General Moshe (Bogie) Ya'alon. Foto Reuven Kapuscinski, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22668061
General Moshe (Bogie) Ya'alon. Foto Reuven Kapuscinski, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22668061

General Moshe (Bogie) Ya’alon, 68, wurde in Haifa, Israel, geboren. Sein Aufstieg zur Militärspitze verlief kometenhaft. Im Alter von 18 Jahren trat er dem Nahal Fallschirmjägerregiment bei. Kurz darauf wurde er in die Top-Spezialeinheit Israels, den Sayeret Matkat, aufgenommen. General Yaalon diente dann als Leiter des militärischen Geheimdienstes, wurde später zum stellvertretenden Stabschef der IDF ernannt und schliesslich Stabschef der IDF.

 

von Machla Abramovitz

Sein politischer Aufstieg war ebenso beeindruckend. Nach seinem Eintritt in die Likud-Partei im Jahr 2008 diente er als Minister für strategische Angelegenheiten und später als stellvertretender Premierminister unter Benjamin Netanyahu. 2013 wurde Yaalon Verteidigungsminister: 2014 führte er den Oberbefehl über die Operation Protective Edge, den zweiten Israel-Gaza-Konflikt. Im Mai 2016 trat er aufgrund persönlicher und ideologischer Differenzen mit Premierminister Benjamin Netanyahu von seinem Amt zurück und gründete die Partei Manhigut Acheret (Eine andere Führung). Er ist heute Teil der Opposition gegen die Regierung Netanyahus: „In Bezug auf die Sicherheit stimme ich mit Bibi überein, aber politisch bin ich liberaler“, erklärt er. Angesichts der Art des israelischen Wahlsystems, das auf der Bildung von Koalitionen mit kleineren Parteien basiert, könnte Manhigut Acheret bei den nächsten israelischen Wahlen eine einflussreiche Rolle spielen: „Ich hoffe, bei der nächsten Wahl vier oder fünf Sitze zu gewinnen. Dies würde mir ermöglichen, eine Schlüsselrolle in einer Koalition zu spielen, die Netanyahu absetzen könnte.“

Während eines kurzen Besuchs in Montreal am 14. Oktober sprach er vor Studenten im Büro des Canadian Institute for Jewish Research (CIJR) und hielt später eine Grundsatzrede bei der Gala zum 30-jährigen Bestehen des CIJR. Beim Frühstück am nächsten Morgen diskutierten wir die militärischen Herausforderungen für Israel sowie seine Besorgnis über die wachsende Kluft zwischen den US-amerikanischen und den israelischen Juden.

Nach Angaben des UN-Botschafters Danny Danon hat der Iran 80.000 schiitische Milizen unter seiner Kontrolle, die in Syrien stationiert sind. Auf Drängen Russlands zog der Iran kürzlich seine schweren Waffen auf 85 km Entfernung von den israelischen Golanhöhen zurück, was Israel für unzureichend hält. In der Zwischenzeit hat sich Lage an der Gaza-Grenze verschärft. Sind ein Krieg zwischen Israel und dem Iran sowie zwischen Israel und der Hamas unvermeidlich?

Wir sollten zwischen dem Iran und der Hamas unterscheiden. Ich erwarte keinen baldigen Krieg zwischen Israel und dem Iran. Im April drang der Iran in den israelischen Luftraum ein, als er eine bewaffnete unbemannte Drohne mit dem Ziel schickte, einen Angriff durchzuführen. Im folgenden Monat schossen sie 20 Raketen auf die Golanhöhen, die Israel kontrolliert. Die israelische Luftwaffe reagierte mit der Zerstörung von 15 iranischen Einheiten (und fast allen iranischen Militäranlagen in Syrien). Die Iraner verstehen jetzt, dass sie Israel weder militärisch noch spionagetechnisch herausfordern können.

Was den Iran betrifft, so hat Israel eine Strategie der Roten Linie entwickelt: Es wird dem Iran nicht erlauben, unsere Souveränität zu verletzen oder unsere Feinde auszurüsten.

Die 15.000 Langstrecken- und Lenkflugkörper der Hisbollah sind ein Problem, um das sich Israel irgendwann kümmern muss. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern sind diese Raketen in der Lage, israelischen Bürgern schweren Schaden zuzufügen. Daher sehe ich einen massiven israelischen Angriff auf den Libanon voraus. Weil die Hisbollah diese Raketen in besiedelten Gebieten und neben Krankenhäusern installiert, erwarte ich ein grosses PR-Problem, da die Vernichtung dieser Raketen die Zerstörung bestimmter ziviler Strukturen mit sich bringt.

