Christen in Israel. Symbolbild PD
Christen in Israel. Symbolbild PD

Nicht viele Menschen auf der Welt kennen sich mit der christlichen Gemeinschaft in Israel aus. Noch weniger sind sich darüber im Klaren, dass diese Christen israelische Bürger sind. Die meisten Christen in Israel sprechen Arabisch bzw. sind, dem weitverbreiteten, aber anachronistischen Begriff nach, „christliche Araber“.

 

von Amit Barak

Diese Gemeinschaft ist tief im Land Israel verwurzelt, viele sind Nachkommen von Christen aus den Tagen Jesu und seiner Nachfolger, die die ersten Kirchen gründeten; zudem sind sie die Nachfahren derer, die das Land während des Römischen Reiches bewohnten und zu jener Zeit das Christentum empfingen. Das Byzantinische Reich nahm das Christentum im Jahr 324 als Staatsreligion an. Damals wurden Christen im heutigen Israel zur Mehrheit, ein Status, den sie erst im Zuge der Eroberung des Landes durch islamische arabische Stämme verloren.

Zu Beginn des Jahres 2019 liegt die Zahl der Christen bei etwa 175.000. Das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung. 80 Prozent der Christen in Israel sprechen Arabisch.

Die Arabisch sprechenden Christen in Israel gehören im Allgemeinen zur (griechisch-) katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche. Daneben gibt es Maroniten, Kopten, Protestanten, Baptisten, Evangelikale und Angehörige anderer Denominationen. Dann sind da noch die Armenier, die in Israel leben. Viele von ihnen sprechen ebenfalls die arabische Sprache. Jedoch sind die Familien gemischt, es gibt Ehen unter Christen aller Konfessionen.

In Israel gelten Christen als gut ausgebildet, da sie oft die von den Kirchen betriebenen Schulen besuchen (bzw. besucht haben), die einen sehr hohen Bildungsstandard haben. Tatsächlich stehen die Christen in Israel an der Spitze, was den Anteil unter ihnen betrifft, die die Zugangsberechtigung zur Hochschule haben: 64 Prozent der Christen hatten im letzten Jahr die Hochschulreife, verglichen mit 50 Prozent der Drusen, 39 Prozent der Muslime und 53 Prozent derer, die den hebräischen Bildungszweig besucht haben. Die Folge ist, dass die die meisten christlichen Araber wirtschaftlich ebenfalls sehr gut dastehen.

Die christliche Gemeinschaft in Israel hat keine einheitliche religiöse Führung, da sie in verschiedene Denominationen und Kirchen geteilt ist. Die meisten leben gemeinsam mit muslimischen Arabern in Ortschaften mit muslimischer Mehrheit; ein kleinerer, doch nicht unbeträchtlicher Anteil von ihnen lebt aber auch in jüdischen oder gemischten Kommunen. Die meisten leben in Galiläa, Nazareth und Haifa im Norden Israels. Eine weitere grosse christliche Bevölkerung gibt es in Jerusalem, daneben existieren auch noch christliche Gemeinden in Tel Aviv-Jaffa, Ramle und Lod in Zentralisrael. Nur zwei Dörfer – Mi’ilya und Fassuta – haben eine christliche Bevölkerungsmehrheit und werden als christliche Dörfer betrachtet. In der Vergangenheit waren auch Städte von religiöser Bedeutung wie Nazareth und Bethlehem christliche Städte mit christlicher Mehrheit, doch beide sind seit Jahrzehnten mehrheitlich muslimisch. Dies hat noch mehr Christen veranlasst, fortzuziehen, etwa in nahegelegene Städte ohne muslimische Mehrheit wie Nazareth Illit oder andere örtliche jüdische Kommunen.

Minderheit innerhalb einer Minderheit

Die Arabisch sprechenden Christen werden als Teil von Israels arabischer Minderheit angesehen, die meisten von ihnen identifizieren sich stärker mit ihrer arabischen Identität als mit ihrer israelischen. Eingebettet in die Gemeinschaft der muslimischen Araber in Israel sind sie somit eine Minderheit innerhalb einer Minderheit und verfügen nicht über echten Einfluss. Die Folge ist, dass sie keine vereinigte politische Führung haben und keine wichtige politische Stimme sind, weder im Staat Israel im Allgemeinen noch im arabischen Teil der Gesellschaft. Im Lauf der Zeit sassen Christen als Knessetabgeordnete im israelischen Parlament; einige von ihnen in der israelischen Arbeiterpartei, die im Kern eine zionistische Partei ist. Andere waren Parlamentsabgeordnete für die Kommunistische Partei. Viele kandidierten auch für die Balad-Partei, die ein pan-arabisches Programm hat und eine Partei ist, die als radikal-nationalistisch und separatistisch gilt; sie widersetzt sich vehement der Existenz des Staates Israel und unterstützt sogar Terrorismus.

Die christlichen Abgeordneten der Knesset betrachten sich im Allgemeinen nicht als Vertreter der Christen, sondern als Repräsentanten des gesamten arabischen Sektors. Bassel Ghattas, ein ehemaliger christlicher Knesset-Abgeordneter der Balad-Partei, verbüsst derzeit eine Haftstrafe, weil er Mobiltelefone zu Terroristen geschmuggelt hat, die in israelischen Gefängnissen einsitzen. Asmi Bishara, ein anderer christlicher Abgeordneter der Balad-Partei, ist von Israel nach Katar geflohen, nachdem er verhaftet worden war, weil er während des zweiten Libanonkriegs 2006 für die Hisbollah spioniert hatte.

Doch solcher Radikalismus ist nicht repräsentativ für die gesamte Gemeinschaft der Christen in Israel. Tatsächlich begann vor etwas mehr als sechs Jahren ein gegenläufiger Trend. Im August 2012 beschlossen einige christliche Aktivisten, ein Forum zu gründen, um auf ganz andere Weise eine Verbindung der christlichen Gemeinschaft mit dem Staat Israel und der israelischen Gesellschaft zu schaffen.

Der erste und wichtigste Schritt war, dass sie zum Wehrdienst in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) und im Nationalen Zivildienst ermuntern wollten. Wehrpflichtig sind in Israel nämlich lediglich Juden, Drusen und Tscherkessen (eine kleine, nicht-arabische muslimische Gemeinschaft). Christen, Beduinen und arabische Muslime sind vom Dienst freigestellt, können sich aber freiwillig zur IDF, den Sicherheitsdiensten oder dem Nationalen Zivildienst melden (Freiwillige des Zivildienstes arbeiten in Krankenhäusern, Altenheimen, Schulen, bei der Feuerwehr, den Rettungssanitätern usw.).

Im Oktober 2012 veranstalteten diese christlichen Aktivisten die erste Konferenz in Nazareth Iliit, die von 300 Christen besucht wurde. Drei Priester nahmen ebenfalls daran teil und bekundeten ihre Unterstützung.

Integration in die Gesellschaft

Am Tag nach der Konferenz begannen radikale politische Elemente aus dem arabischen Sektor, aus der christlichen Gemeinschaft und aus dem radikalen Islam, die Priester zu bedrohen. In den folgenden Tagen tauchten Plakate auf, in denen diese verurteilt wurden, ihre Autos wurden beschädigt, und ein blutverschmierter Lumpen wurde an die Tür von einem der Priester gehängt. Zwei der Priester waren von den Drohungen so eingeschüchtert, dass sie sich von der Initiative distanzierten. Der dritte, Pater Gabriel Naddaf von der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Nazareth, blieb standhaft und beschloss, weiterzumachen. Er gründete eine Organisation, die nicht nur darauf hinarbeitet, junge Christen dazu zu ermuntern, sich freiwillig zum Militär und dem nationalen Dienst zu melden, sondern die christliche Gemeinschaft zur vollständigen Integration in die Gesellschaft und den Staat Israel zu führen, in allen Bereichen. Seine Vision ist es, die christliche Gemeinschaft in Israel von einer Minderheit ohne Einfluss zu einer einflussreichen Community zu machen. Dies ging mit dem Wunsch einher, ihre historische aramäische Identität zu neuem Leben zu erwecken.

Es wichtig, darauf hinzuweisen, dass auch vor dieser Initiative Christen in Israel schon zu Schlüsselpositionen im öffentlichen Leben aufgestiegen waren: Viele von ihnen sind Richter, Verwaltungsdirektoren, Armeeoffiziere, hochrangige Polizeibeamte oder Regierungsmitarbeiter, Akademiker, Diplomaten usw. Doch sie alle machten auf einem individuellen, privaten Weg Karriere.

Der Schritt zum Dienst in der IDF war bedeutsam. In der israelischen Gesellschaft ist dieser Dienst ein Symbol, er bezeugt Zugehörigkeit und ist das prominenteste Kennzeichen, das alle Teile der israelischen Gesellschaft verbindet. Militär- oder Zivildienst ist die Eintrittskarte zur israelischen Gesellschaft und symbolisiert einen Schritt hin zu einer echten Partnerschaft.

Doch das war nicht der einzige Grund, warum Pater Naddaf der Dienst in der IDF so wichtig war. Die Christen in Israel wurden durch den sich verschlechternden Zustand der christlichen Gemeinschaften in der gesamten Region motiviert.

Im Staat Israel leben Christen in einer Demokratie, in einer freien Gesellschaft, die Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Sicherheit garantiert, und die christliche Gemeinschaft ist in stetem Wachstum begriffen. In anderen Ländern des Nahen Ostens hingegen werden Christen auf furchtbare Weise verfolgt. Dies gilt ganz klar für Ägypten, Gaza, die Palästinensischen Autonomiegebiete und den Iran. Der Libanon, der einst das Paris des Mittelmeers genannt wurde, ist für Christen keine echte Heimat mehr. Im Irak und in Syrien wird ein Genozid an den Christen (und den Jesiden) verübt.

Pater Naddaf und seine Mitstreiter haben die Christen in Israel dazu aufgerufen, aufzustehen und einen Beitrag zu leisten zur Verteidigung des Staates, zum Schutz des Heiligen Landes, das auch ihr Zuhause ist. Wenn der Staat Israel für unseren Schutz und unsere Sicherheit sorgt, müssen wir ein Teil von ihm sein, lautete ihre Botschaft.

Und die Christen in Israel antworteten auf den Ruf. Vor 2012 meldeten sich von 1.800 christlichen Schulabsolventen pro Jahr durchschnittlich 35 freiwillig zum Dienst in der IDF. Heute sind es pro Jahr rund hundert, dazu kommen weitere 600 Rekruten, die Zivildienst leisten. Das bedeutet, dass fast 40 Prozent der Schulabsolventen durch Taten erklären, dass sie ein Bestandteil der israelischen Gesellschaft und des Staates Israel sind.

Pater Gabriel Naddaf hat für seinen Einsatz einen hohen persönlichen Preis gezahlt. Im Juni 2017 kündigte er seinen Rückzug von öffentlichen Aktivitäten an. Er machte die von ihm gegründete Organisation dicht und kehrte zur Kirche zurück, um als Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Jafia bei Nazareth zu dienen. In den Jahren, in denen er die historische Bewegung leitete, öffnete er die Tür, riss Mauern der Furcht ein und wies den Weg. Heutzutage folgen Christen seinem Weg.

Einige kleine Organisationen gehen auf diesem Weg weiter voran. Die bekannteste ist die „Jerusalemite Initiative“, die sich auf Arabisch sprechende Christen in Jerusalem konzentriert und von Elias Zarina geleitet wird, einem Sozialaktivisten, der in Jerusalems christlichem Viertel aufwuchs und in Bethlehem ausgebildet wurde.

Man muss begreifen, dass dies eine wirkliche Revolution ist. Es ist ein gesellschaftlicher und nationaler Prozess von historischen Ausmassen, der zu vielen Reaktionen führt. Diese zeigen sich etwa in Kampagnen und Konferenzen gegen Rekrutierungen (einige davon werden von der Europäischen Union finanziert), Boykotten und Drohungen gegen christliche Familien sowie Aktivitäten innerhalb der Kirchen, um Druck auf Geistliche und Kirchenaktivisten auszuüben, die diesen historischen Schritt unterstützen. Selbst körperliche Gewalt wurde gegen Aktivisten, Familien christlicher Soldaten und auch gegen den Sohn von Pater Gabriel und andere eingesetzt.

Resultat des arabischen Frühlings

Trotz dieser Versuche, Christen daran zu hindern, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren, gibt es viele, die das nur umso entschlossener macht. In der Vergangenheit hatten christliche Soldaten Angst davor, in der Uniform der IDF zu ihren Familien nach Hause zu kommen; sie fürchteten, sie in Gefahr zu bringen. Heute tragen die meisten von ihnen ihre Uniformen voller Stolz. Viele in den christlichen Gemeinden warten gespannt darauf, wie sich dieser historische Prozess wohl entwickeln wird. Die Hoffnung dieser Leute ist, dass die Christen in Israel als unabhängige Gemeinschaft anerkannt werden und nicht als Teil des muslimisch-arabischen Sektors. Ein Beispiel dafür, wie das vonstatten gehen kann, sind die Drusen, die ebenfalls als unabhängige Gemeinschaft wahrgenommen werden, mit eigenen Divisionen und eigenen Budgets im Regierungssystem.

Das ist gerade das, was die Gegner dieses Schritts im christlichen und arabischen Sektor fürchten: dass die Christen einen unabhängigen und eigenständigen Status erhalten. Dagegen gehen sie vor, indem sie behaupten, dass es der israelischen Regierung darum gehe, den arabischen Sektor zu spalten und zu beherrschen, um ihn zu schwächen. Die Christen, die sich für Integration einsetzen, kontern diesen Vorwurf, indem sie betonen, dass sie den einzigartigen Platz der christlichen Gemeinschaft innerhalb der israelischen Gesellschaft finden wollen. Sie betonen, wie stolz sie sowohl auf ihre christliche als auch auf ihre israelische Identität sind. Lange Zeit, so sagen diese Christen, wurde ihnen gesagt, dass sie Araber seien, Teil der arabischen Nation. Dies weisen sie nun zurück und erkennen an, dass ihre Wurzeln im Heiligen Land und in der Levante liegen und lange vor der Ankunft des Islam und der arabischen Stämme gepflanzt wurden. Sie weisen zudem auf die Verfolgung hin, die Christen durch Araber und den Islam in der Region erleiden; dies sei der Beweis, so sagen sie, dass sie weder Teil des einen noch des anderen sind. „Ist es das, was Brüder tun?“, fragen sie sich selbst.

Die historische Bewegung der Christen in Israel ist zweifellos das Resultat des arabischen Frühlings. In den arabischen Staaten wurde dieser für die Christen in Syrien, dem Irak und Libyen zu einem stürmischen Winter. In Israel hat er unter den Christen zu einem wahren Frühling geführt.

Amit Barak war einer der Initiatoren der Bewegung zur Integration von Christen in die IDF und die israelische Gesellschaft. Amit ist ein Kenner der christlich-jüdischen Beziehungen in Israel und im Ausland. Auf Englisch zuerst erschienen bei Breaking Israel News. Übersetzung Audiatur-Online.

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