Mosul. Foto International Christian Concern / Facebook
Mosul. Foto International Christian Concern / Facebook

Einst war Mossul eine blühende Stadt im Irak. Heute sind überall Trümmerhaufen vorhanden. Gebäude sind vollkommen zerstört; Autos mit Einschusslöchern durchsetzt. Trotz all der Verwüstungen und Zerstörungen geht das Leben in Mossul weiter. Aber Christen versuchen, so weit wie möglich, sich auf Distanz zu halten.

 

von Claire Evans

Die Stadt ist das Zentrum des Gouvernements Ninive, einer Region, in der seit Jahrhunderten die Mehrzahl der Christen des Landes lebt. Christen betrachten Mossul jedoch schon seit langem als gefährlich. Ihr Exodus begann lange bevor der Islamische Staat (IS) Mossul zu seinem Hauptsitz im Irak machte. Von 2014 bis zu ihrer Befreiung im Jahr 2017 befand sich die Stadt unter Kontrolle des IS . Doch auch heute noch machen die Christen Mossuls deutlich, dass ihr Exodus aus Mossul abgeschlossen ist. Für sie gibt es kein Zurück.

„Die Eroberung Mossuls und der Ninive-Ebene durch den IS war für Christen mehr als eine Besatzung“, erklärte Pater Albert, ein katholischer Priester aus Bagdad gegenüber der christlichen Menschenrechtsorganisation International Christian Concern (ICC) unmittelbar nach der Befreiung Mossuls. „Es geht um Vertrauen. Der IS hat die Gemeinschaft zerstört und die Christen werden sich nicht mehr in die allgemeine Gesellschaft eingliedern können.“

„Die Hälfte der Zivilbevölkerung Mossuls schloss sich dem IS an“, erläuterte Pater Albert. „Die Christen sahen in vielen Videos in den Sozialen Medien, wie die zivile Bevölkerung den IS im Juni 2014 begrüsste. Wie können sie diesen Menschen jemals wieder vertrauen?“

„Die Haltung gegenüber dem IS war nichts, was erst 2014 geboren wurde“, erklärte Samer, ein Christ aus Mossul. „Es war so etwas wie das Ergebnis einer Denkweise, die in Mossul bereits existierte.“

Er fügte weiter hinzu: „[Örtliche] Christen berichteten, dass ihre Nachbarn alles aus ihren Häusern mitnahmen. Der IS übernahm die grossen Objekte, die grossen Unternehmen. Aber die muslimischen Nachbarn bemächtigten sich der Häuser der Christen und bestahlen sie. Diese Wunden werden in der christlichen Gemeinschaft nicht heilen.“

In anderen Teilen der Ninive-Ebene erlebte man die langsame, vorsichtige Rückkehr von Christen in ihre Häuser. In Mossul sieht das jedoch noch ganz anders aus. Bevor der IS kam, lebten mehrere Tausend Christen in der Stadt. Heute sind weniger als hundert dorthin zurückgekehrt. Das mangelnde Vertrauen in die Gemeinschaft in Kombination mit fehlender Sicherheit und einer vollkommen zerstörten Stadt ist den meisten zu viel.

Auch wenn viele der Christen aus Mossul nicht dauerhaft zurückkehren werden, besuchen sie regelmässig die Stadt. Obgleich die Stadt zerstört ist, bleibt sie die administrative Hauptstadt des Gouvernements. Ob die Christen wollen oder nicht – die tägliche Arbeit erfordert häufige Reisen in die Stadt.

Mossul wird nie wieder sein, wie es war

Nadia ist eine 22-jährige Christin, die in Mossul aufgewachsen ist. Sie weigert sich zurückzukehren, fährt jedoch wie so viele andere häufig in die Stadt. Sie sagt: „Mossul wird nie wieder sein, wie es war; wir sind jederzeit bereit, zu fliehen. Die Stadt sieht erbärmlich aus.“

Sie würde es vorziehen, nicht nach Mossul zu fahren, möchte aber ihren Universitätsabschluss machen. „Das ist das Opfer, dass ich nach Mossul gehen muss. Kurdistan bot uns nichts an, die Privatschule ist immer noch verfügbar und benötigt viel Geld,“ erklärte sie. Aus diesem Grund stellt sie sich nicht nur den Gefahren von Mossul selbst, sondern auch dem Risiko von Schikanen an den rivalisierenden Kontrollposten der Milizen rings um die Stadt. „Checkpoints sind gut für uns, es sei denn, Araber sind an kurdischen Checkpoints bei uns und umgekehrt.“

Trotz dieser Herausforderungen hat sich Nadia entschlossen, sich nach ihrer Stadt nicht auch noch ihre Ausbildung wegnehmen zu lassen. „Das Bildungsniveau an der Universität von Mossul ist zu niedrig, weil wir die Vorlesungen nur drei Tage die Woche besuchen. Letztlich will jeder nur sein Zertifikat erhalten, das ist das Wichtigste.“

Auch Akram ist einer der Christen aus Mossul, der zwar nicht mehr dort leben will, aber hin- und herpendelt, um dort zu arbeiten. Wenn er sich die Stadt ansieht, die einst sein Zuhause war, sieht er vor sich nur Traurigkeit und schmerzhafte Erinnerungen. „Wir haben als Christen keine Zukunft im Irak“, sagte er.

Besonders besorgt ist er wegen West-Mossul. Inmitten der massiven Zerstörung, die dieser Stadtteil erfahren hat, halten sich IS-Milizen verborgen, welche die Sicherheit der Stadt und des übrigen Gouvernements gefährden.

„Ich denke, in West-Mossul gibt es zwei beunruhigende Faktoren: Erstens, die Zerstörung; zweitens die Sicherheit“, erklärt Akram. „Die Regierung gibt nicht zu, dass der IS dort nach wie vor präsent ist … Nach der Verkündigung des Siegs ist nichts geschehen. Eigentlich sollte es nach dem militärischen Erfolg ein neues Entwicklungskonzept geben. Leider ist jedoch nichts geschehen.“

Dave Eubank, ein Free Burma Ranger, der an der Befreiung Mossuls beteiligt war, berichtete ICC, wie Sicherheit und Entwicklung in Mossul miteinander verflochten sind. Er stellte fest: „Selbst, wenn die Menschen langsam versuchen in einige Teile im Westen der Stadt zurückzukehren und mit dem Wiederaufbau zu beginnen, verüben IS-Schläferzellen immer wieder Anschläge und rivalisierende Milizen tragen zu weiteren Spannungen bei.“

Die Situation in Mossul hat sich zweifellos verbessert. Die Stadt wird nicht länger vom IS kontrolliert. Aber die Wunden, die der IS geschlagen hat, liegen tief. Ohne Sicherheit oder Wiederaufbau gehen Christen schlichtweg das Risiko nicht ein, Mossul wieder zu ihrem Zuhause zu machen.

Claire Evans ist Regionalleiterin bei der Menschenrechtsorganisation International Christian Concern. Übersetzung Audiatur-Online.

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