Foto Screenshot Bayerischer Rundfunk / Youtube.com
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Kennen Sie ARD Israel Palästina? – Das ist kein vom deutschen Gebührenzahler finanzierter Fernsehsender auf Hebräisch und Arabisch, sondern eine Website (und Facebookseite), auf der alle paar Tage eine Kurzdokumentation des gebührenfinanzierten ARD-Studios Tel Aviv erscheint.

 

Am 30. November war das Thema: „Bunte Leidenschaft: Palästinensische Frauenkleider sind seit Jahrhunderten für ihre prachtvolle Stickerei bekannt“:

Nablus, Westjordanland: Der letzte Schliff am Kostüm, dann schliesst sich Intias Abu-Awad mit jung und alt dem bunten Strassenumzug an. Gefeiert wird der Tag der traditionellen palästinensischen Tracht. Frau (in festlicher Tracht): „Tradition ist wie unser Identitätsausweis. Damit definieren wir unsere Kultur, halten an unserer Vergangenheit und diesem Land fest.“ 

Die bunte Leidenschaft, so ahnt der Zuschauer alsbald, hat wohl etwas mit Politik zu tun. Das wird im Film nicht offen gesagt, aber spätestens dann klar, wenn behauptet wird, die Trachten gingen „auf die vorbiblische Zeit“ zurück:

In den Kostümen steckt aufwendige Handarbeit. In ihrem Studio in Ramallah arbeitet Intias an manchen Kleidern bis zu sechs Monate. Das Besondere an den palästinensischen Trachten ist die Stickerei, ein Kunsthandwerk, das über Generationen von Müttern an ihre Töchter weitergegeben wurde … Intias beruft sich auf eine lange Tradition, die gar auf die vorbiblische Zeit zurückgeht. ‚Besonders an den palästinensischen Kostümen ist dieses Rot, wir nennen es ordschuani. Die Kanaaniter haben die Farben aus Muscheln bezogen.

Ein Handwerk aus „vorbiblischer Zeit“ wäre eines, das nicht nur vor Jesus da war; nicht nur vor David; nicht nur vor Moses; sondern schon vor Abraham – eine wahrhaft alte Tradition, die da seit über 4.000 Jahren gepflegt wird. Wenn die Geschichte denn wahr wäre; zumindest die Reporterin des Bayerischen Rundfunks, Karolina Toren, zweifelt nicht daran.

Ein Anruf beim Deutschen Textilmuseum in Krefeld bringt Klarheit: Nein, mit Muscheln werden keine Kleider gefärbt, gemeint sein können nur Meeresschnecken; die wurden tatsächlich auf dem Gebiet des heutigen Syriens zum Färben benutzt – wenn nicht in „vorbiblischer Zeit“, so doch schon vor über 3.000 Jahren – und werden in hethitischen Aufzeichnungen erwähnt. Mit ordschuani wäre demnach Purpur gemeint. Dafür waren in der Antike die Phönizier bekannt, die u.a. an der Küste des östlichen Mittelmeers siedelten.

Was haben die in der hebräischen Bibel erwähnten Kanaaniter damit zu tun? Eine verbreitete Anschauung ist, dass das Volk, das die Griechen als „Phönizier“ bezeichneten – vom griechischen phoinix (Φοῖνιξ), das u.a. auch „Purpur“ bedeutet – von den Israeliten „Kanaaniter“ genannt wurden (hebräisch für „Handeltreibende“). Doch wie die Archäologin Josephine Quinn vom Oxford Centre for Phoenician and Punic Studies in ihrem Buch In Search of the Phoenicians darlegt, wurden die beiden Begriffe lange Zeit für verschiedene Orte und Völker benutzt: Während das griechische „Phoenicia“ immer ein Küstenstreifen war, ist das „Kanaan“ aus nahöstlichen Quellen wie der hebräischen Bibel beträchtlich grösser und reicht bis zum Jordan. Wie Quinn weiter schreibt, waren das Kanaan und die Kanaaniter der hebräischen Bibel „weitgehend ideologische Konstrukte, die die Feinde Israels repräsentierten, und nicht historische Bezeichnungen wirklicher sozialer Gruppen“. Die Belege dafür, dass es je ein Volk gab, das sich selbst „Kanaaniter“ nannte, hält sie für „dürftig“ bzw. „unseriös“ (suspect).

