Michel Warschawski. Foto Xavier Malafosse, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5715858
Michel Warschawski. Foto Xavier Malafosse, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5715858
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Kennen Sie den Jerusalemer Bürger und selbsterklärten „Antizionisten“ Michel (Michael) Warschawski? Verzeihlich, wenn nicht. In linksradikalen westeuropäischen Kreisen aber, für die Israel immer noch ein Feindbild ist, ist er eine Art Berühmtheit – so sehr, dass der ehemalige SRF-Literatur-Redaktor Felix Schneider kürzlich nach Jerusalem reiste, um Warschawski „um 8 Uhr morgens in einem Jerusalemer Café“ zu befragen (das Interview erschien bei Infosperber.ch)

 

Was wir über Warschawski bislang wussten: Er lehnt „die blosse Idee und Existenz eines jüdischen Staates, egal, in welchen Grenzen“ ausdrücklich ab, sass Ende der 1980er Jahre wegen seiner Verbindungen zur Terrorgruppe PFLP einige Monate im Gefängnis und unterstützt begeistert die antisemitische BDS-Bewegung. Alles, was es sonst noch zu ihm zu sagen gibt, hat er nun in dem erwähnten Interview erzählt. Amüsanter Höhepunkt: Die Schilderung, wie Warschawski einmal einem PLO-Funktionär, der gerade im Zusammenhang mit irgendeiner Ordensverleihung eine Laudatio auf Warschawski hielt, betrunken ins Wort gefallen ist:

„Kleine Runde mit Freunden von mir: sympa, intim, gutes Essen und Trinken. Aber es gibt nix kostenlos: Dingdingding, Reden! Der Botschafter erhebt sich, legt mir die Hand auf die Schulter, und legt los: Im Namen des palästinensischen Volkes, im Namen von Präsident Mahmud Abbas, in seinem eigenen Namen wolle er sich bedanken beim Informationszentrum und bei mir für das, was wir für das palästinensische Volk getan hätten – und da, ich hatte schon ziemlich getrunken, da hab ich ihn an der Hand gepackt und gesagt: Halt, Stopp! Er betrachtete mich überrascht ob der ungehörigen Störung, verstummte. Ich sagte: Erstens müssen und werden die Palästinenser sich selbst befreien. Auch täuschst du dich über meine Motivation. Ich hab’s nicht für die Palästinenser getan. Erinnerst du dich an die beiden Kids gestern an der Preisverleihung? Für sie habe ich es getan, damit sie eine Chance haben, in dieser Region zu leben, damit diese Erde sie nicht ‚ausspeie’“.

Warschawski fürchtet allen Ernstes, dass seine Enkel von der Erde „ausgespien“ werden könnten und umarmt darum diejenigen, die, wie die Fatah, israelische Juden ermorden, die Mörder verherrlichen und ihnen üppige Renten zahlen. In einem bizarren Gedankendreh glaubt Warschawski, auf diese Weise das Leben israelischer Juden retten zu können. Das ist wahnsinnig, aber nicht ohne Beispiel: Warschawski leidet offenbar unter einer Art Stockholm-Syndrom. Die Bezeichnung geht auf die Geiselnahme in einer Bank in Stockholm im Jahr 1973 zurück, in dessen Zuge die im Tresorraum der Bank gefangenen Geiseln, Sympathien zu den Tätern entwickelten, obwohl diese drohten, sie zu töten. Ein Medizinlexikon erklärt den Begriff so:

„Das Stockholm-Syndrom beschreibt einen psychologischen Effekt, in dessen Rahmen Opfer von z.B. Geiselnahmen positive emotionale Gefühle zu ihren Entführern aufbauen. Das Spektrum kann von einfacher Sympathie bis hin zur Kooperation und im Extremfall zur Empfindung von Liebe für den Täter reichen.““

Der Psychiater Kenneth Levin von der Harvard Medical School hat 2005 in seinem Buch The Oslo Syndrome: Delusions of a People Under Siege (Das Oslo-Syndrom: Selbsttäuschungen eines Volkes unter Belagerung) dargelegt, dass jahrhundertelange Verfolgung durch Antisemiten bei einem Teil der Juden dazu geführt hat, dass sie Anschauungen ihrer Verfolger übernommen haben und sich selbst die Schuld daran geben, dass sie verfolgt werden: „Dieses Phänomen offenbart auf der Ebene der menschlichen Psychologie grosse Ähnlichkeit zur Reaktion von Kindern, die chronischem Missbrauch ausgesetzt sind“, so Levin:

„Solche Kinder tendieren dazu, sich selbst für ihr Leid verantwortlich zu machen. In ihrem Zustand der Hilflosigkeit haben sie zwei Alternativen. Sie können entweder annehmen, dass sie unfair zu Opfern gemacht werden und sich damit abfinden, machtlos zu sein, oder sie können sich selbst die Schuld für ihre schlimme Lage geben. Letzteres – „Ich leide, weil ich schlecht bin“ – ist so attraktiv, weil es neben dem Wunsch, die Kontrolle zu haben, die Fantasie bedient, „gut“ zu werden, würde eine liebevolle Reaktion ihrer Peiniger auslösen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene streben ausnahmslos danach, Hoffnungslosigkeit zu entrinnen.“

Für Warschawski sind die Terroristen der PFLP oder auch der Hamas die Guten, Israel hingegen ist der Bösewicht. Während das von Israel kontrollierte Territorium seit 40 Jahren immer kleiner geworden ist, ohne dass dies irgendeinen von Israels arabischen Feinden beschwichtigt hätte; während Israel seine Todfeinde im Gazastreifen mit Strom, Lebensmitteln, Treibstoff und allem anderen Nötigen versorgt, sogar Geldlieferungen aus Katar zulässt und Angehörige der Fatah und der Hamas in seinen Krankenhäusern gesundpflegt – während all dies geschieht, lebt Warschawski in einem Paralleluniversum, in dem die Hamas sich nach Frieden sehnt und einem demokratischen Gemeinwesen mit freien Wahlen vorsteht, während Israel immer nur böse und gemein ist.

Terror gegen die Zivilbevölkerung gleich „Widerstandskraft“

Man ahnt, warum die von Warschawski gegründete Propagandafirma „Alternative Information Center“ heisst: weil dort Informationen kreiert werden, die eine Alternative zu den Tatsachen bieten. Doch lassen wir Herrn Warschawski selber reden. Warum noch mal schiessen die Hamas und der Islamische Dschihad Raketen auf die israelische Zivilbevölkerung? Für Warschawski ist das keine „grosse Überraschung“. „Israel hat die Übereinkommen mit der Hamas nicht respektiert. Früher oder später musste eine Reaktion erfolgen.“ Wenn Israel mit Raketen beschossen wird, muss es etwas Böses getan haben – siehe die Erklärung des Psychologen Kenneth Levin. Man beachte, wie Warschawski ein eindeutiges Kriegsverbrechen – den mutwilligen Beschuss von Wohngebieten, in denen es keinerlei militärische Ziele gibt – nicht nur rechtfertigt, sondern zu einer notwendigen „Reaktion“ erklärt. Weit entfernt davon, ein „Friedensaktivist“ zu sein, als den ihn der Interviewer Felix Schneider vorstellt, ist er jemand, der sich für Explosionen begeistert. Mit den Opfern der jüngsten Raketenangriffe – Moshe Agadi, 64, Vater von vier Kindern; Moshe Feder, dessen Frau nun zum zweiten Mal Witwe ist; der 21-jährige Amerikaner Pinchas Menachem Prezuazman sowie der arabische Beduine Ziad Alhamamda aus dem Negev-Dorf Sawawin – hat Warschawski kein Mitleid, schliesslich blieb der Hamas ja in seinem Weltbild gar nichts anderes übrig, als sie zu töten. Den Sinn dieser Morde meint Warschawski nicht einmal erklären zu müssen; er hält ihn für gegeben und setzt voraus, dass ihm jeder zustimmt.

„Die Hamas ist keine terroristische Diktatur, sondern eine Bewegung“

Völlig abwegig ist für Warschawski hingegen die Vorstellung, die Hamas könne die Waffen niederlegen, so, wie es viele andere Terrorgruppen der Geschichte getan haben und wie es die Osloer Verträge, die Jassir Arafat einst unterzeichnet hat, vorsehen. Nein, die Hamas muss weiter Raketen schiessen, findet Warschawski:

„Was diese israelische Regierung verrückt macht: Die Widerstandkraft einer Bevölkerung von ungefähr zwei Millionen Menschen, eingesperrt in einen winzigen Ort, in einer katastrophalen wirtschaftlichen Lage. Benjamin Netanyahu will, dass sie die Arme heben und sagen: Wir ergeben uns. Doch es gibt keine Chance, dass das geschieht, keine!“

Auch hier zeigt sich, wie Warschawski das Wörterbuch nach Art einer totalitären Diktatur umschreibt. Terror gegen die Zivilbevölkerung nennt er „Widerstandskraft“, einen Waffenstillstand und friedliche Koexistenz Gazas an der Seite Israels hielte er für Kapitulation. Er will den Endsieg. Alle Elemente der Wirklichkeit, die nicht in sein Weltbild passen, deutet er konsequent um:

„Die Hamas ist keine terroristische Diktatur, sondern eine Bewegung, die eine Massenbasis und Unterstützung im Volk hat. … Es gibt eine Symbiose zwischen der Bevölkerung und Hamas. Hamas wird als legitime Führung betrachtet und hat eine Mehrheit, auch in Cisjordanien.“

Warschawski meint auch zu wissen, dass die Hamas die „Wahlen“ – welche mögen das gewesen sein? – gewonnen habe. Diese imaginären „Wahlen“ seien übrigens vorbildlich demokratisch gewesen: „Die Palästinenser hatten verlangt, dass internationale Beobachter präsent seien, und diese haben die Wahlen als sehr gut bezeichnet.“ Immer noch nicht sagt Warschawski, welche Wahlen das gewesen sein sollen. Wahlen im Gazastreifen – oder in den Palästinensischen Autonomiegebieten insgesamt – sind eine Fata Morgana, doch Warschawski ist das genug. Wenn Bevölkerung und Hamas, wie Warschawski sagt, eine „Symbiose“ bilden – wozu dann überhaupt Wahlen abhalten? Eine alternative Frage, die man stellen könnte: Wenn die Bevölkerung im Gazastreifen und in „Cisjordanien“ wirklich in so grosser Zahl hinter einer mörderischen antisemitischen Bewegung steht, deren Ziel die Ermordung von Juden ist und die jeden dieser Morde mit Süssigkeiten feiert – was sagt das über diese Bevölkerung und ihre Friedensbereitschaft aus?

Weitere Umdeutungen Warschawskis:

„Die Hamas war am Anfang eine israelische Konstruktion, zu Rabins Zeiten, in der Hoffnung eine Organisationen zu schaffen, welche die PLO schwächen und das Volk entpolitisieren könnte.“

Die Hamas, der palästinensische Zweig der Muslimbruderschaft, wurde also in Wahrheit von Zionisten gegründet (vielleicht in eben jenem Jerusalemer Café, wo Warschawski immer frühstücken geht?). Irgendwelche Belege für seine These kann Warschawski selbstverständlich nicht beibringen, was er da erzählt, ist ja nichts anderes als eine Räuberpistole. Und so geht es weiter:

„Für diese [israelische] Regierung, die nun seit 13 Jahren regiert, ist der Feind Nummer eins nicht die Hamas, sondern die palästinensische Nationalbewegung im Allgemeinen und Mahmud Abbas.“

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu regiert nicht seit 13 Jahren, sondern erst seit zehn. Das ist zwar bei weitem nicht die schlimmste Wahrheitsverbiegung, die Warschawski vornimmt, zeigt aber, was ihm Fakten bedeuten: nichts. „Ein palästinensischer Staat in Cisjordanien und Gaza ist die international anerkannte Lösung, die verhindert werden soll“, glaubt Warschawski. Weswegen verschiedene israelische Regierungen ja auch solche Pläne immer wieder vorgelegt haben, die von der PLO immer wieder abgelehnt wurden. Auch merkwürdig: Warschawski lehnt die Existenz des Staates Israel ja selbst kategorisch ab, wie kann er da plötzlich so tun, als wäre er für eine Zwei-Staaten-„Lösung“?

Dann ist da noch Marwan Barghouti, der verurteilte Mörder, der das Blut zahlloser Zivilisten an seinen Händen hat und deshalb eine lebenslange Haftstrafe verbüsst. Schneider und Warschawski sind sich einig, dass Barghuti eigentlich unschuldig im Gefängnis sitze:

Interviewer: „Es gibt ja auch noch Marwan Barghuti. Er wäre ein idealer Leader Palästinas. Ihn lässt man im Gefängnis.

Warschawski: Die Israelis sind schlechte Kartenspieler. Sie haben einen Trumpf, Barghuti, und sie behalten ihn, behalten ihn, behalten ihn – bis er nichts mehr wert ist, weil eine neue palästinensische Generation ihn nicht mehr kennen wird.“

Das wäre natürlich eine Tragödie. Auffällig ist, wie Warschawski immer wieder auf die Lippen beisst, wenn er einmal die Wahrheit zu sagen droht. „Bis ins Jahr 2000“ sei die „grössere Hälfte“ der israelischen Bevölkerung „links“ gewesen, „die kleinere rechts“, sagt er (in Warschawskis Weltbild heisst „links“ so viel wie friedlich und gut, „rechts“ hingegen böse und kriegerisch). Und was ist dann passiert? „Im Jahre 2000 gab es dieses Abgleiten“, sagt Warschawski. Da er den Satz nicht erläutert, wollen wir es tun: Das „Abgleiten“ war das endgültige Scheitern des Oslo-Prozesses: PLO-Chef Jassir Arafat lehnte im Juli 2000 den Friedensplan des israelischen Ministerpräsident Ehud Barak ab, liess die Friedensgespräche in Camp David platzen und befahl im September 2000 die massenhafte Ermordung von Israelis („Zweite Intifada“). Da dämmerte jedem Israeli, der kein dickes Brett vor dem Kopf hatte, dass es auf der arabischen Seite niemanden gibt, mit dem man Frieden schliessen kann. Und wenn es eine solche Person gäbe, würde sie nur für eine ohnmächtige Minderheit sprechen – was Warschawski ja selbst eingesteht, wenn er mit schwülstigem Pathos behauptet, die arabisch-palästinensische Bevölkerung und die Hamas bildeten eine „Symbiose“.

Während Warschawski die Hamas, die mit ihren Gegnern kurzen Prozess macht, vergöttert, prangert er an, auf welch brutale Weise in Israel „dissidente Stimmen marginalisiert“ würden. Gibt es öffentliche Hinrichtungen wie im Gazastreifen? Werden Dissidenten aus dem 15. Stock geworfen? Werden ihnen mit Kalaschnikows die Beine abgeschossen, werden sie zu Tode gefoltert? Viel schlimmer:

„Die Brutalität des Diskurses [in Israel], oft sogar schon die Stimme der Politiker lassen die Leute erstarren. Das erinnert mich an Mussolini. Das erklärt das Schweigen und die Auswanderung. Es gibt hierzulande keine Zensur, höchstens die Zensur durch Einschüchterung, die Delegitimierung der kritischen Stimmen. Wenn man Fernsehen und Radio verfolgt oder die grossen Zeitungen liest, mal abgesehen vom Klopapier Netanyahus, so gibt es abweichende Meinungen, aber sie sind unter dem Bleideckel des herrschenden faschistischen Diskurses.“

Der Faschismus also besteht darin, dass es Pluralismus gibt, der es mit sich bringt, dass es in Debatten Rede und Gegenrede gibt, was Warschawski für „Delegitimierung“ hält, weil er es gewohnt ist, dass ihm der rote Teppich ausgerollt wird und er Widerspruch als Majestätsbeleidigung empfindet. Er selbst nimmt sich die Freiheit, alle, die er nicht mag, nach Kräften zu verleumden und zu beleidigen. Shimon Peres etwa, den 2016 verstorbenen ehemaligen israelischen Staatspräsidenten und langjährigen Weggefährten von Yitzhak Rabin, schmäht Warschawski als „die endgültige Ermordung Rabins“. Respektvolle politische Auseinandersetzung ist Warschwaskis Sache so gar nicht.

Rassistische Logik

In einem besonders aufschlussreichen Teil des Interviews gibt Warschwaski sich als Rassisten ganz alter Schule zu erkennen. Über die Lage des Staates Israel in der arabisch-muslimischen Umgebung des Nahen Ostens sagt er:

„Wir sind die Zivilisation, der Fortschritt, der Luxus, um uns sind Wildnis und wilde Tiere. Aber andererseits: Ich kenne in der Geschichte der Menschheit keine Villa, die im Dschungel ewig gehalten hat. Selbst mit einer 9 Meter hohen Mauer, selbst wenn man von Zeit zu Zeit die Umgebung in Brand steckt – das Schicksal der Villa im Dschungel ist es zu verschwinden.

Hier haben wir wohl den Schlüssel zu Warschawskis Denken: Wenn Araber „wilde Tiere“ wären, wie Warschawski behauptet, dann wären sie eben keine vernunftbegabten Akteure, hätten keine Moral und wären nicht für ihre Taten verantwortlich. Das erklärt, warum Warschawski niemals Kritik an Abbas, Arafat oder der Hamas übt. Einer solch rassistischen Logik zufolge wäre es sinnlos, an sie zu appellieren und darauf zu hoffen, dass sie sich ändern und friedfertig werden. Dass die Hamas und die Fatah Juden töten, könnte man ihnen dann gar nicht zum Vorwurf machen, so, wie man Tigern ja auch keine Moralpredigten hält und versucht, sie zu Vegetariern umzuerziehen. Wenn sich jemand ändern kann, dann nur die Menschen, die in „Zivilisation, Fortschritt und Luxus“ leben (und morgens in einem Jerusalemer Café sitzen und auf Französisch Interviews geben, könnte man anfügen). Tiere können nicht schuldig sein, nur Menschen. Und dazu zählt Warschawski die Araber nicht. Eigentlich, so scheint es, hasst er sie genauso, wie er die Juden hasst. Warschawski ist ein Misanthrop. Hieraus ergibt sich ein interessanter Anknüpfungspunkt zu einem anderen Teil des Interviews. Da gibt der Interviewer das Stichwort: „Das scheint mir auch in der Tradition der religiösen Juden zu liegen: Gott wird uns bestrafen, weil wir in Sünde leben.“ Warschawski stimmt emphatisch zu:

„Ja, das ist meine Mutter! Die Rabbinerin. Sie sagte immer: Wenn wir so weiter machen, werden wir nicht würdig sein, auf dieser Erde zu bleiben. In einer gewissen jüdischen Tradition muss man sich das Recht, an einem Ort zu sein, verdienen durch sein Verhalten, damit das Land nicht „ausspeie“, die es „unrein“ machen. Das ist eine biblische Vorstellung.“

Ob Warschawski die Bibel für sich reklamieren kann, sei dahingestellt; ganz sicher aber beschreibt er hier seine eigene Vorstellung, die er nach eigenem Bekunden von seiner Mutter übernommen hat: einen krankhaften Schuldkomplex, das Gefühl, „unrein“ und des Lebens „nicht würdig“ zu sein. Theodor Lessing beschrieb dieses Phänomen 1931 in seiner Studie Der jüdische Selbsthass:

„Es ist nun eine der tiefsten und sichersten Erkenntnisse der Völkerpsychologie, dass das jüdische Volk unter allen Völkern das erste, ja vielleicht das einzige Volk war, welches die Schuld am Weltgeschehen einzig in sich selber gesucht hat. Auf die Frage: ‚Warum liebt man uns nicht?’ antwortet seit alters die jüdische Lehre: ‚Weil wir schuldig sind’. Es hat grosse jüdische Denker gegeben, die in dieser Formel … und in diesem Erlebnis der Kollektiv-Verschuldung und Kollektiv-Verantwortung des Volkes Israel den innersten Kern der jüdischen Lehre erblickten.“

Das „3.000jährige hoffnungslose Leiden des jüdischen Volkes“, so Lessing, habe nur dadurch ertragen werden können, dass es als eine Absicht des Schicksals gedeutet worden sei: „Wen Gott liebt, den züchtigt er.“ Der Glaube, dass Diaspora, Verfolgung und Pogrome eine Strafe seien, enthalte bereits den Ansatz zum Phänomen des „Selbsthasses“. Hier sieht Lessing den Unterschied zu anderen Völkern, namentlich zu den „glücklichen und siegreichen“: Sie suchen, wenn sie das Unglück trifft, die Quelle nicht bei sich, sondern bei den anderen.

„Die Lage des jüdischen Menschen war somit doppelt gefährdet. Einmal, weil er selber auf die Frage: ‚Warum liebt man uns nicht?’ antwortet: ‚Weil wir schuldig sind.’ Sodann aber, weil die anderen Völker auf die Frage: ‚Warum ist der Jude unbeliebt?’ nun gleichfalls antworten konnten: Er sagt es selber: Er ist schuldig.“

Man könnte meinen, Theodor Lessing hätte, als er diese Worte vor fast 90 Jahren schrieb, Michael Warschawski vor Augen gehabt.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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