Foto Screenshot Studie
Foto Screenshot Studie "Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses", Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel / Technische Universität Berlin.

Nun ist auch wissenschaftlich belegt, was Betroffene bereits länger gefühlt haben: seit 2007 hat sich die Zahl antisemitischer Kommentare im Internet verdreifacht. Das ist in der Tat ein „besorgniserregendes Phänomen“, wie Prof. Monika Schwarz-Friesel von der Technischen Universität Berlin, bei der Vorstellung der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft über vier Jahre geförderten Studie “Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“ deutlich machte.

 

von Dr. Nikoline Hansen

Denn im Einklang damit steigt auch in Deutschland die Gewaltbereitschaft gegenüber Juden, wie zuletzt Vorfälle in Berlin und Bonn deutlich gemacht haben: Sprache und Kommunikation beeinflussen wesentlich auch das Handeln, Worten folgen oft Taten. Juden, und insbesondere auch der jüdische Staat Israel, werden dämonisiert und als das personifizierte Übel betrachtet, das es zu bekämpfen gilt. Bei vielen Menschen ist diese Einstellung im Unterbewussten verankert, und offensichtlich fördert das Medium Internet, in dem sich der Nutzer keiner Person direkt gegenübersieht oder sich sogar weitgehend anonym bewegen kann, die Bereitschaft, latente Botschaften offen auszusprechen und den antisemitisch motivierten Hass direkt und ungefiltert öffentlich zu artikulieren. Diese Hassbotschaften verbreiten sich online so schnell, dass es, wie die Studie feststellt, im Web 2.0 kaum noch einen Diskursbereich gibt, in dem der Nutzer nicht mit Antisemitismen konfrontiert wird.

Die am Institut für Sprache und Kommunikation im Fachgebiet Linguistik verankerte Projektstudie war zugleich ein technisches Pilotprojekt, denn zur Analyse des umfangreichen Datenmaterials – 66.374 Webseiten wurden untersucht – wurde ein eigens zu diesem Zweck konzipierter Crawler eingesetzt, der die Webseiten automatisiert speicherte. Dabei wurden 265.496 Kommentare untersucht und alle direkten und indirekten Antisemitismen konnten in ihrem Kontext analysiert werden. Die Datenbasis wurde jährlich manuell ergänzt. Als Vergleichskorpus dienten 20.000 E-Mails an den Zentralrat der Juden in Deutschland und die Israelische Botschaft in Berlin, die diese zwischen 2012-2018 erhalten hatten, um mögliche Unterschiede der Diskursform bei persönlicher Adressierung zu untersuchen.

Jeden Tag Tausende neue Antisemitismen

Untersucht wurde in der Studie, welche Stereotype explizit oder implizit kodiert wurden und welche Ausprägungen dominant sind. Identifiziert und erklärt wurden auch die Strategien, auf die Nutzer zurückgreifen, um judeophobe Positionen und Bewertungen akzeptabel erscheinen zu lassen bzw. sie abzuwehren oder umzudeuten. Schließlich wurde analysiert, welche Rolle Emotionen bei der Kodierung judenfeindlicher Texte spielen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis: „Die Digitalisierung der Informations- und Kommunikationstechnologie hat „Antisemitismus 2.0“ online schnell, multimodal, textsortenspezifisch diffus und rezipientenunspezifisch multiplizierbar gemacht. Jeden Tag werden Tausende neue Antisemitismen gepostet und ergänzen die seit Jahren im Netz gespeicherten und einsehbaren judenfeindlichen Texte, Bilder und Videos.“ Dabei bildet die klassische Judenfeindschaft nach wie vor die Basis für diese Antisemitismen, egal aus welcher Richtung sie kommen.

Die Israelisierung der Judenfeindlichkeit

Zugenommen hat allerdings auch der israelbezogene Antisemitismus, oder wie Monika Schwarz-Friesel es nennt, die „Israelisierung der Judenfeindlichkeit“. Diese sei nicht zu verwechseln mit legitimer Israelkritik, sie unterscheidet sich davon etwa durch den Dämonisierungscharakter und Vergleiche mit dem Nationalsozialismus: „Zu konstatieren ist, dass Juden- und Israelhass eine konzeptuelle Symbiose bilden, die maßgeblich vom Kollektiv-Konzept des ewigen Juden mit seinen über Jahrhunderte hinweg konstruierten Merkmalen Juden als Fremde/Andere/Böse, als Wucherer, Ausbeuter und Geldmenschen, als Rachsüchtige Intriganten und Machtmenschen, Mörder, Ritual- und Blutkultpraktizierer, Landräuber, Zerstörer und Verschwörer determiniert wird.“

Ebenfalls untersucht wurde die stark ausgeprägte emotionale Dimension des Judenhasses, die bislang noch nicht ausreichend untersucht wurde, und die sich in der Variante des affektiven Hasses präsentiert: „Insgesamt ist der Schreib- und Argumentationsstil  dieser Gruppe im  Web  2.0 von unkontrollierter Hass- und Pejorativlexik geprägt: „Hurensöhne”, „Drecksmüllpack”, „Schlimmer als Schweine”, „Teufel”, Vernichte!!, Israel verbrenne!!!”.“ Auch diese aktuellen Beispiele zeigen einmal mehr, dass Worte zu Taten führen, denn in dem letzten Versuch der Hamas, eine weitere Intifada zu provozieren, setzten die vom Hass gegen Israel geprägten Palästinenser Felder und Wälder in Israel an der Grenze zu Gaza in Brand – der konstant verbal geschürte Hass führt zu einer emotionalen Verrohung, die nicht nur menschenverachtend ist, sondern auch vor der Zerstörung von Ressourcen, die für das eigene Überleben von Bedeutung sind, nicht Halt macht. Die Beispiele zeigen auch, dass sich der Hass aus traditionellen Denkmustern des Antijudaismus und Antisemitismus speist, also seine primäre Quelle nicht im Nahostkonflikt hat.

Auch in der Beschneidungsdebatte, die 2012 durch ein Urteil des Kölner Landgerichts ausgelöst wurde, in dem die Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen als Körperverletzung gewertet wurde, zeigte sich, dass eine Triebfeder des Antisemitismus der Hass auf Juden ist. So tauchten in der monatelang währenden, vom damaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck schließlich als „Vulgärrationalismus“ gerügten Diskussion immer wieder die Worte „Blutritual“ und „Opferkult“ auf und es erfolgte eine irrational anmutende Fokussierung auf die jüdische Tradition. Auch hier speiste sich der Fanatismus aus antisemitischen Wahnvorstellungen, die rational betrachtet nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen werden konnten, und die nur religiös motiviert erklärbar werden.

Hassmails von Antisemiten

So bleibt der Hass eine wichtige Triebfeder: In über 70 Prozent der Texte wird dieser Hass offen verbalisiert: „Ich hasse Juden“ oder „Die Welt hasst Israel“ sind wiederkehrende Beispiele. Die Tatsache, dass massive Abwehrstrategien gegen Aufklärungsversuche entwickelt werden zeigt, wie tief dieses Motif verankert ist. Inzwischen scheuen die Antisemiten auch vor persönlichen Angriffen nicht mehr zurück: Erst kürzlich hat sich der aus Israel stammende jüdische Gastronom Yorai Feinberg, der ein Lokal in Berlin-Schöneberg betreibt, an die Öffentlichkeit gewandt, weil er sich angesichts der explodierenden Zahl von Hassmails von den deutschen Behörden im Stich gelassen fühlte. Die Bedrohungslage wächst.

So kam es am 12. Juli zu einem antisemitischen Vorfall im Berliner Wedding, bei dem Gäste antisemitisch und volksverhetzend beschimpft wurden. Auch der Vorfall in Bonn, bei dem ein jüdischer Professor von der Polizei geschlagen wurde, nachdem er von einem kriminellen Jugendlichen belästigt worden war, zeigt, dass es in der Praxis in Deutschland viel Nachholbedarf gibt, wenn es darum geht, nicht nur in politischen Sonntagsreden, sondern ganz konkret gegen Judenhass vorzugehen. Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für das Problem. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass sie nicht in der Schublade verschwindet sondern die Grundlage dafür schafft, dass weitere sinnvolle Maßnahmen ergriffen werden um das sich abzeichnend anwachsende Ausmaß der antisemitischen Hasstiraden zu bekämpfen und wirksam einzudämmen.

Die Studie kann abgerufen werden auf der Webseite: https://www.linguistik.tu-berlin.de/menue/antisemitismus_2_0/

Nikoline Hansen ist Literatur- und Kommunikationswissenschaftlerin.

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