Gal Lusky an der israelisch-syrischen Grenze. Foto: Nicky Blackburn

Ungeachtet schwerer Risiken ging die Israelin Gal Lusky nach Syrien, um dort verdeckt den Opfern des Bürgerkriegs Hilfe zu leisten. Jetzt hat sie ihre Identität enthüllt.

 

von Nicky Blackburn

Wir stehen auf einer kleinen israelischen Bergkuppe in den Golanhöhen und schauen hinüber nach Syrien. Der Hügel fällt schräg zum wehrhaften Zaun an der israelischen Grenze ab. Nur wenige Meter weiter befindet sich ein Meer provisorischer weisser und orangefarbener Zelte – eine neue Zeltstadt, die in den vergangenen Wochen, als Zehntausende syrische Zivilisten vor den anrückenden Streitkräften Bashar Assads aus ihren Häusern flohen, in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde.

Es ist eine Sache, im Internet über die Flüchtlinge zu lesen, oder zu hören, wie in den Nachrichten über sie berichtet wird; etwas ganz anderes ist es jedoch, wenn man sie mit eigenen Augen sieht.

Dutzende Kinder laufen durch das Camp, hinter ihnen verschleierte Frauen, die sich vorsichtig ihren Weg durch das steinige Gelände bahnen. Auf einem Weg, der sich durch die Zelte schlängelt, fahren Motorräder vorbei. Dies ist lediglich ein kleines Lager. Grössere reihen sich entlang der israelischen und jordanischen Grenzen auf.

Wir sind hier, um mit Gal Lusky, der Gründerin von Israeli Flying Aid (IFA) zu sprechen. Sie ist eine zierliche Frau mit dunklen Haaren, deren Arbeit ich schon seit Jahren bewundere und verfolge. Sie begibt sich undercover in Krisengebiete, selbst in feindliche Länder, um die Opfer mit lebensnotwendiger Hilfe zu unterstützen. Ihre Organisation ist oft die einzige NGO, die sich in diese Gebiete wagt.

Seit siebeneinhalb Jahren arbeitet sie in Syrien, inmitten eines blutigen und erbarmungslosen Bürgerkriegs, um den Menschen dort zu helfen – stets in dem Wissen, dass sie, falls sie entdeckt wird, als israelische Jüdin höchstwahrscheinlich sofort exekutiert würde.

Trotz dieser Gefahren traute sich Gal im Februar 2016, dem Online-Magazin ISRAEL21c ihre Geschichte zu erzählen. Wir waren einer der ersten Medienkanäle, der unter Verwendung eines abgeänderten Namens über ihre ausserordentliche Arbeit in Syrien berichtete.

Sie hatte sich entschlossen, mit uns zu reden, nachdem sie kurz zuvor gegenüber zwei der syrischen Anführer, mit denen sie zusammenarbeitete, die Karten auf den Tisch gelegt und ihre israelische Identität offenbart hatte. Die erste Reaktion der beiden Männer war Entsetzen und Ärger. „Sie sagten, sie würden sich erst mit Assad befassen und dann mit Israel“, erzählt uns Lusky.

Als sie schliesslich ein paar Monate später ihre Meinung änderten und sich entschlossen, erneut mit IFA zusammenzuarbeiten, besuchte Lusky die Männer – in dem Wissen, dass es eine Falle sein könnte – ganz alleine, um letzte Details zu besprechen.

Sie glaubt, dass der anfängliche Unmut der Männer inzwischen Dankbarkeit gewichen ist.

Lusky, die im Kibbuz Hokok geboren wurde, traf die Entscheidung, ihr Leben der humanitären Hilfe zu widmen, als ihr Bruder 1992 im Rahmen seines Armeedienstes im Libanon verwundet wurde. Sie gab ihr Studium auf, um an seinem Krankenbett zu sitzen.

„Durch dieses eine Jahr, das ich im Krankenhaus verbrachte, verstand ich, wie gesegnet ich war, dass ich in Israel mit seiner grossartigen medizinischen Infrastruktur geboren wurde. Ich wollte daher Menschen in anderen Teilen der Welt unterstützen“, berichtete sie 2015 in einem Interview mit ISRAEL21c.

2005 gründete sie IFA und war seither in Ländern wie Haiti, dem Irak, Pakistan, Darfur, Sri Lanka, Myanmar und Tschetschenien im Einsatz.

IFA war eine der ersten internationalen NGOs, die sich bereits in den Anfangstagen des Konflikts in Syrien engagierte, als das Ganze noch eher ein Aufstand als ein festgefahrener und erbitterter Krieg war. Sie ist eine von nur einer Handvoll internationaler NGOs, die dort arbeiten.

