SRF-Interview mit B’Tselem: eine weitere verpasste Chance

3
900
B'Tselem Aktivisten. Foto B'Tselem/CC BY 4.0
B'Tselem Aktivisten. Foto B'Tselem/CC BY 4.0
Lesezeit: 4 Minuten

Das «Echo der Zeit» vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat den Direktor der israelischen NGO B’Tselem zum Interview gebeten – und es dabei versäumt, bei dessen fragwürdigen Antworten nachzuhaken. Noch immer geniesst diese fundamentaloppositionelle Organisation ausserhalb Israels einen guten Ruf. Dabei gibt es viele Gründe, sie kritisch zu sehen.

 

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Israel und die Palästinenser gehört es zu den beliebtesten journalistischen Übungen westlicher Medien, die «Israelkritik» von jüdisch-israelischen Kronzeugen der Anklage gegen den jüdischen Staat erledigen zu lassen, sich auf sie zu berufen oder sie ausführlich zu zitieren. Es ist dies überaus häufig der Versuch, die eigene Position politisch und moralisch möglichst unangreifbar zu machen, denn wenn «die» es selbst sagen, muss es ja stimmen – und es soll in keinem Fall israelfeindlich oder gar antisemitisch sein können. Dass diese Kronzeugen in Israel selbst oft politisch randständig sind und scharf kritisiert werden, gilt nur als weiterer Beleg für das repressive gesellschaftliche Klima im jüdischen Staat und nicht etwa dafür, dass ihre Positionen womöglich fragwürdig sind. Ebenso wird nur selten betont, dass die kaum eingeschränkten Tätigkeiten und Äusserungen fundamentaloppositioneller israelischer Organisationen und Aktivisten deutlich zeigen, wie vielfältig, lebendig und liberal die israelische Demokratie ist – nicht zuletzt im Vergleich zu den arabischen Nachbarländern, in denen jedwede regimekritische Äusserung gnadenlos verfolgt wird und schnell in den Knast führen oder sogar lebensbedrohlich sein kann.

B’Tselem – das «israelische Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten», wie es sich selbst nennt – ist eine dieser israelischen Organisationen, die in Westeuropa wesentlich besser beleumundet sind als in Israel selbst und ihre Gelder auch zu einem grossen Teil aus Europa bekommen. Ohnehin ist ihr Wirken vor allem auf die Öffentlichkeit ausserhalb Israels ausgerichtet, sie erhoffen sich davon Druck auf die israelische Regierung. Hagai El-Ad ist seit 2014 der Direktor von B’Tselem, und anlässlich des angekündigten Friedensplans von US-Präsident Donald Trump für den Nahen Osten hat ihn das «Echo der Zeit» am Mittwoch dem 12. Juni 2019 interviewt. Um den Plan selbst geht es dabei erstaunlicherweise gar nicht, El-Ad nutzt vielmehr die Gelegenheit, um die generelle Situation der Palästinenser zu beklagen. Die israelische Regierung kontrolliere «jeden und alles zwischen dem Mittelmeer und dem Fluss Jordan», sagt er. Alles, was Palästinenser täten, unterliege «den willkürlichen Entscheiden Israels». Es gebe viel Verzweiflung, und es fehle an Hoffnung. Die palästinensische Führung – gemeint ist die Autonomiebehörde, von der Hamas ist bezeichnenderweise nicht die Rede – habe damit aber rein gar nichts zu tun, meint El-Ad, denn sie habe «nur eingeschränkte Macht». So einfach soll das also sein.

Ein substanzloses Lamento

Die Interviewerin Simone Hulliger fragt zwar, ob sich die palästinensische Führung nicht zu sehr um sich und ihre Pfründen kümmere statt um die Bedürfnisse der Palästinenser und ob es nicht zu einfach sei, nur der einen Seite die Schuld zu geben. Aber sie hakt nicht nach, obwohl El-Ad diese Fragen lediglich nutzt, um seine Agenda zu bekräftigen, in der Israel die Täterrolle innehat und die Palästinenser nur als Opfer vorkommen, die für nichts verantwortlich zu machen sind. Der 50-Jährige spricht dem jüdischen Staat sogar den demokratischen Charakter ab. Substanz hat dieses Lamento nicht. Auch deshalb lohnt sich ein etwas genauerer Blick auf B’Tselem, den vielleicht auch das SRF hätte wagen sollen. Dann wäre ihm womöglich aufgefallen, dass die NGO Israel als «Apartheidstaat» verunglimpft und ihm in der Vergangenheit zudem vorgeworfen hat, Nazimethoden anzuwenden. Eine absurde Dämonisierung und Delegitimierung.

