Foto Bundesarchiv, Bild 146-1972-025-10 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5482661
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Der gescheiterte Putschversuch des 20. Juli 1944 ist bis heute umstritten. Aber gleichgültig wie und warum er kritisiert wird, dient dieser Versuch des Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Hitler bei einer Beratung mit einer Bombe zu töten, zur Ehrenrettung der Deutschen. Das Datum steht für die Behauptung, dass doch nicht „alle“ Deutsche blindlings dem „Führer“ gefolgt seien und deshalb auch nicht für den schlimmsten Völkermord der Menschheitsgeschichte an Juden und Millionen Kriegsgefangenen, Zigeunern sowie anderen Menschen „verantwortlich“ gemacht werden könnten.

 

Kritiker des Attentats auf Hitler befassten sich immer wieder mit der Frage, welches eigentlich die wahren „Motive“ der Verschwörer waren. Dazu gibt es schon zahlreiche Publikationen.

Den Anstoss für diesen Artikel lieferte Sophie von Bechtolsheim, die in der Schweiz lebende Enkelin von Stauffenberg. Ihr Buch «Stauffenberg. Mein Grossvater war kein Attentäter» erschien am 28. Juni im Herder-Verlag.

Zudem hat sie der Neuen Zürcher Zeitung ein sehr emotionales Interview gewährt. Dort sagt sie:

„Beim Begriff Attentäter denken wir an Terroristen, die mit Gewalt Aufmerksamkeit erregen wollten, an den IS, die RAF, Anders Breivik. Der Umsturzversuch vom 20. Juli war das Gegenteil davon: der Versuch, Terror und Tyrannei zu beenden.“

Dann wehrt sie sich gegen die verbreitete Behauptung, dass ihr Grossvater Antisemit gewesen sei. Kurz nach Ausbruch des 2. Weltkriegs schrieb er an seine Frau Nina in einem Brief:

Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.“

Der Brief sei ein Beleg dafür, dass er 1939 die Rassenpolitik der Nationalsozialisten grundsätzlich bejahte. Es gebe keine Hinweise dafür, dass der radikale Antisemitismus der Nazis ein zentrales Motiv für Stauffenbergs Widerstand gegen Hitler war, meint der Historiker Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.

Die Enkelin, eine gelernte Historikerin, gesteht:

„Ich weiss noch, wie schockiert ich war, als ich diesen Brief zum ersten Mal gelesen habe. Die Sprache ist abscheulich.“

Die Neue Zürcher Zeitung fragte, was der Brief über den Grossvater aussage:

„Dass auch er wohl ein Kind seiner Zeit war. Schon vor der Machtergreifung der Nazis war die Stimmung im Land unglaublich aufgeheizt. Wenn wir heute lesen, wie sich politische Gegner damals betitelt haben, finden wir das grauenhaft. Diese Sprache haben wir uns Gott sei Dank abgewöhnt. … Hinter den Äusserungen meines Grossvaters hat sich jedenfalls kein Judenhass verborgen. Sie werden nirgendwo einen Beleg dafür finden, dass er die antisemitische Programmatik der Nazis befürwortet hätte. Wenn er von konkreten Übergriffen erfahren hat, dann hat ihn das zutiefst empört.“

An dieser Stelle muss ich, der Autor dieses Artikels, eine sehr persönliche Notiz einbringen.

Meine Eltern haben mich auf den Namen meines angeheirateten Onkels, dem Mann der Schwester meines Vaters Marianne, Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, getauft. Der war einer der Verschwörer, wurde vom Nazi-Richter Freisler verhört und zum Tode verurteilt. Er wurde in Plötzensee am 8. September 1944 hingerichtet, also wenige Wochen nach dem gescheiterten Attentat.

Mein Vater war Diplomat. Ab meinem 4. Lebensjahr, in London, wurde ich immer wieder wegen meiner deutschen Herkunft diskriminiert. Die Grundschule in London besuchte ich knapp 10 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Auch später, im internationalen Gymnasium in Paris erlebte ich, wie mir vor allem Franzosen den Arm ins Gesicht stiessen und „Heil Hitler“ riefen. Nach einem Studium in Bonn und Köln gelangte ich vor etwa 50 Jahren nach Israel. Dort erlebte ich kaum jemals Ablehnung oder Anfeindungen wegen meiner deutschen Herkunft: Im Gegenteil: Für mich waren Begegnungen mit Überlebenden und die intensive Beschäftigung mit dem Holocaust und seinen Folgen eine beständige Verpflichtung.