Bis vor drei Wochen wusste auf internationaler Ebene niemand, dass die Organisation israelische Wurzeln hat. Wenige Tage vor unserem Treffen hatten jedoch die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) – welche die Syrer ebenfalls mit erheblicher Hilfe unterstützen – entschieden, ihre Zusammenarbeit mit IFA bekannt zu geben. Also trat Lusky schliesslich aus dem Schatten.

Sie und ihr Team aus 200 Freiwilligen, von denen die meisten fliessend Arabisch sprechen, versorgen die Menschen mit Zelten, Nahrungsmitteln, Medikamenten, Hygieneprodukten, Babynahrung, Kleidung und sogar Chemieschutzanzügen. Die Organisation schickte medizinische Ausrüstung und Versorgungsgüter in Millionenhöhe für 14 Krankenhäuser und Kliniken nach Syrien und bildete die Syrer hinsichtlich Such- und Rettungsdiensteinsätzen und Brandbekämpfung aus.

Die Hilfsmassnahmen werden mit den Einheimischen koordiniert, um sicherzustellen, dass sie das erhalten, was sie auch tatsächlich brauchen. Nur das Nötigste wird ins Land geschickt. Die IDF bringen die Hilfsmittel nachts durch Tore im Zaun in die neuen Flüchtlingslager. „Ich würde die IDF-Soldaten nicht in Gefahr bringen, wenn es keine absolute Notwendigkeit wäre“, so Lusky.

Erst vor einer Woche kamen wieder rund 200 syrische Flüchtlinge mit weissen Fahnen winkend an die israelische Grenze, nachdem bei einem russischen Luftschlag auf eine nahegelegene Schule, die als Unterkunft diente, zehn Zivilisten getötet worden waren.

Am Samstagabend rettete die IDF 800 freiwillige syrische Such- und Rettungsdienstmitarbeiter mit ihren Familien an der Grenze. Das Leben der Weisshelme, die während des Konflikts Tausende Leben retteten und von Luskys IFA als Such- und Rettungsdiensthelfer geschult wurden, befand sich durch Assads Streitkräfte in ernsthafter Gefahr.

Wir hatten eigentlich vor, noch an eine andere Stelle zu fahren, aber die Armee hat die Tore geschlossen. Man befürchtet, dass die Kämpfe übergreifen könnten und will niemandes Leben in Gefahr bringen.

Es ist eine berechtigte Sorge. Als wir uns bereit machen loszufahren, hören wir eine gewaltige Explosion. Wenige Sekunden später steigt eine riesige Wolke aus Rauch und Staub am Horizont empor. Eine Kurzmeldung offenbart später, dass Israel gerade eine syrische Artilleriestellung bombardiert hat, nachdem eine Granate in die entmilitarisierte Zone abgefeuert wurde.

Die Rückfahrt zu unseren klimatisierten Wohnungen im Zentrum Israels dauert zweieinhalb Stunden und unterwegs reden wir über das, was wir gesehen und gehört haben. Mein Regisseur regt sich wegen der Kinder auf. Wir alle sind empört wegen der Kinder, diesen winzigen Gestalten, die durch das steinige, karge Tal laufen.

„Könnten sie nicht ein paar Malbücher und Stifte und Spiele für sie schicken?“, fragt er. „Ein paar Kartons mehr, zusammen mit den anderen Hilfsgütern.“

Aber wenn man nicht einmal das Nötigste hat, wie etwa Gegengift gegen Skorpionstiche und die Kinder deswegen sterben müssen, sind Papier und Malstifte purer Luxus.

Ungefähr eine Woche später erfahren wir, dass die IDF tatsächlich Tonnen gespendeter Hilfsgüter aus Israel schicken, darunter Kleidung, Nahrungsmittel, Decken, Schuhe, Sonnenschirme, Spiele sowie Unterstützungs- und Segensbotschaften von Familien aus den gesamten Golanhöhen und dem übrigen Israel.

Es ist ein kleiner Trost in einer schrecklichen Situation, dennoch kann man sich nur fragen – wie dies Lusky schon seit Jahren tut – wo ist der Rest der Welt bei all dem?

Die Redakteurin und israelische Regisseurin Nicky Blackburn arbeitet seit Jahren extensiv sowohl in Grossbritannien als auch in Israel als Journalistin und Redakteurin für eine Reihe nationaler und internationaler Publikationen, darunter The Cambridge Evening News, London News, Travel Weekly, Israel High Tech Investor, und The Times of London. Sie war Mitherausgeberin des LINK Israel’s Business and Technology Magazine und High-Tech-Korrespondentin für die Jerusalem Post. Gekürzte Fassung des Originals, erschienen auf Englisch bei ISRAEL21c.

Diesen Beitrag teilen
  • 143
  •  
  •  
  • 1
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •