Tariq Ramadan. Foto Irfan kottaparamban, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65115264
Tariq Ramadan. Foto Irfan kottaparamban, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65115264
Lesezeit: 4 Minuten

Religiöse Führer und Denker stellen sich oft als Leute dar, die über der Politik stehen und allein die Pflicht hätten, die Wahrheit zu sagen die sie für richtig halten. Nicht selten machen sich westliche Medien diese Darstellung begierig zu eigen, wenn sie ihnen passt. Vor allem dann, wenn die religiöse Figur um die es geht, sich praktischerweise gegen politische Anschauungen wendet, die sie selbst auch nicht mögen. Dies ist der Fall bei Tariq Ramadan, dem in der Schweiz geborenen muslimischen Denker und Oxford-Akademiker, der vor seiner Festnahme wegen Vergewaltigung 2017 als einflussreicher religiöser Moderater gehandelt wurde.

 

von Hany Ghorab

Vielleicht ist es dieses Image der weisen Uneigennützigkeit, die es umso schockierender macht, wenn herauskommt, dass eine prominente religiöse Stimme auf jemandes Lohnliste steht. Doch bei Ramadan sollte das weniger überraschen. Ramadan, der Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft, wurde von Wissenschaftlern und Anti-Bruderschaftsaktivisten seit langem beschuldigt, eine Muslimbruderschaftsfreundliche Agenda zu verfolgen. Jetzt haben neue Recherchen ans Licht gebracht, dass Ramadan von Katar, dem Hauptsponsor der Muslimbruderschaft, reichlich mit Geld bedacht worden ist. Katars mächtige staatliche Entwicklungsorganisation, die Qatar Foundation, zahlte Ramadan für „Beratertätigkeiten“ rund 35.000 Euro im Monat.

Dieser neueste Skandal, in den der islamistische Ideologe verwickelt ist, wurde durch ein neuerschienenes Buch ins Rollen gebracht: Qatar Papers, geschrieben von den beiden französischen investigativen Journalisten Georges Malbrunot und Christian Chesnot. Auf der Grundlage umfangreicher Bankunterlagen, die die Autoren von einem Whistleblower auf einem USB-Stick bekommen haben, enthüllt das Buch, dass Ramadan seit Jahren auf der Gehaltsliste Katars steht. Katarisches Geld war es, mit dem er unter anderem seine beiden mondänen Apartments in Paris gekauft hat.

Ramadans Beziehungen nach Katar sind umfangreich; er war Gastprofessor an der Hamad-Bin-Khalifa-Universität in Doha und Direktor des von der Qatar Foundation unterstützten Forschungszentrum für Islamische Gesetzgebung und Ethik (CILE), das ebenfalls in Katars Hauptstadt Doha seinen Sitz hat. Zudem war er Präsident des pro-katarischen Think Tanks European Muslim Network (EMN) in Brüssel. Ausserdem war Ramadan Mitglied in der von Katar finanzierten und von der Muslimbruderschaft betriebenen International Union of Muslim Scholars, die bis vor kurzem von Yusuf al-Qaradawi, dem „geistlichen Führer“ der Muslimbruderschaft, geführt wurde.

Katar unterstützte Ramadan auch dann noch, als die erste Serie von Anschuldigungen gegen ihn vorgebracht worden war, beginnend im Oktober 2017 (seither sind immer wieder neue Anklägerinnen an die Öffentlichkeit gegangen). Ramadans islamistische Verteidiger wiesen entrüstet auf die vielen Videos über die Wichtigkeit von sexueller „Mässigung“ und Moral hin, die Ramadan veröffentlicht hat, und behaupteten, er würde fälschlicherweise verfolgt, und zwar aus „Islamophobie.“ Doch im Februar 2018 wurde Ramadan von den französischen Behörden förmlich wegen Vergewaltigung angeklagt, woraufhin Katar ihn zur persona non grata erklärte. Damit endete seine öffentliche Beziehung zur Qatar Foundation – und doch erhielt er in der Folge 19.000 Euro für seine Verteidigung von der von Katar finanzierten Schweizer Muslimliga (die Schweizer Muslimliga wird von zwei Mitgliedern der Muslimbruderschaft geführt: Naceur Ghomrachi und Mansour Ben Yahya).

Doch Katars Beziehung zu Ramadan ist bloss ein kleines Detail in einer grösseren Geschichte. Qatar Papers enthüllt auch, wie tief das katarische Regime in das islamistische Netzwerk in Europa verstrickt ist. Ein Grossteil dieser Arbeit wird von der Qatar Charity erledigt, eine mit dem Regime verbundene Organisation, die im Verdacht steht, Milliarden von Dollar an islamistische aufständische Gruppen in Syrien, Libyen und anderswo geleitet zu haben. In Europa, das zeigt Qatar Papers, stellte die Qatar Charity 71 Millionen Euro für den Bau von 140 Moscheen, islamischen Zentren und islamischen Museen zur Verfügung.

