Südflügel und Villa der Evangelischen Akademie Bad Boll. Foto © Evangelische Akademie, Giacinto Carlucci
Südflügel und Villa der Evangelischen Akademie Bad Boll. Foto © Evangelische Akademie, Giacinto Carlucci

Die Evangelische Akademie Bad Boll lud 2010 die Hamas zu einer Konferenz ein, die Terrorgruppe aber konnte nicht kommen. Nun, im Jahr 2018, sorgt man sich in Bad Boll um Antisemitismus. Präziser ausgedrückt: Die Evangelische Akademie Bad Boll sorgt sich darum, dass Personen, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, in Deutschland nicht genug öffentlichen Raum bekommen.

 

„Der Diskurs um den Nahostkonflikt in Europa ist in eine Krise geraten. Fast jede kritische Äusserung im Rahmen des Demokratie- und Menschenrechtsdiskurses wird massiv gestört und durch unterschiedliche Vorwürfe wie z. B. den des Antisemitismus blockiert“, heisst es in der Ankündigung der Tagung „Shrinking Space im Israel-Palästina-Konflikt“ (zu deutsch: „Schrumpfende Räume“) die letztes Wochenende in Bad Boll stattfand. „Die zivilgesellschaftlichen Friedensgruppen“ (welche auch immer das sein mögen, Namen werden keine genannt) fänden „kaum noch Räume für Veranstaltungen und Diskussionen zu den Konflikten in Palästina und Israel“. Darum solle in Bad Boll „über die Unfähigkeit des konstruktiven Dialogs zu diesem Thema gesprochen“ werden, „der seit einigen Jahren durch Kampagnen von unterschiedlichen Seiten verhindert wird.“ Eine ominöse Macht, die nicht benannt wird, übe in Deutschland Zensur aus und unterdrücke Meinungen: „Der Menschenrechtsdiskurs und die kritische Auseinandersetzung mit der Situation in der Region sind notwendig. Hierfür braucht es geschützte Räume und Begegnungsmöglichkeiten. Diese werden jedoch in vielen Fällen verweigert und gestört. Die Einschränkung der Zivilgesellschaft stellt eine weltweite Tendenz dar, in einigen Fällen spricht man sogar schon von „Closing Spaces“.

Als die einzigen Opfer dieser unheilvollen Entwicklung werden kurioserweise Leute genannt, denen Antisemitismus vorgeworfen wird. Die sollen mehr Raum bekommen, denn „die Komplexität der Situation im Nahen Osten“ erfordere „mehr Analysen, Diskussionen und Begegnungen“, bei denen eben all die, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, nach Meinung der Akademie eine herausragende Rolle spielen sollen – wer wäre besser in der Lage, vorurteilsfrei zu analysieren? Was die Akademie nicht zu wissen scheint: In Deutschland ist zwar Antisemitismus nicht verboten, aber wem Antisemitismus vorgeworfen wird, der kann dagegen klagen, was ja auch immer häufiger vorkommt. Der Publizist Jürgen Elässer verklagte vor einigen Jahren die Publizistin Jutta Ditfurth, weil die ihn einen „glühenden Antisemiten“ genannt hatte. Elsässer gewann vor Gericht. Der Publizist Abraham Melzer verklagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, weil sie gesagt hatte, Melzer sei für seine antisemitischen Äusserungen regelrecht berüchtigt“. Melzer gewann in erster Instanz und jubelteJa, ich habe ihr das Maul gestopft und manch anderen auch. Es war auch höchste Zeit. Meinen Sie nicht auch? Oder wollen Sie, dass nur eine kleine Gruppe von Zionisten in unserem Land bestimmen darf wer Antisemit ist?“ Später unterlag er in einer höheren Instanz; vor Gericht kam auch zur Sprache, dass Melzer über Rufe wie „Jude, Jude, feiges Schwein“, „Scheiss Juden, wir kriegen euch“ oder „Juden ins Gas“ gesagt hatte, diese seien „eine durchaus verständliche Reaktion, für die sich keiner entschuldigen muss“. Das kann man nach dem Urteil des Landgerichts München als Antisemitismus werten:

„Nach Ansicht des LG rechtfertigte der Kläger damit unter anderem den Aufruf zur Tötung oder Schädigung von Juden im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremistischen Religionsanschauung und brachte eine (extrem) feindselige Gesinnung Juden und dem jüdischen Volk gegenüber zum Ausdruck. Ein derartiges Verhalten des Klägers könne und dürfe die Beklagte ohne jeden Zweifel als antisemitisch beurteilen.“

