Feinbergs Restaurant in Berlin. Foto Restaurant Feinberg's Facebookseite
Feinbergs Restaurant in Berlin. Foto Restaurant Feinberg's Facebookseite

Ein jüdischer Gastronom in Berlin fühlt sich gegenüber antisemitischen Attacken von den Behörden im Stich gelassen – doch der Hilfeschrei des Sohnes eines Holocaust-Überlebenden stösst weitgehend auf taube Ohren. Auch von Linken wurde Feinberg bereits mehrfach wegen seines Engagements gegen Antisemitismus angefeindet: es ging sogar so weit, dass er als Nazi beschimpft wurde.

 

von Boris Reitschuster, Tichys Einblick

 

Yorai Feinberg versteht die Welt nicht mehr. Zumindest Deutschland. Ständig begegnet er in den Medien oder im Internet Aufrufen wie „Nazis raus“, „Gegen den Hass“, „Rassisten werden hier nicht bedient“ und dergleichen mehr. Nur mit seinem realen Leben hat das nichts zu tun. Der 37-jährige betreibt ein israelisches Spezialitäten-Restaurant in Berlin-Schöneberg. Es vergeht keine Woche, in der er nicht antisemitischen Attacken ausgesetzt ist – verbalen, digitalen und manchmal auch physischen.

Und all den wohlfeilen Aufrufen und Bekenntnissen zum Trotz: Der gebürtige Israeli, dessen Vater ab dem vierten Lebensjahr vier Jahre lang in einem Erdloch unter einer Scheune versteckt im Baltikum ausharren musste und so den Holocaust überlebte, fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen: „Ich und mein israelisches Restaurant stehen seit Beginn an im Mittelpunkt von antisemitischen Übergriffen in jedweder Form. Bis auf einen einzigen Täter, der auch deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte, wurde kein einziger belangt. In unregelmässigen Abständen bekomme ich, unter anderem, im Minutentakt Hass und Drohmails inklusive Morddrohungen. Immer wieder rufen Unbekannte an, um mich und meine Angestellten anzugreifen.“

In dem Land, das viele als „bestes Deutschland aller Zeiten“ feiern, fühlt sich der Sohn eines Holocaust-Überlebenden massivem Antisemitismus schutzlos ausgeliefert. In seiner Not hat Feinberg jetzt eine Petition im Internet gestartet. Das magere Ergebnis: um die 1.100 Unterschriften in knapp dreii Tagen. In einem Land, in dem so viele ständig und lautstark beteuern, sie hätten die Lektion aus der Geschichte und vor allem aus dem Holocaust gelernt. In dem tagelang gross berichtet wurde über einen Aufruf einer Journalistin in Form von zwei Worten – „Nazis raus“; 17.800 mal wurde das geliked, fast 5000 mal geteilt und unzählige Male wiederholt. Der konkrete Hilferuf eines Juden in Berlin stösst dagegen nur auf einen absoluten Bruchteil dieses Interesses.

Feinbergs Petition richtet sich unter anderem an die Berliner Oberstaatsanwältin Claudia Vanoni. Die rot-rot-grün regierte Hauptstadt prahlt damit, dass Vanoni bundesweit die erste Antisemitismusbeauftragte bei einer Generalstaatsanwaltschaft ist. Gerade sagte sie in einem Interview mit dem Domradio: „Die Bekämpfung von Antisemitismus ist eine Aufgabe, die uns alle angeht. Dazu gehört vor allem die Präventionsarbeit, aber auch eine effektive Strafverfolgung. Deshalb möchten wir dieses Thema noch stärker in den Fokus rücken.“

Feinberg kann inzwischen nur noch bitter lachen, wenn er solche Aussagen hört. In seiner Petition, die er neben Vanoni auch an Felix Klein richtet, den „Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“, schreibt er: „Die Erfahrung und vor allem viele real geschehene Fälle zeigen: Die Täter kommen aus verschiedensten, irrsinnigen Gründen davon. Viele Täter kennt der Staat bereits und tut nichts. Die Tatsache, dass ihr hasserfülltes Verhalten keine Konsequenzen nach sich zieht, bestärkt die Täter!“

Feinberg hat sich an viel Unerträgliches gewöhnen müssen in Deutschland. Dass jemand anruft und sagt, dass er in seinem Restaurant tote Juden essen wolle, ist bei weitem nicht die Spitze des Eisbergs. Allein von einem Mann, der sich Ludwig F. nennt, hat Feinberg so viele Beleidigungen und Drohungen erhalten, dass sie 62 DIN-A-4 Seiten füllen. „Sie werden immer aggressiver und bedrohlicher“, klagt Feinberg – und zeigt die neuesten:

Schon mehrfach hat der Mann, der all das schreibt, Ludwig F., Besuche in Feinbergs Restaurant angekündigt. Er hat auch schon einmal ein Video einer Exekution geschickt. Die Behörden unternehmen nichts gegen seine Morddrohungen – weil Ludwig F. offiziell unzurechnungsfähig sei, so Feinberg: „Tatsächlich benutzt der Mann jedoch das Schild einer psychischen Krankheit um davon zu kommen. In seinen Mails gibt er offen damit an, dass man ihm nichts anhaben könnte, weil man ihn für krank hält. Die Situation, dass Leute mit bestimmten Krankheitsbildern quasi über dem Gesetz stehen und das ausnutzen um Unschuldige zu terrorisieren, ist inakzeptabel!“

Dabei ist Ludwig F. kein Einzelfall, erzählt Feinberg, der auch beim Erzählen der schrecklichsten Geschichten immer noch freundlich lächelt. Ein anderer stadtbekannter Antisemit, Usama Z., hätte ihn und andere bereits handgreiflich angegriffen, was in einem Fall sogar zu einem Krankenhausaufenthalt geführt habe. Der Mann fährt ständig mit antisemitischen Plakaten durch die Hauptstadt. Er falle wöchentlich mit antisemitischen Ausfällen auf – aber auch bei ihm führten alle Anzeigen zu nichts, klagt der Gastronom. Die Ermittlungen wurden eingestellt, ebenfalls mit der Begründung, der Mann sei unzurechnungsfähig. Dass diese beiden Männer ihn ungestraft terrorisieren können, war für Feinberg jetzt der Anlass für seinen Hilfeschrei in Form der Petition. „Die Gesellschaft muss auch vor ,unzurechnungsfähigen´ Kriminellen geschützt werden“, schreibt er dort: „Auch Unzurechnungsfähigkeit ist keine Freikarte um verbal oder digital Amok zu laufen! Die Justiz muss geeignete Mittel für diese Menschen finden, um uns zu schützen.““

Auch in vielen anderen Fällen hält sich der Ermittlungseifer der Behörden nach Ansicht Feinbergs in engsten Grenzen. So muss er es ertragen, dass immer wieder Tische bei ihm bestellt werden auf den Namen „Adolf Hitler“, etwa von der E-Mail-Adresse „widerlicher_koscherfresser@tierquäler.de“. Oder dass auf Facebook ein User mit arabischem Namen zu einem Überfall auf sein Restaurant aufruft. Dass Böller darauf abgefeuert werden. Die Liste liesse sich lange fortsetzen. So gut wie leer ist hingegen die Liste mit Konsequenzen. Die sind Fehlanzeige in der Stadt mit der „bundesweit ersten Antisemitismusbeauftragten bei einer Generalstaatsanwaltschaft“.

Dabei sorgte der Hass auf Feinberg schon einmal über Deutschland hinaus für Schlagzeilen: Im Dezember 2017 hetzte ein 60-Jähriger Passant gegen den Gastronom – und seine Freundin nahm die Tiraden auf Video auf. Der Streifen ging um die Welt. Unter anderem sagt der 60-Jährige dort: “Was wollt denn ihr nach 1945 hier? Sechs Millionen Menschen sind umgebracht worden von euch. Was willst du denn hier? Euch lieben wir nicht. Warum bist du hier? Niemand schützt euch. Ihr werdet alle in den Gaskammern landen. Alle wieder zurück in eure blöde Gaskammer. Keiner will euch hier!“

Ein normales Leben ist für Feinberg in Berlin angesichts der ständigen Anfeindungen und Attacken nur bedingt möglich. Aufgeben will er trotzdem nicht. Und er will auch keine Rücksicht auf politische Tabus nehmen. „Von Deutschen habe ich viel Solidarität bekommen, aber im Gegensatz dazu erfahre ich von vielen Muslimen leider viel Hass“, sagt der Restaurantbesitzer. Auch nach dem Video seien zahlreiche Kommentare erschienen, die grosse Sympathie und Lob für den pöbelnden Antisemiten äusserten. Unter anderem sei zu lesen gewesen, dem 60-Jährigen müsse man für seine antisemitischen Ausfälle “die Augen küssen“. “Diese Unterstützung für diesen Mann kommt ganz offensichtlich von Leuten islamischen Glaubens“, beklagt Feinberg. Er fügt dann sofort hinzu, dass man nicht pauschalieren dürfe: „Bitte unbedingt erwähnen, dass nicht alle Muslime so sind, ich habe auch von mehreren Muslimen Solidaritäts-Bekundungen erhalten, Besuche und sogar Blumen, diese Leute möchte ich gerne bestärken!“

Keine guten Worte findet Feinberg für Facebook. Das soziale Netzwerk habe ihn gesperrt, als er zum ersten Mal über die Hass-Attacken von Ludwig F. gegen ihn geschrieben habe, berichtet der Gastronom: „Facebook sperrt regelmässig Antisemitismus-Bekämpfer, wenn sie über muslimischen Antisemitismus berichten, ich habe Screenshots als Beweis dafür.“

Auch auf das Video mit der antisemitischen Attacke Ende 2017 hatte facebook entsprechend reagiert: Es löschte den Streifen auf einigen Seiten mit dem Hinweis, er entspreche “nicht den Gemeinschaftsstandards”. Auch von der Seite der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands (JSUD) verschwand das Video. Ihr Vize-Vorsitzender Mike Samuel Delberg wurde für das Posten des Videos von Facebook sogar gesperrt. Die JSUD fragte empört die Verantwortlichen: “Liebes Facebook, ist das eure Art, mit Kritik am aktuellen Antisemitismus umzugehen?”

Der Vorwurf wiegt besonders schwer, weil man in dem sozialen Netzwerk leicht auf antisemitische Seiten mit Titeln wie „Kill Israel“ stossen kann. Kritiker warfen facebook gar vor, Mordaufrufe gegen Juden und Christen geduldet zu haben.

Doch nicht nur von facebook wurde Feinberg für seine Zivilcourage gegen Antisemitismus bestraft. So untätig die Behörden nach Ansicht Feinbergs gegen seine Peiniger sind, so stramm haben sie gegen ihn selbst durchgegriffen Er wurde zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen verurteilt.

„Wenn ich die Geschichte erzähle, sage ich mir, dass die Leute jetzt sicher glauben, ich übertreibe, oder ich erfinde das. Aber es war wirklich so“, startet er seine Erzählung: Der oben beschriebene unzurechnungsfähige Antisemit Usama Z. war wieder einmal mit seinen antisemitischen Plakaten unterwegs. „Ich habe ihm gesagt, er solle sofort aufhören. Nach wenigen Sekunden waren ich und meine Begleitung umzingelt von Arabern, die mich beschimpft haben, während der Antisemit mit den Plakaten mich festhielt und kratzte. Mir wurde dann vorgeworfen, ich hätte seine Beschimpfungen als ,Scheissjude´ mit ,selber Scheiss-Araber´ beantwortet.“

In einem Verhör, das erst nach einem Jahr stattfand, weil die Polizei die Unterlagen verloren habe, sagte Feinberg aus, dass er sehr aufgebracht gewesen sei, dass er sich nicht mehr zu hundert Prozent erinnern könne, nach all der Zeit, was er gesagt habe, und keine falsche Aussage machen wolle. „Dies wurde von der Staatsanwaltschaft als Schuldanerkenntnis gewertet“, klagt Feinberg. Der Staatsanwalt habe ihm bei einem Treffen noch gesagt, er hätte falsch gehandelt. „Offenbar hätte ich die antisemitischen Ausfälle schweigend über mich ergehen lassen sollen“, sagt der Gastronom bitter.

Auch von Linken wurde Feinberg bereits mehrfach wegen seines Engagements gegen Antisemitismus angefeindet. Es ging sogar so weit, dass er als Nazi beschimpft wurde.

Ein Filmteam drehte unlängst bei ihm, über den Hass, dem er ausgesetzt ist. Das Team wurde bei den Dreharbeiten Zeuge von drei Anfeindungen. Aber einer der grossen öffentlich-rechtlichen Sender lehnte die Ausstrahlung ab. Begründung: «Zu überzogen, nicht realistisch». Feinberg fühlt sich ein bisschen wie in einem Kafka-Roman: Seine antisemitische Realität, die vor allem auch von Muslimen ausgeht, ist für die Fernsehleute nicht realistisch genug.

Ebenso seine Befürchtungen, was die „in Folge der Flüchtlingspolitik steigende Zahl von Muslimen in Deutschland“ angeht, unter denen „Antisemitismus besonders verbreitet“ sei. Der Mann, dessen Vater den Holocaust überlebte, macht sich jetzt Sorgen um seine neue, zweite Heimat: „Deutschland ist so ein wunderschönes Land in so vielerlei Hinsichten. Es hat so eine unglaubliche, lobenswerte Entwicklung gemacht. Es wäre eine Katastrophe, all das zu verlieren.“

Boris Reitschuster ist ein deutscher Journalist und Sachbuchautor. Zuerst erschienen bei Tichys Einblick.

Hier geht es zu der Petition von Yorai Feinberg. 

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