In einem Interview sagt der Autor George Malbrunot: „Die Philosophie der Muslimbruderschaft ist es, das komplette Leben der Menschen zu umfassen, von der Geburt bis zum Tod. Alle von Katar finanzierten Projekte versuchten genau das zu tun, sie umfassten Moscheen mit Schulen, Schwimmbädern, Restaurants und sogar Leichenhallen.“ Laut Malbrunot erklärt dieses Ziel die riesigen Summen, die für Projekte in Europa ausgegeben werden und dafür bestimmt sind, den Islamismus der Muslimbruderschaft zu propagieren – bis hin zur Finanzierung einer Moschee auf der winzigen Insel Jersey (wo es nur wenige Muslime gibt), um die Missionierung zu begünstigen.

Gemäss dem Autor Malbrunot leugnen die Betreiber all dieser Projekte zwar jegliche Verbindung zur Muslimbruderschaft, doch seien die Büchereien der Schulen und Zentren gefüllt mit islamistischer Literatur aus der Feder von radikalen Klerikern wie Yusuf Al Qaradawi (einem von Tariq Ramadans Mentoren) und dem Terrorismus rechtfertigenden Denker Sayyid Qutb, einem Gründungsideologen des Islamismus des 20. Jahrhunderts.

Katars üppiges Sponsoring von Tariq Ramadans Karriere diente einem doppelten Zweck: Die Ideologie der Bruderschaft unter muslimischen Jugendlichen in Europa zu verbreiten und gleichzeitig westlichen Beobachtern die beruhigende Botschaft der Mässigung zu präsentieren. Dieselbe Doppelstrategie kommt bei vielen der Moscheen, Professorenstellen und Bibliotheken zur Anwendung, die katarisches Geld überall in Europa finanziert. Katar bestreitet lauthals, dass das Ziel in Radikalisierung besteht, doch solche Beteuerungen lassen sich kaum in Einklang bringen mit der extremistischen Literatur, die katarische Institutionen verbreiten. Es könnte sich herausstellen, dass sexuelle Nötigung noch nicht das schlimmste Verbrechen ist, das katarisches Geld ermöglicht hat.

Hany Ghoraba ist Autor von Islamist Watch, einem Projekt des Middle East Forum. Er schreibt für Al Ahram Weekly und ist Autor von Egypt’s Arab Spring: The Long and Winding Road to Democracy.  Auf Englisch erschienen bei Middle East Forum. Übersetzung Audiatur-Online.

Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  • 2
  •  
  •  

2 KOMMENTARE

  1. I think it is significant to know that the author of this article is from Egypt. It is well known and not a secret that the Egyptian government is hardly against the MB and especially against every single intellectual who seems to be one of them. The conclusions of the arguments are often prematurely. For example; how the author of this some lines knows that there in the mosques are books from the MB or Yusuf al Qaradawi? There are slight allegations without a coherent logic. It is a poor demagogy and rhetoric. Try to construct your own opinion about the topic by consulting different articles in different languages.
    The aim here ist not to find the truth or to discuss intersubjectively a contemporary discourse on Tariq Ramadan, rather just defame him without consideration of any materials

  2. As I don’t have the German keybord , I am not and do not live in germany I hence type in English.

    Your article talks about the influence of the MB and you question the influence.

    You also mentioned he is convicted for rape. I will counter argument some of your points feels free to answer it.
    Let’s start with the last one. he is indeed convicted,but this gives an impression of a rapist,
    fact: those in france who went public to accuse tariq of rape, such as Henda Ayari or Paule Emma Aline have been branded liars and untrustworthy from the French „Brigade Criminelle“ yes the BC are some serious people,
    You must understand that the case was first handed to the French police in Paris, to be precise the douzième arrondissement de Paris (2e DPJ).

    The judges then considered the police to be incapable to handle such a big investigation, they could not cope with this (lack of resource and such) then it was transferred to the most reliable and fierce branch the BC . I would like for you to read the rapport for yourself as I think you understand french. just Google Brigade criminelle tariq Ramadan.

    as tariq said “ La vérité finis toujours par triomphé“

    however a new question emerges „aren’t there sinister people who made the case against tariq to only discredit him and remove him from the mainstream?“
    As caroline fourest who hates Tariq ramadan and lost debates against him(she was in direct contact with the „victims “ before and during the investigation. there are links to Sarkozy too but I do not want to get in there to deep. .)

    I never seen him in support of the MB , yet you seek to link his grand father to him.

    As for Qatar spending, who doesn’t spend? Every rich country spe ds alto of money abroad to influence people, companies do too,
    but do you know saudi spends even more? just check the lobbyist working on behalf of different countries coming in the USA and how much they spend to influence the American people, or economy , or politics etc..
    moreover you know saudi breed terrorist and fundamentalist by teaching them at a saudi mosque itself with radicals as teacher for their qualifications as Iman they are ready to breed more terrorist.. I doubt qatar sponsors are whabist.

    moreover do you know in france muslims pray on the street because they lack proper facilities? the government doesn’t build mosques for their citizens neither does it subsides anything, muslims have to find wealthy people, and they struggle but I prefer them taking funding from qatar than saudi.
    you can also question as to „is the government at fault for radicalism as they are not helping muslims build mosques?“

    I stop for there , eager to see any critics befitting back

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.