Archäologische Ausgrabungen am Mount Zion. Foto Regina Winters
Archäologische Ausgrabungen am Mount Zion. Foto Regina Winters
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Erste Beweise für die Belagerung Jerusalems durch die Kreuzritter vom 15. Juli 1099 wurden nahe der Altstadtmauer auf dem Zionsberg entdeckt.

 

Vor 920 Jahren durchbrachen Kreuzritter in Jerusalem die Stadtmauer und eroberten die von den Fatimiden kontrollierte Stadt. Jetzt hat das Mount Zion Projekt einen genau datierbaren Graben gefunden. Was viele Gelehrten bisher für einen Mythos hielten, kann jetzt nachgewiesen werden.

Die archäologischen Ausgrabungen am Zionsberg werden von der University of North Carolina in Zusammenarbeit mit dem Ashkelon Academic College durchgeführt.

Die Archäologen haben einen Graben aus dem 11. Jahrhundert entdeckt, der als erster Beweis für eine historisch dokumentierte Belagerung  Jerusalems durch den Kreuzritter Raymond von Saint-Gilles gilt. Am 15. Juli 1099, also heute vor genau 920 Jahren, durchbrach er die Stadtbefestigung.

Obwohl zwei zeitgenössische historische Texte aus dem 11. Jahrhundert auf den Graben verweisen, wurde er erst kürzlich bei den Ausgrabungen des Mount Zion Projekts entdeckt. Zuvor hatten einige Wissenschaftler sogar an dessen Existenz gezweifelt, sagte Prof. Shimon Gibson von der University of North Carolina. Sie hielten ihn für „eine Erfindung aus Chroniken des 12. Jahrhunderts.“

Die laufenden Ausgrabungen wurden 2008 begonnen, entlang des südlichen Teils der Altstadtmauer in der Nähe des Zion-Tores.

Gibson meinte amüsiert, dass der Graben entgegen der verbreiteten Vorstellungen mit Sicherheit nicht mit Wasser und patrouillierenden Alligatoren gefüllt gewesen sei. Vielmehr handelte es sich um einen etwas flachen Graben (nur 4 Meter tief), was für die einfallenden Kreuzritter „ein Ärgernis“ gewesen wäre, weil sie ihren Belagerungsturm nicht an die Stadtmauer stellen konnten, um in die Stadt einzudringen. Neben dem Graben wurden Schleudern, Pfeilspitzen und Anhänger-Kreuze sowie weitere Kriegsreste gefunden.

Ein unerwarteter Fund war ein einzigartiges, grosses Stück Fatimiden-Schmuck auf dem Boden eines verlassenen Gebäudes aus dem 11. Jahrhundert ausserhalb der Mauer. Hergestellt aus Gold, Perlen und Halbedelsteinen, ist die Verzierung wie ein Ohrring geformt. Aber mit etwa 8 cm Länge hätte der Schmuck „das Ohr der Person abgerissen“, sagte Gibson. Basierend auf den Grenzen des Fatimiden-Kalifats und anderen Schmuckbeispielen vermutete er, dass es ägyptischen Ursprungs sein könnte und möglicherweise dazu verwendet wurde, drei Stücke eines Kleidungsstücks zusammenzuhalten.

Ein Ohrring aus der Kreuzfahrerzeit, der bei archäologischen Ausgrabungen der University of North Carolina, Charlotte, in Zusammenarbeit mit dem Ashkelon Academic College im Jerusalem Walls Nationalpark entdeckt wurde. Foto Regina Winters

Für die Entdeckung eines so grossen und luxuriösen Fatimiden-Schmuckstücks auf dem Boden eines Gebäudes, verlangt es noch nach Erklärungen. „Wer hat es verloren? War es jemand, der sich vor den Kreuzrittern versteckt hat? War es Teil der Kriegsbeute eines Kreuzritter-Soldaten? Oder war es ein Teil des Goldes, das vom Kommandanten ausgegeben wurde, der diesen Graben füllen lassen wollte?“ fragte Gibson.

