Foto SRF/Oscar Alessio
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Vor einer Woche veröffentlichte die Nahostkorrespondentin des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), Susanne Brunner, eine Analyse bezüglich der israelischen Wahlen, welche vor allem Behauptungen enthält, die einer näheren Betrachtung nicht standhalten können.

 

Frau Brunner ist seit 2018, nachdem sie unter anderem als US-Korrespondentin tätig war, die Stimme des SRF, wenn es um Nahost-Angelegenheiten geht und lebt in der jordanischen Hauptstadt Amman. Um zu entspannen, besucht die studierte Journalistin laut dem Migros-Magazin gern ein Yogastudio.

Bereits der Titel „Mit der Angst vor Terror macht Netanjahu Politik“ ist abenteuerlich, da Terroranschläge durch militante Palästinenser alles, aber sicher keine Ausnahmen sind. Der israelische Geheimdienst Shin Bet vereitelte im letzten Jahr rund 500 geplante Anschläge dieser Art. Doch dieser Fakt scheint Frau Brunner nicht genug zu sein, da sie mit der Wahl ihres Titels impliziert, dass das Bedürfnis eines israelischen Staatsbürgers nach Sicherheit übertrieben ist und Netanyahu Ängste schürt, während er dabei das Bild vermittelt, dass nur er die Sicherheit Israels garantieren könne.

Weiterhin spricht sie in ihrem Artikel über eine junge israelische Frau aus Jerusalem, die die Korruptionsaffäre um Netanyahu zwar verwerflich findet, ihm aber trotzdem ihre Stimme geben würde, weil sie die Vorwürfe gegen ihn als weniger schlimm empfindet, als die Angst vor einem Selbstmordattentat, die sie beschleicht, wenn sie in einen Bus steigt. Brunner verwendet diese Aussage in ihrem Kommentar bewusst, um das Statement in ihrem Titel noch einmal zu unterstreichen. Dass genau an dem Tag, an welchem ihr Kommentar erschien, eine palästinensische Frau eine israelische Sicherheitswache an einem Kontrollpunkt in Jerusalem mit einem Messer angriff, scheint demnach lediglich ein Einzelfall und die schiere Existenz von diesen Sicherheitscheckpoints an vielen Orten in Israel, wohl auch nur eine Übertreibung zu sein.

Brunner fährt damit fort, auch den Kontrahenten Netanyahus, Benny Gantz, zu kritisieren, urteilt über ihn jedoch milder. Ein besonderes Augenmerk richtet sie hierbei auf seine Aussage bezüglich des Gazakriegs im Jahr 2014. Hierbei brüstete er sich ihrer Aussage nach, viele „palästinensische Terroristen“ umgebracht zu haben. Die Anführungszeichen verwendet die Korrespondentin hierbei offenbar als Stilmittel, um ihren darauffolgenden Satz einzuleiten und seine Bedeutung zu unterstreichen, indem sie aussagt, dass im Gazakrieg hauptsächlich Zivilisten ums Leben kamen. Belege und Quellen führt die Frau Brunner dafür jedoch nicht an.

Im weiteren Verlauf berichtet sie, dass Gantz zwar das Wort „Frieden“ benutzt habe, es sich hierbei aber um einen Terminus handele, den die meisten Politiker in Wahlkämpfen vermeiden, da es ihnen zu links erscheinen würde. Diese Aussage erscheint so eurozentristisch und plump, dass es verwundert, wie eine Nahostkorrespondentin das Grundbedürfnis eines Menschen nach Frieden scheinbar so leicht aberkennen kann. Die Geburt des israelischen Staates war durch einen Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 gekennzeichnet, in dem die Palästinenser, unterstützt von 5 arabischen Armeen, den frisch ausgerufenen, einzigen jüdischen Staat in der Welt vernichten wollten, von den nachfolgenden Verteidigungskriegen ganz zu schweigen. Die Formel „Land für Frieden“ wurde versucht durch die Oslo Verträge zu verwirklichen, brachte allerdings herzlich wenig. Sowohl die Palästinensische Autonomiebehörde in der Westbank, als auch die islamistische Terrororganisation Hamas, die mit eiserner Hand über den Gazastreifen herrscht und in diesen Tagen die Aufstände in ihrem Gebiet gegen ihre Herrschaft blutig niederschlägt, bezahlen palästinensische Terroristen schlichtweg für Judenmord. Beide Parteien geben dies zum einen offen zu und die PA echauffierte sich erst kürzlich darüber, dass Israel die Steuergeldzahlungen genau um die Summe kürzte, die die Behörde im vergangenen Jahr an Terroristen und ihre Familien zahlte.

Nahezu jeder israelische Staatsbürger hat einen Verwandten, der in zumindest einem der Kriege gekämpft hat und eventuell sogar starb. Die Familien, die ihre Söhne und Töchter durch palästinensische Terroranschläge verloren haben sind zahlreich und ein jeder wird wissen, dass diese Familien immer Frieden anstatt des Verlustes eines geliebten Menschen präferiert hätten. Davon abgesehen gab es zahlreiche Friedensverträge die den Palästinensern vorgelegt und immer wieder von deren Seite aus abgelehnt wurden. Das wohl grosszügigste Friedensangebot war der Friedensplan unter dem damaligen israelischen Premierminister Ehud Olmert aus dem Jahr 2008. Hierbei präsentierte er Mahmud Abbas, dem Vorsitzenden der PA, einen Plan, der u. a. den Rückzug aus rund 94 Prozent der Westbank, die palästinensische Kontrolle über die arabischen Wohnviertel in Jerusalem, eine gemeinsame administrative Verwaltung der Altstadt und einen begrenzten Zuzug von palästinensischen „Flüchtlingen“ nach Israel, die nach dem Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 in die umliegenden arabischen Staaten mehrheitlich geflohen waren, enthielt. Abbas antwortete Olmert schlichtweg nicht und begründete später sein Vorgehen damit, dass er die Landkarte, welche den zukünftigen palästinensischen und jüdischen Staat aufzeigte, nicht ausreichend studieren konnte.

Es bleibt zu sagen, dass Susanne Brunners Aussagen schlichtweg nicht haltbar sind. Ihr Kommentar ist weit davon entfernt eine einfache Kritik an einem israelischen Politiker darzustellen.

Man muss Netanyahu sicher nicht lieben und der bisher noch zur Prüfung ausstehende, Korruptionsskandal um den gerade erst wieder neu gewählten Premierminister Israels ist mit Sicherheit zu verurteilen. Jedoch nimmt die Korrespondentin nahezu eine Dämonisierung seiner Person vor und verliert kein Wort über den vor über 12 Jahren gewählten und illegal an der Macht gebliebenen Palästinenserführer Abbas, der offiziell für Judenmord zahlt. Der Fall Netanyahu wird geprüft und beurteilt werden, ganz so, wie es sich für eine Demokratie und einen Rechtsstaat gehört. Die Verbrechen die der Palästinenserpräsident jedoch begeht, interessieren Frau Brunner hierbei herzlich wenig. Das Herunterspielen von Ängsten bezüglich Terroranschlägen, welche in Israel vielmehr zur Realität gehören, als in einem jordanischen Yogastudio, ist nahezu geschmacklos. Susanne Brunner sollte sich mehr mit der Region und den jeweiligen Politikern und Machthabern beschäftigen, bevor sie die einzige Demokratie im Nahen Osten, unter Anwendung von Doppelstandards, dermassen verurteilt.

Über Tina Adcock

Tina Adcock ist Religionswissenschaftlerin und schreibt gerade in der Tel Aviv University an ihrer Masterarbeit für „Middle Eastern Studies“.

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2 KOMMENTARE

  1. ist es möglich SRF/Serafe verklagen, um die Serafe rechnung nicht mehr zu bezahlen? Warum sollten Schweizer Leute das financieren

  2. Eine präzise Analyse von Tina Adcock.

    Der journalistische Ehrenkodex scheint bei immer mehr Journalisten einer fernen Vergangenheit anzugehören. Frau Brunner ist zudem ein weiteres Beispiel dafür, dass es ausreicht, keine Ahnung von dem sogenannten Nahost-Konflikt zu haben um genau deswegen zur Nahostkorrespondentin ernannt zu werden.

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