Symbolbild. Foto ais3n IMG_1600 (license)(CC BY-NC 2.0)

Ein weiteres gesellschaftliches Tabu zum Antisemitismus in Deutschland wurde gebrochen. Der für Antisemitismus zuständige nationale Beauftragte Felix Klein sagte kürzlich: „Ich kann Juden nicht raten, überall in Deutschland Kippa zu tragen.“

 

von Dr. Manfred Gerstenfeld

Die Ausführungen von Klein waren für die deutschen Behörden höchst unangenehm. Schliesslich hatte er indirekt offenbart, dass die deutsche Justiz und die Polizei die Meinungsfreiheit für Juden in der Öffentlichkeit nicht garantieren kann. Mehr noch: Klein bestätigte, dass Juden 2019 zunehmend als Aussenseiter in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft angesehen werden. Im Gegensatz zu anderen Deutschen gehen Juden ein Risiko ein, wenn sie ihre religiöse Identität in der Öffentlichkeit offenbaren.

Auf Kleins Aussagen gab es viele heftige Reaktionen von hochrangigen Politikern. So sagte der bayerische CSU-Innenminister Joachim Herman: „Jeder sollte seine Kippa tragen, wo immer er will.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer, ebenfalls CSU, sagte: „Der Staat muss die Ausübung der Religion überall garantieren.“ Der Sozialdemokratische Aussenminister Heiko Maas schrieb auf Twitter: „Niemand soll seinen jüdischen Glauben jemals wieder verstecken müssen – weder in Deutschland noch anderswo. Statt die #Kippa zu verstecken, müssen wir alle noch deutlicher #Gesichtzeigen gegen Antisemitismus.“  Bundespräsident Walter Steinmeier sagte: „Wir können es nicht hinnehmen, wenn sich Juden nicht trauen, auf unseren Strassen Kippa zu tragen. Es ist unsere Bürgerpflicht, Antisemitismus in all seinen Formen zu bekämpfen.„

Keine dieser Aussagen bietet natürlich Schutz, wenn Juden auf den Strassen deutscher Städte angegriffen werden. In Wirklichkeit kann der deutsche Staat deren Sicherheit nicht garantieren.

Nach diesen Reaktionen präzisierte Klein seine Worte und erklärte, dass sie als Weckruf gedacht seien, um eine politische Debatte über die Sicherheit der deutsch-jüdischen Gemeinschaft zu beginnen. Er äusserte seine „feste Überzeugung“, dass mehr „Wachsamkeit und Zivilcourage“ erforderlich sind.

Joseph Schuster, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, begrüsste die Worte von Klein. Er sagte, dass Juden, die als solche erkennbar sind, seit vielen Jahren in mehreren grossen deutschen Städten in Gefahr sind. Er fügte hinzu, dass es völlig gerechtfertigt ist, dass dieses Thema auf höchster politischer Ebene Beachtung findet.

Die Worte von Klein und die damit verbundenen Reaktionen fanden auch im Ausland Beachtung. Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, schrieb: „Trage deine Kippa. Trage die Kippa deines Freundes. Leiht euch eine Kippa und tragt sie für unsere jüdischen Nachbarn. Den Menschen beibringen, dass wir eine vielfältige Gesellschaft sind.“ Der israelische Präsident Reuven Rivlin zeigte sich schockiert über Kleins Worte (was die Frage aufwirft, ob seine Mitarbeiter ihn angemessen über das Geschehen im Hinblick auf den Antisemitismus im heutigen Europa informieren). Bei einem Besuch in Berlin äusserte sich US-Aussenminister Mike Pompeo besorgt über die Warnung von Klein.

Nach den Äusserungen von Klein gab es einige Gesten der Solidarität mit den Juden des Landes. Die grösste deutsche Tageszeitung Bild druckte auf ihrer Titelseite eine ausgeschnittene Kippah und ermutigte die Menschen, Solidarität zu zeigen, indem sie diese in der Öffentlichkeit trugen. Am 1. Juni fand in Berlin die radikale anti-israelische Demonstration des Al Quds Tages mit rund 1.200 Teilnehmern statt. Libanesische, iranische und palästinensische Flaggen wurden geschwenkt. Eine vergleichbare Anzahl von Menschen, von denen einige Kippa trugen, nahm an zwei Gegendemonstrationen teil. Die deutsche Diskussion führte auch zu einer niederländischen Demonstration, bei der Menschen ein Kippa anzogen.

In Deutschland gab es bereits Sympathie-Kundgebungen, bei denen Menschen Kippa trugen (z.B. in Frankfurt im Mai 2018 und in Bonn im Juli 2018). Auch wenn es sich dabei nur um kurzlebige Ereignisse handelt, so sind es doch nicht nur PR-Aktionen, wie einige behaupten.

In Deutschland gab es zahlreiche Angriffe auf Juden, die in der Öffentlichkeit Kippa tragen. Dies ist besonders auffällig, wenn man bedenkt, wie wenig deutsche Juden überhaupt Kippa tragen.

Zwei Beispiele für solche Angriffe, die beide im vergangenen Jahr stattfanden, veranschaulichen die Gründe für Kleins Aussage. Im Mai 2018 wollte ein in Berlin lebender Israel-Araber prüfen, ob das Tragen einer Kippa in der Öffentlichkeit tatsächlich zu antisemitischen Reaktionen führte. Tatsächlich wurde er von einem 19-jährigen Syrer mit einem Gürtel angegriffen.

In Bonn wurde ein Kippa tragender Gastprofessor der University of Baltimore körperlich angegriffen. Ein Palästinenser schlug ihm seine Kippa vom Kopf und schrie auf Deutsch: „Es ist verboten, eine Kippa zu tragen.“ Dann stiess er den Professor zu Boden. Die Polizei brauchte 20 Minuten um anzukommen und als sie es tatsächlich geschafft hatten, schlugen sie den Professor zusammen und behaupteten, sie hätten ihn mit dem Angreifer verwechselt. Die Polizei behauptete dann, der Professor habe sie angegriffen.

Kein neues Problem

Klein’s Empfehlung hätte genauso gut von einem französischen, belgischen oder niederländischen Behördenvertreter abgegeben werden können. Die Realität ist, dass es in jedem dieser Länder riskant ist, an bestimmten öffentlichen Orten eine Kippa zu tragen.

Im Jahr 2001 wurde der Oberrabbiner von Brüssel, Albert Guigui, von einer Gruppe arabischsprachiger Jugendlicher angegriffen. Sie beleidigten ihn, spuckten ihn an und traten ihm ins Gesicht. Seitdem trägt Rabbi Guigui nur noch privat eine Kippa. Im Jahr 2018 wollte der französischsprachige belgische Fernsehsender RTBF eine Sendung produzieren, die Reaktionen auf einen Juden zeigt, der mit einer Kippa auf dem Kopf durch die Brüsseler Strassen geht. Sie versuchten wochenlang vergeblich, einen Freiwilligen zu finden.

Das ist kein neues Problem. Bereits 2003 sagte der damalige französische Oberrabbiner Joseph Sitrouk in einem Radiointerview den Juden, sie sollten eine Mütze statt einer Kippa tragen, um nicht auf der Strasse angegriffen zu werden. Henri Markens, Generaldirektor der Organisation für jüdische Bildung (JBO) in Amsterdam, sagte vor Jahren über die Schüler an einem jüdischen Gymnasium: „Seit einigen Jahren sagen wir unseren Schülern, dass sie ihre Kippa mit einer Mütze bedecken sollen. Im Prinzip sollte man das nicht tun müssen, aber die Umstände in Amsterdam lassen einem keine Wahl.“

An manchen Orten ist die Situation noch schlimmer. In einer Studie aus dem Jahr 2013 stellte die Agentur für Grundrechte (FRA) in einer Reihe von europäischen Ländern fest, dass durchschnittlich 20% der Juden angaben, dass sie immer vermeiden Dinge zu tragen oder zu zeigen, die den Menschen helfen könnten, sie in der Öffentlichkeit als Juden zu identifizieren. Im Jahr 2011 wurde eine Studie für die kleine norwegische jüdische Gemeinde durchgeführt. Einundzwanzig junge norwegische Juden im Schulalter bis 25 Jahre wurden befragt. Die Studie ergab, dass junge Juden oft ihre religiöse Identität nicht offenbaren. Einige haben die Schule gewechselt oder ihre Eltern haben sogar den Wohnsitz wegen des Antisemitismus gewechselt, den sie erlebt haben.

Aus eigener Erfahrung: Vor etwa zehn Jahren, während meiner Zeit am Jerusalem Center for Public Affairs, hatten wir einen spanischen Praktikanten, der an der Hauptuniversität in Madrid studierte. Er sagte, dass selbst seine engsten Freunde dort nicht wüssten, dass er Jude sei.

Klein hat den Deckel einer europäischen Jauchegrube geöffnet. Es ist eine Sache, wenn jüdische Offizielle empfehlen, dass Juden ihre Identität verbergen sollten. Aber sobald ein Regierungsbeamter das sagt, offenbart und bestätigt er ein enormes Demokratiedefizit.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Publizist und ehemaliger Vorsitzender des Präsidiums des Jerusalem Center for Public Affairs. Übersetzung Audiatur-Online.

Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •