Foto Ahmed Abu Hameeda, https://unsplash.com/photos/D9lCSvUcErkImage at the Wayback Machine (archived on 2 July 2017)Gallery at the Wayback Machine (archived on 6 April 2017), CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61876705
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Lesezeit: 6 Minuten

Die Nahost-Konferenz in Warschau hat gezeigt, dass die Popularität der palästinensischen Sache am Schwinden ist – ein Zeichen, dass der palästinensische Nationalismus gescheitert ist. Historisch gesehen wurden die positiven Seiten des palästinensischen Nationalismus von den negativen – wie etwa, sich auf Antisemitismus und die Negierung des „Anderen“ zu stützen – aufgehoben.

 

von Alex Joffe

Die Nahost-Konferenz in Warschau im Februar 2019, bei der der israelische Premierminister neben arabischen Führern Platz nahm, stellte einen Wendepunkt dar, der den nachlassenden Erfolg der palästinensischen Sache anzeigte. Die fortdauernde Unfähigkeit der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), einen funktionierenden Staat aufzubauen, hat bei ehemals verlässlichen Unterstützern zu Frustrationen geführt, ebenso wie die ständig drohende Krise um die Nachfolge des Präsidenten. Die stetige Kürzung der amerikanischen Hilfe, auch für das UNRWA, hat nicht zu einem fundamentalen Umdenken bezüglich palästinensischer Ziele, Methoden oder Prämissen geführt, sondern eher zu einem Rückschritt.

Warum ist der palästinensische Nationalismus gescheitert? Zur Beantwortung dieser Frage muss man die grundlegenden Probleme untersuchen. Sind Palästinenser ein „Volk“ mit einem einheitlichen Kulturverständnis? Ja, das sind sie, wenngleich neueren Datums. Sind sie eine „Nation“, ein gebietsorientiertes Volk mit einem Gefühl von Verwurzelung? Auch hier ist die Antwort „ja“. Warum also sind sie darin gescheitert, einen Nationalstaat zu errichten?

Einen Teil der Antwort findet man in der widersprüchlichen inneren Logik des palästinensischen Nationalismus, der sowohl auf positiven wie auf negativen Prinzipien gründet. Einerseits stützt er sich auf ein romantisches Bild einer imaginären Vergangenheit – den Mythos von Vorfahren, die unter ihren Zitronenbäumen sitzen. Diese und andere vermeintlich zeitlosen Inhalte widersprechen der armseligen Realität des prämodernen Palästina, das vom Osmanischen Reich kontrolliert, von seinen führenden Familien dominiert und von endemischer Armut und Krankheit heimgesucht wurde. Wie bei allen nationalen Visionen werden diese unglücklichen Erinnerungen meist ausgeblendet.

Andererseits ist der palästinensische Nationalismus entschieden negativ, da er sich auf die existentiellen Übel des „siedler-kolonialistischen“ Zionismus und der immer perfiden Juden stützt. Betrachten wir die wichtigsten Symbole Palästinas: ein Kämpfer mit einer Waffe in der Hand und eine Landkarte, auf der Israel ausradiert ist. Es ist ein Nationalismus – und damit eine Identität -, die grösstenteils auf einer Negierung des Anderen beruht, vorzugsweise durch Gewalt. Es bedeutet auch, dass die palästinensische Identität nur durch Kampf existiert, eine Art ethno-religiöse Dialektik.

Der Clan, der Stamm und das Dorf

Diese Negativität verweist auf die grössten Beschränkungen des palästinensischen Nationalismus: sein spätes Auftreten als Reaktion auf den Zionismus und sein historisches Scheitern, sich diesem vermeintlich existenziellen Übel in den Weg zu stellen. Bei Ausbruch des ersten Weltkriegs waren die direkten Loyalitäten der Bevölkerung des Landstriches eng begrenzt – auf den Clan, den Stamm, das Dorf oder die religiöse Sekte. Noch im Juni 1918, weniger als drei Monate vor Einstellung der Feindseligkeiten im Nahen Osten, stellte der ranghöchste politische Vertreter der britischen Streitkräfte, die die Ottomanen aus der Levante vertrieben, das Fehlen eines „echten Patriotismus bei der Bevölkerung Palästinas“ fest. Eine eigene palästinensische Identität begann sich nach diesem Krieg als Reaktion auf die rasche Ausbreitung der jüdischen nationalen Heimstätte zu entwickeln und die Masse war wohl bis nach 1948 nicht vollkommen nationalisiert.

Die hysterische Überreaktion palästinensischer Führer, die die Abstammung ihres Volkes bis in die Jungsteinzeit zurückdatieren, weist auf eine tiefe Unsicherheit in dieser Frage hin. Die Konzentration auf Widerstand und Standhaftigkeit, die Bösartigkeit des zionistischen Feindes, das Leugnen einer nationalen Identität der Juden und ihrer Verbundenheit mit dem Land und die Notwendigkeit, dass die Palästinenser Flüchtlinge bleiben, bis eine magische Rückkehr in die mythische Vorkriegswelt eintritt, halten den palästinensischen Nationalismus in einem Schwebezustand, der zugleich reaktionär als auch revolutionär ist.

Zu diesen Widersprüchen kommen weitere unvermeidliche Spannungen hinzu, wie sie in der gesamten arabischen und islamischen Welt empfunden werden, und zwar zwischen Nationalismus und weiter gefassten Identitäten (namentlich Arabismus und Islam) und enger gefassten Identitäten (Stämme und Clans).

Aneignung durch Islamisten

Solche Spannungen treten im Konflikt zwischen Hamas und Fatah auf. Die Hamas fordert die Fatah-Bewegung, die PA und die PLO mit einem halb-verallgemeinerten „religiös-nationalistischen“ Narrativ heraus. In der Folge war das vorherrschende palästinensische Narrativ seit den Tagen von Yasser Arafat gezwungen, sich zu islamisieren, wenn es mit der Hamas konkurrieren wollte. Die Aneignung der palästinensischen Sache durch Islamisten weltweit treibt die palästinensische Identität ebenfalls in einen dauerhaften Konflikt.

Episoden wie Schiessereien zwischen der Hamas und dem Dughmush-Clan, der sich als Jaysh al-Islam (die Armee des Islam) ausgab, oder die kürzliche Ausweisung des Abu-Malash-Clans aus Yatta im südlichen Westjordanland nach Stammesfehden deuten auf den destabilisierenden Einfluss kleinerer Gruppen der Gesellschaft hin. Lokale Loyalitäten haben Vorrang vor nationalen.

Eine Fallstudie par excellence dieses Musters in traditionellen Gesellschaften ist der beinah vollkommene Zerfall der irakischen Gesellschaft in Stämme und Clans nach 2003. Den Irak wieder zusammenzusetzen hat sich als ausserordentlich schwierige Herausforderung erwiesen. Dieses Land bleibt entlang mindestens dreier fundamentaler Linien gespalten: Sunniten, Schiiten und Kurden.

Auf diese Weise hin- und hergezerrt zwischen oben und unten sind die palästinensische Identität und Gesellschaft und damit der Nationalismus nur mangelhaft gerüstet, ein geeintes, zukunftsorientiertes Narrativ zu etablieren, das zur Errichtung eines modernen Nationalstaates hinleiten könnte.

Was die Schaffung eines tatsächlichen Staates betrifft, ist das palästinensische Problem eines, das auch in arabischen und islamischen Staaten vorkommt. Da der Staat im Grunde eine Erweiterung oder ein Instrument des herrschenden Stammes, der herrschenden Sekte oder Ideologie ist, aber seine sozialen Institutionen sind schwach, von vorneherein und bewusst. In der palästinensischen Gesellschaft entspricht die Verteilung von Sicherheitseinrichtungen Stammes- und Clangruppen. Wie in vielen arabischen und islamischen Staaten werden hingegen Gesundheit, Bildung und Sozialfürsorge entweder vernachlässigt oder (ebenso oft) von ausserhalb finanziert.

Abhängig von UNRWA und anderen

Für die Ägypter kamen die wichtigsten Mittel für inländische Institutionen angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Vernachlässigung der Regierung seit langem aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten oder von dem direkten Konkurrenten der Regierung, der Muslimbruderschaft. Für die Palästinenser sind es ausländische Hilfe, der NGO-Sektor und die UNRWA. Nominell eine internationale Organisation, ist die UNRWA eigentlich nur eine internationale Institution, die von den Palästinensern gekapert wurde, und zwar gleichzeitig im Bund und in Konkurrenz mit der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Dieses Muster führt zu einer zunehmenden Abhängigkeit der Palästinenser, sowohl direkt als auch in ihrer Wahrnehmung, schwächt so staatliche Institutionen und verlängert den immer gleichen Kreislauf. Praktisch gesehen konzentrieren sich palästinensischer Nationalismus und der Aufbau eines Nationalstaats auf die Führung, wo im Austausch für ein bestimmtes Mass an Leistungen und Schutz Gefolgschaft geleistet wird. Lobbyistische Eliten und ihre Auftraggeber sind zufrieden, solange Geld zirkuliert, und die breite Masse toleriert die Situation, solange die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden. Sogar Ölstaaten wie Saudi-Arabien sind nun, da bei abnehmenden Erträgen Subventionen gekürzt werden, unter Druck. Wirtschaftlich unterentwickelte Gesellschaften wie die palästinensische sind noch anfälliger.

Dennoch gibt es einen positiven Aspekt der Nationalerfahrung der Palästinenser, der eine weitere Untersuchung verdient: der wachsende Unternehmergeist ausserhalb der Reichweite der traditionellen lobbyistischen Eliten. Das Wachstum des Hochtechnologiesektors ist ermutigend, insbesondere die herausragende Rolle von Frauen, und weist auf einen Träger sowohl für wirtschaftliches Wachstum als auch das Auftreten eines neuen, moderaten Nationalismus hin, der teilweise von der israelischen Wirtschaft und Gesellschaft stimuliert wird.

„Eliten haben sich mit Waffen und Anhängern verschanzt“

Leider sind die Prognosen für einen erfolgreichen palästinensischen Nationalismus insgesamt nicht gut. Die Eliten haben sich mit Waffen und Anhängern verschanzt und es besteht wenig Aussicht auf eine Veränderung. Darüber hinaus könnte die westliche und sogar die arabische Unterstützung nach hinten losgehen, wenn versucht wird Sektoren zu stärken, die rückwärtsgewandte Traditionen in Frage stellen könnten. Man betrachte nur die palästinensische Gegenreaktion auf eine „Normalisierung“ nach der Nahost-Konferenz in Warschau, wo arabische Führer freimütig festgestellt hatten, der Iran sei ein grösseres Problem, und sich sogar mit dem gefürchteten Netanyahu zusammengesetzt hatten.

Während sich diese Führer gegen die uneingeschränkte Anerkennung Israels abgesichert hatten, haben unzählige Probleme ihre Anfälligkeit für solchen äusseren Druck verringert. Auch ihre Bürger sind sowohl der palästinensischen Frage als auch deren Instrumentalisierung als Ablenkung überdrüssig geworden. Dennoch ändert die palästinensische Seite ihre Strategie der Drohungen, Beschuldigungen und Erpressung nicht.

Die Palästinenser in Ruhe zu lassen, damit sie ihre eigene Gesellschaft entwickeln, ist nicht möglich, weil ihre politischen Eliten weiterhin in einem Psychodrama von Opferrolle, Widerstand und Abhängigkeit gefangen sind, das ihre Macht aufrechterhält. Die unentrinnbare Nähe Israels zu den Palästinensergebieten macht ebenfalls eine autonome Entwicklung jedweder Art illusorisch.

Solange die Parameter des palästinensischen Nationalismus nicht irgendwie geändert werden können um den Anderen zu akzeptieren, sind Israelis und der Westen zusammen mit den Palästinensern in diversen Zwickmühlen gefangen, die nicht leicht zu lösen sind.

Alex Joffe ist Archäologe und Historiker. Er ist ein Senior Non-Resident Fellow am BESA Center und Shillman-Ingerman Fellow am Middle East Forum. Auf Englisch erschienen bei Begin-Sadat Center for Strategic Studies (BESA). Übersetzung Audiatur-Online.

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