Für meinen Vater war die Beschäftigung mit dem 20. Juli ein lebenslanger „Auftrag“. Mein Vater wurde in der Potsdamer Wohnung Schwerins von der Polizei aufgegriffen und inhaftiert. Er sass kurze Zeit im Untersuchungsgefängnis in Potsdam. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Und so passierte es, dass ich vor einigen Jahren zu der jährlichen Gedenkfeier in Plötzensee eingeladen war. Dazu flog ich aus Jerusalem ein. Wegen der Anwesenheit vieler Verwandte und meines Vaters war die Zusammenkunft in Plötzensee fast eine Art „Familienfeier“. Und so hatte ich keine Bedenken, die Anwesenden zu fragen, was mich – aus Israel kommend – am meisten beschäftigte: Welche Rolle spielte der Holocaust für die Verschwörer?

Einige meiner Vettern meinten, dass das Schicksal der Juden und der Holocaust „keine“ Rolle gespielt habe. Mein Namensonkel Ulrich Wilhelm hatte beim Verhör durch Freisler im Volksgerichtshof von „den vielen Morden im In- wie Ausland“ gesprochen, bevor er von dem Nazi-Richter niedergeschrien wurde. Wer gemeint war, bleibt offen, ob Polen, Juden, Kommunisten oder andere.

Da einige Anwesende bei der Feier teilweise heftige antisemitische Meinungen äusserten, empfand ich mit Befremden, dass der Zeitgeist der Nazis wohl auch heute noch in gewissen Kreisen verbreitet war.

Eine Ausnahme war Detlef Graf Schwerin von Schwanenfeld, der jüngste Sohn meines hingerichteten Onkels. Er war knapp drei Monate vor dessen Tod geboren.

Detlef bestätigte dieser Tage, dass es in der Tat Unterschiede gegeben habe, zwischen der „kulturell geprägten“ alten Generation der Verschwörer und den jüngeren Teilnehmern. Sein Vater Ulrich Wilhelm habe jedenfalls gewusst, dass auf seinem Grundstück in Sartowitz nicht nur Polen, sondern auch polnische Juden erschossen worden seien. Deshalb habe er in einem Testament von 1942 verfügt, dort „sobald die Zeitumstände es erlauben“ ein Eichenkreuz zu errichten mit der Aufschrift: „Hier ruhen Christen und Juden, Gott sei ihrer Seele und ihren Mördern gnädig“ Die polnische Regierung hat heute die ehemalige Mordstätte in einen Ort des Gedenkens umgewandelt, dominiert durch ein hohes Kreuz.

Mein Vater erwähnte unter dem Eindruck meiner Erlebnisse nach jener „Familienfeier“ Ludwig Beck. Der hatte für das Deutschland nach dem Putsch gegen Hitler eine neue Verfassung geschrieben. Entsprechend des damaligen „Zeitgeistes“ habe er darin auch von einer „Lösung der Judenfrage“ geschrieben. Das ist eine Formulierung, die man heute, in der Verfassung der Bundesrepublik, keinesfalls mehr finden könne.

Zu dem sehr delikaten Themenbereich Holocaust und 20. Juli 1944 sind schon Bücher, Analysen und sogar Filme veröffentlicht worden, darunter von Irmgard von der Mühlen: „Das Schicksal der Angehörigen der Opfer des 20. Juli 1944“.

Infolge des Interviews in der NZZ habe ich der Stauffenberg-Enkelin Sophie von Bechtolsheim eine Email geschickt mit weiteren Fragen zu dem Thema. Inzwischen hat sie geantwortet. Sie schrieb:

„Der Bericht eines Regimentskameraden, Major Kuhn, in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, belegt, dass die Untaten der SS u.a. in den besetzten Ostgebieten, ausdrücklich auch die Behandlung der jüdischen Bevölkerung dort, ein Motiv für Stauffenberg gewesen seien, dass Hitler und sein Regime beseitigt werden müssten.“

Doch gegen Ende ihres Briefes stimmt sie zu, dass gewisse Zweifel wohl berechtigt seien.

„Die Tatsache, dass manche allgemein von Morden und Verbrechen in den Ostgebieten sprachen, schliesst meiner Meinung nach nicht aus, dass nicht auch die Morde an der jüdischen Bevölkerung gemeint waren. Ich wäre auch vorsichtig damit, eine unentschuldbare antisemitische Gesinnung eines Familienmitglieds auf andere zu übertragen. Aber ich verstehe Ihre Skepsis und Ihren Schmerz. Je mehr ich über diese Zeit erfahre, desto sprach- und ratloser macht mich das, was tatsächlich geschehen ist.“

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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