Marsch für Mireille Knoll am 28. März 2018 in Strasbourg. Foto Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons - cc-by-sa-4.0, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67784432
Marsch für Mireille Knoll am 28. März 2018 in Strasbourg. Foto Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons - cc-by-sa-4.0, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67784432
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Die Juden in Frankreich sind „verzweifelt“ und fühlen sich von Regierung und Gesellschaft so im Stich gelassen, dass sie keine Zukunft für ihre Kinder sehen, so bekannte Exponenten der jüdischen Gemeinde.

 

von Orlando Radice

Am Tag vor den Ausschreitungen von Gilets Jaunes, die Geschäfte und Restaurants auf den Champs-Élysées in Brand setzten, sagte Haim Musicant, der Vizepräsident des französischen B’nai B’rith, die Anti-Establishment-Bewegung sei der jüngste Ausdruck einer Welle von Antisemitismus, der sich in den letzten 20 Jahren in der französischen Gesellschaft etabliert habe.

„Es begann während der zweiten Intifada […] Heute zeigt uns eine Umfrage, dass 50 Prozent der Gilets Jaunes denken, dass es ein globales zionistisches Komplott gibt. Ihre Wut konzentriert sich auf Präsident Macron und einer der Gründe dafür, die immer wieder genannt werden ist weil er bei der Rothschild Bank beschäftigt war.“

Die gleichen Verschwörungstheorien finden sich in vielen Teilen der französischen Gesellschaft, fügte der ehemalige Generaldirektor des Crif, dem Dachverband der jüdischen Organisationen Frankreichs hinzu. „Die Klischees über Juden sind immer noch lebendig und intakt – Juden haben Geld, Juden haben Macht. “

„Daran hat sich auch nach dem Holocaust nichts geändert“, so Musicant, dessen gesamte Familie von den Nazis in ihrem russischen Shtetl massakriert wurde, während er mit der Roten Armee in Berlin kämpfte.

Er fügte hinzu: „Die gleiche Umfrage ergab, dass 20 Prozent aller Franzosen auch an eine zionistische Verschwörung glauben. Wir müssen mit der Vorstellung leben, dass es heute Teile der Gesellschaft gibt, die sich gegen die Juden stellen. Dazu gehören viele Muslime – nicht alle Muslime – die extreme Rechte und die extreme Linke.“

„Die Mehrheit glaubt, dass die friedlichen Jahre vorbei sind“

Das Ergebnis, „seit 20 Jahren fühlen sich die Juden wie in einem Boxkampf – und jetzt fühlen sie sich wie in den Seilen hängend.“ sagt Musicant.

Georges Bensoussan, ein bekannter französischer Historiker und Herausgeber der Shoah History Review, teilt diese Einschätzung: „In Frankreich gibt es keine Zukunft für Juden. Viele Gemeindevorsteher wollen das nicht hören. Aber man hört überall, dass sich Menschen fragen: „Wohin sollen wir gehen? Wann sollen wir gehen?“ Das ist keine einfache Option. Aber sie gehen. Die Mehrheit glaubt, dass die friedlichen Jahre vorbei sind.“

Anfang Februar dieses Jahres wurde berichtet, dass es in Frankreich im Jahr 2017 einen Anstieg der antisemitischen Handlungen um 74 Prozent gegeben hatte. Einige Tage später, inmitten einer anhaltenden Flut von Hassverbrechen gegen Juden in ganz Frankreich – darunter Friedhofsschändungen und ein verbaler Angriff auf den prominenten Philosophen Alain Finkielkraut durch Gilets Jaunes- Demonstranten – versammelten sich 20.000 Pariser am Place de la Republique, um gegen den Judenhass zu protestieren.

Vierzehn politische Parteien forderten die Menschen zur Teilnahme auf, an der Premierminister Édouard Philippe und mehr als die Hälfte seines Kabinetts anwesend waren.

Wir brauchen keine Diskussionen

Am selben Tag hatte Präsident Macron beim Besuch eines Friedhofs in Quatzenheim im Elsass, bei dem am Vorabend 96 jüdische Gräber mit blauen und gelben Hakenkreuzen besprüht worden waren, versprochen gegen Hassverbrechen vorzugehen.