Hier kommt die Evangelische Akademie Bad Boll ins Spiel. Sie hat Abraham Melzer (und einige andere) nicht etwa eingeladen, obwohl ihnen Antisemitismus vorgeworfen wird, sondern gerade deshalb. Mit Abraham Melzer, so der Studienleiter der Akademie, Mauricio Salazar, habe man jemanden eingeladen, der sich „für die Einhaltung internationalen Rechts und Menschenrechte einsetze“ und dem „Antisemitismus vorgeworfen“ werde, weshalb er „mehr und mehr durch Kampagnen in Deutschland von Veranstaltungen ausgeschlossen werde“. Gemeint ist da vielleicht eine Veranstaltung, die Melzer letztes Jahr nicht in städtischen Räumen der Stadt Frankfurt am Main abhalten konnte. Wie die Frankfurter Rundschau meldete, hatte die Stadt „einen Mietvertrag für eine Lesung des Publizisten Abraham Melzer in Frankfurt“ storniert; Hintergrund sei „ein Beschluss des Stadtparlaments, dem Antisemitismus in der Stadt keinen Raum zu geben.“ Dagegen wendet sich die Evangelische Akademie Bad Boll, wenn sie klagt, dass die „zivilgesellschaftlichen Handlungsspielräume … zunehmend eingeschränkt“ würden und „immer wieder Vorträge und Tagungen abgesagt“ würden, „bei denen kritische Stimmen gegen Menschenrechtsverletzungen in Nahost zu erwarten sind.“

„Würde erstbesten Israeli niederstechen“

Was für eine Art von kritischer Stimme Abraham Melzer ist, zeigen die folgenden Zitate:

– „Der Zynismus und die Häme mit denen die Israelis und die Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bestrebungen der Palästinenser nach Anerkennung und Beachtung beantworten, sind mindestens genauso widerlich und unmoralisch wie der Zynismus der Nazis.“ (Abraham Melzer: Merkel erwache! Israel vor Gericht.)

– „Die Waffen-SS war eine kriminelle Armee und die IDF ist es leider auch.“ (Der Semit, 16.8.2014)

– „Dass Deutsche [in Auschwitz] trotzdem das getan haben, was sie taten, ist das Ergebnis politischer Verführung und Gehirnwäsche. In Israel ist es genauso.“ (Der Semit, 16.9.2016)

– „Das Problem ist, dass die Presse schweigt oder sich bestenfalls die Argumente der streitbaren Zionisten annimmt, dass die Behörden stumm sind, dass die Kirchen kein Wort sagen, dass die Gewerkschaften zuschauen, wie pro palästinensische Veranstaltungen nach SA-Art gestürmt werden.“ (Der Semit, 16.9.2016)

– „Ich bin immer wieder entsetzt von der israelischen, aber auch von der jüdischen  Gleichgültigkeit über dieses schreckliche Verbrechen der Vertreibung eines ganzen Volkes und dem Raub seines Landes, welches 1948 stattgefunden hatte. Nur ein moralisches Ungeheuer (Hervorh. d. Verf.) kann sowas tun, ohne jemals auch das geringste Zeichen von Reue zu zeigen. Mehr als das Verbrechen selbst beschäftigt mich die Gleichgültigkeit und Selbstgerechtigkeit der Täter, die im Gegensatz zu den deutschen Tätern, weder Reue noch Empathie zeigen.“ (Der Semit, 30.8.2015)

Am 18. Oktober 2015, während einer Welle von Messerangriffen auf jüdische Israelis – am 14. Oktober war in der Jaffa Street in Jerusalem eine 65-jährige Frau niedergestochen worden – schreibt Melzer: „Wenn ich Palästinenser wäre … ich würde mit Sicherheit auch zu einem Messer greifen und den erst besten Israeli niederstechen, der mir begegnet.“

Hier finden sich Dutzende weitere Beispiele für Melzers Geisteshaltung.