Die Situation in Gaza ist eine andere Sache. Seit dem Israel-Gaza-Konflikt 2014 hat die Hamas keine einzige Kugel mehr nach Israel geschossen (Stand vom 15. Oktober 2018, Anm. d. Red.). Wann immer eine ihr nahestehende Terrorgruppen es tat, verhaftete die Hamas diese. Die Hamas will die Situation nicht zu einem umfassenden Krieg eskalieren lassen. Im letzten Konflikt zerstörte Israel etwa 10.000 Gebäude. Seit der Übernahme durch die Hamas im Jahr 2007 haben sie Gaza fortwährend wiederaufgebaut und sie sind es leid, dies zu tun.

Jetzt schicken sie also Brandballons und Drachen nach Israel und demonstrieren entlang der Grenze, um ihre Frustration auszudrücken. Von Anfang an habe ich es nicht gebilligt, wie die IDF mit dieser Anheizung der Situation umgegangen ist. Wir können nicht jeden Ballon und Drachen abfangen. Unsere Antwort hätte lauten sollen: „Das ist inakzeptabel.“ Israel muss die Hamas entschlossen konfrontieren. Das ist der einzige Weg, um die Dinge im Nahen Osten zu regeln. Der einzige Weg.

So politisch sensibel diese anhaltenden Auseinandersetzungen auch sein mögen. Ich glaube nicht, dass ein Krieg zwischen der Hamas und Israel unvermeidlich ist, obwohl der Nahe Osten jederzeit explodieren kann, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Ich hoffe, dass die Regierung und die IDF in der Lage sein werden, die Spielregeln zu ändern, da die Regeln, wie sie heute existieren, nicht zu unserem Vorteil sind.

Stellt der Iran trotz Israels Fähigkeiten, das iranische Aggressionspotential in Syrien in Schach zu halten, nicht eine Bedrohung für die Sicherheit dar?

Der Iran bleibt ein entscheidendes Thema. Dennoch glaube ich, dass das derzeitige Regime mit genügend Druck davon überzeugt werden kann, im besten Interesse des Iran zu handeln. Der Iran hat sein Atomprojekt 2003 ausgesetzt, als die USA in Afghanistan einmarschierten. Sie hatten Angst vor Präsident George W. Bush. Das Projekt wurde zwei Jahre später erneuert, als Ayatollah Khamenei sah, dass den USA nicht nach Krieg zumute war. Aufgrund von politischer Isolation, lähmender Wirtschaftssanktionen, einer glaubwürdigen militärischen Option sowie der Furcht vor einem allgemeinen Aufstand der Iraner beschloss er 2012, den Faden zu den USA wieder aufzunehmen. Seine Wirtschaftsberater sagten ihm, dass sein Regime ein weiteres Jahr nicht überleben würde, falls er seine expansionistische Politik fortsetzt. Unglücklicherweise haben Präsident Barack Obama und Aussenminister John Kerry die Verhandlungen geführt.

Die Entschlossenheit von Präsident Trump, die Sanktionen zu verlängern, ist eine ausgezeichnete Idee. Dieses „irrationale“ Regime wird sehr rational, wenn es vor die Wahl gestellt wird, entweder sein hegemoniales Streben fortzuführen oder sich für das Überleben zu entscheiden.

Aber irgendwann werden wir uns mit den Iranern beschäftigen müssen. Wenn die USA den Joint Comprehensive Plan of Action JCPOA (Atomwaffenübereinkommen mit dem Iran, Anm. d. Red.) nächsten Monat kündigen, wie Präsident Trump sagte, wird der Iran seine Atomforschung wieder in Gang setzen. Zu diesem Zeitpunkt muss Israel handeln. Es kann es dem Iran nicht erlauben, eine Atomwaffe zu besitzen. Wenn die USA nicht handeln, wird Israel es tun.

Am 18. September schoss die syrische Luftwaffe versehentlich ein russisches Aufklärungsflugzeug ab. Sie tötete dabei 15 russische Truppen und gab Israel dafür die Schuld. Dieser tragische Fehler führte dazu, dass Russland beschloss, Syrien mit S-300 zu versorgen, einem fortschrittlichen Flugabwehrraketensystem mit einer Reichweite von 400 Meilen, das in der Lage ist, Flugzeuge abzuschiessen, die den Ben-Gurion-Flughafen anfliegen sowie jeden Landesteil Israels zu erreichen. Wie erklären Sie sich diese Eskalation der Spannungen?