Laut zwei Chroniken der fünfwöchigen Kampagne bot Raymond von Saint-Gilles aus der Provence seinen Soldaten jeweils einen goldenen Dinar an, um den Graben im Schutze der Nacht zu füllen, damit ein Belagerungsturm neben der Mauer aufgestellt werden könnte. Beim Versuch, durchzubrechen, hätten die Kreuzritter unter Pfeilattacken gelitten – zahlreiche Pfeilspitzen wurden auf mehreren Ebenen und an mehreren Stellen am Standort entdeckt – sowie Kessel mit siedendem Olivenöl, sagte Gibson.

Trotz der Schwierigkeiten beendeten die Soldaten ihre Mission, den Graben zu füllen. Der Turm wurde errichtet, aber sofort von den Fatimiden niedergebrannt. Einen Tag später durchbrachen andere Kreuzrittertruppen an der Nordseite die Stadtmauern. Nach ihrem Sieg verbrachten die Kreuzritter eine weitere Woche damit, die Bewohner der Stadt abzuschlachten, so die Archäologen.

Ein Artikel von David Eisenstadt aus dem Jahr 1997 zeichnet die grausame Szene nach: „Die Kreuzritter ermordeten die jüdischen und muslimischen Bewohner Jerusalems auf wilde Weise. Die Ausmasse des Massakers waren so schrecklich, dass „Blutflüsse“ durch die Strassen flossen und sogar die Pferdehufe bedeckten. Wilhelm von Tyros beschrieb die siegreichen Kreuzritter als „von Kopf bis Fuss mit Blut triefend, ein unheilvoller Anblick, der allen, die ihnen begegneten, Schrecken einhauchte“. Die jüdische Gemeinde wurde in der zentralen Synagoge eingesperrt und lebendig verbrannt. Die wenigen tausend Überlebenden von den rund 40.000 Bewohnern Jerusalems wurden vor den Stadttoren als Sklaven verkauft. Als sie mit dem Morden fertig waren, versammelten sich die Kreuzritter in der Kirche des Heiligen Grabes, um zu danken.“

Der strategisch wichtige Graben wurde 2014 entdeckt. Aber es hat fünf Grabungssaisons gedauert, um ihn Schicht für Schicht freizulegen. Gibson sagte, bei Ausgrabungen Überreste von Seladon-Keramik aus dem 11. Jahrhundert gefunden zu haben, die aus dem Fernen Osten stammt und jadegrün glasiert ist. Er sagte, dass es von den Fatimiden, nach Jerusalem importiert worden wäre. Laut Lewis, einem Experten für Kreuzritterarchäologie und Schlachtfeldarchäologie, sei wahrscheinlich, dass die Fatimiden den Graben erst ausgehoben haben, nachdem sie gehört hatten, dass die Kreuzritter sich auf dem Weg nach Jerusalem befanden.

Eine römische Münze mit dem Kaiser Nero, die in Jerusalem gefunden wurde und vermutlich aus dem Jahr 56 n. Chr. stammt. Foto University of North Carolina

Während der fünfwöchigen Belagerung versuchten die Kreuzritter, drei Belagerungstürme zu errichten, zwei im Norden und einen im Süden, sagte Lewis. Gibson zufolge hätte das Durchbrechen der Mauer an dieser südlichen Stelle den Kreuzrittern den Zugang zu den Überresten des byzantinischen Cardo Maximus ermöglicht. „Es hätte den Kreuzrittern sofortigen Zugang zur Hauptarterie gegeben, die sich von Süden nach Norden zieht“, sagte er.

Ein früherer immer noch mysteriöser Fund ist eine Inschrift auf einem Steingefäss aus dem Jahr 70 n. Chr., von dem Gibson sagt, dass es in einer grossen Villa gefunden wurde und vielleicht von einer Priesterfamilie zum Händewaschen verwendet worden wäre. Er sagte, dass das Team den Fund bald veröffentlicht. Die kryptisch formulierte Inschrift, die an die Schriftrollen der Toten Meere erinnerte, sei immer noch nicht vollständig entschlüsselt. Ebenso wurde eine römische Münze mit dem Abbild des Kaisers Nero gefunden. Sie wurde vermutlich im Jahr 56 n. Chr. geprägt.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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