Premierminister Benjamin Netanyahu trifft am 25. November 2018 in Jerusalem Präsident Idriss Deby aus dem Tschad. Foto GPO
Premierminister Benjamin Netanyahu trifft am 25. November 2018 in Jerusalem Präsident Idriss Deby aus dem Tschad. Foto GPO
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Gleich mehrere mehrheitlich muslimische Staaten pflegen neuerdings engen Kontakt mit Israel. Ist das Ende des Israel-Boykotts ein erstes Ergebnis des noch nicht einmal veröffentlichten amerikanischen Friedensplans?

 

Es ist eine Errungenschaft von grosser symbolischer Bedeutung. Oman habe Israel das Überflugrecht gewährt, erklärte Premierminister Benjamin Netanjahu diese Woche. Praktisch hat das zwar noch keine Folgen: Solange israelische Flugzeuge nicht auch Saudi Arabien überfliegen dürfen, bleibt das neue Zugeständnis ohne Folgen. Selbst Netanjahu räumte deshalb ein, es gebe da noch „eine kleine Sache zu regeln, bevor wir neue Märkte erobern können.“ Doch angeblich arbeitet er längst daran. Laut israelischen Medienberichten will Netanjahu noch vor Neuwahlen im November kommenden Jahres offizielle Beziehungen zu Riad aufnehmen.

Das wäre allerdings ein Coup, eine Revolution der Weltordnung in Nahost. Und würde sich recht zwanglos in eine ganze Serie diplomatischer Erfolge einreihen, die Israels Premier in vergangenen Wochen in der muslimischen Welt verbuchen konnte.

Am 25. November kam Idriss Débys zu einem ersten offiziellen Besuch eines Staatsoberhaupts des Tschad seit Israels Staatasgründung nach Jerusalem. Débys überraschender Abstecher – die Regierung gab ihn nur wenige Minuten vor dessen Landung am Flughafen von Tel Aviv bekannt – spiegele „Israels steigendes Ansehen wieder“, sagte Netanjahu.

Tschad ist ein Arabisch-sprechender, mehrheitlich muslimischer Staat in Afrika. Er brach 1972 seine Beziehungen zu Israel ab, als arabische Nachbarstaaten in zwangen, an ihrem Jahrzehnte alten Boykott des jüdischen Staates teilzunehmen. Jetzt schlügen „Israel und der Tschad ein neues Kapitel in ihren Beziehungen auf“, so Netanjahu: „Ich verspreche euch – bald werden weitere Länder diesem Beispiel folgen.“

Ende Oktober wurde Israels Premier nicht minder überraschend in Oman empfangen – es war das erste Mal seit 20 Jahren, dass ein israelischer Premier offiziell Muskat besuchen durfte. Kurz darauf landete auch Transportminister Israel Katz im Sultanat, und er stellte auf einer internationalen Konferenz seinen Plan vor, den Persischen Golf und Israel mit einer Hochgeschwindigkeitsbahntrasse zu verbinden.

Wenige Tage später flog der israelische Kommunikationsminister Ajub Kara nach Dubai. Israels Wirtschaftsminister Eli Cohen soll Anfang 2019 zu einer internationalen Konferenz in Bahrain eingeladen worden sein, um die technologische Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten zu fördern. Und seit Monaten kooperieren Israel und Katar eng und offen miteinander, um die Lage im Gazastreifen zu beruhigen.

Vom Israel-Boykott, an dem grosse Teile der islamischen Welt seit fast 70 Jahren festhalten, scheint nichts mehr übrig zu sein. Stehen Israel eine Reihe neuer Friedensverträge ins Haus, ungeachtet des Umstands, dass der Konflikt mit den Palästinensern weiterschwelt und Siedlungen in den besetzten Gebieten weiter ausgebaut werden? Was führt zu dem neuen Tauwetter, was bedeutet es für die Region, und wie kann es weitergehen?

Glaubt man Netanjahu und seinen Anhängern, sind die Aussichten rosig: „Bald können die Bewohner der Vereinigten Arabischen Emirate Israels Nationalhymne auswendig“, frohlockte unlängst ein israelischer Radiomoderator, als er die Ergebnisse eines internationalen Judowettbewerbs im Golfstaat kommentierte. Das war nur halb ironisch gemeint, nachdem israelische Judokas im Abu Dhabis Grand Slam Turnier gleich zwei Mal den ersten Platz errangen. Folglich wurde dort erstmals die israelische Flagge gehisst und die Nationalhymne gespielt. Wenige Meter vom Goldmedaillengewinner Sagi Muki entfernt stand Israels Kulturministerin Miri Regev und rang mit einem Schwall von Tränen, die ihr angesichts des historischen Augenblicks über die Wangen zu kullern drohten.

Das symbolträchtige Hissen der israelischen Flagge war mehr als nur ein emotionaler Augenblick. In Europa mag der israelische Premier für den festsitzenden Friedensprozess mit den Palästinensern und den Ausbau von Siedlungen kritisiert werden. All das spiele indes keine Rolle, behauptete Netanjahu immer wieder. Hinter den Kulissen führten gemeinsamen strategische Interessen – hauptsächlich die Bedrohung durch radikal-islamische Gruppen und die Angst vor dem Iran – zu einer „bedeutenden Annäherung“ zwischen Israel und der arabischen Welt, so der Premier.

