Nachdem die Entscheidung der Vereinten Nationen bekannt geworden war, einen jüdischen Staat zu errichten, versammelte sich in der Stadt Aden im Jemen ein Mob und ging auf die 5.000 Juden der Stadt los.

 

Das Pogrom begann am 2. Dezember 1947 und dauerte drei Tage. Dabei kamen 78 Juden zu Tode, über 100 Geschäfte wurden geplündert und vier Synagogen dem Erdboden gleichgemacht.

Die Führer des gerade entstehenden jüdischen Staates suchten daher nach Wegen, die 50.000 Juden des Jemen zu retten. Die konsequente Umsiedlung dieser Gemeinschaft sollte sich sowohl logistisch als auch sozial als zukunftsträchtig erweisen.

Obwohl Israel sich noch mitten im Unabhängigkeitskrieg befand, beschloss es, die Juden des Jemen über eine Luftbrücke zu retten.

Unter Einsatz von Piloten der Alaska Airlines und einer kleinen Flotte von C-46- und CD-4-Flugzeugen organisierten israelische Agenten den Transport der jemenitischen Juden in ein Übergangslager, von wo aus innerhalb von zwei Jahren rund 80 Flüge starteten. Bis 1950 waren 48.875 jemenitische Juden nach Israel ausgeflogen worden.

„Sind Sie jemals zuvor geflogen?“, fragte die damalige Arbeitsministerin Golda Meir einen alten Mann beim Aussteigen aus dem Flugzeug. Er war noch nie zuvor geflogen, antwortete aber auf die nächste Frage von Frau Meir, er habe auch keine Angst vorm Fliegen. „Warum denn nicht?“, fragte sie und der Mann rezitierte als Antwort den gesamten Vers 40 aus Jesaja, darunter die Zeile: „die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“.

DER LOGISTISCHEN Herausforderung schien der kleine und mittellose Staat nicht gewachsen zu sein und doch wurde die Operation komplett durchgeführt und organisierter Exodus in den ersten Jahrzehnten der Existenz Israels ein wiederkehrendes Thema.

Aus dem Irak wurden zwischen 1951 und 1952 mit etwa 900 Flügen über 110.000 Juden über eine Luftbrücke ausgeflogen.

Im darauffolgenden Jahrzehnt verlagerte sich das Schauspiel von Asien nach Afrika und aus der Luft ins Meer, als 1961 – 1964 80.000 Juden von Marokko über das Meer nach Israel gebracht wurden.

Schliesslich folgte die dramatischste Aktion mit 14.325 äthiopischen Juden, die 1991 innerhalb von 36 Stunden mit 35 israelischen Jets ausgeflogen wurden.

Siebzig Jahre nach diesen Operationen belegen diese das gigantische Bemühen, die zuvor verstreute jüdische Nation wieder zu vereinen.

Der geographische Erfolg liegt auf der Hand, da die meisten der Juden des Nahen Ostens nun nach Israel kamen. Im sozialen Bereich stellte die westlich orientierte Kultur Israels für viele Juden des Nahen Ostens eine Herausforderung dar.

Nachdem sie in der Regel mit wenigen Mitteln und in vielen Fällen schlecht gebildet angekommen waren, fanden sich die Neuankömmlinge in einer Situation wirtschaftlicher Benachteiligung wieder.

Darüber hinaus stammten die alteingesessenen Israelis überwiegend aus Europa und waren damit Kinder der Aufklärung und der industriellen Revolution. Die Einwanderer hingegen waren konservativ eingestellt und arm und verfügten selten über eine höhere Bildung.

Manche bezweifelten die Fähigkeit des jungen Staates, seine neuen und alten Einwohner zusammenzuschweissen. Doch sie hatten sich getäuscht.

JAHRZEHNTELANG stellte die soziale Kluft zwischen den israelischen Juden aus Europa und denen aus dem Nahen Osten eine nationale Herausforderung dar. In einem denkwürdigen Fall kam es 1959 sogar zu tagelangen landesweiten Unruhen.

In jüngerer Zeit haben äthiopische Israelis in Tel Aviv demonstriert, da sie glauben, von der Polizei diskriminiert zu werden.

Trotz allem stellten die gemeinsamen religiösen Überzeugungen der israelischen Juden ein ausreichendes Bindemittel dar, eine neue Gesellschaft aufzubauen, die sich sogar noch schneller zusammenfindet, als es die Gründer Israels vorhersahen.

