Unbekannte haben am 2. März 2019 in Strassburg ein Denkmal beschädigt, das an die im Jahr 1940 von den Nazis zerstörte Synagoge erinnerte. Foto Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons - cc-by-sa-4.0, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77034507
Unbekannte haben am 2. März 2019 in Strassburg ein Denkmal beschädigt, das an die im Jahr 1940 von den Nazis zerstörte Synagoge erinnerte. Foto Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons - cc-by-sa-4.0, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77034507

Viele Juden, die in der Diaspora leben, solidarisieren sich seit Jahrzehnten mit dort attackierten Minderheiten. Umgekehrt konnten sich Juden der Solidarität vieler Minderheiten leider nicht immer sicher sein.

 

von Sylke Kirschnick

Die Idee, eine Art Allianz zu bilden, um gemeinsam stärker zu sein und um mögliche Anfeindungen aus der so genannten Mehrheitsgesellschaft besser parieren zu können, wurde in den 1990er Jahren aus dem Büro der damaligen Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John zeitweilig forciert. Weil Minderheiten so heterogen wie Mehrheiten sind und die Allianzenbildung intern nicht funktionierte, wurde das Projekt aufgegeben: Einige konnten sich nicht mit Homosexualität anfreunden, manche hatten Schwierigkeiten mit der Gleichberechtigung von Frauen, andere wollten Rechtsextreme – man denke an die Grauen Wölfe aus der Türkei – nicht in ihren Reihen dulden und wieder andere kamen mit der vorbehaltlosen Akzeptanz der liberalen Demokratie nicht zurecht.

Inzwischen gab es einen Generationswechsel und eine Renaissance dieser Idee aus den Minderheitengruppen selbst. Der Verzicht auf Opferkonkurrenz und Hierarchisierung sowie die Anerkennung der unterschiedlichen Leidensgeschichten sollen Grundlagen bilden. Dessen ungeachtet bleibt die Vorstellung einer homogenen Mehrheitsgesellschaft auf der einen und homogener Minderheiten auf der anderen Seite einschliesslich ihrer falschen Frontstellung etwas speziell. Denn die einzelnen Minderheiten zählen ja immer zugleich zur Mehrheitsgesellschaft, die ebenjener Minderheit gegenübersteht, der man zufällig selbst gerade nicht angehört.

Dieser Tage wurde in Paris der französisch-jüdische Intellektuelle Alain Finkielkraut am Rande einer „Gelbwesten“-Demonstration antisemitisch attackiert. Der Judenhass, der sich heute in Europa viel ungehemmter offenbart als noch vor 20 Jahren, ist auch das Ergebnis eines jahrzehntelangen, etwas angestrengt wirkenden Leugnens seiner Dimension und seines tödlichen Charakters. Spätestens nach dem Mord an Ilan Halimi in Paris im Jahr 2006 haben wir alle wissen können, dass wir neue Konzepte gegen den Antisemitismus von Rechts oder Links und aus dem muslimisch-arabischen Spektrum der europäischen Gesellsschaften brauchen. Friedhofsschändungen wie diejenige aus der Nacht vom 18./19. Februar 2019 im Elsass gab es nicht nur immer wieder im Europa der letzten Jahrzehnte. Es ist wichtig zu verstehen, worum es dabei geht: Die Täter solcher massiven Attacken vergreifen sich an den Toten, um die Lebenden zu treffen, die sie tatsächlich meinen.

Judenhass Im Web und auf der Strasse

Im Sommer 2018 stellte Monika Schwarz-Friesel, Linguistikprofessorin und Antisemitismusforscherin an der Technischen Universität Berlin, die Ergebnisse ihrer LangzeitstudieAntisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“ vor. Demnach hat sich der Antisemitismus im Internet qualitativ radikalisiert und intensiviert. Man kann der Studie zufolge von einer Art Direktverbindung zur Strasse sprechen, denn was sich auf der virtuellen Ebene ungebremst austobt, mobilisiert zugleich die analoge Welt. Die Akteure kommen aus dem rechten, linken und dem muslimischen Spektrum. Doch handelt es sich keineswegs um einen Antisemitismus der extremen Ränder von Gesellschaften. Dort ist Judenhass nur politisch-ideologisch offenkundiger eingebettet. Auch Qualitätsmedien und die viel beschworene Mitte der Gesellschaft kultivieren die alte Judenfeindschaft auf neue Weise zumeist in Gestalt von Antizionismus und Israelhass. Die „Israelisierung“ der alten Judenfeindschaft, die die Studie dokumentiert, ist weder eine blosse Pappnase rechtsextremer Judenhasser noch Ausdruck eines jugendkulturellen Protests wie im Gangsta-Rap. Warum sich Menschen nach wie vor Juden und den Staat Israel als Hassobjekt aussuchen, um Problemen auszuweichen, die sie nicht zu bewältigen vermögen, zählt zu den zentralen Fragen, die es zu klären gilt.

Wie Gesellschaften jüdisches Leben wahrnehmen und darstellen, ist gewiss einer der Faktoren, die Antisemitismus ventilieren. Juden ineiner Opfer-Täter-Struktur abzubilden, trägt nicht dazu bei, den Judenhass wirkungsvoll zu bekämpfen. Wie eine aktuelle Studie des Soziologen Samuel Salzborn und der Politologin Alexandra Kurth zeigt, gibt es an deutschen Schulen noch immer viel zu wenig brauchbare Überlegungen dazu, wie dem Problem wirksam zu begegnen ist. Die Antisemitismusbeauftragten, die in Deutschland auf Bundes- und Länderebene eingesetzt wurden, sind ein erster Schritt. Denn nur wer die Feindschaft gegen Juden in ihrer Besonderheit im Unterschied zu Ausländer-, Fremden-, Frauen- oder Homosexuellenfeindschaft begreift und auch den speziellen Rasseantisemitismus als solchen versteht (Juden stellen hier eine zu vernichtende Gegenrasse, das Gegenprinzip schlechthin dar), wird effektiv intervenieren können.

Was kann getan werden?

Gotthold Ephraim Lessing schrieb im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ein bekanntes Theaterstück mit dem Titel „Nathan der Weise“ (1779). Bis heute steht es auf deutschen Lehrpplänen. Die berühmte Ringparabel entlieh Lessing der italienischen Novellensammlung „Das Dekameron“ des Renaissancehumanisten Giovanni Boccaccio (1313 – 1375). Dort stellt Sultan Saladin dem alten Juden die Fangfrage nach dem wahren Glauben, die dieser in der bekannten Weise beantwortet: Der echte unter den drei Ringen ist nicht mehr zu ermitteln. Bei Lessing wurde daraus das viel beschworene Toleranzgebot. Sein Stück spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge, als das Judentum sowohl in Europa als auch im Nahen Osten eine religiöse Minderheit war. Im Figurenensemble ist der Jude Nathan isoliert, betagt, kinderlos und reich; anders gesagt: Er gehört in Lessings Stück zur Gesellschaft des Nahen Ostens nicht so recht dazu. Drei Jahrzehnte zuvor hatte Lessing mit dem Schauspiel „Die Juden“ (1749) einen Reisenden auf die Bühne gestellt, dem im Verlauf des Stücks sämtliche antijüdischen Hassvorstellungen um die Ohren sausen, die damals geläufig waren: von der diebischen und betrügerischen Raubsucht und Habgier über die Gottesverfluchtheit bis hin zur festen Überzeugung, dass von Juden alles Übel dieser Welt ausgeht. Der Reisende erweist sich als edel, hilfreich, gebildet und gut. Als ihm der Baron die Hand seiner Tochter anbietet, teilt der Reisende mit, dass er Jude ist. Die Zivilehe wurde in Deutschland erst in den 1870er Jahren eingeführt und es ist unwahrscheinlich, dass die Baroness zum Judentum konvertiert sein würde. Gewiss, es ging im Stück darum, den Hass von Nichtjuden bloßzustellen. Jüdische Zeitgenossen fanden in Lessings Stück nicht mehr als die Botschaft, dass Juden auch Menschen sind. Das war und ist zu wenig. Als zugehörig zur europäischen Gesellschaft, in der sie seit den Römern ansässig sind, wurden Juden auch bei Lessing nicht dargestellt. Wenn schon ein Klassiker wie der mit Moses Mendelssohn befreundete Lessing hinsichtlich der Zugehörigkeit von Juden zu Europa und zum Nahen Osten unsicher war, um wieviel weniger selbstverständlich wird dieser nüchterne Sachverhalt der Zugehörigkeit für Lehrkräfte sein?

Sowohl die christlich als auch die islamisch perspektivierte Vorstellung vom Judentum gehören auf den Prüfstand im Religions- und Ethikunterricht. Denn das Judentum hat sich nicht in Rivalität zu den beiden späteren Buchreligionen herausgebildet, sondern umgekehrt: Christen wie Muslime glaubten, das Judentum überboten und ersetzt zu haben. Viele der ursprünglich religiösen Vorstellungen über das Judentum sind im Zuge der Säkularisierung nicht einfach verschwunden, sondern wurden modernen nichtjüdischen Bedürfnissen angepasst. So ist die Parole „Kindermörder Israel“, die alljährlich auf den weltweiten Al-Kuds-Demonstrationen gerufen wird, die alte Ritualmordlegende im neuen Outfit. Im Geografie- und Geschichtsunterricht können der Zerfall des Osmanischen Reichs am Ende des Ersten Weltkriegs, die Entstehung und die politischen Systeme der modernen Staaten Türkei, Syrien, Irak, Libanon und Jordanien sowie der Krieg gegen den 1948 ebenfalls neu gegründeten jüdischen Staat besprochen und die Unterschiede zwischen Monarchie, Diktatur und Demokratie herausgearbeitet werden. Vor allem die Rolle der palästinensischen Nationalbewegung in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs in Europa und im Nahen Osten kann thematisiert werden. Dabei lässt sich die Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund einführen: Sherko Fatahs Roman „Ein weißes Land“ (2011) bietet Möglichkeiten, Europa und den Nahen Osten, die Shoah und das als Farhud bezeichnete Pogrom gegen die Juden von Bagdad im Juni 1941 zu behandeln. Damals zählten die jüdischen Gemeinden im Irak zu den ältesten der Welt. Im Zuge der jüdischen Staatsgründung wurden genauso viele Juden aus arabischen Staaten vertrieben wie Palästinenser aus dem heutigen Israel.

Dr. Sylke Kirschnick forscht und lehrt seit mehr als einem Jahrzehnt zum Orientalismus, zum Kolonialismus, zu jüdischen Autor/innen und zum Antisemitismus.

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