Spiegel-Gebäude der Gruppe DER SPIEGEL auf der Ericusspitze. Foto © Thomas Fries, Lizenz: cc-by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26962121
Spiegel-Gebäude der Gruppe DER SPIEGEL auf der Ericusspitze. Foto © Thomas Fries, Lizenz: cc-by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26962121
Lesezeit: 4 Minuten

Ein Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ insinuiert, Israel-Freunde seien verantwortlich für eine Resolution im Bundestag, die einer israelfeindlichen NGO namens BDS öffentliche Gelder streichen soll. Die Unterstellungen tragen antisemitische Züge.

 

Ein Kommentar von Michael Wolffsohn

Die Aufregung ist gross. „Der Spiegel“ hat dieser Tage einen antisemitischen Artikel veröffentlicht. Wieder einmal. Es ist nicht der erste. Schon „Spiegel“-Erfinder Rudolf Augstein sah sich dem Antisemitismusvorwurf mehrfach ausgesetzt. Der Vorwurf war berechtigt. Hinzu kam, dass, wie fast überall in Deutschland, West wie Ost, sich auch in der „Spiegel“-Redaktion der unmittelbaren Nachkriegszeit braune Herrschaften tummelten.

Der Mitte-links-Antisemitismus des Nachrichtenmagazins ist deshalb keineswegs überraschend und nicht nur bei diesem Magazin zu finden. Antisemitismus gehört seit jeher zum schlechten „guten Ton“ der Linken, Alt-Christen, des traditionellen und fundamentalistischen Islam sowie, natürlich, der Rechtsextremen. Anders als im öffentlichen Diskurs meistens behauptet (und von amtlich, kosmetischen Zahlen „belegt“), ist Antisemitismus kein Privileg der Höcke-AfD oder der Alt- und Neunazis.

Die Empörung ist unangebracht

Was hat „Der Spiegel“ geschrieben? Warum ist der Inhalt antisemitisch, und in welchen grösseren politischen Zusammenhang muss dieser Artikel eingeordnet werden?

Das ist des „Spiegels“ Kern: Eine Israel-Lobby wurde erkannt, benannt und verdammt. Die Empörung ist unangebracht. Jenseits der Parteien gehören Lobbygruppen zum selbstverständlichen Alltag einer parlamentarischen Demokratie. Sie bilden eine Brücke beziehungsweise zweiseitige Kommunikationslinie von Regierung und Parlament zu den diversen Teilen und Teilchen jeder offenen Gesellschaft.

Die Israel-Lobby ist winzig. Sie besteht aus wenigen, hoch engagierten und ehrenamtlich tätigen Privatpersonen. Meist sind es Selbstständige, zum Beispiel Zahnärzte. Sie sind nicht arm, durchaus wohlhabend, aber alles andere als superreich.

„Der Spiegel“ insinuiert: Für die Verabschiedung der Anti-BDS-Entschliessung des Bundestages vom 17. Mai dieses Jahres habe die Israel-Lobby Stimmen von Bundestagsabgeordneten regelrecht gekauft. Fakt ist, dass einige Privatpersonen der Israel-Lobby dem Wahlkreisbüro weniger Abgeordneter vornehmlich von CDU und SPD kleine Parteispenden überwiesen. Gesetzeskonform offen und öffentlich nachprüfbar. Das herauszufinden, braucht es keinen „Investigativjournalismus“.

Die Gedankenverbindung Juden – Geld gehört zu den billigsten antisemitischen Klischees. Ergänzt um den Faktor Macht ist man schnell beim Märchen der „jüdischen Weltmacht“.

Parteispenden sind legal und legitim, und diese galten nur einer Handvoll, nicht der Mehrheit, die die Anti-BDS-Resolution verabschiedete. Folglich unterstellt „Der Spiegel“ all diesen Bestechlichkeit.

Eine jüdische Einheitsfront gab es nie und gibt es nicht

BDS fordert bekanntlich Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel. Nicht nur das. BDS verlangt die Rückkehr aller 1947/8 geflohenen Palästinenser (700.000) und ihrer Nachfahren ins heutige Israel, also rund fünf Millionen. Das wäre als demografische Atombombe die Auslöschung des jüdischen Staates.

Wer diese Rückkehr will, müsste auch die Rückkehr der zwölf Millionen nach 1945 vertriebenen Deutschen und ihrer Nachfahren nach Polen, Tschechien usw. verlangen. Weil sie ganz Palästina wollten, begannen Palästinenser 1947 den Krieg gegen Israel. Sie verloren halb Palästina. Deutschland begann 1939 den Krieg und verlor. Ist Schlesien „unser“?

Wer letztlich die Auslöschung Israels will, gefährdet automatisch Leib und Leben aller Juden. Auch solcher Juden, die wegen der Regierungspolitik Israels sogar für BDS Verständnis aufbringen. Dass es solche Juden gibt, beweist nichts. Juden um den deutschjüdischen Rechtsanwalt Max Naumann („Naumann-Juden“) bezeichneten Adolf Hitler noch 1933 als eine „positive politische Kraft“. Es half ihnen nichts.

Angesichts der verbalen und zunehmend auch körperlichen Gewalt gegen Juden, in Deutschland ebenso wie in Frankreich, Grossbritannien oder Schweden, nahm zuletzt die Israel-Bindung deutscher Juden zu. Auch der jungen. Ist es erstaunlich, dass sie sich gegen BDS engagieren? „Für den Fall des Falles“ wollen sie Sicherheit haben. Deshalb haben seit 2000 rund einhunderttausend der damals fünfhunderttausend französischen Juden ihre Heimat in Richtung Israel verlassen.

Nicht der jüdische Staat, gar dessen legendärer Geheimdienst Mossad, führt die Regie der Israel-Lobby wie gerne geraunt wird. Das hängt mit der traditionellen innerjüdischen Rivalität zwischen Zionisten und Nicht- oder auch jüdischen Antizionisten sowie vor allem dem gesamtjüdischen Führungsanspruch Israels zusammen.

In seine Politik lässt sich Israel nicht von Juden ausserhalb Israels hineinreden oder „-pfuschen“. Diese Tatsache gehört zum kleinen Einmaleins der Basisfakten über Israel. Ein Leitmedium wie „Der Spiegel“ sollte das wissen. Eine jüdische Einheitsfront gab es nie und gibt es nicht. Wer dies auch nur andeutet, verbreitet wieder das Märchen der „jüdischen Weltmacht“.

„Der Spiegel“ als willfähriges Instrument

Jenseits des offenkundigen Antisemitismus fördert „Der Spiegel“ eine Kampagne gegen die praktische, sprich: finanzielle Umsetzung des Anti-BDS-Beschlusses unserer Volksvertretung. Diese soll BDS und seinen deutschen Partnern den Geldhahn zudrehen.

Das genau will eine Minderheit von Bundestagsabgeordneten aus Koalition und Opposition verhindern. Ihre Wortführer sind Norbert Röttgen (CDU), Jürgen Trittin (Grüne) und Niels Annen (SPD). Durch öffentlichen, vornehmlich medialen Druck soll der Haushaltsausschuss die Streichung dieser Gelder streichen.

Die Argumente von Röttgen, Trittin & Co. findet man teils wortwörtlich im „Spiegel“-Artikel.

Der Exodus der französischen Juden ist im Gange. Bald auch aus Deutschland?

Michael Wolffsohn ist Historiker und Buchautor. Auf Deutsch zuerst erschienen bei DIE WeLT.

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