Yehuda Meshi-Zahav. Foto zVg
Yehuda Meshi-Zahav. Foto zVg

Er ist streng-gläubiger Jude, sucht aber die Nähe zu christlichen Pastoren, entstammt einem fanatisch-antizionistischem Milieu, steht aber mit Leib und Seele zu Israel, hat keine Management-Ausbildung und steht doch einer weltweit arbeitenden NGO vor. Yehuda Meshi-Zahav, der facettenreiche Gründer und Leiter der legendären Erste-Hilfe und Opfer-Identifizierungs-Organisation ZAKA 1 gilt als einer der schillerndsten Persönlichkeiten des jüdischen öffentlichen Lebens. Yvette Schwerdt besuchte Zahav für Audiatur-Online in seinem Büro in Jerusalem.

 

Auf Überraschungen war ich bei meinem Treffen mit Meshi-Zahav gefasst. Schliesslich gilt der knapp Sechzigjährige als regelrechter Querdenker. Deshalb mutete mich das bescheidene ZAKA-Büro auf der vielfrequentierten Jaffa Strasse auch nicht weiter verwunderlich an, obschon der quirlige Vorsitzende von diesen kargen Räumlichkeiten aus eine internationale Organisation mit rund 5000 Freiwilligen leitet. Auch die unbändige Energie, die er während unseres Gesprächs an den Tag legte, obwohl er erst an diesem Morgen aus Nigeria zurückgekehrt war und gleich danach in Beer Sheva mehrere Termine wahrgenommen hatte, schien mir lediglich ein weiterer Beweis für die Unergründlichkeit des Phänomens Meshi–Zahav.

Yvette Schwerdt: Der 6. Juli 1989 war nicht nur numerisch ein denkwürdiges Datum, sondern auch ein schicksalhafter Tag für Sie persönlich. Sie waren mit einigen ultra-orthodoxen Freunden unterwegs, als Sie von einem Terroranschlag auf der Buslinie 405 hörten. Sie eilten zur Unglücksstelle, wollten helfen, konnten aber, aufgrund fehlender Ausbildung, nichts ausrichten. Die Erfahrung hat Ihr Leben verändert. Warum und wie?

Meshi-Zahav: Ich komme aus einer ultra-orthodoxen Familie, bin der Neffe des Neturei-Karta-Gründers Reb Amram Blau und der Enkel des Generalsekretärs der Eda Haredit. Als Kind wurde ich also erzogen, den Zionismus zu verachten. War ich böse, so wurde ich gemahnt ich würde Zionist werden, wenn ich mich weiter so benähme. Ich wusste gar nicht, was der Begriff bedeutete. Die einzigen Zionisten, die ich kannte, waren die Polizisten, die uns bei den Demonstrationen im Zaum zu halten suchten. Sie, sprich die Zionisten im Allgemeinen, wurden zu unserem Feindbild. Zudem waren wir völlig isoliert. Wir dachten, unsere kleine Synagoge in Mea Schearim, der ultra-orthodoxen Gegend, in der wir wohnten, sei das Zentrum der Juden weltweit. Wir realisierten nicht, dass es rund um uns noch viele Menschen gab, die anders dachten und lebten, als wir. Ich wuchs zum fanatischen Verfechter der extremen Sichtweise auf, organisierte Protestkundgebungen und andere anti-zionistische Aktivitäten und wurde im Laufe der Jahre ganze 34 Mal verhaftet. Dann kam der Terroranschlag, den Sie gerade erwähnten. Dabei wurden 16 Menschen getötet. Meine Freunde und ich waren zufällig in der Nähe und rannten zur Unglücksstelle, um zu helfen. Was wir dort sahen und hörten, lässt sich nur schwer wiedergeben. Ein Autobus, der in Flammen aufging, überall Tote und Verletzte, Blut, Körperteile, verzweifeltes Wehgeschrei. Heute, nach den vielen Anschlägen sind wir abgehärtet. Damals war der Schock aber gewaltig. Es war ein Trauma, ähnlich dem Twin-Tower-Anschlag. Selbst das Rettungspersonal wusste damals noch nicht, wie es der Situation Herr werden sollte. Und wir, meine Freunde und ich, schon gleich gar nicht! Wir hatten doch keinerlei Erfahrung, wie man Menschenleben rettet, und wie man Opfer identifiziert. Angesichts dieser Tragödie fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die Unterscheidung zwischen Neturei Karta und Zionisten war absurd. Hier ging es einfach nur um Menschen, wie Sie, wie ich. So etwas zu erleben, das wirft einen komplett aus der Bahn.

Ich kam jedenfalls nach diesem Erlebnis heim und realisierte, dass unser Kampf gegen den Zionismus sich für angeregte Diskussionen beim Nachmittagstee eignet, aber angesichts der Begegnung mit Verletzten und Hinterbliebenen, irrelevant war. Mit Menschen, die derartiges Unglück durchgemacht haben, soll man sich darüber streiten, ob noch ein Meter Strasse am Schabbat gesperrt wird? Unsere Feinde unterscheiden nicht zwischen uns. Also müssen auch wir lernen, miteinander auszukommen, wenn wir hier überleben wollen. Jeder muss seinen Teil, nach seinen Möglichkeiten und nach seinen Talenten, leisten. Mit all diesen Gedanken kam ich an jenem schicksalshaften Tag heim. Im weiteren Verlauf, als sich die Terroranschläge mehrten, schlossen sich einige Freunde und ich zu einer Gruppe zusammen, eilten von Anschlag zu Anschlag und versuchten zu helfen. So entstand ZAKA.

Hat tatsächlich an einem einzigen Tag eine so einschneidende Veränderung in Ihrem Kopf stattgefunden?

Na ja, erste Impulse gab es schon vorher. Ich wurde sehr oft verhaftet. Dabei begann ich mich mit den Polizisten und Aufsehern zu unterhalten. Ich erkannte, dass sie, genau wie ich einfach nur heil nach Hause kommen wollten. Allmählich schlossen wir sogar Freundschaft und nahmen an den Familienereignissen des anderen teil. Irgendwann setzte ich mich dann mit dem damaligen Polizeichef, Rafi Peled, zusammen, und wir einigten uns, dass wir uns fortan, selbst bei Protestkundgebungen, vorab absprechen würden.

Haben Ihre Freunde Ihren Werdegang begleitet?

Sicher bin es nicht nur ich, der sich umgestellt hat. Manche gehen dabei aber weiter als andere. Sehen Sie, Mitglieder der Neturei Karta sagen mir immer wieder, sie würden zwar meine Ansichten nicht teilen, wollten aber bei den wichtigen Aufgaben, die wir bei ZAKA übernehmen, helfen. Ich bitte sie stets, einfach dazu zu stossen. Denn ich weiss, wer erst einmal kommt, der sieht alles anders. Wer gegenüber einer weinenden oder trauernden Mutter steht, der unterscheidet nicht mehr zwischen einer religiösen und einer säkularen Mutter, zwischen einer Araberin oder einer Palästinenserin. Wir treffen Menschen in ihrer schwierigsten Stunde. Da bleibt kein Platz für Vorurteile. Klar, ich habe Freunde, die ihre ZAKA-Uniform ausziehen und verstecken, bevor sie nach Hause gehen. Letztendlich ist es aber ein Veränderungsprozess, dem sich niemand entziehen kann.

ZAKA schult Ersthelfer in Guatemala. Foto ZAKA.

Viele denken, dass der Extremismus Israels Zukunft gefährdet. Was meinen Sie?

Ich trete oft auf, schreibe viel, tue meine Meinung kund und mahne dabei immer wieder zur Vernunft. Ich erinnere daran, dass Menschen vor 73 Jahren geträumt hatten, so ein Land mit so einer Armee zu haben. Es fehlt uns an Demut und an Dankbarkeit. Wir streiten um Dummheiten, um dieses Gesetz und jenen Erlass. Und wir sehnen uns nach der Vergangenheit, etwa nach der Zeit des zweiten Tempels. Aber wie war es denn damals wirklich? Zwei Stämme. Bruderkrieg. Unabhängigkeitsverlust. Heute, hingegen, haben wir ein regelrechtes Paradies. Israel ist ein Wunder. Die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, die Sicherheit – alles blüht. Sogar das Studium der Tora. Selbst meine Eltern meinten, sie gönnten Ben Gurion eines nicht – nämlich, dass er schlussendlich im Paradies landen würde. Denn ihm ist es zu verdanken, dass es heute soviel Tora in Israel gibt. Das war seit den Tagen des König Hezekiahs nicht mehr der Fall. Neulich, am Tischa B’Av, beklagten wir den grundlosen Hass der Juden aufeinander, der zur Zerstörung des zweiten Tempels führte. Dabei realisieren wir nicht, dass wir uns gegenwärtig auch nicht anders verhalten. Nach zwei Tausend Jahren haben wir noch einmal eine Chance bekommen. Wofür wir all die Jahre drei Mal am Tag gebetet haben, das ist Wirklichkeit geworden. Wir dürfen unser Glück nicht nochmals verspielen. Wir müssen lernen, einander zu respektieren, miteinander auszukommen und zu schätzen, was wir haben.

Sie schrieben neulich einen offenen Brief an ihren verblichenen Onkel, Reb Amram Blau, in dem sie ihn quasi beruhigen. Seine Bedenken gegen Israel und die Zionisten hätten sich nicht bewahrheitet. Israel sei heute wieder der beste Platz für Juden. Glauben Sie, der Brief hätte den Gründer der Neturei Karta überzeugt? Hat er Ihre früheren Mitstreiter eines Besseren belehrt?

Hier müssen wir deutlich zwischen meinem seligen Onkel und den heutigen Extremisten unterscheiden. Reb Amram Blau war ein sehr ehrlicher, aufrichtiger Mensch, den es um die Sache ging, um das Wohlergehen des jüdischen Volkes. Gut, er kämpfte mit allen Mitteln gegen die Zionisten. Aber vergessen Sie nicht, das war vor vielen Jahren, als er noch nicht wissen konnte, wie sich Israel entwickeln würde. Heute hätte er sich der Realität nicht entziehen können. Er wollte Tora – sie ist allgegenwärtig. Er wollte gläubige Juden – noch nie gab es so viele wie heute. Ich bin also sicher, er hätte sich überzeugen lassen. Bei den anderen, den weniger Aufrichtigen, sieht es anders aus. Die heutigen Extremisten gehen so weit, dass sie sich mit den ärgsten Feinden Israels assoziieren, dass manche sogar an der Holocaustleugnungskonferenz im Iran teilgenommen haben. 

Sprechen wir über Sie persönlich. Welche gesellschaftlichen Folgen hat ihre Gesinnungswende?

Ich habe drei Söhne bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften IDF. Wenn sie in Uniform heimkommen, werden sie zwar nicht mit Gewalt attackiert, aber die Atmosphäre, die ihnen entgegenweht, ist ekelhaft-feindselig. Das tut mir weh. Aber da müssen meine Jungs einfach durch. Das Problem sind nicht meine Kinder. Sie haben einen Vater, der sie unterstützt. Das hat nicht jeder. Sehen Sie, ich habe ein Zimmer für all jene Soldaten aus ultra-orthodoxen Häusern, die nicht heimgehen können, weil die Eltern fürchten, sie würden dem Ansehen der Familie schaden. Diese Menschen begreifen einfach nicht, was sich hier im Land abspielt. Ich war bei der Einschwörungszeremonie meiner Söhne an der Klagemauer. Dort sah ich alle möglichen jungen Leute, auch solche mit Tätowierungen, Ohrringen und Piercings. Aber alle gelobten sie an unserem heiligsten Platz, ihr Leben für Israel und das jüdische Volk einzusetzen. Kann man das vergleichen, mit den Extremisten, wie ich einer war, die sich bei Protestkundgebungen mit den Streitkräften prügeln?

