tun Sie als Botschafter, um das zu ändern?» Doch sie gibt sich damit zufrieden, dass Jabbari antwortet, nicht der Iran sei  politisch isoliert, sondern die USA, weil diese «als Einzige aus dem Atomabkommen ausgestiegen» seien. Das zeige, «dass der Rest der Welt auf unserer Seite steht». Dieses Statement lässt Scheurer als letzte politische Aussage stehen, die beiden Abschlussfragen – «Haben Sie schon viel vom Land gesehen?» und «Gibt es etwas, das Sie in der Schweiz überrascht hat?» – sind inhaltlich belanglos und erinnern an Gespräche von Groupies mit ihren Stars aus Film, Musik oder Sport.

Jabbari, der Popstar

Man darf wohl davon ausgehen, dass Mohammad Reza Haji Karim Jabbari zufrieden mit diesem Gespräch ist, in dem er keinerlei heiklen Situation ausgesetzt war. In der Rubrik «People» präsentiert wie ein Popstar, besteht der «Klartext» des Botschafters darin, kein Sterbenswörtchen zu den Menschenrechtsverletzungen, den aussenpolitischen Ambitionen und den atomaren Plänen des Regimes zu verlieren, den Iran als von Feinden bedroht darzustellen und sich selbst als weltoffen und der schönen Schweiz zugewandt zu inszenieren. Das ist offenbar das Bild, das auch die Schweizer Illustrierte ihren Lesern vom Iran und von seinem Repräsentanten in der Schweiz vermitteln möchte. Der tatsächliche Charakter dieses brutalen Regimes wird so völlig verharmlost. Man muss von einem Boulevardmagazin zwar gewiss keinen investigativen Journalismus erwarten. Einen Vertreter des Iran ins beste Licht zu rücken und ihm unwidersprochen die Gelegenheit zu Schönfärberei und Propaganda zu geben, ist jedoch für ein Massenblatt skandalös – und gegenüber den Opfern dieses Regimes ungeheuerlich.

Alex Feuerherdt

Über Alex Feuerherdt

Alex Feuerherdt ist freier Autor und lebt in Köln. Er hält Vorträge zu den Themen Antisemitismus, Israel und Nahost und schreibt regelmässig für verschiedene Medien, unter anderem für die «Jüdische Allgemeine», «Mena-Watch», «Konkret» und die «Jungle World». Zudem ist er der Betreiber des Blogs «Lizas Welt».

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1 KOMMENTAR

  1. Ein skandalöses Interview mit dem iranischen Botschafter
    Für ganz Europa kann der erworbene Feudalismus von den letzten 70 Jahren zu einem tragischen Fallstrick werden, wenn sich die Leute gegenüber der lauernden Gefahren sorglos verhalten.
    Die Sorglosigkeit hat schon viele Nationen in Bedrängnis gebracht – und so weit sind wir Heute in der Schweiz und in ganz Europa!!

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