Die Selektion ungarischer Juden auf der Rampe bei Auschwitz-II (Birkenau) in Polen im Mai/Juni 1944. Juden wurden entweder zur Arbeit oder in die Gaskammer geschickt. Mehrere Quellen vermuten, dass der Fotograf Ernst Hoffmann oder Bernhard Walter von der SS war.
Die Selektion ungarischer Juden auf der Rampe bei Auschwitz-II (Birkenau) in Polen im Mai/Juni 1944. Juden wurden entweder zur Arbeit oder in die Gaskammer geschickt. Mehrere Quellen vermuten, dass der Fotograf Ernst Hoffmann oder Bernhard Walter von der SS war.

Heute begeht die Staatengemeinschaft den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Doch das Gedenken an die NS-Verbrechen allein nicht reicht, legen zahlreiche Studien nahe.

 

von Martin Schlorke

Die TV-Programmzeitschriften kündigen es seit Wochen mit diversen Sondersendungen und Doku-Reihen an: Die Internationale Staatengemeinschaft begeht heute den „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Auf den Tag genau vor 74 Jahren befreite die Rote Armee das größte Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes. Mehr als eine Million Menschen wurden in Auschwitz vergast oder erschossen, verhungerten oder starben an Krankheiten. Als am 27. Januar 1945 russische Soldaten das Lager erreichten, fanden sie nur wenige Überlebende.

Bereits 1996 betonte der damalige Bundespräsident Roman Herzog, der Initiator des Holocaustgedenktages in Deutschland, dass man dafür Sorge tragen müsse, „aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft werden zu lassen“, um so künftigen Generationen eine Orientierung geben zu können. In seiner Rede im Deutschen Bundestag betonte er weiterhin die Notwendigkeit, junge Menschen zu erreichen, um „ihren Blick für – möglicherweise – kommende Gefahren zu schärfen. Dies sei in erster Linie auch ein Auftrag an Medien und Schulen. Der Gedenktag könne dabei helfen. In seiner Rede warnte der mittlerweile verstorbene Herzog vor einem Alibi-Gedenken. Der Tag müsse zu „einem wirklichen Tag des Gedenkens, ja des Nachdenkens“ werden.

Heute, 23 Jahre später, sieht die Realität in Deutschland, in Europa anders aus. Das legen verschiedene Studien nahe. Die von Herzog geforderte Auseinandersetzung der jungen Generation mit dem Holocaust findet immer weniger statt. Das fand eine im November vergangenen Jahres erschienene Studie des amerikanischen Fernsehsenders CNN heraus. Demnach geben 40 Prozent der befragten Deutschen im Alter von 18 bis 34 Jahren an, nur sehr wenig oder gar nichts über den Holocaust zu wissen. In Frankreich haben gar 20 Prozent der jungen Erwachsenen noch nie vom Holocaust gehört. Die Studie zeigt, dass es sich nicht ausschließlich um ein deutsches oder französisches Problem handelt. Während ein Drittel der Europäer „ein wenig“ oder gar nichts über den Holocaust weiß, habe laut der Umfrage jeder 20. Europäer noch nie etwas darüber gehört.

Vorurteile sind „tief verwurzelt“ und „weitverbreitet“

Welche Auswirkungen das auf den Alltag europäischer Juden hat, zeigt ein Bericht der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) vom Dezember 2018. Demnach sind 63 Prozent der Befragten der Meinung, Antisemitismus habe sich in Europa deutlich verstärkt, 27 Prozent nehmen eine leichte Verstärkung war. Fast die Hälfte der Befragten (45 Prozent) bezeichnet Antisemitismus als ein großes Problem. Clarissa Ward, Internationale Chefkorrespondentin für CNN, bezeichnete die Ergebnisse als „schockierend“. Sie seien der Beweis, dass Vorurteile gegenüber Juden tief verwurzelt seien und offensichtlich weit verbreitet in Europa. Vor allem bemängelte sie, trotz tausender Zeitzeugen, das fehlende Wissen über den Holocaust.

Dies legt auch eine am 22. Januar erschienene Studie der Europäischen Union nahe. Demzufolge nimmt jeder dritte EU-Bürger einen Anstieg von Antisemitismus in seinem Land wahr. Dennoch unterscheidet sich das Empfinden von dem der jüdischen Europäer deutlich. 90 Prozent der Juden spüren laut FRA einen Anstieg des Antisemitismus.

Jeder dritte Europäer denkt, Holocaustleugnung sei nicht strafbar

Die Studie offenbart nicht nur ein Unwissen bei vielen Bürgern über jüdische Geschichte und Kultur. 34 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Holocaustleugnung nicht strafbar sei. In Deutschland ist jeder fast jeder Vierte dieser Meinung. In Schweden sind gar 75 Prozent der Meinung, es gebe kein Gesetz, welches die Leugnung des Holocaust unter Strafe setzt.

EU-Justizkommissarin Vera Jourová sieht mangelnde Bildung als Ursache für diese Zahlen. „Bildung ist nicht nur der Schlüssel zum Verständnis der Schoah als Abgrund der Menschlichkeit, sondern auch für wachsendes Bewusstsein von Antisemitismus und wie er noch heute in Europa lebendig ist“, sagte sie im Rahmen der Veröffentlichung der Studie. Während EU-weit 42 Prozent angeben, nicht ausreichend über den Holocaust in der Schule gelernt zu haben, sind es in Deutschland 36 Prozent.

Inwieweit neben dem Unwissen über Antisemitismus auch antisemitische Übergriffe zunehmen, zeigt die Umfrage nicht. Dem Bundesministerium des Inneren zufolge ist in den vergangenen drei Jahren zwar ein leichter Anstieg zu erkennen, dennoch liege die Anzahl der Straftaten unter denen aus den ersten 2000er Jahren. Experten vermuten aber eine wesentlich höhere Dunkelziffer.

Wie die TU Berlin kürzlich feststellte, steige aber insbesondere im Internet die Anzahl von judenfeindlichen Äußerungen. Dafür haben die Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel und ihr Team mehr als 250 Millionen User-Kommentare ausgewertet. Im Vergleich zu 2007 wuchs die Anzahl der Kommentare mit antisemitischen Stereotypen um das Fünffache. Das sehen 51 Prozent der EU-Bürger als Problem. In Deutschland sind es 67 Prozent.

Ein weiterer Grund, der solches antisemitische Verhalten befeuert, ist laut der Studie der Europäischen Union der Staat Israel. Auf die Frage, ob Israels Nahostpolitik das Bild der Juden in Europa beeinflusse, antworteten 54 Prozent der EU-Bürger mit „ja“. In Deutschland sind 69 Prozent dieser Meinung.

„Im Gedenken sind wir Riesen. Im Handeln und Helfen Zwerge.“

Obwohl von vielen Seiten die Empfehlung ausgestellt wird, dass in Schulen besser über den Holocaust aufgeklärt werde müsse, um so ein Bewusstsein für die Gräuel der Judenvernichtung zu schaffen, legen die neuesten Umfragen nahe, dass dies nur unzureichend stattfand und stattfindet. Trotz unzähliger Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen, TV-Sendungen und Mahnungen von Verbänden herrscht zu viel Unwissen. Mathias Döpfner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, kritisierte bereits im April 2018 diesen Zustand. Zum Gedenken gehöre auch Handeln. Lippenbekenntnisse zu unserer Vergangenheit oder zu Israel reichten nicht aus.

Einer dieser unzähligen Gedenkfilme sticht jedoch heraus: „Todeszug in die Freiheit“. Die Dokumentation erzählt die Geschichte eines der letzten Todeszüge im Frühjahr 1945. Aus dem KZ-Außenlager Leitmeritz kommend und vor der Roten Armee fliehend, fuhr dieser Zug über das Protektorat Böhmen und Mähren Richtung des österreichischen KZ Mauthausen. Dort kam er allerdings nie an. Die tschechische Bevölkerung unternahm alles, um die Insassen mit Nahrung zu versorgen, medizinische Hilfe zu leisten und die Menschen zu befreien. Von Station zu Station handelten die Tschechen mutiger und organisierter, bis sie am Ende den Zug sogar mit Waffengewalt befreiten. Bemerkenswert dabei war, dass nur die wenigsten Helfer Widerstandskämpfer waren.

Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, betonte, dass es sich nicht um eine Aktion gegen die deutschen Bewacher gehandelt habe. Vielmehr sei es eine Aktion der puren Menschlichkeit gewesen. Eine vergleichbare Hilfeleistung habe es im Deutschen Reich nicht gegeben.

Diese einzigartige Zivilcourage ist die Lehre, die der Film seinen Zuschauern vermitteln möchte. Ganz im Sinne der Dokumentation betont der Antisemitismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Felix Klein, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem sei, kein jüdisches. Es seien alle gefordert: Länder, Parteien, Kirchen und Schulen. Deswegen soll 2021 mit Hilfe dieser Institutionen unter dem Motto: „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer gemacht“ ein Zeichen gegen Antisemitismus und für die Zugehörigkeit des Judentums zu Deutschland gesetzt werden.

2005 bestimmte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum zentralen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Martin Schlorke arbeitet nach seinem Studium der Judaistik und Geschichte als freier Journalist. Er schreibt unter anderem für den Chrislichen Medienverbund KEP e.V.
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