Hamas Militante. Foto Hamas / Ramallah News
Hamas Militante. Foto Hamas / Ramallah News

Heute, Freitag, soll sich entscheiden, ob es Krieg gibt.

 

Nach mehrstündigen angespannten Beratungen bis tief in die Nacht hinein, hat das israelische Sicherheitskabinett immer noch keinen klaren Beschluss gefasst. Verteidigungsminister Avigdor Liebermann fordert einen „schweren Schlag“ gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas-Organisation. Premierminister Netanjahu und der als „Hardliner“ bezeichnete Erziehungsminister Bennet setzen weiter auf diplomatische Bemühungen zur Beruhigung der Lage. „Ich will keinen unnützen Krieg“, hatte Netanjahu erklärt.

Seit gestern hat die IDF ihre Einheiten an der Grenze zu Gaza um ein Vielfaches aufgerüstet und droht Hamas mit harten Reaktionen, sollten die Unruhen wie bisher ausarten.

Tatsächlich steht Israel seit Jahren vor einem unlösbaren Dilemma. Es will keineswegs in Gaza einmarschieren, nicht nur wegen der zu erwartenden Opferzahlen auf beiden Seiten. Israel will auch nicht wieder die Verantwortung für eine feindselige Bevölkerung von 2 Millionen Menschen auf engstem Raum übernehmen. Obgleich die Hamas als „Terror-Organisation“ gilt, vermeidet es Israel, sie auszuschalten oder gar abzusetzen. Das würde ein unerträgliches Vakuum schaffen. Eine Rückkehr der Autonomiebehörde unter Präsident Mahmoud Abbas wird zwar von allen Parteien, darunter den vermittelnden Ägyptern angestrebt. Doch Ramallah und Gaza sind nicht erst seit dem Putsch der Hamas 2007 so verfeindet, dass eine „Versöhnung“ undenkbar ist.

Verteidigungsminister Lieberman will „klare Verhältnisse“ schaffen, doch Netanjahu und das Militär ziehen es vor, wegen „Laschheit“ bezichtigt zu werden, weil sie zögern, die Hamas zu zerschlagen und die ständigen Angriffe „ein für alle Male“ zu beenden. Offenbar ahnen sie, dass es in Nahost keine „einfache“ Lösungen gibt und dass die Folgen jeglicher Aktion noch schlimmer sein können als der vorherige Zustand. Diese Position vertrat Israel auch schon während der „Gaza-Kriege“ 2009 und 2014, als es sich hütete, vollständig einzumarschieren und die Hamas auszuschalten.

Gewalt statt „Friedliche Demonstrationen“ seit März dieses Jahres 

Seit März 2018 stürmen nun palästinensische Demonstranten täglich und besonders an Freitagen den Grenzzaun zu Israel. Die aufgehetzte und gewalttätige Menge versucht immer wieder, den Grenzzaun zu Israel zu durchbrechen und in israelisches Gebiet einzudringen, was einzelnen Kämpfern auch gelang. Durch die Schüsse von israelischen Scharfschützen kam es bereits zu Toten und Verletzten.

Mit Luftballons aus Kindergärten und heliumgefüllten Kondomen wurden zudem Brandsätze und neuerdings auch Handgranaten sowie Sprengsätze mit dem ständig nach Osten wehenden Wind nach Israel getragen, wo Tausende Hektar Felder und Wälder sowie Naturschutzgebiete verbrannten mit verheerenden Schäden für die Natur, Bäume, Tiere und Bienenstöcke. Dies sind massive Angriffe und ein Zustand, den kein Souveräner Staat der Welt auf Dauer akzeptieren kann.

Die Palästinenser behaupteten, dass ihre „friedlichen“ Demonstrationen dem Willen der jungen Menschen entsprechen, in die von ihren Vorfahren 1948 verlassenen Häuser zurückkehren zu wollen, um dort in „Friede und Würde“ leben zu können. Deshalb wird das Unternehmen „Rückkehrmarsch“ genannt. Im Laufe der Zeit kamen noch weitere Vorwände hinzu, wie Protest gegen die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem, die Kürzungen der Budgets für die umstrittene Flüchtlingshilfe-Organisation UNRWA, Rache für die jeweiligen Toten von Gestern, die desolate humanitäre Lage mit 50 % Arbeitslosigkeit, fehlender Strom und Nahrungsmittelknappheit. Die Hamas fordert deshalb ein Ende der israelischen Blockade (ohne die ägyptische Blockade zu erwähnen), offene Grenzen nach Israel, freien Handel, einen frei zugänglichen See- und Flughafen und vieles mehr.

Mit der Rakete auf die Grossstadt Beer Schewa in der Nacht zum Mittwoch hat sich die Lage verschärft, weil ein Wohnhaus einen direkten Treffer erhalten hat und die dort lebende alleinstehende Miri Tamano ihre drei Söhne gerade noch rechtzeitig, innerhalb von Sekunden, in das bombenfeste Zimmer im Untergeschoss zerren konnte. Als sie gerade die Tür des Schutzraumes geschlossen hatten, schlug die Rakete durch das Dach ins Schlafzimmer der Kinder ein, wo 20 Kilogramm Sprengstoff explodierten und das ganze Haus zertrümmerten. (Die ARD-Tagesschau behauptet, dass die mutmassliche Rakete im Garten explodiert sei, was definitiv den Tatsachen nicht entspricht.)

Tamano erlitt eine „leichte Verletzung“. Ansonsten gab es keine Opfer. Vielleicht war das der Grund, dass die Medien in der Welt bis in die Morgenstunden schwiegen. Erst als Israel als Reaktion Luftangriffe auf etwa 20 terroristische Ziele im ganzen Gazastreifen flog, gab es die entsprechenden Schlagzeilen mit dem Hinweis, dass „zuvor“ aus dem Gazastreifen eine Rakete auf Israel abgeschossen worden sei.

Wie üblich wurde so die Empörung der Medienkonsumenten in Europa gegen Israel gelenkt, zumal dann auch noch gemeldet wurde, dass bei den Luftangriffen „ein Mensch“ getötet worden sei.

Nicht gemeldet wurde, dass jener Mensch gerade eine Mörsergranate lud, um Israel zu beschiessen. Dazu hat der israelische Militärsprecher sogar einen Videofilm veröffentlicht:

Wie auch der israelische Botschafter in der Schweiz Jakob Keidar hier bei Audiatur-Online darstellte, handelt es sich nicht nur um Glück und Zufall, wenn es in Israel kaum Opfer gibt. Aber wegen der Unverhältnismässigkeit der Zahl der Opfer, gilt Israel als der Aggressor, während die Palästinenser sich als „Opfer“ inszenieren.

Der Grund für die Diskrepanz bei den Opfern liegt freilich woanders. Israel gibt Milliarden aus, um die eigene Bevölkerung zu schützen, etwa indem jeder Neubau per Gesetz mit einem Schutzraum ausgestattet sein muss. Im Gazastreifen gibt es nichts Vergleichbares. Vielmehr wird die Zivilbevölkerung als „menschlicher Schutzschild“ missbraucht. Die jungen Demonstranten, darunter auch Kinder, werden an den Grenzzaun vorgeschickt, obgleich jeder weiss, dass ein Durchbrechen des Zaunes und die Attacken mit scharfen Schüssen beantwortet werden. So passiert das seit März. Jede verantwortungsvolle Regierung hätte längst diese gewalttätigen Ausschreitungen beendet, wenn ihr das Leben der eigenen Bürger etwas wert wäre.

Wer hat die Rakete abgeschossen?

Die israelische Regierung besteht auf dem Prinzip, dass die Hamas volle Verantwortung für jeglichen Angriff aus dem Gazastreifen trägt. Deshalb seien militärische Einrichtungen der Hamas, Verwaltungsgebäude und Trainingslager legitime Ziele bei Luftangriffen in Reaktion auf Raketenbeschuss und andere Attacken. Um nicht getroffen zu werden, behauptete die Hamas zunächst, dass die kleinere Konkurrenz, der Islamische Dschihad, die Rakete abgeschossen hätte. Klar ist, dass nur diese beide Organisationen über Raketen mit einer Reichweite bis nach Beer Schewa oder Tel Aviv verfügen. In der gleichen Nacht landete übrigens im Meer vor der Metropole Israels eine Rakete, ohne Schaden anzurichten.

Konsequenz aus dem Raketenangriff hat die Luftbehörde für den Ben Gurion Flughafen gezogen. Ohne Einzelheiten zu verraten, wurden die Flugrouten bei Start und Landung der Zivilflugzeuge geändert. Wer schon einmal nach Israel geflogen ist und vor der Landung in Richtung Süden schaute, konnte das Kraftwerk Rutenberg bei Aschkelon sehen. Unmittelbar dahinter, also in Sichtweite landender Verkehrsflugzeuge, liegt der Gazastreifen.

Die neueste „Masche“ der Hamas ist nun die Behauptung, dass Israel selber die Rakete auf Beer Schewa abgeschossen habe, um die Hamas zu provozieren und um nicht die „Verpflichtung“ zu erfüllen, die humanitäre Lage im Gazastreifen zu erleichtern. Verbreitet wird aber auch die Theorie, dass ein Blitzschlag den Abschuss der Rakete ausgelöst hat, dass also niemand „schuld“ sei.

Brände in der Stadt Sederot im Süden Israels, auf Grund von Brandanschlägen der Palästinenser auf israelisches Gelände in der Nähe des Gazastreifens am 3. Juni 2018. Foto Yehonatan Kellerman/TPS

Der Treffer in der südlichen Grossstadt mit etwa 210.000 Einwohnern hat in Israel Fragen aufgeworfen: wieso das angeblich so treffsichere Abwehrsystem „Iron Dome“ die anfliegende Rakete weder geortet noch abgeschossen hat. Eine Antwort liegt noch nicht vor. Denn die Rakete wurde rechtzeitig gesichtet, sonst hätten nicht im ganzen Süden die Sirenen laut geheult, was für Miri Tamano aus Beer Schewa die Rettung war. Für Israels Bürger bedeutet das Schweigen der Militärs, dass es keine absolute Sicherheit gibt, weder vor 10.000 Raketen der Hisbollah im Libanon noch vor einem Raketenangriff aus Iran.

Dass Teheran Raketen besitzt, die bis nach Israel fliegen können, ist bekannt. Ob der Iran auch eine Atombombe besitzt, ist umstritten. Doch sollte auch nur eine einzige Atomrakete aus Iran durchkommen und von keinem Abwehrsystem abgefangen werden, wäre das das physische Ende des Staates Israel. Selbst die angeblich atomar aufrüstbaren U-Boote aus Deutschland würden da nichts mehr ändern können. Nicht ohne Grund betrachtet Israel (nicht nur der Premierminister) das iranische Atomprogramm als eine Existenzfrage.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen im ganzen Nahen Osten beweisen, dass ein politisches Ziel wie die Zerstörung des jüdischen Staates – in Palästina sogar das Risiko eines nationalen Selbstmordes, etwa durch einen israelischen „Zweitschlag“ – alles legitimiert.

Anzumerken ist hier, dass eine solche Bereitschaft zur Selbstzerstörung keineswegs eine orientalische Eigenart ist. Die Europäer pflegten ähnliche Ansichten zuletzt während des Zweiten Weltkriegs, also noch zu Lebzeiten unserer Grosseltern.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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