Recep Tayyip Erdogan. Foto ArtemAugust, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65680740
Recep Tayyip Erdogan. Foto ArtemAugust, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65680740

Eine neue Runde Wahlen in der Türkei und eine weitere Welle von Israel-Bashing bei Wahlveranstaltungen. Dies ist seit 2009 ein Muster geworden und die Türken haben keine Anzeichen von Frustration gezeigt: Sie lieben es einfach.

 

von Burak Bekdil

Den Mann zu benennen, der Israel als Thema an öffentliche Kundgebungen gebracht hat ist das Einfachste, eine Art intellektuelle Faulheit. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat zu Recht gedacht, dass seine diplomatischen Auseinandersetzungen mit Israel, seine mehr als undiplomatische Sprache und sein regelrechter Antizionismus wie ein Wahlzettel-Geldautomat funktionieren würden. Das tat es.

Bei genaueren Betrachten sollte jedoch untersucht werden, warum in den 1970er und 80er Jahren, als die Türkei noch keine umfassenden diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhielt, der Name dieses Landes oder eines Politikers von dort, bei türkischen Wahlveranstaltungen nie erwähnt wurde. Warum hielt der durchschnittliche türkische Wähler vor drei oder vier Jahrzehnten den Staat Israel für völlig irrelevant, taucht aber heute bei jeder möglichen Israel-Bashing Wahlkundgebung auf und jubelt? Wie konnten türkische Politiker, die Mitte der 90er Jahre die Bemühungen um den Aufbau eines Bündnisses mit Israel vorangetrieben haben, trotz ihrer pro-israelischen Politik weiterhin Stimmen gewinnen? Was geschah, dass die türkische Denkweise auf ihren gegenwärtigen, zutiefst anti-israelischen Standpunkt gebracht wurde?

Was stattfand, war die nicht ganz so schleichende Islamisierung der türkischen Gesellschaft seit 2002, als die AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) an die Macht kam. Ein Türke der jetzt 27 Jahre alt ist, war damals erst 10 Jahre alt und hat seitdem keinen anderen Führer der Türkei gesehen. Erdoğan’s politische und soziale Gestaltung hat die Art und Weise verändert, wie sich der durchschnittliche Türke identifiziert: Die meisten Türken identifizierten sich früher als „Türken zuerst“. Jetzt identifizieren sie sich als „Muslime zuerst“ – so wie Erdoğan es scheinbar wollte.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass leidenschaftliche Fans der AKP bei öffentlichen Kundgebungen oft die Worte Israel, Terrorstaat, Tyrann, Diktator usw. hören, während die Türkei auf dem Weg zu ihren Kommunalwahlen am 31. März ist. „Was“, fragte ein verwirrter europäischer Diplomat, ein Neuankömmling in Ankara, „hat Israel mit der Wahl der Türken von Metropolen-, Kleinststadt- oder sogar Dorfbürgermeistern zu tun?“ Ein Kollege antwortete mit einem Lächeln: „Sehr viel. Antiisraelische Rhetorik ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil jeder türkischen Wahl, einschliesslich der Wahl eines Dorfvorstehers.“

Die Show für die diesjährige Wahl begann bereits im Dezember, als der türkische Aussenminister Mevlüt Çavuşoğlu unter anderem sagte, dass der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu „ein kaltblütiger Mörder der Neuzeit“ sei.

Vor kurzem bedrohte Erdoğan seine eigenen Bürger – Bürger, die natürlich einen anderen Glauben praktizieren – die bereits schwindende jüdische Gemeinde in der Türkei, die heute noch etwa 16.000 Personen zählt. „Provoziert uns nicht“, sagte er und bemerkte, dass er bisher noch keine Massnahmen gegen türkische Juden oder ihre Gotteshäuser ergriffen habe.

Die Drohung von Erdoğan kam zu einem Zeitpunkt, während die jahrhundertealte jüdische Gemeinde der Türkei bereits auf der Flucht ist. Die European Jewish Press berichtete:

„Im Jahr 2016 hat sich die jüdische Einwanderung aus der Türkei verdoppelt. Prozentual gesehen war der grösste Anstieg der Alja-Immigration nach Israel in diesem Zeitraum die Einwanderung aus der Türkei“, so die Jewish Agency. „Das scheint mit der wachsenden politischen Instabilität in diesem Land zusammenzuhängen und Befürchtungen, dass die jüdische Gemeinschaft ins Visier genommen wird“, so die Agency.

Erdoğan kann möglicherweise ein paar zusätzliche Stimmen gewinnen, indem er die anti-israelische Stimmung in der Türkei weiter schürt. Er mag ideologisch glücklich sein, wenn mehr muslimische Türken Juden hassen. Aber in Wirklichkeit macht er sein eigenes Land zu einem hasserfüllten, polarisierten und unerträglichen Lebensraum. Falls Erdoğan neugierig ist auf welchen Weg er die Türkei führt, sollte er die offiziellen Statistiken über den enormen Braindrain der Türkei einsehen.

Burak Bekdil, Journalist in der Türkei, wurde im Januar 2017 nach 29 Jahren von einer der wichtigsten Zeitung des Landes entlassen, nachdem er für Gatestone über das aktuelle Geschehen in der Türkei berichtet hatte. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Middle East Forum. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online. 

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