Werden Sie selbst auch von ihren früheren Mitstreitern angefeindet?

Ja. Aber ich bin stark. Ich lasse die Feindseligkeit abprallen. Ich habe keine Zeit für sie. Ich muss mich dem Tun widmen.

Hat Ihre Familie sich mit Ihrer Gesinnungswende abgefunden?

Am Anfang gab es massiven Widerstand. Als ich 2003 anlässlich des israelischen Unabhängigkeitstages eine Fackel „zum Ruhm des Staates Israel“ entzündete, wurde ich im Hause meines Grossvaters fürchterlich beschimpft. Er verlangte, dass ich meinen Namen ändere, weil ich Schande über sein Haus brächte. Meine Familie blieb mir 4,5 Jahre lang böse. Als mein Grossvater verstarb, begannen wir wieder zu sprechen. Heute gehe ich jeden Freitag zu meiner Mutter in Mea Schearim, um Schabbat-Leckerbissen für meine Familie abzuholen. Aber meinen Wagen parke ich weit weg, sonst wird er womöglich verwüstet. 

Sie sehen nach wie vor wie ein ultra-orthodoxer Jude aus, sind aber zionistisch eingestellt. Wie lässt sich dieser scheinbare Kontrast vereinen?

Das ist ein gradueller Prozess. Ich meine, dass die ultra-orthodoxe Gesellschaft generell einen solchen Prozess durchläuft und zwar gleich in drei Sparten – in der Einrückung zum Militär, in der Teilnahme am Arbeitsmarkt, und in der Übernahme von Führungsrollen. Nehmen wir beispielsweise das Militär. Heute rücken junge Männer aus den besten Talmudhochschulen ein. Es gibt mittlerweile 3.000 haredische Soldaten, vor 10 Jahren waren es gerade mal 500. Auch im Arbeitsmarkt, in den Universitäten, in der Medienwelt und in der Politik hat sich die Teilnahme der ultra-Orthodoxen in den letzten Jahren massiv gesteigert. Und der typische Israeli begegnet ihnen in Freundschaft. Er will nämlich nichts weiter, als von ihnen als gleichwertig angesehen zu werden, ob er nun fromm ist oder nicht.

Sprechen wir über ZAKA.

ZAKA ist mittlerweile zu einer internationalen Organisation herangewachsen. Wir widmen uns der Rettung von Menschenleben und der Identifizierung von Terroropfern. Wir sind eine der wenigen, von der UNO anerkannten, israelischen Organisation und geniessen auch einen Spezialstatus. Wir unterhalten gegenwärtig weltweit 48 Einheiten. Die letzte haben wir in Guatemala eingerichtet. Ich selbst war aus diesem Anlass vor drei Monaten dort. Keine zwei Monate später brach bekanntlich der Vulkan del Fuego aus, und unsere Hilfe wurde akut gebraucht. Unsere Leute, Freiwillige, die wir trainierten, haben nicht nur nach dem Unglück selbst geholfen, sondern auch noch 100 Wohnungen für obdachlos-gewordene Ansässige gebaut. Im Übrigen planen wir die nächsten 100 einzurichten, sobald die ersten komplett fertig sind. Mit all dem konnten wir nicht nur den Überlebenden helfen, sondern auch die Beziehung von Israel und Guatemala weiter festigen.


ZAKA geschulte Freiwillige in Guatemala helfen Opfern des Vulkanausbruchs.

Vor einem halben Jahr haben wir eine Einheit mit 70 Freiwilligen in Südafrika aufgebaut. Kurz darauf gab es ein Sturmunglück in der Region und ZAKA eilte zur Stelle. Der israelische Botschafter in Südafrika erklärte mir daraufhin, dass der Einsatz eine positive Wende in den diplomatischen Beziehungen der beiden Länder bewirkt hätte. Sehen Sie, was die Politik nicht schafft, das schafft die gemeinsame Freiwilligenarbeit.

Erst heute morgen bin ich aus Nigeria zurückgekehrt. Dort traf ich einen Pastor, der einer grossen humanitären Organisation vorsteht. Nun arbeiten wir zusammen und machen gemeinsam diverse Projekte, die Menschen helfen. Überhaupt ist es mir gelungen, mit vielen internationalen Glaubensführern zu kooperieren. Nach Hurrikan Harvey, etwa, arbeiteten wir in Houston mit Pastorin Becky Keenan von der Gulf Meadows Kirche zusammen. Auch sie bekundete ihre Sympathie und Freundschaft für Israel. 

Welchen Zweck verfolgen Sie mit diesen Kooperationen

Die Freiwilligenarbeit verbindet uns mit anderen Menschen, baut Feindseligkeiten ab und kreiert Verständnis für den anderen. Das trifft im Übrigen auch in Israel zu. Eines Tages schreibe ich noch ein Buch darüber, wie die Freiwilligenarbeit uns als Volk vereint. Dieser Mehrwert ist nicht weniger wichtig, als die Arbeit selbst.

Beschreiben Sie die ZAKA- Freiwilligen

In Israel sind es zu 2/3 ultra-orthodoxe und orthodoxe Juden. Weltweit sind es Ortsansässige. Sie alle durchlaufen unseren speziellen Kurs und werden systematisch ausgebildet. Zudem achten wir sehr genau darauf, wen wir aufnehmen. So fragen wir Anwärter beim ersten Treffen beispielsweise: „Was würde Sie davon abhalten, zur Unglücksstelle zu eilen?“ Wer dann antwortet: „eine rote Ampel, eine Einbahnstrasse, Schabbat, oder nicht-jüdische Opfer“, den nehmen wir nicht. Denn wer sich mit diesen Dingen aufhält, der passt nicht zu uns.

Apropos nicht-jüdische Opfer. Kümmern Sie sich auch um verwundete oder getötete Terroristen?

Ja. Genau wie wir uns um die Opfer eines Terroranschlags kümmern, so müssen wir auch den Angreifer betreuen. Sicher, manchmal gilt es, die Zähne zusammenzubeissen, und wir legen Opfer und Terroristen niemals zusammen. Aber erste Hilfe leisten wir natürlich für alle. Manchmal stellt sich die Frage, wen man vorzieht. Den schwerer-verletzten Terroristen oder das leichter-verletzte Opfer. Ich habe die Direktive gegeben, sich erst um das Opfer zu kümmern und wurde prompt verurteilt, das sei nicht ethisch. Ich lasse mich von solchen Einwänden nicht beirren, denn ich weiss, dass alles, was wir bei ZAKA tun, aus ethischen Gründen geschieht. 

Mal ganz ehrlich Herr Meshi Zahav. Was haben Sie mit Löwinnen am Hut?

[Lacht] Sie haben von meinem Missgeschick gehört! Tja, also ich wurde bei meinem Besuch im Dschungel in Südafrika von einer Löwin angegriffen, weil ich zu forsch aufgetreten war. Glücklicherweise waren die Ortsansässigen in der Nähe und retteten mich. Als ich nach Israel zurückkehrte, ging ich in den Safari-Park, um die Angst zu überkommen. Ich fuhr zwar in einem Jeep, wollte aber aussteigen. Meine Begleiter hielten mich davon ab und schrien: „Du bist verrückt“!

