Maskierte Hamas-Mitglieder während einer Kundgebung im zentralen Gazastreifen. Foto Abed Rahim Khatib/Flash90
Maskierte Hamas-Mitglieder während einer Kundgebung im zentralen Gazastreifen. Foto Abed Rahim Khatib/Flash90

Als vergangene Woche erneut Bestrebungen zur Erreichung eines Waffenstillstands zwischen der Hamas und Israel im Gange waren, stellte der Autor des vorliegenden Artikels eine berechtigte und direkte Frage: Kann man der Hamas vertrauen?

 

von Bassam Tawil

Die Schlussfolgerung war, dass ein echter Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas erst dann erreicht werden kann, wenn den dschihadistischen palästinensischen Terroristen die Macht entzogen wird, anstatt sie für Gewalt und Drohungen noch zu belohnen.

Wenige Tage später lieferte die Hamas selbst den Beweis, warum man ihr bei keinem Handel Vertrauen schenken kann, auch nicht bei einem Waffenstillstand.

Seit vorgestern haben die Hamas und ihre Verbündeten im Gazastreifen Hunderte Raketen auf Israel abgefeuert. Die Flut von Raketen begann nur wenige Stunden, nachdem Hamas-Terroristen israelische Angehörige einer Kommandotruppe im Gazastreifen angegriffen und dabei einen israelischen Offizier getötet und einen weiteren Soldaten verletzt hatten. In einer Reaktion tötete die israelische Armee sieben Terroristen und einen hohen militärischen Befehlshaber der Hamas, Scheich Nur Baraka.

Die israelische Kommandoeinheit war nicht im Gazastreifen unterwegs, um irgendjemanden zu töten oder zu kidnappen. Sie waren dort lediglich im Rahmen einer routinemässigen verdeckten Operation mit dem Ziel, Terroranschläge durch die Hamas und andere palästinensische Terrororganisationen zu vereiteln. Dennoch wurde der Kommandotrupp von Hamas-Terroristen angegriffen, die versuchten, einige der Soldaten zu töten oder zu kidnappen. Den Soldaten der israelischen Eliteeinheit gelang es im Schutz israelischer Luftangriffe, die zu ihrer Deckung angefordert worden waren, zurück nach Israel zu gelangen.

Es ist klar, dass der bewaffnete Zusammenstoss mit den israelischen Streitkräften von der Hamas ausging und nicht von Israel. Es war die Hamas, die die israelischen Soldaten angriff, den Offizier tötete und dann nichts Eiligeres zu tun hatte, als Israel zu beschuldigen, einen „neuen Angriff“ auf den Gazastreifen zu starten. Als die israelischen Soldaten zu ihrer Verteidigung das Feuer erwiderten und dabei sieben Terroristen töteten, warf die Hamas Israel die Begehung eines „verabscheuungswürdigen Verbrechens“ gegen Palästinenser vor.

15 Millionen Dollar Bargeld aus Katar

In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass der Angriff der Hamas sich nur wenige Stunden ereignete, nachdem ein Gesandter aus Katar den Gazastreifen verlassen hatte. Der katarische Regierungsvertreter Mohammed El-Amadi war vergangene Woche im Gazastreifen angekommen. Bei sich trug er Koffer, die mit 15 Millionen USD in Bargeld vollgestopft waren. Das Geld wurde an die Hamas-Führer ausgeliefert, damit diese die Gehälter von Tausenden ihrer Angestellten im Gazastreifen zahlen konnten. Die finanzielle Unterstützung aus Katar wurde mit israelischer Genehmigung in den Gazastreifen geliefert. Der katarische Abgesandte reiste sogar über den israelischen Grenzübergang Erez in den Gazastreifen ein.

Warum hat Israel den Transfer des Bargelds aus Katar in den Gazastreifen ermöglicht? Israel versucht nach wie vor, einen totalen Krieg mit der Hamas zu vermeiden.

Israel hat keine Angst vor der Hamas. Israel will schlicht und einfach nicht, dass die palästinensischen Zivilisten, die unter der Kontrolle der Hamas im Gazastreifen leben, einmal mehr einen hohen Preis für die törichten Aktionen ihrer Anführer zahlen müssen. Israel hat tatsächlich wiederholt seinen Wunsch ausgedrückt, das Leiden der dort lebenden Palästinenser zu lindern.

In den vergangenen Jahren hat Israel aktiv die Bemühungen zum Wideraufbau im Gazastreifen unterstützt. Zu den israelischen Massnahmen zählt der Ausbau der Grenzübergänge zwischen Israel und dem Gazastreifen, über die täglich mehr als 800 LKW-Ladungen voller Baumaterialien und anderer Waren in den Gazastreifen rollen. Darüber hinaus wurde seit dem Krieg von 2014 zwischen Israel und der Hamas die Einfuhr von über 3,4 Millionen Tonnen Material in den Gazastreifen vereinfacht.

Anfang des Jahres stellte Israel der EU, den USA, den Vereinten Nationen und der Weltbank verschiedene Projekte vor, die von der israelischen Regierung genehmigt worden waren, um die Infrastruktur im Gazastreifen sowie Energielösungen zu fördern und Beschäftigungsmöglichkeiten für die dort lebenden Palästinenser zu schaffen.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu verteidigte die Abmachung mit Katar von letzter Woche, indem er sagte, sie ziele darauf ab, eine „humanitäre Krise“ im Gazastreifen zu vermeiden. Netanyahu liess verlauten, er tue „alles in meiner Macht Stehende“, um die Israelis, die im Grenzgebiet zum Gazastreifen leben, zu schützen, während er gleichzeitig daran arbeite, eine humanitäre Krise zu verhindern.

