Scheich Ahmed al-Raissouni (links), Nachfolger von Scheich Yusuf Qaradawi (rechts). Foto Jerusalem Center for Public Affairs / Arabische Presse.
Scheich Ahmed al-Raissouni (links), Nachfolger von Scheich Yusuf Qaradawi (rechts). Foto Jerusalem Center for Public Affairs / Arabische Presse.

Scheich Yusuf Qaradawi, bekannt als „Scheich der Terroristen“ und „Kopf der Schlange“ des islamischen Terrors, hat aufgrund seines Alters seinen Rückzug aus der Welt der religiösen Predigten und als Anführer der Internationalen Union Muslimischer Gelehrter angekündigt. Er ist über 90 Jahre alt.

 

von Yoni Ben Menachem

Scheich Qaradawi, geistiger Anführer der Muslimbruderschaft und 2014 nach der Machtübernahme von Präsident Abdel Fattah el-Sisi aus Ägypten geflohen, kündigte bei einer Konferenz in der Türkei am 9. November 2018 seinen Rücktritt an und sparte dabei nicht mit Lobpreisungen auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

„Einigen Historikern zufolge begann die Geschichte des islamischen Glaubens in Istanbul“, behauptete Qaradawi. „Präsident Erdoğan hat die Fahne des Islam hochgehalten, obwohl er kein Geld und keine Männer hatte“, betonte er.

Scheich Yusuf Qaradawi gründete die Internationale Union Muslimischer Gelehrter im Jahr 2004 in der irischen Hauptstadt Dublin. Ihr Hauptsitz in Doha, Katar ist die oberste Instanz für die Erteilung religiöser Genehmigungen für die Führungsebene der Muslimbruderschaft.

Vier arabische Länder, darunter Ägypten, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain, boykottieren die von ihnen als „Terrororganisation“ eingestufte Vereinigung.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Sheikh Qaradawi. Foto Iranische Medien /Jerusalem Center for Public Affairs.

Scheich Qaradawis religiöse Vorschriften (auf Arabisch „fatwas“) sind eine religiöse und ethische Billigung aller islamistischer Terrororganisationen weltweit, allen voran al-Qaida und der IS, sowie von Selbstmordanschlägen.

Qaradawi und Bin Laden

Qaradawi rühmt sich gerne damit, dass das mittlerweile verstorbene Oberhaupt von al-Qaida, Osama Bin Laden, sein Schüler und Mitglied der Muslimbruderschaft war.

Qaradawi war der grösste islamische Umstürzler, der sich gegen arabische Regimes wandte. Er sorgte für das Entstehen von Chaos in islamischen Gesellschaften und etablierte politische Instanzen oder Organisationen, um arabische Staaten zu destabilisieren und in ihnen die Herrschaft der Muslimbruderschaft durchzusetzen.

Katar überliess ihm die vollständige Kontrolle über das Staatsfernsehen und den Fernsehsender Al-Jazeera, und damit machte sich Qaradawi selbst zum obersten sunnitischen Prediger und zur höchsten religiösen Autorität in der islamischen und arabischen Welt.

Das Zentrum seiner Aktivitäten befand sich überwiegend in Doha, der Hauptstadt von Katar. Seine Agenda stimmte vollkommen mit dem des katarischen Herrschers Scheich Tamim bin Hamad al Thani überein: Zwietracht zwischen den anderen arabischen Staaten säen, ganz nach dem Prinzip „teile und herrsche“.

Scheich al-Qaradawi hat religiöse Vorschriften veröffentlicht, welche die Ermordung von Staatsführern und die Aufhetzung gegen die Armee und die nationalen Einrichtungen Ägyptens gestatteten.

Er gab zudem ähnliche Vorschriften heraus, die Offiziere und Soldaten in der ägyptischen Armee dazu aufriefen, die Befehle ihrer Vorgesetzten zu missachten.

Ägyptische Quellen behaupten, dass Scheich Qaradawi von Sheikha Mozah bint Nasser, der Mutter des katarischen Staatsoberhaupts Scheich Tamim bin Hamad al Thani, zum Rücktritt genötigt wurde. Sie gelangte zu dem Entschluss, dass Qaradawi zu einer Bürde für Katar geworden und die Zeit für seinen Rückzug gekommen sei.

Scheich Qaradawi und die katarische Sheikha Mozah. Auf der rechten Seite der Schweizer Professor Tariq Ramadan, der derzeit von der Oxford University beurlaubt ist. Er wurde im Januar 2018 in Frankreich wegen Vergewaltigung verhaftet und inhaftiert. Foto Screenshot Youtube, 2012.

Zur gleichen Zeit glaubt man in Ägypten, dass Scheich Qaradawi noch nicht sein letztes Wort geäussert hat. Da er die religiöse Zustimmung für die katarische Politik gibt, brauchen ihn die Herrscher des Landes auf ihrer Seite, damit er in schwierigen Zeiten die Bühne betreten und sie bei Bedarf beschützen kann.

Qaradawi ist von Katar abhängig. Seine religiösen Vorschriften sind politischer Natur und entsprechen den Bedürfnissen Katars.

Wer wird sein Nachfolger?

Scheich Ahmed al-Raissouni wird die Nachfolge von Scheich Yusuf Qaradawi antreten. Er ist ein bekannter Akteur in der Muslimbruderschaft in den arabischen Maghreb-Staaten [Nordafrika] und wurde für seine scharfe Kritik am früheren ägyptischen Präsidenten Mohamed Morsi berühmt, der ebenfalls Mitglied der Muslimbruderschaft war. Er äusserte grosse Zufriedenheit, als Morsi im Jahr 2013 von Gen. Abdel Fattah el-Sisi entmachtet wurde.

2011 warf al-Raissouni der Muslimbruderschaft „ideologische Stagnation“ vor.

Er behauptete, dass sich die Organisation von den Traditionen ihres Gründers Hassan al-Banna lossagen müsse, um sich weiterzuentwickeln. Al-Raissouni glaubte, dass es der Bewegung nicht erlaubt sei, um das Amt des ägyptischen Präsidenten zu konkurrieren und Verantwortung für die Institutionen des Landes zu übernehmen, da dies die Bewegung „ausbrennen“ würde, was in der Tat unter Präsident Mohamed Morsi geschah.

Al-Raissouni wollte, dass Präsident Morsi von seinem Amt zurücktritt und stattdessen Mohammed el-Baradei oder Amr Moussa zum Präsidenten gewählt wird.

In den vergangenen Jahren diente al-Raissouni als Qaradawis Stellvertreter bei der Internationalen Union Muslimischer Gelehrter.

Er wurde 1953 in Marokko geboren, wo er auch zur Schule ging und studierte.

Al-Raissouni gilt als einer der Gründer der Internationalen Union Muslimischer Gelehrter. Er war der einzige Kandidat bei den internen Wahlen um die Führung der Organisation, die in Istanbul stattfanden, um wurde mit 93 Prozent der Stimmen gewählt.

Er wird als einer der grössten Unterstützer der Palästinenser angesehen, und er ist entschieden gegen die Erklärung Jerusalems als Hauptstadt Israels und die Politik Israels auf dem Tempelberg. Er lehnt die auch Normalisierung der Beziehungen zwischen den arabischen Staaten und Israel ab.

In der arabischen Welt wird erwartet, dass al-Raissouni einen noch härteren politisch-religiösen Ton anschlagen wird, um schnell in die Fussstapfen von Scheich Yusuf Qaradawi treten zu können.

Yoni Ben Menachem, langjähriger Kommentator für arabische und diplomatische Angelegenheiten im israelischen Radio und Fernsehen, ist leitender Nahost-Analyst beim Jerusalem Center for Public Affairs. Er war als Generalintendant und Chefredakteur der Israel Broadcasting Authority tätig. Übersetzung Audiatur-Online.

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