Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu bei einer Pressekonferenz mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orbán am 19. Juli 2018 in Jerusalem. Foto Kobi Gideon/GPO
Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu bei einer Pressekonferenz mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orbán am 19. Juli 2018 in Jerusalem. Foto Kobi Gideon/GPO

Kritiker von Premierminister Benjamin Netanyahu argumentieren, dass er niemals mit europäischen Nationalisten sprechen sollte, da europäischer Nationalismus oft mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wird.

 

von Alan M. Dershowitz

Ironischerweise (oder vielleicht heuchlerischerweise) forderten viele dieser gleichen Kritiker, israelische Ministerpräsidenten dazu auf, mit Yasser Arafat und anderen Terroristenführern zu sprechen, welche den Mord an Juden befürwortet und praktiziert haben. Wo ist der Unterschied? In beiden Fällen müssen gewählte Regierungsmitglieder ihre Nasen zuhalten, um mit anderen Regierungschefs zu sprechen, deren Ideologien und Handlungen sie stark ablehnen. Aber wenn man der Staatschef eines Landes ist, muss die pragmatische Realpolitik oft Vorrang vor der reinen Ideologie haben.

Erinnern Sie sich an den Ausdruck auf dem Gesicht von Yitzhak Rabin, als Präsident Clinton ihn aufforderte, Yasser Arafat die Hand zu geben, einem Mann der persönlich für die Anordnung der Ermordung israelischer Kinder, Frauen und Männer verantwortlich war. Als ich das später mit Rabin besprach, sagte er, dass seine Hand durch den Samthandschuh der Diplomatie geschützt sei. Die Linke lobte Rabin, so wie es auch sein sollte. Aber viele der gleichen Menschen verurteilen Netanyahu jetzt dafür, dass er den gleichen Samthandschuh der Diplomatie auf europäische Nationalisten ausgedehnt hat.

Foto Vince Musi / The White House – gpo.gov – Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7273344

Es gibt natürlich Grenzen, die niemand jemals überschreiten sollte, auch nicht mit dem Schutz eines Samthandschuhs. Aber wenn diese Linie nicht mit Arafat überschritten wurde, wird sie sicherlich nicht mit Viktor Orbán und anderen nationalistischen Führern überschritten. Die Linie kann nicht darauf basieren, ob der angebliche Bösewicht rechts, links, muslimisch oder christlich ist. Es muss eine Linie sein, die auf objektiven Faktoren basiert.

Die Vereinigten Staaten verhandelten, wenn auch leise, mit den Führern des Iran und verhandelten sogar schon in den 1930er und 1940er Jahren mit Hitler, Mussolini und Stalin. Präsident Roosevelt antwortete auf die Frage, warum er mit dem tyrannischen Führer einer zentralamerikanischen Diktatur verhandelte: „Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn.“

Die nationalistischen Staats- und Regierungschefs Mittel- und Osteuropas bieten ein gemischtes Bild, wenn es um Israel geht. Sie unterstützen stark den jüdischen Nationalismus, den Zionismus und den Nationalstaat des jüdischen Volkes. Aber ihre Haltung gegenüber Juden und dem Holocaust ist oft sehr fragwürdig. Der Premierminister Israels muss die Interessen seines Landes vor die ideologische Reinheit oder die Einstellung gegenüber Juden im Allgemeinen stellen. In einer Welt, in der so wenige Nationen Israel unterstützen und in der so viele routinemässig bei den Vereinten Nationen gegen Israel stimmen, darf Israel nicht ohne weiteres die Unterstützung durch rechte Nationalisten aufgeben.

Einer der Vorwürfe gegen Viktor Orbán ist, dass er George Soros attackiert hat, den jüdischen Multimilliardär, dessen Aktivitäten in Europa und der ganzen Welt sehr umstritten sind. Die Wahrheit ist, dass Soros es verdient, kritisiert zu werden und die Tatsache, dass er zufällig ein Jude ist, sollte ihn nicht von dieser Kritik befreien. Soros ist seit langem ein Feind Israels und war nie ein besonders starker Verfechter jüdischer Werte. Es ist daher absurd, dass die Kritik an ihm als Massstab für Antisemitismus zu gelten scheint.

Abgesehen von Soros gibt es jedoch gute Gründe, viele der politischen Konzepte und Aussagen von Orbán und seinen rechten Parteifreunden abzulehnen. Ihre Haltung gegenüber dem Holocaust, insbesondere die Verherrlichung von Antisemiten, die mit den Nazis zusammengearbeitet haben, verdient eine ernsthafte Verurteilung. Ebenso wie die Weigerung dieser Politiker, sich der Verantwortung einiger ihrer Bürger für die „Endlösung“ gegen die Juden zu übernehmen.

Das Leben bietet immer wieder unterschiedliche Perspektiven, vor allem in Bezug auf Politik und internationale Beziehungen. Verurteilen Sie also nicht Premierminister Netanyahu dafür, dass er das getan hat, was praktisch jeder israelische Premierminister getan hat, angefangen damit, dass David Ben Gurion die Wiedergutmachung aus Deutschland akzeptiert hat. Die Politik schafft seltsame Bettgenossen und die internationale Politik noch seltsamere. Verurteilen wir also die europäischen Nationalisten, wenn ihre Taten eine Verurteilung rechtfertigen, aber begrüssen wir ihre Unterstützung für Israel zu einem Zeitpunkt, da diese Unterstützung immer wichtiger wird.

Alan M. Dershowitz ist emeritierter Inhaber des Felix-Frankfurter-Lehrstuhls für Rechtswissenschaften an der Harvard Law School und Autor von The Case Against the Democrats Impeaching Trump, Skyhorse Publishing, 2018. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

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