Die neusten Entwicklungen scheinen Netanjahus Strategie nun zu bestätigen. Auf einer Konferenz in Bahrain stellte Omans Aussenminister bereits fest, es sei höchste Zeit, dass Israel wie alle anderen Staaten im Nahen Osten behandelt wird“, und arabische Diplomaten pflichteten ihm bei.

Nicht nur die Furcht vor Teheran bringt arabische Staaten Israel näher, sondern auch die neue US-Administration: „Sie hat den Druck auf alle Verbündeten erhöht, auch in Nahost. Nähe zu Israel kann helfen, diesen Druck zu mindern“, sagt Professor Eyal Zisser, Nahost-Experte an der Tel Aviv Universität. Am Beispiel Saudi Arabiens wird das nach der Ermordung des Journalisten Dschamal Khaschoggi besonders deutlich. US-Präsident Donald Trump begründete seine Weigerung, Riad mit Sanktionen zu belegen, unter anderem mit der Rolle, die das Königreich als Verbündeter Israels spiele.

Der Einfluss des neuen Nahost-Friedensplans

Der neue Nahost-Friedensplan, an dem die  Sondervermittler Jason Greenblatt und Jared Kushner seit Monaten feilen, trägt ebenfalls zum Wandel bei. Sie wollen die bislang vorgeschlagene Abfolge eines Friedensprozesses auf den Kopf stellen. Hiess es bislang, Israel solle zuerst einen Vertrag mit den Palästinensern aushandeln und dann dafür mit der Normalisierung der Beziehungen zur arabischen Welt belohnt werden, wollen Greenblatt und Kushner es andersherum.

So schrieb Greenblatt unlängst in einer israelischen Zeitung, das wichtigste Hindernis bei dem Versuch, das Potenzial der Region auszuschöpfen, sei „das Fehlen formeller und offener Beziehungen zwischen Israel und seinen Nachbarn.“ An den „alten Regeln“ festzuhalten, die eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel verneinen, werde „allen schaden“. Stattdessen sei Zeit, für „Stabilität und Wohlstand der gesamten Region zu kooperieren.“ Dann könnten Israel und seine Nachbarn ihr Potenzial voll ausschöpfen. „Es wärmt mir das Herz zu sehen, dass arabische Führer den Mut zeigen, der für diesen Wandel notwendig ist“, schrieb Greenblatt, und fügte hinzu, davon würden auch die Palästinenser profitieren.

Wer gute Beziehungen zum Weissen Haus will, muss inzwischen also öffentlich bessere Beziehungen zu Israel unterhalten. Dieser Trend ist so weit gediehen, dass er Israels Feinde besorgt. Der Chef der libanesischen Hisbollah-Miliz versuchte gegenzusteuern: „Wir verurteilen jede Normalisierung mit Israel“, sagte Hassan Nasrallah. Die neuesten Entwicklungen setzten „der arabischen Heuchelei ein Ende“ und reisse „den Betrügern und Heuchlern endlich die Masken vom Gesicht.“ Wenigstens sei nun klar „wer auf welcher Seite steht – eine notwendige Voraussetzung für den Sieg.“

Siege scheinen vorerst indes Netanjahu vorbehalten zu bleiben. Der deutete bereits an, bald stünden weitere Besuche am arabischen Golf an. Dennoch rechnet Nahost-Experte Professor Elie Podeh vom Zentrum für Regionales Denken an der Hebräischen Universität vorerst nicht mit weit reichendem Wandel: „Hinter den Kulissen betrieben viele arabische Länder schon lange Handel mit Israel“, sagt er. Doch obschon die Palästinenser politisch in den Hintergrund rückten, schätzt Podeh, dass Israel keine neuen Friedensverträge ins Haus stünden. „Das würde mich verblüffen. Wobei ich zugeben muss, dass Netanjahus Besuch in Oman mich ebenfalls überraschte.“ Trotz aller Skepsis scheint in Nahost also plötzlich auch viel Positives möglich zu sein.

Über Gil Yaron

Dr. Gil Yaron ist Buchautor, Dozent und Nahostkorrespondent der Tageszeitung und des Fernsehsenders WELT, sowie der RUFA, der Radioabteilung der dpa. Er schreibt ebenso für die Straits Times in Singapur, und arbeitet als freier Analyst in zahlreichen Fernsehsendern.

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1 KOMMENTAR

  1. Denken wir zurück an den Waffenstillstandsvertrag, den Mohammed mit dem Stamm der Kuraishiten auf 10 Jahre schloss – weil seine militärische Stärke im Moment ungenügend war – , den er dann nach 2 Jahren brach und seine Feinde besiegte. An diesen Vertrag hatte Arafat nach Abschluss der Oslo-Verträge erinnert.

    Doch wie schon Ghandi erklärte, lehrt die Geschichte, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt. Tragisch umso mehr, als Sure 61 des Korans klar und deutlich sagt, dass der Islam die anderen Religionen besiegen muss, für jedermann nachzulesen.

    Hoffentlich vergisst Israel all das nicht ob falscher Friedensschalmeien. Denken wir auch zurück an München 1938 und Chamberlains Ausspruch von „Peace in our time“, für Millionen ein tödlicher Irrtum.
    .

    Im Neuen Testament, 1. Thessalonicher 5.3., steht „Denn sie werden sagen: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, So wird sie das Verderben schnell überfallen, gleichwie der Schmerz ein schwangeres Weib, und werden nicht entfliehen.“

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