Antisemitisches Graffiti an den Fenstern des Restaurant Bagelstein in Paris am 9. Februar 2019. Foto Screenshot YouTube
Antisemitisches Graffiti an den Fenstern des Restaurant Bagelstein in Paris am 9. Februar 2019. Foto Screenshot YouTube
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Ich versuche gerade, die Pariser Synagoge zu finden, vor der kürzlich eine 79-jährige jüdische Frau verletzt wurde, als ihr eine Pétanque-Stahlkugel auf den Kopf geworfen wurde. Es ist der jüngste – offensichtlich – antisemitische Anschlag im Land und seit er sich am 18. Juni ereignete, gab es herzlich wenig Berichterstattung darüber in den Medien. 

 

Von meinem Hotel erfahre ich den Ort des Anschlags und ich stelle fest, dass es sich dabei um eine Moschee handelt. Als ich frage, ob sich eine Synagoge in der Nähe befindet, sieht man mich nur mit hochgezogenen Augenbrauen an. Nachdem ich etwa weitere 15 Minuten umherspaziert bin, halte ich für eine kurze Verschnaufpause vor einem unscheinbaren Gebäude im 11. Arrondissement (Bezirk) der französischen Hauptstadt inne. Als ich mich gerade umdrehen will, sehe ich eine kleine Aufschrift auf der Tür, die verrät, dass es sich um ein jüdisches Kulturzentrum handelt. Die Tür öffnet sich und ein paar Rentner beenden gerade ein Kartenspiel.

„Sie wurde sehr schwer verletzt“, erzählt mir jemand, „aber wir haben nicht gesehen, wer die Kugel geworfen hat“. Abgesehen von diesen wenigen gemurmelten Worten in gebrochenem Englisch, will sonst niemand mit mir sprechen.

Das Personal in der Synagoge lehnt jedes Interview ab. „Solange die Untersuchung läuft“, sagt mir einer der Mitarbeiter, „können wir nicht sagen, ob es sich um Antisemitismus handelt oder nicht.“ Der Rabbi reagiert nicht auf meine Anrufe und die Familie der Frau möchte sich nicht mit mir treffen.

Das Krankenhaus, in das die Frau mit einem Schädeltrauma und Blutverlust eingeliefert wurde, gab an, ihr Zustand sei stabil, aber nicht mehr. Zwei Tage zuvor wurde eine Schale voller Wasser auf Gläubige fallen gelassen, die gerade im Begriff waren, eben jene Synagoge zu verlassen.

Als ich berichte, dass das National Bureau for Vigilance Against Anti-Semitism (BNVCA) mittlerweile eine Erklärung abgegeben hat, demzufolge der Vorfall nicht antisemitisch war, und wonach sich die Eltern eines Jugendlichen gemeldet haben und angaben, er habe die Kugel aus Versehen aus einer höher gelegenen Wohnung fallen lassen, begegnet man mir mit Schulterzucken und rollenden Augen.

Trauen sich Frankreichs Juden etwa nicht, etwas zu sagen? Oder noch schlimmer, hat auch die Regierung sich entschieden, Stillschweigen zu bewahren?

Am nächsten Tag schrieb Francis Kalifat, Präsident des Rates jüdischer Institutionen in Frankreich (CRIF), einen Brief an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, in welchem er ihn aufforderte, die von der International Holocaust Remembrance Alliance vorgeschlagene Definition des Antisemitismus offiziell zu übernehmen.

„Vor dem gegenwärtigen Hintergrund“, schrieb Kalifat, „wo der Antisemitismus und seine andere Art der Ausprägung – der Antizionismus – keine Grenzen mehr kennt, sind wir der Meinung, dass dieser Vorschlag so schnell wie möglich geprüft und verabschiedet werden muss“.

Bereits im Februar versprach Macron, die Definition, nach der Antisemitismus „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden [ist], die sich als Hass gegen Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen“, zu übernehmen. Das französische Parlament hätte die Definition Ende Mai übernehmen sollen, aber die Abstimmung wurde verschoben und es muss erst ein neuer Termin festgelegt werden.

„Ich bin enttäuscht von Macron“, meint Ricard Abitbol, Präsident des Verbandes der französischen Juden und Freunde Israels (CJFAI).

„Wenn es so weitergeht, wird es bald keine Juden mehr geben.“

„Ich glaube Macron hat nur ein Ziel – Macron. Er ist nicht antisemitisch oder anti-israelisch, aber wenn er dafür bezahlt wird, wird er es sein. Ich habe ihn unterstützt und das bereue ich jetzt.“

Wir sitzen in einem angesagten Bistro im Bezirk Bastille in Paris. In der Nähe befindet sich heute ein Platz, auf dem sich einst das Gefängnis der Bastille befand, bis sie im Jahr 1789 während der Französischen Revolution gestürmt wurde. Diese läutete eine neue Ära für die vierzigtausend Juden ein, die damals in den verschiedenen Regionen Frankreichs lebten. Fortan galten sie nicht mehr als Beinahe-Ausgestossene, sondern erhielten bald die Staatsbürgerschaft.

Dies erscheint ironisch, wenn man bedenkt, wie sich die Dinge seither verschlechtert haben.

„Europa tut gerade, was einst Hitler tat, allerdings nicht in Kriegs-, sondern in Friedenszeiten“, warnt Abitbol. „Wenn es so weitergeht, wird es bald keine Juden mehr geben.“

Die schlimmste Zeit für Juden in Frankreich seit De Gaulle

Leider glaubt er, dass es so weitergehen und es keine Zukunft mehr für die jüdische Gemeinschaft Frankreichs geben wird, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung darstellt. Im Vergleich dazu machen Muslime fast neun Prozent aus. Nach Angaben des Nationalen Büros für Wachsamkeit gegen Antisemitismus (BNVCA) werden mehr als die Hälfte der antisemitischen sowie praktisch alle gewalttätigen Vorfälle von Einwanderern aus muslimischen Ländern oder deren Nachkommen begangen. Während der Antisemitismus vor dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich von der Rechten Seite des politischen Spektrums kam, wurde er in den letzten Jahren durch Antisemitismus von Links und Islamisten ersetzt.

„Ich glaube, dies ist die schlimmste Zeit für Juden in Frankreich seit De Gaulle [der von 1959–69 Präsident war]“, meint Abitbol. „Als in den letzten Jahren Einwanderer aus Nordafrika und Syrien hierher kamen, sagten viele von ihnen, sie hassten die Europäer nicht, räumten jedoch gleichzeitig ein, die Juden zu hassen. Wir hatten bereits Antisemitismus und jetzt haben wir noch mehr.

„Die Nazis von heute sind die Islamisten.“

„Was wir heute in Europa als extreme Rechte bezeichnen, sind Parteien, die weniger Einwanderer sowie eine Rückkehr zur Souveränität wollen. Das Problem für die Juden in Frankreich sind also nicht die extreme Rechte und Marine Le Pen. Es sind die Linken, die denken, dass ihr ultimativer Kampf der Kampf für das palästinensische Volk sei. Sie nutzen den Antisemitismus der Muslime, um ihr Konzept zu untermauern, dass Juden Geld hätten. Die Nazis von heute sind die Islamisten.“

Die 32-jährige zweifache Mutter Laura Levy ist vor sieben Jahren aus Frankreich nach Israel ausgewandert und meint, bereits die Vorzeichen zu erkennen.