Bad Boll antwortet nicht

Nachdem ich die Einladung der Evangelischen Akademie Bad Boll gelesen hatte, spüre ich das dringende Bedürfnis nach einem konstruktiven Dialog und schreibe am Donnerstag 13. September – neun Tage vor der Konferenz in Bad Boll – an Melzers Gastgeber Mauricio Salazar, den Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll:

Sehr geehrter Herr Salazar,

ich bin freier Journalist und möchte auf der Schweizer Website Audiatur-Online ( https://www.audiatur-online.ch/ ) über die bevorstehende Veranstaltung „Shrinking space im Israel-Palästina-Konflikt“ berichten. Hätten Sie Lust, dazu schriftlich drei oder vier Fragen zu beantworten?

Vielen Dank und freundliche Grüsse,

Stefan Frank

Nur zwei Stunden später kommt die Antwort:

„Sehr geehrter Herr Frank,

vielen Dank für Ihre E-Mail. Ja, ich kann gern Ihre Fragen beantworten, könnten Sie mir bitte die Fragen schicken.

Beste Grüsse

Mauricio Salazar“

Also schicke ich Herrn Salazar meine Fragen, um in eine kritische Auseinandersetzung einzutreten. Vier Tage später habe ich noch keine Antwort. Ich frage nach:

Sehr geehrter Herr Salazar,

können Sie schon absehen, wann Sie mir die Antworten werden schicken können?

Vielen Dank und beste Grüsse,

Stefan Frank

Am nächsten Tag (Dienstag) immer noch keine Antwort. Nun rufe ich Herrn Salazars Sekretärin, Frau Heinzmann, an. Sie sagt, er sei gerade auf einer Konferenz, doch sie werde ihm eine E-Mail schicken, „die liest er immer sofort“. Am folgenden Tag (Mittwoch) werde er auch im Haus sein und meine Fragen dann ganz sicher beantworten. Am Donnerstag bestätigt Frau Heinzmann, dass Herr Salazar am Vortag da war. Er sei sich auch „der Dringlichkeit“ meines Anliegens „bewusst“. Am Freitag hat er immer noch nicht geantwortet. Am Samstag – da dialogisiert Herr Salazar bereits eifrig mit Abraham Melzer – versuche ich es zum letzten Mal:

Sehr geehrter Herr Salazar,

ich hoffe, es geht Ihnen gut. Ich habe diese Woche an jedem einzelnen Tag mit Ihrer Sekretärin, Frau Heinzmann, gesprochen. Sie hat mir gesagt, dass Sie am Mittwoch im Hause waren, dass Sie E-Mails „immer sofort“ lesen und dass Sie „sich der Dringlichkeit“ meines Anliegens bewusst sind. Wann kann ich mit Ihren Antworten rechnen? 

Mit besten Grüssen,

Stefan Frank

Mittlerweile ist klar, dass Mauricio Salazar nicht mehr antworten wird. Hier sind die Fragen, die ihm offenbar solche Angst einjagen, dass er sich seither tot stellt:

  1. In der Einladung heisst es, in Deutschland werde „fast jede kritische Äusserung im Rahmen des Demokratie- und Menschenrechtsdiskurses“ „massiv gestört und durch unterschiedliche Vorwürfe wie z. B. den des Antisemitismus blockiert“. Das klingt nach Zuständen wie in einer Diktatur. Können Sie einige Beispiele dafür nennen? Wer trägt Ihrer Meinung nach Schuld an diesen Zuständen?
  2. In etlichen Ländern der Welt gibt es eine Bewegung, die Boykotte gegen jüdische Israelis fordert. Welche Haltung sollten die Kirchen dazu einnehmen?
  3. Ein Redebeitrag der Veranstaltung wird sich der Frage widmen: „Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?“ Kann man sich zur Beantwortung dieser Frage Ihrer Meinung nach an der Arbeitsdefinition der Internationalen Holocaustgedenkallianz (IHRA) orientieren, die das Europäische Parlament am 1. Juni 2017 in einer Resolution angenommen hat?
  4. Als eines der grössten Hindernisse für Frieden zwischen Israelis und Palästinensern gelten die Renten, die die Palästinensische Autonomiebehörde an verurteilte Terroristen und die Hinterbliebenen von Selbstmordattentätern zahlt und mit denen sie Anreize für immer neue Mordanschläge schafft. Würden Sie dem ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck beipflichten, der sagt, dass die Bundesregierung als einer der grössten Geldgeber der PA Druck auf diese ausüben müsse, die Zahlung von „Märtyrerrenten“ unverzüglich einzustellen?
  5. Auf der Website der Evangelischen Akademie Bad Boll heisst es, 2010 sei eine von der Akademie organisierte Tagung mit dem Titel „Partner für den Frieden“ „auf Kritik wegen der Einladung von Hamas-Vertretern“ gestossen. Diesmal haben Sie Christine Buchholz eingeladen, über die es in der „Süddeutschen Zeitung“ heisst: „Sie hat sich klar auf die Seite der Terrororganisation Hisbollah geschlagen.“ Gibt es, was militanten Extremismus betrifft, für Sie eine Grenze – Leute, die Sie nicht einladen würden -, oder ist in Bad Boll prinzipiell jeder willkommen?
  6. Der Nahe Osten ist für Christen eine gefährliche Region. In welchen Ländern sind sie am stärksten gefährdet, wo leben sie am sichersten? Was könnten im Hinblick auf den Nahen Osten wichtige Gebetsanliegen für europäische Christen sein?

Bad Boll antwortet nicht, der Diskurs ist ganz offensichtlich in eine Krise geraten.

Zuhörer beschimpfen Antisemitismusbeauftragten

Ausführliche Antwort bekam Audiatur-Online hingegen von Michael Blume, dem Antisemitismusbeauftragten des Landes Baden-Württemberg, der an der Konferenz teilgenommen hat. „Wie erwartet“ habe er mit seinem Vortrag, in dem er die BDS-Bewegung entsprechend des Landtagsbeschlusses des Landes Baden-Württemberg klar abgelehnt habe, auf der Tagung in Bad Boll „keinen leichten Stand“ gehabt, obgleich „einige wenige Teilnehmende durchaus seiner Meinung gewesen“ seien.  Kritisiert habe er auch die Naqba-Ausstellung: „Nicht dafür, dass sie die Vertreibung von Araberinnen und Arabern darstellt, sondern dafür, dass sie die entsprechende Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus der arabischen Welt unterschlägt.“ Die Kirchen, so Blume, kämen ja auch nicht auf die Idee, „die fast gleichzeitigen Vertreibungen rund um die Abspaltung Pakistans von Indien nur aus der Sicht von Hindus oder von Muslimen darzustellen oder ein Generationen umspannendes Rückkehrrecht der damaligen Flüchtlinge zu fordern“ oder „für heutige Diskriminierungen z.B. der Ahmadiyya zum allgemeinen Boykott von Pakistanis oder Indern aufzurufen“. Warum, so Blume, „tun es einige dann aber gegenüber Israel?“ Boykotte heizten den Konflikt an und schadeten auch den Palästinensern.

Über die Atmosphäre bei der Tagung sagt Blume, er sei „sehr vereinzelt“ während seines Vortrags als „Israellobbyist“ oder „Regimevertreter Nordkorea“ beschimpft worden. „Insgesamt aber überwog das Interesse an der inhaltlichen Auseinandersetzung und einmal rief der Akademiedirektor sogar Zwischenrufer zur Ordnung.“ In Fragerunden und Podiumsdiskussion sei es „kontrovers, aber geordnet zur Sache“ gegangen. „In der Summe“, so der Antisemitismusbeauftragte, „komme ich zum Ergebnis, dass es richtig war, gerade auch in der Auseinandersetzung mit der BDS-Bewegung und dem linken Antisemitismus der Debatte nicht auszuweichen. Und ich freue mich auch über die Zusage der Evangelischen Akademie Bad Boll, dass die Veranstaltungskonzepte zu Israel mit mir und unter Einbeziehung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) überarbeitet und auf eine breitere Basis gestellt werden.“ Von Deutschland aus lasse sich der Nahostkonflikt nicht lösen. „Doch wir können faire Gespräche und Projekte ermöglichen, statt durch Einseitigkeiten die Situation noch anzuheizen. In diesem Sinne erhoffe ich auch klare Beschlüsse der Kirchen und Akademien – und rufe umgekehrt Freunde Israels auf, sich dann nicht umgekehrt Gesprächen zu verweigern.“

Gerne hätte ich mit Mauricio Salazar und der Evangelischen Akademie Bad Boll gesprochen. Doch leider haben die gar keine Lust auf einen konstruktiven Dialog; schon gar nicht wollen sie kritische Stimmen hören. Offenere Auseinandersetzung mit Informationen sind ihnen ein Graus. All diese rhetorischen Formeln sind nämlich, wie sich zeigt, reine Fassade, ein Trick, um Hetzer wie Melzer, der antisemitische Gewaltaufrufe und sogar Mord legitimiert, buchstäblich salonfähig zu machen und ihn zum Opfer einer unsichtbaren Macht zu stilisieren, die angeblich Meinungen zensiert und jegliche Kritik an Israel unterdrückt – was selbst ein antisemitisches Klischee ist.

Das Prinzip der verfolgenden Unschuld

Ausgerechnet Melzer lässt man jammern, wie sehr er unterdrückt werde, von den Juden und „Zionisten“, die in Deutschland angeblich das Regiment führen. Und in dieser Haltung wird er von der Evangelischen Akademie Bad Boll, die seine Wahnvorstellungen offenbar teilt, auch noch bestärkt, wird als „zivilgesellschaftlicher Akteur“ und „kritische Stimme gegen Menschenrechtsverletzungen in Nahost“ gedeutet. Ausgerechnet Melzer wird zum Opfer gemacht, dessen „Handlungsspielraum eingeschränkt“ und der in seiner „Arbeit behindert, mit Drohungen und Diffamierungskampagnen eingeschüchtert“ werde; Melzer, der es zu seinem Geschäft gemacht hat, jüdische Israelis, den Zentralrat der Juden in Deutschland und jüdische Journalisten in den Dreck zu ziehen und als „Nazis“ zu beschimpfen.

Es ist das Prinzip der verfolgenden Unschuld. Diejenigen, die am rücksichtslosesten gegen jüdische Israelis hetzen und sie mit den schlimmstmöglichen Beleidigungen belegen, klagen darüber, sie würden zu harsch kritisiert. Und ausgerechnet diejenigen, die den Staat Israel durch einen Boykott von Waren und Menschen zerstören wollen, die jüdische Künstler, Wissenschaftler und Sportler isolieren und daran hindern wollen, irgendwo in der Welt aufzutreten, gerieren sich, sobald der deutsche Staat ihnen in irgendeinem Fall einmal die beanspruchte öffentliche Förderung verweigert, als Opfer, deren Meinung unterdrückt werde.

Das aber ist ein alter Hut: Weil der Antisemit glaubt, die Juden beherrschten die Welt, gibt er sich als Opfer eines übermächtigen Feindes aus, gegen dessen Tyrannei er einsam rebelliert. So war es schon bei Wilhelm Marr, einem der einflussreichsten Antisemiten des 19. Jahrhunderts, der den Begriff Antisemitismus geprägt hat. Auch er jammerte in seinem Buch Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum über shrinking spaces:

„Als ich zu Anfang der Sechziger Jahre in meinem ‚Judenspiegel’ indigniert über die Folgen der Judenemanzipation, leidenschaftlich aber sachlich, den Kampf gegen die Verjudung der Gesellschaft führte, entstand ein Sturm wider mich, als ob das Orchester von Jericho um 1000 Posaunen verstärkt worden wäre. Aus der ‚Journalistik’ wurde ich förmlich hinauszumanövrieren versucht und bis auf den heutigen Tag ist mir ein selbständiges Wort, über was immer für eine Frage, in der verjudeten Tagespresse nicht möglich.“

Hätte man den Antisemiten Ende des 19. Jahrhunderts „geschützte Räume und Begegnungsmöglichkeiten“ geben sollen, wie die Evangelische Akademie Bad Boll es mit Abraham Melzer tut? Genau das geschah damals, mit den bekannten Folgen.

Der Autor eines Anti-Israel-Blogs, der bei der Tagung in Bad Boll zugegen war, zieht folgendes Fazit: „Die ‚Krise der Dialogfähigkeit’ erwies sich durchaus als treffender Titel; ebenso treffend wurde zum Ende der Tagung konstatiert: ‚Wer den Dialog verweigert, verweigert sich der Demokratie.’“

Mauricio Salazar und den anderen Verantwortlichen der Evangelischen Akademie Bad Boll rufe ich zu: Hören Sie auf, den Dialog zu verweigern! Sie, sehr geehrte Damen und Herren, haben gefragt: „Welche Strategien führen zu einem konstruktiven Dialog? Welchen konkreten Beitrag können wir selbst dazu leisten?“ Sie könnten endlich meine Fragen beantworten, das wäre ein guter Anfang.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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