Meinen Sie, man muss ein wenig „verrückt“ sein, um das zu leisten, was Sie leisten? [Meshi Zahav lacht nicht mehr. Im Gegenteil. Er wirkt jetzt ernsthaft, in sich gekehrt.] Ich will zeigen, dass man jede Schwierigkeit überwinden kann. Das kommt auch in unserer täglichen Arbeit zum Ausdruck. Es gibt immer wieder Freiwillige, die meinen, sie ertragen dieses oder jenes einfach nicht. Ich sage, so etwas gibt es nicht. Nun bin ich auch nicht stärker als sie. Aber ich muss ihnen als Vorbild dienen, muss ihnen zeigen, dass man alles überwinden kann. Sehen Sie, wir befassen uns mit sehr schwierigen Dingen. Tod. Verwesung. Natürlich gibt es danach Trauma und Post-Trauma. Aber auch darüber kann man hinweg kommen.

Yehuda Meshi-Zahav in Guatemala. Foto ZAKA

Wie werden Sie mit den schwierigen Anblicken, mit denen Sie so oft konfrontiert werden, fertig?

Ich gehe fast jeden Freitag, vor dem Schabbat-Eingang auf den Olivenberg, höre mir meine Lieder an, geniesse den fantastischen Ausblick knapp vor Sonnenuntergang und lasse die Woche Revue passieren. Das Ritual, die Stille, und der Blick helfen mir, mit unserer schwierigen Tätigkeit fertig zu werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würde er sein?

Am Rosh Haschana war ich in der Synagoge und blickte um mich. Menschen beteten um Wohlstand, Verdienst, Arbeit. Ich war der Einzige, der betete, keine Arbeit mehr zu haben. Unser Job ist schwer, sehr schwer. Bis heute – ZAKA besteht bereits seit 30 Jahren – ist es mir nicht gelungen, den genetischen Code unserer Organisation zu knacken. Was bringt Menschen dazu, Tag um Tag zu Orten zu eilen, von denen man instinktiv nur fliehen will. Im Schnitt haben wir in Israel 30 unnatürliche Todesfälle in der Woche – Selbstmorde, Unfälle, Terroranschläge.  Bei 5 bis 6 dieser Ereignisse haben wir es auch mit Verwesung zu tun – das sind meist Menschen, die allein gelebt haben, die vergessen wurden. Es ist eines der schwierigsten Erlebnisse. Man versucht noch Wochen danach, den imaginären Geruch loszuwerden. Er  besteht zwar nur noch im Kopf, lässt einen aber nicht los. Wenn man nach so einem schweren Erlebnis herauskommt, und sieht, wie Menschen lachen und die Sonne scheint, dann kann man es einfach nicht fassen, wie das Leben weitergeht. Aber auch wenn das noch so schwer ist, noch schwerer ist die Konfrontation mit den Hinterbliebenen. Diese Erfahrung wünsche ich keinem. Die Hinterbliebenen, aber, die suchen den Kontakt mit uns. Manchmal denke ich, mir fehlt die Kraft, auch ihr Leiden noch mitzuertragen. Aber ich merke, wie wichtig ihnen der Kontakt ist. Deshalb liegt mir die Beziehung zu den Angehörigen besonders am Herzen, auch wenn sie meine Kräfte manchmal übersteigt. Wenn ich schlapp zu machen drohe, dann konzentriere ich mich wieder auf das Tun. Und erinnere mich an die Mischna, die uns mahnt: Sei Mensch, dort wo es keine Menschen gibt.

Das lange, leise abklingende Gespräch macht auch auf mich einen tiefen Eindruck. Ich verabschiede mich von meinem Interviewpartner mit dem Wunsch, er möge sein Werk weiterführen und auch andere mit seinem Wesen inspirieren.

[1] Zihuy Korbanot Ason’un), abgekürzt ZAKA, deutsch: „Identifizierung von Unfallopfern.

 

  1. Zihuy Korbanot Ason’un, abgekürzt ZAKA, deutsch: „Identifizierung von Unfallopfern

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

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