Foto David Cohen 156 / Shutterstock.com
Foto David Cohen 156 / Shutterstock.com

Mit guten Vorsätzen, doch nicht unter dem Knallen von Raketen und Sektpfropfen, beginnt am Abend des 9.September 2018 das neue jüdische Jahr 5779.

 

von Zwi Braun

Rosch Haschana, wörtlich der „Kopf“( sprich Anfang) des Jahres, hat sein eigenes musikalisches Begleitprogramm – das Schofar. Das in der Regel aus dem Horn eines Widders gefertigte Musikinstrument wird an Rosch Haschana überall in den Synagogen geblasen. Insgesamt 100 Töne symbolisieren die feierliche Anerkennung Gottes als König und sollen uns aus Alltagstrott und gedankenloser Lebensweise aufrütteln. Mit Jom Kippur, dem Versöhnungstag, findet 10 Tage später ein Zeitabschnitt der Besinnung und des Neubeginns seinen Abschluss.

Rosch Haschana und Jom Kippur sind Tage des Gerichts. An ihnen hat sich der Mensch für sein Tun und Lassen während eines ganzen Jahres zu verantworten. Er legt Rechenschaft ab, gegenüber sich selbst und gegenüber Gott. An Rosch Haschana und Jom Kippur wird der Mensch daran erinnert, dass er nicht Richter über sich selbst ist, sondern dass, wie es die Weisen des Talmuds (Sprüche der Väter 2.1) ausdrückten, über ihm stets „ ein sehendes Auge und ein hörendes Ohr sind, sowie all seine Taten in einem himmlischen Buch verzeichnet werden“.

Ein Jahr ist vergangen, ein Jahr in dem jeder sich bewähren konnte in der Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen, ein Jahr voller Möglichkeiten, durch Befolgung der Mizwot, der göttlichen Gebote sein Menschsein zu verwirklichen. Der jüdische Mensch blickt zurück und erkennt seine Fehler, Schwächen, sein Versagen. Doch er verzweifelt nicht. Im Mittelpunkt der Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur steht die Teschuwa, die Umkehr. Wir haben die Chance den falschen Weg zu verlassen und von Neuem zu beginnen. Wenn wir unsere Verfehlungen vor Gott ehrlich bekannt haben, dann wird uns an Jom Kippur von ihm Sühne und Vergebung erteilt. Wir müssen es allerdings ehrlich meinen, „ Der da spricht, ich werde sündigen und Jom Kippur entsühnt mich, ich werde sündigen und Jom Kippur entsühnt mich, dem wird an Jom Kippur keine Sühne zuteil“. So lehrt es der Talmud (Joma 85b).

Besinnung und Umkehr sind keineswegs auf Rosch Haschana und Jom Kippur beschränkt. Rabbi Elieser lehrte in den Sprüchen der Väter: „Kehre einen Tag vor deinem Tod zu Gott zurück“. Darauf fragten ihn seine Schüler: „Rabbi, woher kennt der Mensch seinen Todestag?“ Da antwortete er: „Dies ist es, was ich sage. An jedem Tag vollziehe der Mensch die Umkehr!“.

Eine chassidische Geschichte erzählt, dass Rabbi Sussja von Hanipol alles, was er tagsüber tat, auf einen Zettel schrieb. Am Abend vor dem Schlafengehen holte er ihn hervor, las ihn und weinte so lang, bis die Schrift von seinen Tränen ausgelöscht wurde. Dann hatte er für das, was er am Tag falsch gemacht hatte, die Umkehr vollzogen.

Auch an Sylvester machen sich Menschen neue Vorsätze, doch nach einigen Tagen bis Wochen sind sie wieder vergessen. Teschuwa ist kein leichthin gesprochenes Sündenbekenntnis. Das Wort bedeutet nicht nur Reue, sondern vor allem Umkehr. Und Umkehr verpflichtet zu Taten. Im Mittelpunkt des Mussafgebetes an Rosch Haschana und Jom Kippur steht der Satz: „Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit wenden das strenge Urteil ab“. Im Mittelpunkt der Umkehr steht an Jom Kippur das im Gebet gesprochene Sündenbekenntnis. Nur wenn der Mensch nicht versucht, seine Verfehlungen zu verdrängen, in eine dunkle Ecke des Unterbewusstseins abzuschieben, sondern sie offen ausspricht, sagt er sich von ihnen los. Das Fasten an diesem Tag soll dazu verhelfen, sich ganz auf die geistigen Aufgaben dieses Tages zu konzentrieren.

Beim guten Willen allein darf es nicht bleiben. Er muss durch Handeln unter Beweis gestellt werden. Dies geschieht durch Gebet und Wohltätigkeit (Zedaka). Auf zwei Ebenen hat der Mensch gefehlt: gegenüber Gott und gegenüber seinem Mitmenschen. Als der Tempel in Jerusalem noch stand, bevor die Römer ihn (70 n. Chr.) zerstörten, und hunderte von Jahren später muslimische Herrscher eine Moschee über dessen Trümmern errichteten, versöhnten die dort dargebrachten Opfer den Menschen mit Gott. Nach der Zerstörung des Tempels trat das Gebet an die Stelle der Opfer, in ihm werden neue Bande zu Gott geknüpft.

Im Mittelpunkt zwischenmenschlicher Beziehungen steht das soziale Verhalten untereinander. Dem Nächsten angetanes Unrecht, wie z.B. Diebstahl, muss wiedergutgemacht werden. Mündliche Beleidigungen erfordern eine Entschuldigung bei dem Betroffenen. Es ist ein Gebot der Tora, den sozial Schwächeren zu unterstützen und durch Zedaka stellt man dies, besonders an diesen 10 Tagen der Umkehr, unter Beweis.

Handelt der jüdische Mensch nach diesen drei Prinzipien – Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit – dann kann er gewiss sein an Jom Kippur in das Buch der Versöhnung und Vergebung eingetragen zu werden. Schana Tova – ein gutes und friedliches Jahr für alle Menschen !

Diesen Beitrag teilen
  • 8
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •