Schweiz – Israel, Belastete Vergangenheit, hoffnungsvolle Zukunft? Foto zVg
Lesezeit: 4 Minuten

Wie neutral kann ein Staat sein? Für Matthias Winkler ist die Schweiz ein Land, welches von Gott über die Massen gesegnet ist. Doch man lebe in der Gefahr, diesen Segen und das geistliche Erbe zu verlieren. Entscheidend sei die Frage: Wie steht man zum Volk Gottes?

 

von Martin Schlorke

Anders als der Buchtitel vermuten lässt, steigt Winkler nicht etwa mit dem Verhältnis der Schweiz zum modernen Staat Israel ein. Er beginnt seinen Exkurs in den Anfängen der Schweizergeschichte, also weit weg vom Nahostkonflikt oder vom Nationalsozialismus. Er beschreibt eine Zeit, in der zu erkennen sei, auf welche besondere Art und Weise Gott das Schweizer Volk gesegnet habe. Winkler erinnert seine Leser an den Rütlischwur der Urschweizer und der damit einhergehenden, bis heute gültigen Verantwortung. Neben Zusammenhalt und der Einsatz für Freiheit sei dies vor allem das Vertrauen in Gott. Es ist ein Aufruf Winklers an alle Schweizer, sich an diesen alten Schwur zu erinnern. In den weiteren Kapiteln wird dann auch klar, weshalb Winkler seine Ausführungen ebenso beginnt. Das Rückbesinnen auf Gott – also die Dankbarkeit für den besonderen Segen und den Rütlischwur – ebnen den Weg für seine biblische Argumentation. Neben dem Zitieren von Bibelversen stützt sich Winkler auch immer wieder auf die Schweizer Reformatoren und andere grosse Theologen. So brachte beispielsweise Huldrych Zwingli die segensreiche Schweizer Geschichte unmittelbar mit einem gottesfürchtigen Leben in Verbindung. Es verhalte sich laut dem Reformator so, wie mit dem Volk Israel. Wenn man sich an Gottes Wort halte, würde Gott Frieden schenken. Zwingli ging sogar so weit zu sagen, dass die Schweiz nicht nur im Inneren für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit sorgen müsse, sondern auch über ihre Grenzen hinaus. Ein göttlicher Auftrag also zum Wohle der Fremden.

„Schweizer Flüchtlingspolitik war antisemitisch“

Im Buch macht Winkler nun einen grossen Sprung. Von Zwingli und dem 16. Jahrhundert geht es direkt ins Jahr 1939 und zur Flüchtlingsfrage in Europa. Der Autor macht deutlich, dass die lange Schweizer Tradition Flüchtlinge aufzunehmen (Hugenotten, Kommunisten, uvm.), in den 1930er Jahren ein jähes Ende fand. Er benennt das Versagen der Behörden und Entscheidungsträger, sowie die Misserfolge von Flüchtlingskonferenzen und kritisiert die Kirche.

Auch wenn die Schweiz bis 1945 ungefähr 300.000 Flüchtlinge aufnahm, sei die Schweizer Flüchtlingspolitik, vor allem zwischen den Weltkriegen, antisemitisch gewesen. Der Historiker Professor Edgar Bonjour urteilte bereits 1970, dass die Schweizer sich damals am Leid der Juden mit schuldig gemacht hätten. In einer direkten Demokratie, wie die Schweiz eine ist, hätte man sich als Volk gegen diese Politik wehren können.

„Wir Schweizer haben ein durch und durch christliches Erbe“

In seinem Buch arbeitet Winkler nicht nur historische Tatsachen ab, sondern verweist auch immer wieder auf theologische Herausforderungen. Ähnlich wie zu Beginn des Buches holt Winkler aus, um zu seinem eigentlichen Punkt zu kommen. Nachdem er erst die Kernbotschaften der Reformation beschrieben hat, stellt er anschliessend heraus, dass die demokratische Staatsform auf eben diesen Werten der Bibel beruhe. Die Bibel fordere dazu auf, sich um Arme und Schutzlose zu kümmern. Sie habe eine „demokratisierende Kraft“. Die Schlussfolgerung ist klar. Will man echte Demokratie, müsse man sich zwangsläufig an bestimmten biblischen Werten orientieren oder mindestens erinnern: „Wir Schweizer haben ein durch und durch christliches Erbe. Dieses zu negieren hiesse, unsere Wurzeln, quasi unser Erfolgsrezept, in Frage zu stellen.“

