Symbolbild. Foto CC0 Creative Commons
Symbolbild. Foto CC0 Creative Commons

Vor einigen Wochen sass ich mit einer guten Freundin auf der Terrasse einer Münchner Bar und wir genossen bei einigen Drinks den Sonnenuntergang eines heissen Tages, wie sie diesen Sommer in ganz Europa so zahlreich waren.

 

Ein Kommentar von Daniel Wolf

Wir unterhielten uns über dies und das unter anderem auch über wirtschaftliche Dinge.

So kamen wir auf das Thema Steuern zu sprechen und plötzlich stellte sie mir eine Frage, welche die Sonne  zum vorzeitigen Untergehen brachte: Wieso zahlen Juden keine Steuern?

Sie hätte wenigstens fragen können, ob es stimmt, dass Juden keine Steuern zahlen. Aber nein, sie fragte, warum Juden keine Steuern zahlen, so, als wäre die Lüge eine unumstössliche Wahrheit, der wiederum man auf den Grund gehen müsse.

Ich weiss nicht mehr, ob mein Entsetzen oder meine Fassungslosigkeit überwog. Wir waren seit einiger Zeit gut befreundet. Sie wusste, dass ich Jude bin und sie war dem gegenüber sehr offen, fragte mich immer wieder interessiert darüber aus.

Daher bemühte ich mich um einen souveränen Umgang und versuchte witzig zu sein: „Keine Ahnung, aber ich werde mich gleich morgen beim Finanzamt beschweren. Seit Jahrzehnten zahle ich Steuern, obwohl ich es gar nicht müsste. Danke für den Hinweis“.

Immerhin erkannte sie die Ironie meiner Antwort, reagierte aber lapidar, dass sie das von ihren jüdischen Freunden in Madrid wüsste.

Ob sie sich damit vom Antisemitismusvorwurf frei kaufen wollte oder als Untermauerung ihrer These sagte, weiss ich nicht. Das war mir in dieser Sekunde auch egal, denn ich sah gerade eine gute Freundschaft sich dem Ende zuneigend.

Ich ging nicht weiter auf ihr Argument ein. Vielmehr sagte ich klar und deutlich, dass Juden Steuern zahlen wie alle anderen auch. Natürlich wüsste ich, dass sie kein Problem mit Juden habe, sonst wäre sie kaum mit mir befreundet. Umso wichtiger sei es aber, diese Unwahrheit in Zukunft nicht mehr zu verbreiten, denn sie würde damit letztlich all denen ins Horn blasen, die von raffgierigen Juden,  vom internationalen Finanzjudentum (Hitler selber) oder wie heute gerne von den Bankern der Ostküste als Synonym für jüdisches Geld sprechen.

Kurz gesagt: Ich versuchte sie für die Thematik zu sensibilisieren und ihr gleichzeitig einen Ausweg aus der verfänglichen Situation zu geben. Das schien mir ein souveräner Umgang zu sein und ich war fast ein wenig stolz auf mich.

Das Ergebnis meiner Argumentationsführung war, dass sie mir Übersensibilisierung vorwarf und ich Probleme sehen würde, wo keine sind. Ausserdem sei es auch nicht so wichtig. Damit war nicht nur mein gerade entstandener Stolz dahin, sondern für sie auch das Thema beendet.

Ich erinnerte mich an eine Taxifahrerin, die mich einige Jahre zuvor in München in das Jüdische Gemeindezentrum fuhr. Sie erklärte mir, dass alle Juden Wiedergutmachung bekommen, selbst wenn diese nicht im Holocaust waren. Auch damals widersprach ich lauthals. Das verwunderte sie, denn sie sei sicher gewesen, dass es so ist.  Nach kurzer Überlegung sinnierte sie, dass man heutzutage nicht wissen könne, was man glauben soll und was nicht. Beim Aussteigen wünschte sie mir einen schönen Abend mit dem Hinweis, dass sie immer schon mal eine Führung durch die Synagoge mitmachen wollte.

Die Vorfälle hatten eine interessante Gemeinsamkeit: Beide Frauen schienen sich der Tragweite ihrer Fehlinformationen gar nicht wirklich bewusst zu sein und als sie es merkten, war es ihnen quasi egal. Gibt’s keine Erdbeeren, dann eben Himbeeren. Da war nichts von einem verhärmten Antisemiten, sondern eher etwas von der Leichtigkeit des Seins.

Einige Gedankengänge später fragte ich mich, ob es denklogisch möglich sei, übelste antijüdische Ressentiment  zu verbreiten – und zwar bewusst und nicht offensichtlich scherzhaft – ohne gleichzeitig Juden zu hassen?

Ich sah mich im Internet um und stiess tatsächlich auf einen 300-seitigen Bericht, aus dem Jahr 2017, in dem eine vom Deutschen Bundestag eingesetzte Expertenkommission feststellte, dass Juden in Deutschland von vier Seiten bedrängt würden. Von der Rechten, der Linken, von Muslimen – soweit nicht neu – aber darüber hinaus von Desinteresse, welches selbst auch oft antisemitisch motiviert ist. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Volker Beck  hat dies wirklich ganz hervorragend auf den Punkt gebracht: Antisemitismus ohne Antisemiten.

Bei dem, was ich in meinem privaten Umfeld wahr genommen habe, handelt es sich demnach nicht um einen Einzelfall, sondern um ein sozialpolitisches Phänomen.

Ein Phänomen übrigens, das ich für weitaus  gefährlicher erachte als etwa den Judenhass der extremen Rechten. Der ist eklig und verabscheuungswürdig,  besonders dann, wenn es zu Gewalttaten gegen Menschen kommt.  Darüber herrscht aber allen Unkrufen zum Trotz eine breite Front der Ablehnung.

Da ist der Antisemitismus linker oder muslimischer Prägung schon ein anderes Kaliber. Stichwort Israelkritik, BDS usw. Darüber wird gerade auf vielen Plattformen geschrieben und gestritten, da muss ich hier nicht drauf eingehen.

Aber diesen beiden Formen des Judenhasses ist es gemein, dass die Protagonisten relativ leicht auszumachen sind. Und auch wenn sie sich selber nicht als Antisemiten sehen, so lässt sich das Gegenteil  an einigen Kriterien recht klar festmachen.

Jedoch scheint mir der Antisemitismus ohne Antisemiten, wie Beck ihn bezeichnete, aus mehreren Gründen aktuell der Gefährlichste, weil am wenigsten Einschätzbare zu sein.

  1. Wo  es keine Antisemiten gibt, kann man auch keine sehen. Man hört nichts von ihnen. Sie demonstrieren nicht, sie schlagen niemanden zusammen, sie publizieren nichts, sie posten nicht. Keine Facebookseite, kein Twitteraccount.
  1. Aufgrund des Desinteresses bezüglich Ursachen und Wirkungen von Antisemitismus, sind Menschen wie die oben erwähnten Damen ihm gegenüber völlig blauäugig.  Ohne selber davon befallen und ohne sich dessen bewusst zu sein, tragen sie voller Unschuld den Virus Antisemitismus in die Welt hinaus.

Wirklich dagegen steuern kann man letztlich nur mit Aufklärung. Ich denke, ich werde meine Bekannte daher bald wieder kontaktieren, auch wenn die warmen Sommertage bei unserem nächsten Treffen vorbei sein dürften.

Daniel Wolf, Jahrgang 1962 lebt in München als Autor für Film & Fernsehen. Als Sohn zweier Holocaustüberlebender beleuchtet er in seinen Filmen und Essays immer wieder den Ist-Zustand aktuellen jüdischen Lebens in Europa.

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