Ende des Jahres 2014 geriet die Vereinigung in die Kritik, weil einer ihrer Aktivisten dem amerikanisch-israelischen Publizisten Tuvia Tenenbom vor laufender Kamera  sagte, der Holocaust sei «eine Lüge» und «eine Erfindung der Juden». B’Tselem dementierte die Äusserung zunächst, dann erfolgte eine halbherzige Distanzierung und erst später die Ankündigung, sich von dem Mitarbeiter zu trennen. Für Aufsehen sorgte auch der Versuch eines palästinensischen Mitarbeiters von B’Tselem, gemeinsam mit einem israelischen Aktivisten einen Araber, der im Westjordanland privaten Grundbesitz an Juden verkaufen wollte, in eine Falle zu locken. Dort wäre er von palästinensischen Sicherheitskräften festgenommen worden, und ihm hätte die Todesstrafe gedroht.

Die Arbeit von B’Tselem trägt propagandistische Züge

Die 1989 gegründete Organisation hat längst ihr ursprüngliches Ziel aus den Augen verloren, vermeintliche oder tatsächliche israelische Rechtsverstösse in den umstrittenen Gebieten zu dokumentieren, um die israelische Öffentlichkeit sowie Entscheidungsträger zu informieren und gesellschaftskritisch in Diskussionen zu intervenieren. B’Tselem ist zu einer Vereinigung geworden, die nahezu jede Tätigkeit der Armee und jedes Regierungshandeln gegenüber den Palästinensern für prinzipiell illegitim, ja, illegal hält und sich nicht scheut, mit Organisationen zu kooperieren, die dem jüdischen Staat nach seiner Existenz trachten. Einer ihrer Hauptaktivisten etwa, Adam Aloni, sprach im September 2017 in Frankreich auf einer radikal antiisraelischen Konferenz, die den Titel «Von der Balfour-Deklaration bis heute: eine koloniale Tragödie» trug, und stellte in Abrede, dass Israel eine Demokratie ist. Bereits im Juni 2017 hatte B’Tselem-Direktor Hagai El-Ad auf einer Veranstaltung des Komitees der Vereinten Nationen für die Ausübung der unveräusserlichen Rechte des palästinensischen Volkes behauptet, die israelische Regierung setze den Vorwurf des Antisemitismus gezielt ein, um Kritiker ihrer Politik zum Schweigen zu bringen.

B’Tselem trug im Jahr 2009 zum unsäglichen Goldstone-Bericht des notorischen UN-Menschenrechtsrates bei und spielte fünf Jahre später, während des Gaza-Krieges im Sommer 2014, eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung überhöhter Zahlen in Bezug auf getötete palästinensische Zivilisten. Das Datenmaterial, über das die NGO verfügte, stammte dabei ausschliesslich aus palästinensischen Quellen und erwies sich als nicht verifizierbar. Zudem rechnete B’Tselem in mehreren Fällen fälschlich palästinensische Kombattanten zu den Zivilisten. Ein solches Vorgehen, mit dem der internationale Druck auf Israel erhöht werden soll, ist nicht nur unseriös, sondern es trägt propagandistische Züge. Eigentlich sollte diese Tatsache die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der Organisation nachhaltig in Frage stellen, doch in Europa ist man vielfach allzu sehr bereit, noch die gravierendsten Beschuldigungen gegenüber dem jüdischen Staat, seiner Regierung und seiner Armee zu glauben, und vertraut deshalb einer NGO wie B’Tselem trotz ihrer erkennbaren Voreingenommenheit. Das SRF hätte die Gelegenheit gehabt, kritische Fragen an Hagai El-Ad nicht nur pro forma zu stellen, sondern bei dessen Antworten nachzuhaken. Es hat sie verpasst.