Immer wieder macht Winkler in seinem Buch grosse zeitliche, aber inhaltlich stets passende Sprünge und genau das ist es, was dieses Buch so wertvoll macht. Es gelingt Winkler immer einen Bezug zwischen Moderne und historischer Basis zu schaffen. Er geht dabei nicht nur auf die Schweizer Geschichte ein, sondern beschreibt gesamteuropäische Zusammenhänge. Ebenso im nächsten Kapitel seines Buches. Dort erklärt Winkler das Verhältnis von der Kirche zu Israel, beziehungsweise zum jüdischen Volk. Ihm gelingt es diese komplexe und Jahrhunderte alte Geschichte verhätlnismässig kurz, aber dennoch mit notwendiger Tiefe und unter Berücksichtigung aller wichtigen Ereignisse zu erläutern.

Schweiz verhalte sich im Nahostkonflikt nicht neutral

Bevor Winkler auf die Rolle der Schweiz im Nahostkonflikt eingeht, bleibt er seiner Linie treu und gibt dem Leser vorab eine gesunde Portion Grundwissen über Besitzverhältnisse, Kriege und Begriffsdefinitionen mit auf dem Weg. Woher kommt der Begriff „Palästina“? Wer hat historisches Anrecht auf Jerusalem und wem gehört das Land? Diese und andere, weltpolitisch heikle Fragen stellt Winkler. Neben historisch-politischen Wahrheiten spielen bei der Beantwortung dieser Fragen ebenfalls biblisch begründete Argumente eine Rolle. Winkler versucht ebenfalls Licht in die unklaren Beziehungen zwischen der Schweiz und führenden Palästinenservertretern zu bringen. In dem Zusammenhang geht er auch auf die Schweizer Rolle im Bezug zum Palästinenserflüchtlingshilfswerk UNRWA ein.

Abschliessend appelliert Winkler an die Schweizer. Man müsse sich bewusst sein, dass man an einem Scheideweg stehe. Die Schweiz habe sich im Verlauf der Geschichte immer mehr von Gott entfernt. Wenn man jetzt nicht umkehre, bestehe die Gefahr, dass die segensreiche Zeit ein Ende findet. Daher fordert Winkler in einem Schlussplädoyer, Jerusalem als Hauptstadt anzuerkennen und für Fehler in der Vergangenheit um Vergebung zu bitten.

Mehr als nur biblische Apologetik

Obwohl „Schweiz – Israel. Belastete Vergangenheit, hoffnungsvolle Zukunft?“ sehr ausführlich das Schweizer Verhältnis zu Juden und Israel beschreibt, ist es eine Lektüre, die auch über die Schweizer Grenzen hinaus Relevanz hat. Für all die, die eine überblicksgebende Einführung zum Verhältnis von Kirche/Reformation zum jüdischen Volk lesen wollen, bietet sich das Buch hervorragend an. Auch gibt es einen guten Einblick in den modernen Nahostkonflikt und lädt ein, sich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Obwohl an vielen Stellen Bibelzitate in Winklers Argumentation zu finden sind, handelt es sich bei dem Buch keineswegs um biblische Apologetik. Viele Argumentationsstränge sind ausschliesslich historisch belegt und daher auch ohne biblisches Vorwissen gut nachvollziehbar.

Martin Schlorke arbeitet nach seinem Studium der Judaistik und Geschichte als freier Journalist. Er schreibt unter anderem für den Chrislichen Medienverbund KEP e.V.

Schweiz – Israel, Belastete Vergangenheit, hoffnungsvolle Zukunft?

  • Autor: Matthias Winkler
  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Asaph Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3935703163

    Hier bestellen
Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  • 2
  •  
  •  

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.