Die Hamas nahm die Finanzspritze Katars in Höhe von 15 Millionen Dollar, bezahlte ihre Angestellten und kehrte nur wenige Tage später wieder zu ihren Terroranschlägen auf Israel zurück.

So bedankt sich die Hamas bei den Katarern und Israelis, die viel Arbeit in die Erlangung eines Waffenstillstands im Gazastreifen gesteckt haben und einen weiteren Krieg vermeiden wollen – einen Krieg, der den dort lebenden Palästinensern vermutlich weiteres Leid bescheren wird.

Die Hamas hat die Geste guten Willens von Israel und Katar eindeutig als ein Zeichen der Schwäche interpretiert. Die Hamas-Führer verkündeten sogar öffentlich, dass die 15-Millionen-Dollar-Finanzhilfe die „Frucht“ ihrer wöchentlichen gewalttätigen Ausschreitungen sei, die sie seit März an der Grenze zu Israel organisieren. Kurz nachdem der katarische Abgesandte die Finanzhilfe im Gazastreifen abgeliefert hatte, äusserte sich Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum und prahlte, dass die Palästinenser endlich die Früchte ihrer Proteste an der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen ernteten.

Der Standpunkt der Hamas gemahnt sehr an ihre Reaktion auf den israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen im Jahr 2005. Auch damals interpretierten die Hamas und andere Palästinenser den israelischen „Rückzug“ aus dem Gazastreifen – der in der Absicht erfolgte, dem Gazastreifen die Möglichkeit zu geben, ein zweites Singapur am Mittelmeer zu werden – als ein Zeichen von Schwäche und Rückzug der Israelis.

Hunger nach Fortsetzung des Dschihad

Wenige Monate später gewann die Hamas 2006 sogar die palästinensischen Parlamentswahlen – grösstenteils, weil sie behauptet hatte, sie habe Israel mit Selbstmordattentaten und Raketenangriffen zum Rückzug aus dem Gazastreifen gezwungen. Damals sagte die Hamas zu den Palästinensern: Stimmt für uns, denn wir haben die Juden durch den bewaffneten Kampf aus dem Gazastreifen vertrieben.

Die neuerlichen Angriffe der Hamas auf Israel erinnern uns daran, dass die Terrorvereinigung an einem echten Waffenstillstand kein Interesse hat. Die Hamas will, dass Millionen Dollar an ihre Angestellten gezahlt werden, damit sie sich weiter auf den Krieg mit Israel vorbereiten kann, ohne sich dabei um das Wohlergehen ihres Volks kümmern zu müssen.

Katars 15-Millionen-Bargeldspritze hat die Hamas nicht davon abgehalten, Hunderte von Raketen auf Israel abzufeuern. Im Gegenteil, das Geld hat die Hamas weiter ermutigt und ihren Hunger nach Fortsetzung ihres Dschihad zur Eliminierung Israels weiter gesteigert. Alles Geld der Welt wird die Hamas nicht davon überzeugen, von ihrer Ideologie abzurücken oder ihre Haltung gegenüber Israel aufzuweichen.

Sollte die Hamas tatsächlich an einem Waffenstillstand interessiert sein, dann nicht, weil sie auf Frieden mit Israel aus ist. Der Grund dafür ist vielmehr, dass die Hamas eine „Atempause“ braucht, die ihr ermöglicht, weiterhin Waffen zu entwickeln und anzuhäufen und sich auf weitere Angriffe auf Israel vorzubereiten. Jeder, der seinen oder ihren Glauben darein setzt, dass die Hamas ihre Ziele mässigt, lebt in einer Traumwelt.

Die Hamas hat eine langjährige Tradition in der Verletzung von Waffenstillstandsvereinbarungen mit Israel.

Selbst wenn es den Ägyptern, Katarern und den Vereinten Nationen gelingen sollte, die jüngste Angriffswelle auf Israel zu beenden, wird die Hamas niemals von ihrem Plan abrücken, Israel zu zerstören und so viele Juden wie irgend möglich zu töten. Die Hamas wird auch weiterhin Waffenstillstandsabkommen brechen. Wenn Katar sein Versprechen, weitere Koffer voller Geld in den Gazastreifen zu senden, einhält, wird sich die Hamas auf dem Weg zur Bank weiterhin den Bauch vor lauter Lachen halten.

Die internationalen Vermittler müssen verstehen, dass es nur eine einzige Lösung für die Krise im Gazastreifen gibt: Der Hamas die Macht zu entziehen und ihre militärischen Kapazitäten zu zerstören. Ausserdem müssen sie verstehen, dass es nur eine Sprache gibt, die die Hamas versteht: die Sprache der Gewalt. Bis die Vermittler diese Wahrheit verinnerlicht haben, wird die Hamas sich weiterhin über alle lustig machen, auch über ihre eigenen Leute und alle, die versuchen, eine humanitäre Katastrophe im Gazastreifen zu verhindern. Die Hypothese: ‚Wenn du Terroristen Millionen Dollar zahlst, werden sie aufhören, Anschläge auf dich zu verüben‘ – eher als das Geld zur Aufstockung ihrer Truppen zu verwenden – hat sich als falsch erwiesen.

Bassam Tawil ist Muslim und lebt als Wissenschaftler und Journalist im Nahen Osten. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute. Übersetzung Audiatur-Online.

Diesen Beitrag teilen
  • 174
  •  
  •  
  • 1
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •