Französische Soldaten bewachen den Eingang zu einer Pariser Synagoge. Foto Serge Attal / Flash 90
Französische Soldaten bewachen den Eingang zu einer Pariser Synagoge. Foto Serge Attal / Flash 90
Lesezeit: 5 Minuten

Warum erklären so viele der Enkelkinder von Nazis und Nazikollaborateuren, die uns den Holocaust gebracht hatten, den Juden erneut den Krieg? Warum erleben wir in Westeuropa einen solchen Anstieg von Antisemitismus und irrational virulentem Antizionismus?

 

von Alan M. Dershowitz

Um diese Fragen zu beantworten, muss zunächst ein Mythos aufgedeckt werden. Dieser Mythos ist derjenige, der von den Franzosen, Niederländern, Norwegern, Schweizern, Belgiern, Österreichern und vielen anderen Westeuropäern verbreitet wird: nämlich, dass der Holocaust ausschliesslich das Werk deutscher Nazis war, vielleicht noch unterstützt von einigen polnischen, ukrainischen, lettischen, litauischen und estnischen Kollaborateuren.

Falsch.

Der Holocaust wurde von Europäern begangen: von Nazi-Sympathisanten und Kollaborateuren unter den Franzosen, Niederländern, Norwegern, Schweizern, Belgiern, Österreichern und anderen Europäern, sowohl im Westen als auch im Osten.

Wenn die französische Regierung nicht mehr Juden in die Vernichtungslager deportiert hätte, als ihre deutschen Besatzer verlangt haben; wenn so viele niederländische und belgische Bürger und Staatsbeamte nicht am Zusammentreiben der Juden mitgewirkt hätten; wenn so viele Norweger Vidkun Quisling nicht unterstützt hätten; wenn Schweizer Amtsträger und Banker die Juden nicht ausgebeutet hätten; wenn Österreich nicht mehr Nazi als die Nazis gewesen wäre, hätte der Holocaust nicht so viele jüdische Opfer gehabt.

Angesichts der weit verbreiteten europäischen Komplizenschaft bei der Zerstörung des europäischen Judentums sollten der allgegenwärtige Antisemitismus und der irrational hasserfüllte Antizionismus, der in jüngster Zeit in ganz Westeuropa gegen Israel ausgebrochen ist, niemanden überraschen.

„Oh nein“, hören wir von europäischen Apologeten. „Das ist etwas anderes. Wir hassen die Juden nicht. Wir hassen nur ihren Nationalstaat. Ausserdem waren die Nazis rechts. Wir sind Linke, also können wir keine Antisemiten sein.“

Unsinn.

Die extreme Linke hat eine Geschichte des Antisemitismus, die so tief und dauerhaft ist wie die extreme Rechte. Die Linie von Voltaire zu Karl Marx, Lavrentiy Beria, Robert Faurisson bis zu den heutigen linksgerichteten Israel-Bashern ist so gerade wie die Linie von Wilhelm Marr zu den Verfolgern von Alfred Dreyfus zu Hitler.

Die Juden Europas sind seit jeher zwischen Schwarz und Rot zerquetscht worden – Opfer des Extremismus, sei es der Ultranationalismus von Chmelnyzkyj oder des Ultrantisemitismus von Stalin.

„Aber einige der lautstarksten Antizionisten sind Juden, wie Norman Finkelstein und sogar Israelis wie Gilad Atzmon. Sicherlich können das keine Antisemiten sein?“

Warum nicht? Gertrude Stein und Alice Toklas arbeiteten mit der Gestapo zusammen. Atzmon, ein hartnäckiger Linker, bezeichnet sich selbst als stolzen, selbsthassenden Juden und gibt zu, dass seine Ideen von einem berüchtigten Antisemiten stammen.

Er leugnet, dass der Holocaust historisch bewiesen ist, aber er glaubt, dass Juden durchaus christliche Kinder getötet haben könnten, um mit ihrem Blut Passah-Matzah zu backen. Und er hält es für „rational“, Synagogen niederzubrennen.

Finkelstein glaubt an eine internationale jüdische Verschwörung, zu der Steven Spielberg, Leon Uris, Eli Wiesel und Andrew Lloyd Webber gehören!

„Aber Israel tut den Palästinensern Schlimmes an“, betonen die europäischen Apologeten, „und wir sind empfindlich gegenüber der Notlage des Aussenseiters.“

Nein, seid ihr nicht! Wo sind eure Demonstrationen im Namen der unterdrückten Tibeter, Georgier, Syrer, Armenier, Kurden oder sogar Ukrainer? Wo sind eure BDS-Bewegungen gegen die Chinesen, Russen, Kubaner, Türken oder das Assad-Regime?