„Es war grossartig“, sagte Musicant, „aber am Tag danach fühlten wir uns wieder allein. Macrons Antwort war nicht ausreichend. Wir brauchen keine Diskussionen, Erklärungen. Wir brauchen konkrete Massnahmen, damit wir wieder Hoffnung bekommen.“

Haim Musicant fügte hinzu: „Präsident Macron kündigte fünf Vorschläge an. Als erstes werde er eine Untersuchung darüber durchführen, warum Juden keine staatlichen Schulen besuchen. Aber wir kennen die Antwort bereits.“

Jüdische Familien, so Musicant, hätten nicht mehr das Gefühl, dass staatliche Schulen für ihre Kinder sicher genug sind. Weil Lehrer entweder nicht in der Lage oder nicht bereit dazu sind, für sie zu „kämpfen“, wenn sie antisemitischen Angriffen oder Beschimpfungen ausgesetzt sind.

„Es gibt kaum noch jüdische Kinder in staatlichen Schulen. Die Lehrer können sich nicht für sie einsetzen. So finden jetzt, da es nicht mehr genügend Plätze in jüdischen Schulen gibt, Juden in katholischen Schulen ihren Platz. Diese sind privat und man fühlt sich besser geschützt. Es gibt mehr als 5.000 jüdische Kinder in katholischen Schulen in Paris.“

Am 19. März jährte sich zum siebten Mal der Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse, bei dem ein Rabbiner und drei Kinder von einem islamistischen Terroristen erschossen wurden.

„Vor dem Anschlag war es unmöglich, einen Platz für ein Kind an einer jüdischen Schule in Toulouse zu bekommen“, sagte er. „Jetzt gibt es leere Räume. Die meisten Familien sind nach Israel gegangen.“

Justiz hat den Ernst der Situation nicht begriffen

Das Massaker eines Terroristen im Jahr 2015 beim Hyper Cacher an der Porte de Vincennes in Paris, hat ebenfalls grosse demografische Veränderungen mit sich gebracht.

„Es gab früher Gebiete im Nordosten von Paris wie Sarcelles mit einer hohen Zahl jüdischer Bewohner, in denen die jüdischen und anderen ethnischen Minderheiten gut zusammenlebten. Aber seit die antisemitischen Übergriffe zugenommen haben, sind die Menschen aus diesen Gebieten in das 16. und 17. Arrondissement gezogen.“

Er fügt hinzu, dass die Justiz den Ernst der Situation nicht begriffen habe und wies auf eine kürzliche Entscheidung eines Richters hin, dass ein Schussangriff auf einen Mann der eine Synagoge verlässt, kein Hassverbrechen sei.

Die Pariser Juden hätten nicht nur die Viertel getauscht, sondern sich in den letzten Jahren auch enger zusammengeschlossen – physisch und kulturell -, sagt Musicant.

„Es gibt mehr koschere Restaurants in Paris als in Tel Aviv. Das bedeutet nicht, dass alle Juden dort religiös sind – es ist nur eine Möglichkeit, die eigene Identität zu bestätigen. Dafür gibt es im aktuellen Umfeld einen viel grösseren Bedarf.“

Obwohl die ohnehin schon hohen Auswanderungszahlen nach Israel in Frankreich nicht mehr gestiegen seien – nach einem Anstieg nach dem Hyper Cacher-Attentat – gäbe es keine solchen Zahlen für Juden, die in die USA, Kanada, Australien oder das Vereinigte Königreich abwandern, erläuterte der Historiker Bensoussan.

Haim Musicant stellt zum Schluss fest: „Da ist dieses Gefühl, es gibt nichts was ich tun kann. Ich bin weg.“

Orlando Radice ist ein ehemaliger Auslandsredakteur des Jewish Chronicle. Er hat für The Independent on Sunday, The Evening Standard und The Voice gearbeitet. Auf Englisch erschienen bei The Jewish Chronicle. Übersetzung Audiatur-Online.

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