Auch wurde die Purpurfarbe der Phönizier nicht für Volkstrachten verwendet. „Sie war sehr, sehr teuer“, erklärt der biblische Archäologe Pieter Gert van der Veen gegenüber Audiatur-Online. „Im Alltag wird sie also von den Bauernfrauen wohl kaum verwendet worden sein.“ Und sind die Palästinenser nun die Nachfahren der Kanaaniter oder haben zumindest von ihnen die Kunst der Textilproduktion übernommen? „Die Kanaaniter sind nicht die Vorfahren der heutigen Palästinenser, schon gar nicht der Philister, wie immer wieder behauptet wurde“, so van der Veen. „Der Begriff Palästina ist aber alt und taucht bereits um 800 v. Chr. in den Annalen des Assyrerkönigs Adad-Nirari III. auf. Er bezieht sich allerdings auf die gesamte Küstenregion zwischen dem Libanon und Gaza.“ Die heutigen Palästinenser, so der Archäologe, stammten von Beduinenvölkern ab, die im ganzen Gebiet unterwegs waren. „Sie sind die Nachfahren von verschiedenen Völkern der Region und nicht von einem bestimmten Volk. Man kann das nach 3000 Jahren auch nicht mehr so genau sagen. Die Kleidung der Frauen ist aber völlig anders als die von vor 3000 Jahren. Ich sehe da keine Verbindung.“

Der einzige Anknüpfungspunkt der heutigen Tradition an die „Kanaaniter“ ist also, dass die modernen Schneiderinnen neben vielen anderen Farben auch Stoffe und Garne in Rot- und Purpurtönen benutzen, so wie es in der Levante schon die Phönizier taten. Dafür aber müssen schon lange keine Schnecken mehr umgebracht werden: „Bis in byzantinische Zeit“ sei das Purpurfärben dokumentiert, erfahren wir beim Deutschen Textilmuseum. Die liegt nun auch schon eine Weile zurück, von einer durchgehenden Tradition kann also keine Rede sein. Die Kanaaniter und ihre Schnecken können wir in Frieden ruhen lassen, sie haben mit heutigen palästinensischen Kleidern nichts zu tun.

Harmlos ist die Geschichte indessen nicht. Seit einigen Jahren benutzt die Palästinensische Autonomiebehörde die „Kanaaniter“ als ideologisches Vehikel, um die Geschichte der Levante der letzten Jahrtausende umzuschreiben. So behauptete etwa Mahmud Al-Habbash, der oberste Schariarichter der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) und Berater von PA-Chef Mahmud Abbas, im Mai 2018: „Jene, die Jerusalem errichtet haben, das waren wir, die jebusitischen, kanaanäischen Araber.“ 2015 sagte er: „Unsere Geschichte reicht 5.000 Jahre zurück. Unsere Vorväter und historische Linien, die jebusitischen Kanaaniter haben Jebus, Jerusalem, die Stadt des Friedens gebaut. … Unsere Präsenz ist seit 5.000 Jahren ununterbrochen.“

Dass die Palästinenser von den Jebusitern – einem Volk, das allein in der hebräischen Bibel erwähnt wird und keinerlei Aufzeichnungen hinterlassen hat – abstammten, ist eine These, die auch von Jassir Arafat erzählt wurde; laut einem Aufsatz im Middle East Quarterly wurde sie erstmals 1989 von dem PLO-Funktionär Sami Hadawi vertreten, der in seiner „Geschichte Palästinas“ schrieb, die historische Verbindung der Palästinenser zum Land seien nicht „die islamischen Wüstenkrieger“ gewesen, „die das Land vor 1.300 Jahren eroberten“, sondern „die ursprüngliche eingeborene Bevölkerung“. Die Palästinenser seien „dagewesen, als die frühen Hebräer um 1.500 v. Chr. in das Land einfielen.“

Dieser Faden wird von der Palästinensischen Autonomiebehörde seither immer weiter gesponnen: „Die Bibel sagt, dass die Palästinenser vor Abraham existiert haben. … Wir bebauen dieses Land seit der Erfindung des kanaanäisch-palästinensischen Alphabets vor 6.000 Jahren“, sagte Mahmud Abbas 2016. Wie man sieht, spinnt die ARD fleissig mit. Übrigens waren die Kanaaniter keine Araber, die PLO-Charta muss also umgeschrieben werden: Überall da, wo von „arabischem Volk“, „arabischer Einheit“, „arabischer Heimat“ oder „arabischer Erziehung die Rede ist, muss „arabisch“ durch „kanaanäisch“ ersetzt werden. Artikel 1 etwa hiesse dann: „Palästina ist das Heimatland des kanaanäischen, palästinensischen Volkes, es ist ein untrennbarer Teil des gesamtkanaanäischen Vaterlandes und das palästinensische Volk ist ein integraler Bestandteil der kanaanäischen Nation.“ Wie bei der Mode, so scheint auch bei der Geschichtsschreibung das Motto zu gelten: Erlaubt ist, was gefällt.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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