Der Jemenite, den Golda Meir auf dem Flugfeld traf, wurde von allen als Jude akzeptiert. Er hatte seine Zugehörigkeit mit seinen Bibelkenntnissen und jüdischem Brauch bewiesen. Dies gilt auch für andere Gemeinschaften des Nahen Ostens.

Die irakischen Juden stammen von den Gelehrten ab, die den babylonischen Talmud geschrieben haben. Syrische Juden haben über Jahrhunderte hinweg die älteste Thorarolle der Welt aufbewahrt. Aus dem Kreis der ägyptischen Juden ging Maimonides hervor, der grösste jüdische Philosoph.

Die Juden Tunesiens sind stolz auf ihre uralte Herkunft, die sich in der Gemeinschaft von Djerba, einer Insel im Mittelmeer, widerspiegelt, deren Juden alle Kohanim sind, das heisst Nachfahren biblischer Priester Jerusalems.

Wie die Juden des Jemen, die überzeugt waren, dass ihre Vorfahren nach der Eroberung Jerusalems durch Babylon im Jahr 586 v. Chr. nach Arabien kamen und wie die äthiopischen Juden, die glauben, dass sie im Gefolge der Allianz zwischen König Salomo und der Königin von Saba nach Afrika gelangten, glaubten die Juden Djerbas, dass ihre Vorfahren Jahrhunderte, bevor jüdische Gemeinden in Europa entstanden, in Djerba eintrafen.

Durch die Entwicklung Europas sank jedoch der Anteil der Juden im Nahen Osten, von 50% aller Juden der Welt im 17. Jahrhundert auf 10% im 19. Jahrhundert. So kam es, dass ihre europäischen Brüder begannen, die Juden des Nahen Ostens als etwas Exotisches zu betrachten.

Heute, wo mehr als ein Drittel der Israelis zumindest teilweise Wurzeln im Nahen Osten haben, erscheint dieses Gefühl der Exotik selbst als Anachronismus. Die steigende Anzahl nahöstlicher Juden ging mit einem rapiden sozialen Aufstieg einher.

IN DEN VERGANGENEN drei Jahrzehnten stammten 5 von 10 Oberbefehlshabern der israelischen Streitkräfte aus den Reihen der Einwanderer aus dem Nahen Osten.

Ebenso 4 von 9 Verteidigungsministern, 3 von 10 Aussenministern, 5 von 15 Finanzministern sowie zwei der letzten drei Generalinspektoren der israelischen Polizei, darunter auch der Amtsinhaber, Roni Alsheikh, dessen Vater Avraham mit der Operation Magic Carpet aus dem Jemen gekommen war.

Unter den Bürgermeistern und Abgeordneten ist der Anteil der Israelis aus dem Nahen Osten sogar noch grösser.

In der Privatwirtschaft ist die Liste der Selfmade-Milliardäre voller Namen wie dem von Yitzhak Teshuva, der als Baby mit seiner zehnköpfigen Familie aus Libyen kam, als Bauarbeiter anfing und heute ein 3 Milliarden Dollar schweres Bauunternehmen besitzt, oder dem von Tzadik Bino, der mit sechs Jahren aus dem Irak kam, als Kassierer einer Bank anfing und CEO der First International Bank wurde, die ihm heute gehört, oder Shlomo Eliyahu, der ebenfalls als Kind aus dem Irak kam und als Botenjunge des Versicherungsunternehmens Migdal begann, ehe er unabhängiger Versicherungsunternehmer wurde und Migdal für über 4,2 Milliarden NIS kaufte.

Auch wenn dies Extremfälle sind, spiegeln sie doch die starke soziale Mobilität in einer Gesellschaft wider, die Verdienste höher bewertet als Abstammung. Dies mag erklären, warum die Anzahl von Israelis mit gemischter europäisch-nahöstlicher Abstammung stetig ansteigt und in der Generation der über Dreissigjährigen bereits bei 25 Prozent liegt.

Dieser Trend gilt auch für die jüngste nicht-europäische Einwanderung.

Mehr als ein Zehntel der aus Äthiopien stammenden Israelis sind bereits mit weissen israelischen Juden verheiratet. Das sind nicht einmal halb so viele „Mischehen“ wie bei den restlichen nicht-europäischen israelischen Juden. Aber es sind mehr als doppelt so viele wie zwischen Weissen und Schwarzen in den USA.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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