„Es tut mir leid, es zu sagen, aber ich glaube es ist zu spät, um die Situation für die Juden in Frankreich und Europa noch zu verbessern. Die Muslime schüren den Hass gegen Juden, wie damals die Nazis in den dreissiger Jahren. Man hört immer noch die alten Vorurteile, dass Juden die Welt regierten und sie alle reich seien. An manchen Orten in Frankreich kann man im Unterricht nicht einmal über den Holocaust aufklären, da der Lehrer sonst angegriffen wird.“

Bestimmte Themen die man nicht offen diskutiert

Sandra Schmal-Cohen, 45, ist Übersetzerin und Dolmetscherin und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem exklusiven Pariser Viertel. Im Gegensatz zu Levy fühlt sie sich als Jüdin in Frankreich nicht unsicher und hat keine Pläne, auszuwandern.

„Es gibt bestimmte Themen, die man nicht offen diskutiert, wie seine Religion oder seine politischen Ansichten, es sei denn, man ist miteinander bekannt. Ich weiss nicht, ob es eine kulturelle Sache ist oder ob es an der Art von Menschen liegt, mit denen wir zu tun haben“, meint sie.

„Es gibt auch eine klare Trennung zwischen Religion und Staat, sodass es einfach zur Gewohnheit wird, keine äusseren religiösen Symbole zu tragen. Das hat nichts mit Verleugnung zu tun; es ist einfach etwas, woran man sich gewöhnt. Es gibt antisemitische Vorfälle, das kann ich nicht leugnen. Die Menschen hier neigen dazu, den israelisch-palästinensischen Konflikt durcheinander zu bringen und diese Gefühle auf die französische Gesellschaft zu übertragen.“

Aber abgesehen von einem Vorfall vor vielen Jahren, bei dem der CEO eines französischen Unternehmens äusserte, dass Hitler den Juden einen Gefallen getan habe, weil er sie unantastbar gemacht hätte, haben weder Schmal-Cohen noch ihre Kinder, die eine öffentliche Schule besuchen, Antisemitismus erlebt.

„Es müsste schon etwas sehr Dramatisches passieren, damit ich gehe“, sagt sie. Während Schmal-Cohen mit den Bemühungen der Regierung zur Bekämpfung des Antisemitismus ganz zufrieden ist, sind Levy und Abitbol der Meinung, dass mehr getan werden könnte.

Im selben Bezirk, in dem die 79-jährige Frau verletzt wurde, wurden 2017 und 2018 bereits zwei weitere jüdische Französinnen, Dr. Sarah Halimi und Mireille Knoll, ermordet.

Halimi wurde geschlagen und aus dem Fenster geworfen, während ihr Mörder – der sich noch in psychiatrischer Haft befindet und vielleicht nicht einmal vor Gericht gestellt wird – „Allahu Akbar“ rief. Bis heute haben die französischen Behörden den Mord nicht als antisemitisch eingestuft.

Eine Reihe von jüdischen Organisationen appellierte an Macron, ein Verfahren einzuleiten, und argumentierte, dass das Nichtvorhandensein eines solchen Verfahrens die Botschaft aussende, dass es in Frankreich heute keinen Platz für Juden gebe. Eine Antwort von Macron steht noch aus.

„Der Sonderrichter des Verfahrens wollte, dass der für psychologische Beobachtungen hinzugezogene Experte aussage, dass der [aus Mali stammende]Täter nicht für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden könne“, bemerkt Abitbol.

„Zu 95 % wird es keinen Prozess geben“, sagt er.

„Dies wäre jedoch sehr wichtig, denn es geht nicht nur um diesen einen Fall, sondern um etwas viel Grundlegenderes. Menschen werden getötet, weil sie Juden sind, und die Menschen, die sie töten, sind Islamisten. Es scheint so, als ob das Reden über muslimischen Antisemitismus ein Tabu wäre.“

Paula Slier

Über Paula Slier

Paula Slier ist eine südafrikanische Journalistin und Kriegsberichterstatterin die im Nahen Osten lebt. Sie ist als Chief Executive des Middle East Bureau für RT sowie als Gründerin und CEO von Newshound Media International tätig.

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