Nur die Palästinenser, nur Israel? Warum? Nicht, weil die Palästinenser mehr unterdrückt werden als diese und andere Gruppen. Nur weil ihre angeblichen Unterdrücker Juden und der Nationalstaat der Juden sind. Würde es Demonstrationen und BDS-Kampagnen im Namen der Palästinenser geben, wenn sie von Jordanien oder Ägypten unterdrückt würden?

Oh, Moment! Die Palästinenser wurden von Ägypten und Jordanien unterdrückt. Gaza war zwischen 1948 und 1967, als Ägypten Besatzungsmacht war, ein Freiluftgefängnis. Und erinnern Sie sich an den Schwarzen September, als Jordanien mehr Palästinenser umbrachte, als Israel es in einem Jahrhundert tat? Ich erinnere mich an keine Demonstrationen oder BDS-Kampagnen – weil es keine gab.

Wenn Araber Araber besetzen oder töten, werden die Europäer gelangweilt. Aber wenn Israel eine Fabrik für Sodamaschinen in Maale Adumim eröffnet, von der sogar die palästinensische Führung zugibt, dass sie bei jedem Friedensabkommen Teil Israels bleiben wird, trennt sich Oxfam von Scarlett Johansson, weil sie für ein Sodamaschinenunternehmen wirbt, das Hunderte von Palästinensern beschäftigt.

Denken Sie in diesem Zusammenhang daran, dass Oxfam laut dem in Tel Aviv ansässigen Israeli Law Center „Hilfe und materielle Unterstützung“ für zwei antiisraelische Terrorgruppen geleistet hat.

Die Heuchelei so vieler linksgerichteter Westeuropäer wäre erschütternd, wenn sie nicht aufgrund der erbärmlichen Geschichte der Behandlung der Juden durch Westeuropa so vorhersehbar wäre.

Selbst England, das auf der richtigen Seite des Krieges gegen den Nationalsozialismus stand, hat eine lange Geschichte des Antisemitismus. Beginnend mit der Vertreibung der Juden im Jahr 1290 bis hin zum berüchtigten Weissbuch von 1939, was die Juden Europas daran hinderte, Asyl von den Nazis im britisch-mandatierten Palästina zu bekommen. Und Irland das im Krieg gegen Hitler zauderte, verfügt über einige der virulentesten anti-israelischen Äusserungen.

Die einfache Tatsache ist, dass man den gegenwärtigen westeuropäischen linken Krieg gegen den Nationalstaat des jüdischen Volkes nicht verstehen kann, ohne zuerst den langfristigen europäischen Krieg gegen das jüdische Volk selbst anzuerkennen.

Theodor Herzl verstand die Allgegenwärtigkeit und Irrationalität des europäischen Antisemitismus, was ihn zu dem Schluss führte, dass die einzige Lösung für das jüdische Problem Europas darin bestand, dass die europäischen Juden diese Bastion des Judenhasses verliessen und in ihre ursprüngliche Heimat, den heutigen Staat Israel, zurückkehrten.

Nichts davon dient dazu, die Unvollkommenheit Israels oder die Kritik, die es zu Recht für einige seiner politischen Massnahmen verdient, zu leugnen. Aber diese Unvollkommenheit und verdiente Kritik sind keine Erklärung, keine Rechtfertigung für den unverhältnismässigen Hass gegen den einzigen Nationalstaat des jüdischen Volkes und das unverhältnismässige Schweigen über die weitaus grösseren Unvollkommenheiten und die berechtigte Kritik an anderen Nationen und Gruppen einschliesslich der Palästinenser.

Ebenso wenig soll damit bestritten werden, dass sich viele westeuropäische Menschen und einige westeuropäische Staaten geweigert haben, dem Hass gegen die Juden oder ihren Staat zu erliegen. Man denke zum Beispiel an die Tschechische Republik. Aber viel zu viele Westeuropäer sind in ihrem Hass auf Israel genauso irrational wie ihre Vorfahren in ihrem Hass auf ihre jüdischen Nachbarn.

Wie der Autor Amos Oz einst treffend bemerkte: Die Mauern des Europas seiner Grosseltern waren mit Graffiti bedeckt, die lauteten: „Juden, geht nach Palästina“. Jetzt heisst es: „Juden, verschwindet aus Palästina“ – womit Israel gemeint ist.

Für wen halten sich diese westeuropäischen Eiferer eigentlich? Es sind nur Narren, die sich täuschen lassen wollen, um zu leugnen, dass sie neue Variationen der alten Vorurteile ihrer Grosseltern zeigen.

Jeder objektive Mensch mit einem offenen Geist, offenen Augen und einem offenen Herzen muss sehen, wie die Doppelmoral gegenüber dem Nationalstaat des jüdischen Volkes angewendet wird. Viele von ihnen sind die Enkelkinder derer, die in den 1930er und 1940er Jahren bei den Juden Europas mit zweierlei Mass gemessen haben. Sie sollten sich schämen, sich selbst im Spiegel der Moral ansehen und ihre eigene Bigotterie anerkennen.

Alan M. Dershowitz ist emeritierter Inhaber des Felix-Frankfurter-Lehrstuhls für Rechtswissenschaften an der Harvard Law School und Autor von The Case Against the Democrats Impeaching Trump, Skyhorse Publishing, 2018. Auf Englisch erschienen bei Gatestone Institute. Dieser Artikel erschien ursprünglich am 21. Juli 2014 in der Jerusalem Post. Übersetzung Audiatur-Online.

3 KOMMENTARE

  1. Ein sehr leidenschaftlicher und berechtigter Artikel.

    Einen Faktor möchte ich noch beisteuern, nämlich daß die Moslems jetzt schon durch Gewalt (Charlie Hebdo) eine Art prophylaktisches Stockholmsyndrom bei den Machern der veröffentlichten Meinung ausgelöst haben und man sich gerade für eine Zukunft, wo der Moslemanteil ohne Aussicht auf Umkehrung oder Stillstand wachsen wird, mit ihnen schon mal gutstellen will.

    Und Gutstellen bedeutet dann eben, sich in Antisemitismus einüben.

    Die „Integration“ der Moslems in Europa läuft darauf hinaus, daß sich die Wirtsbevölkerungen dem arabischen Antisemitismus andienen. Wir Deutschen schaffen das sicher dank unserem Untertanengeist in Rekordzeit.

    • Gutstellen , eben ,das ist genau der falsche weg , vøllig richtig . Die eigenen positionen ,die westliche kultur mit den hart erkæmpften werten verteidigen . Wir haben die besseren argumente . Und Israel niemals im stich lassen . Dieses kleine land umgeben von arabisch, mohamedanischen nachbarn — es grenzt an ein wunder ,dass dieser staat 70 jahre alt werden konnte . Den juden in der ganzen welt und dem land Israel wuensche ich alles gute und Shalom !

  2. Ein guter und tiefer Artikel!

    Fast wäre der Autor auch an die Wurzeln des Judenhasses in Europa gestoßen – fast.

    Der Autor spricht vom Krieg der Europäer gegen das Judentum
    – jedes Kind würde jetzt fragen: Warum (der Krieg Europas gg. …)?

    Als Agnostiker bin ich kein so fürchterlich religiöser Mensch,
    aber eines ist klar: ohne ihren Gott JHWH hätten die Juden die bisherigen
    und gegenwärtigen Probleme NICHT gehabt!

    In Europa war es die Kirche, die sich von den Juden abgrenzen und die Früchte
    der jüdischen Bäume für sich beanspruchen wollte:
    lernte doch über Jahrhunderte jedes Kind in Europa – die Juden sind die Mörder Gottes.

    Aber auch die Kinder in den arabischen Ländern lernten …
    leider nicht sehr viel aber dennoch wenigstens dieses: die Juden sind böse
    und Allah ein Gräuel.

    Die Nachwirkungen des Holocaust dämpften dann den allgemeinen Judenhass;
    diese Schonzeit ist nun, mit dem Eintreffen der „anderen Kultur“,
    der aus den arabischen Ländern,
    endgültig vorbei.
    Außerdem – politisch völlig korrekt und selbst von der Bundesregierung vorgegeben –
    ist man eben kein Judenhasser mehr, sondern man hasst Israel
    – kleine, semantische Notlösung;
    wenngleich der Geruch, der uns von diesem Argument entgegenschlägt,
    genauso stinkt wie dazumal der Judenhass.
    Little wonder – am unappetitlichen Inhalt dieser Verpackung hat sich NICHTS geändert.

    Ernüchternd ist dann auch, dass der Autor die echten Schlechten beim Blaming
    außen vorlässt:
    ja, der kleine Deutsche, aufgestachelt von den Nazis,
    hatte seinerzeit Steine ins Schaufenster der Juden geworfen
    – aber nur, weil er sonst nicht hätte klauen können
    (wie auch – mit Glas davor!).
    Es liessen sich bestimmt die Namen von 5´000 Beamten des Deutschen Reiches ermitteln,
    ohne deren Zutun damals kaum etwas gelaufen wäre!
    Jeder von denen hatte weit mehr als nur einen Stein geworfen …

    Aber die durften nach dem Krieg munter weiter verwalten
    und selbst Herr Dershowitz, knappe 100 Jahre später,
    lässt die Beamtenschaft noch in Frieden ruhen.

    So sei es …

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