Alex Feuerherdt

Über Alex Feuerherdt

Alex Feuerherdt ist freier Autor und lebt in Köln. Er hält Vorträge zu den Themen Antisemitismus, Israel und Nahost und schreibt regelmässig für verschiedene Medien, unter anderem für die «Jüdische Allgemeine», «Mena-Watch», «Konkret» und die «Jungle World». Zudem ist er der Betreiber des Blogs «Lizas Welt».

Alle Artikel

3 KOMMENTARE

  1. Soweit ich gehört habe, händigt Bt’Selem arabischen Palästinensern auch Kameras aus, mit welchen sie „israelische Übergriffe“ dokumentieren sollen.

    Bezahlt werden diese „Mitarbeiter“ dann per eingereichtes Video.

    Was sie dazu motiviert, solche Situationn vor laufenden Kameras gezielt zu provozieren. Etliche solche Situationen sollen auch gestellt (inszeniert) worden sein…

  2. Es geht in solchen Berichten nicht darum überparteilich und sachlich zu berichten. Offen gesagt haben wir es hier mit Propaganda zu tun. In der Rückblende über einen Zeitraum von rund 50 Jahren sehen wir einen allmählichen Prozeß, der offenbar durch den Sechstagekrieg ausgelöst wurde. Ab diesem Zeitpunkt konnte die Europäische Linke Israel, bei aller Liebe zum sozialistischen Bruder, nicht mehr als Unterdrückter einordnen. Israel war fortan der Unterdrücker. Dieses einfache Weltbild, diese Aufteilung in „Unterdrücker“ und „Unterdrückte“ ist bei den Linken geradezu zwanghaft und es wurde vom Obersten Soviet und seinen sozialistischen Vasallenstaaten im Warschauer Pakt, in diesem Fall als ein Aspekt des Proxy-Krieges gegen den Westlichen Imperialismus ins Werk gesetzt. Das Ganze funktioniert nur auf einer soliden Grunlage geistiger Beschränkung und einiger psychopathologischer Defekte bei den eigenen Parteigängern. Und so gab es bei den jungen Sozialisten einen Schwenk. Tingelten Sie in den 1960ern und 1970ern noch gerne nach Israel, um dort in einem Kibbutz zu leben und zu arbeiten, weil’s dort so wunderbar sozialsistisch zuging, änderte sich das im Laufe der 1970er und bereits in späten 1960ern gingen die härteren Vertreter der linken Studentenbewegung lieber in ein Trainingslager in den Libanon oder nach Syrien, um dort unter der fachlichen Anweisung von Drill-Instructors aus der Soviet Union, der DDR, Rumänien…… gemeinsam mit Terroristen der PLO und der PLFP den „Befreiungskampf“ zu trainieren. Sie wurden an AK-47 und Sprengstoff ausgebildet und bekamen zudem eine Ausbildung in geheimdienstlichen Sachen. Dann ging’s zurück nach Europa. manche wurden Terroristen, andere gingen zurück an die Uni, um dort ihr Schadwerk zu verrichten.
    Das Problem ist: In einer gottlosen Gesellschaft, wie etwa der Deutschen (b.z.w. den Europäischen) fehlte den jungen Menschen die geistige Widerstandskraft gegen solche falschen Götter. Sie verfielen den falschen Propheten. Wer heute an die Unis blickt versteht schnell was ich damit meine.

    • Stimme Ihrem Beitrag größtenteils zu. Nur mit dem letzten Absatz habe ich ein Problem. Es ist nicht eine „gottlose“ Gesellschaft, die für dieses Desaster verantwortlich ist sondern das Fehlen einer analytischen und kritischen Reflektion. Dieses Unvermögen wiegt umso schwerer als man gerade von Menschen mit Studium verlangen kann, dazu in der Lage zu sein. Leider erweist sich nicht zum ersten Mal, dass das genaue Gegenteil richtig zu sein scheint.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.