Russland und Israel haben in Bezug auf Syrien Meinungsverschiedenheiten. Trotzdem gelang es Israel, mit Russland eine Übereinkunft zu treffen, dass sie Israel nicht stören und Israel sie bei ihren militärischen Aktivitäten dort nicht stört. Wenn sich die Iraner der Grenze Israels an Orten nähern, wo Russen anwesend sind, warnt Israel sie, bevor es einen Militäreinsatz startet.

Präsident Vladimir Putin hat diese jüngste Krise zwischen Israel und Russland vor allem aus Frustration ausgelöst. Seitdem er 2010 in Syrien interveniert hat, hat er viele Male den Sieg erklärt. Dennoch kontrolliert der syrische Präsident Bashar al Assad nur 50% des syrischen Bodens; die Türkei kontrolliert 50% des Nordens; und die Kurden und Amerikaner kontrollieren 7% des Landes(ein Streifen entlang der nordöstlichen Grenze, der die reichlich vorhandenen Ölreserven Syriens enthält, Anm. d. Red.). Russland will das Öl. Daraufhin startete es eine erfolglose Offensive mit russischen Söldnern gegen von den USA und den Kurden unterstützte syrische Anti-Assad-Kräfte, die 150 russischen Tote forderte. In dieser Hinsicht profitiert Putin nicht von Syrien. Die Kosten der Intervention für Russland in Sachen Geld und Menschenleben sind sehr hoch.

General Moshe "Bogie" Ya'alon. Foto ZvG
General Moshe „Bogie“ Ya’alon. Foto ZvG

Als Folge davon sucht Russland nach einer Ausstiegsstrategie. Sie nutzten die Drohung, Syrien gegen den Willen Israels die S-300 zu liefern als Mittel, um die Amerikaner unter Druck zu setzen, den syrischen Präsidenten Bashar al Assad zu akzeptieren und den Konflikt schnell zu beenden.

Aussenminister Mike Pompeo und der Nationale Sicherheitsberater John Bolton – beides Falken – plädieren für einen Verbleib der USA in Syrien bis zum Abzug Russlands und des Irans. Würde Russland sich von Präsident Assad und dem Iran abwenden, wenn die Amerikaner dies zur Bedingung für eine Einigung machen würden?

Putin ist Putin verpflichtet und niemandem sonst. Von Anfang an setzte er sich für ein stabiles Regime ein, selbst ohne Assad. Andernfalls, so argumentierte er, würden wir immer mehr islamistische Gruppierungen sehen. Der russische Geheimdienst wusste von etwa 2000 Dschihadisten aus Tschetschenien und anderen Orten, die für den ISIS in Syrien im Einsatz standen. Er teilte uns mit, dass er es vorzieht, diese Dschihadisten auf syrischem und nicht auf russischem Boden zu behalten. Er will auch davon profitieren, dass er seine Parteitreue demonstriert – im Gegensatz zu Obama, der den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak fallen gelassen hat, bin ich meinen Verbündeten gegenüber loyal – sowie seine militärischen Fähigkeiten unter Beweis stellen: Raketenstarts von U-Booten und Schiffen im Kaspischen Meer. Er will ein Teilnehmer des Spiels sein. Dennoch können sie nicht mit den Amerikanern mithalten. In Anbetracht der schlechten wirtschaftlichen Situation Russlands spielte Putin seine Karten besser als Obama. Was den Iran betrifft, so liegt es in Russlands Interesse, keine iranische Oberherrschaft in Damaskus zu haben. Allerdings braucht er den Iran für Bodentruppen.

Warum hasst das iranische Regime die Juden?

Ihr Hass ist theologisch und religiös begründet: Sie nutzen diesen Hass, um die Revolution zu transportieren. Die Mullahs glauben, dass zur Rückkehr des verborgenen Imams – ihrem Messias – jeder auf der Welt schiitischer Muslim werden muss. In einem öffentlichen Brief des ehemaligen iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad an Präsident George W. Bush (8. Mai 2006, Anm. d. Red.) zählt er alle Sünden der USA gegen den Iran auf. Im letzten Absatz schlägt er vor, dass Präsident Bush, ein praktizierender evangelischer Christ, zum schiitischen Muslim wird.

Erwarten Sie, dass in absehbarer Zeit ein palästinensischer Staat entsteht?

Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich nicht für einen palästinensischen Staat, weil die Palästinenser sich noch nicht mit Israel arrangiert haben. Trotz gegenteiliger Medienberichte bleibt die PLO-Charta der Zerstörung Israels verpflichtet. Ich habe die Osloer Abkommen unterstützt. Als Soldat erlebte ich viele Kriege und Leiden. Wir hofften, dass die Abkommen zu einer endgültigen Friedensregelung führen würden, aber das taten sie nicht. Heute sind die Abkommen wie ein Schweizer Käse – voller Löcher; niemand nimmt sie ernst. Unter den gegebenen Umständen und unter jeder voraussichtlichen palästinensischen Führung sind die Israelis geschlossen gegen einen palästinensischen Staat.

Wir wollen die Palästinenser nicht beherrschen und wir wollen auch nicht, dass sie als Bürger zweiter Klasse leben. Die Palästinenser geniessen kulturelle und wirtschaftliche Autonomie. Sie sollen diese Autonomie behalten. Vielleicht werden sie mit der Zeit eine neue Führung haben. Wirtschaftswachstum und Modernisierung könnten ihnen helfen, in diese Richtung voranzukommen.

„Die Medien sind mit Israel in einem Ausmass beschäftigt, dass andere Gräueltaten im Nahen Osten übersehen werden.“

Am Ende setzt sich die Realität immer durch. Die Palästinenser sind schwach und sie machen Ärger. Bezüglich der Angelegenheiten, die Israel beschäftigen, stehen Sie jedoch nicht an erster Stelle. Auch bei den anderen arabischen Nationen stehen sie nicht an erster Stelle. Der Iran ist eine gemeinsame Bedrohung: Aus diesem Grund gibt es eine zunehmende Zusammenarbeit zwischen Israel und sunnitischen Arabern wie zum Beispiel Saudi-Arabien. Sunnitische Muslime lieben Israel nicht: Sie brauchen uns, um ihnen im Kampf gegen den Iran zu helfen. Friedensverträge sind nicht unbedingt relevant für sich allein. Noch wichtiger ist, was vor Ort passiert. Etwas, das einem echten Frieden nahekommt, kann oft am besten dem gegenseitigen Interesse dienen, ohne die Risiken, die das Osloer Abkommen mit sich brachte.

Was ist die grösste Bedrohung für Israel in der heutigen Zeit?

Die grössten Bedrohungen Israels sind nicht existentiell, da keine solchen militärischen Bedrohungen in der Region vorhanden sind. Vielmehr handelt es sich um einen Angriff auf die Legitimität des Staates selbst, der in den Medien und an den Universitäten ausgetragen wird. Diese Delegitimierung Israels kennzeichnet den neuen Antisemitismus: Israel gilt als Jude unter den Nationen. Die Medien sind mit Israel in einem Ausmass beschäftigt, dass andere Gräueltaten im Nahen Osten übersehen werden. Die Araber verfolgen heute die Christen. Es findet ein Völkermord statt, besonders in Ägypten. Der Westen und die Medien nehmen dies nicht zur Kenntnis. Stattdessen wird nur über „israelische Apartheid“ diskutiert, was Unsinn ist. Dieser Angriff muss hartnäckig bekämpft werden: Juden müssen sich mit Wissen und der Bereitschaft wappnen, sich einzusetzen und sich dagegen zu wehren.

Ebenso beunruhigend ist die Kluft zwischen Israelis und dem Grossteil des amerikanischen Judentums, das liberal ist und demokratisch wählt, sowie die Linkstendenz innerhalb der Demokratischen Partei, die von vielen Juden angeführt wird. Amerikanische Juden unterstützten überwältigend Präsident Obama, der die Doppelzüngigkeit Yasser Arafats in Camp David voll und ganz verstand. Und trotzdem versuchte er, Zustimmung unter den Arabern zu gewinnen, indem er den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und die Palästinenser auf Kosten Israels unterstützte. Sie befürworteten auch das Atomwaffenübereinkommen mit dem Iran, das ein Desaster ist. Auf der anderen Seite ist Präsident Trump, den sie hassen, mutig mit den Palästinensern verfahren, indem er aufgehört hat, das Hilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) zu finanzieren und die US-Hauptstadt nach Jerusalem verlegt hat: Etwa 80% der Israelis unterstützen ihn.

Ich mache mir keine Sorgen um Israel. Wir wissen, wer wir sind. Die Israelis sind widerstandsfähig und werden weiter wirtschaftlich und technologisch wachsen, trotz der arabisch-israelischen Kriege und trotz des Terrorismus. Dennoch benötigt Israel weiterhin die Unterstützung des amerikanischen Judentums, nicht so sehr wirtschaftlich, sondern politisch über den Kongress. Deshalb müssen wir als Juden vereint bleiben. 

Übersetzung: Daniel Rickenbacher für Audiatur-Online.

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