Die Nordische Widerstandsbewegung (schwedisch Nordiska motståndsrörelsen, NMR). Foto Carl Ridderstråle, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64146428
Die Nordische Widerstandsbewegung (schwedisch Nordiska motståndsrörelsen, NMR). Foto Carl Ridderstråle, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64146428

Als Carinne Sjoberg Mitte Mai die jüdische Gemeinde der nordschwedischen Stadt Umea auflöste, wusste sie, dass dies Schockwellen auslösen würde, die weit über die kleine Gemeinde hinausreichen, die sie jahrzehntelang aufgebaut hatte.

 

von Cnaan Liphshiz

Die Ursache dieses Schritts war die Einschüchterung durch Neonazis. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass eine jüdische Organisation in Westeuropa zugibt, dass sie aus Angst um ihre Sicherheit zumachen muss.

2016 fingen Neonazis der „Nordischen Widerstandsbewegung“ an, Aufkleber mit faschistischen Bildern ans Zentrum der jüdischen Gemeinde Umeas zu kleben. „Das Gebäude sah aus, wie nach der Kristallnacht“, sagt Sjoberg. Dass das Zentrum nun geschlossen wurde, folgt auf Ausspähungsaktivitäten durch Neonazis, die Details über einzelne Besucher veröffentlicht hatten.

„Es ist mir nicht leicht gefallen“, sagt Sjoberg, eine 56-jährige jüdische Mutter zweier Kinder. „Ich hasse es, Neonazis den Sieg zu lassen. Doch ich kann angesichts solcher Drohungen nicht die Verantwortung für Menschenleben übernehmen.“ 70 Mitglieder hatte die Gemeinde.

Die Schliessung provozierte einen nationalen Aufschrei. Die nationalen Medien berichteten darüber, Ministerpräsident Stefan Löfven erwähnte das Thema in einer Rede, in der er die antidemokratischen Kräfte in seinem Land verurteilte.

Doch die Empörung ändert wenig daran, dass das jüdische Gemeindeleben in Schweden vielen Schwierigkeiten gegenübersteht. Mag die jüdische Gemeinde in Stockholm auch wachsen, fürchten die schwedischen Juden doch um ihre Zukunft als Minderheit hier.

„Wir haben in Stockholm eine lebendige Gemeinde, doch sogar hier sind wir vielen Bedrohungen ausgesetzt, von muslimischem Extremismus bis zum Rechtsextremismus“, sagt Aron Verstandig, der Präsident des Rates der schwedischen jüdischen Gemeinden, der Dachorganisation, der etwa 6.000 von Schwedens geschätzten 20.000 Juden angehören.

Keines dieser Probleme betrifft nur die schwedischen Juden: Auch in Osteuropa haben viele jüdische Gemeinden Einschüchterungen durch Neonazis zu erdulden, und viele Juden in Westeuropa haben Gewalt von radikalen Muslimen am eigenen Leib erlebt. Auch Probleme, die daraus entstehen, als religiöse Minderheit in einer ultrasäkularen Gesellschaft wie der schwedischen zu leben, gibt es nicht nur dort, sondern überall in Skandinavien und darüber hinaus.

Doch Schweden ist vielleicht das einzige europäische Land, wo Juden es mit einem Zusammentreffen all dieser Probleme zu tun haben. So ist etwa in Frankreich, wo seit 2012 bei antisemitischen Angriffen mehr als ein Dutzend Juden getötet wurden, rechtsextreme Gewalt für die Juden keine grosse Sorge. In der Ukraine wiederum, wo rechtsextreme Nationalisten in jüngster Zeit zahlreiche Gemeinden angegriffen haben, sorgen sich die Juden nicht vor muslimischem Extremismus.

Testfall für Europa

Darum halten einige jüdische Gemeindeführer die jüdische Gemeinde Schwedens für einen Testfall für Europa. „Die Probleme, denen die jüdische Gemeinde in Schweden heute gegenübersteht, deuten traurigerweise auf ein viel grösseres Phänomen hin, das sich überall in Europa ereignet“, sagt Moshe Kantor, der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses.

Ein 15-jähriger jüdischer Schüler in der südschwedischen Provinz Skane, der eine höhere Schule in der Nähe von Malmö besucht, wird dort sowohl von ethnischen Schweden als auch von muslimischen Einwanderern schikaniert, sagt sein Vater.

„Der Anführer einer Gang ist ein afghanischer Junge“, sagt der Vater, der vor acht Jahren aus beruflichen Gründen von Israel nach Schweden gezogen ist und nicht namentlich genannt werden will. Einmal sei sein Sohn verprügelt worden, weil er sich geweigert habe, bei einem Fussballspiel mitzumachen, bei dem ein Team „die Juden“ genannt wurde, das andere „die Palästinenser“. Ein anderes Mal sei er von einem ethnischen Schweden verprügelt worden.

Sein Sohn gehe nur „widerwillig“ zur Schule. „Er will hier nicht leben. Er will nach Israel zurückziehen, sobald er 18 ist, zur Armee gehen und gegen die Araber kämpfen. Er ist sehr rechts geworden“, so der Vater.

Stefan Dozzi, der Generalsekretär des schwedisch-israelischen Freundschaftsverbands, hat ebenfalls eigene Erfahrungen mit der doppelten Bedrohung des schwedischen Judentums gemacht. Während einer politischen Konferenz, die auf der Insel Gotland südlich von Stockholm stattfand, wurden er und ein weiterer Aktivist der Organisation körperlich von Neonazis angegriffen. Über den Vorfall wurde in den schwedischen Medien weithin berichtet. Niemand aber habe „über die Einschüchterung durch Muslime“ berichtet, die es ebenfalls gebe, so Dozzi. „Wir haben zwei Sorten von Feinden. Ich glaube, mit den Neonazis und den Muslimen wird es in diesem Land nur schlimmer werden. Am Ende werden wir fliehen müssen.“ In Israel fühle er sich sicher.

Brandsätze auf die Synagoge

Zurück in Umea: Sjoberg sagt, ihr begegneten verschiedene Formen des Antisemitismus; das reiche von Schikanen durch Neonazis bis hin zu „Arabern, die mich auf der Strasse anspucken, weil ich einen Anhänger mit Davidstern trage“.

Solche Vorfälle sind noch harmlos. Letzten Monat wurden drei arabische Männer verurteilt, die Brandsätze auf die Synagoge von Göteborg geworfen hatten. Es war einer von vielen Anschlägen auf Synagogen, die es in Südschweden in den letzten Jahren gab – vor allem in der 350.000-Einwohner-Stadt Malmö, wo tausend Juden unter mehr als 100.000 Muslimen leben.

Dschihadismus und Neonazismus schaukelten einander hoch, sagt Sjoberg. Die Ankunft Hunderttausender Muslime seit den 1970er Jahren habe dazu geführt, dass es „weniger Toleranz gegenüber Leuten gibt, die als fremd wahrgenommen werden“. Das stärke die extreme Rechte. „Ich glaube nicht, dass sie sich vor 15 Jahren getraut hätten, uns so anzugreifen.“

2015 und 2017 haben Skinheads zweimal an schwedischen Schulen Veranstaltungen mit Holocaustüberlebenden gestört. In Göteborg marschierten letztes Jahr an Jom Kippur Hunderte von Neonazis auf. Ursprünglich hatten sie an der Synagoge vorbeimarschieren wollen, was aber von den Behörden untersagt wurde.

Ein Teil des Problems, so Sjoberg, sei, dass Schweden nach dem Zweiten Weltkrieg nie denazifiziert worden sei – während des Kriegs war es offiziell neutral, kollaborierte aber mit Nazideutschland. „Es gab massive Unterstützung für die Nazis, aber nicht das Aufwachen, das es in den besetzten Ländern nach der Befreiung gab.“

Ausser mit gewalttätigen Übergriffen haben Schwedens Juden auch mit einem strikten Säkularismus der schwedischen Behörden zu kämpfen, der in einigen Fällen ihre Sitten und Gebräuche bedroht.

Das rituelle Schlachten von Tieren ist in Schweden illegal, und obwohl die Beschneidung minderjähriger Jungen erlaubt ist, wird ein Verbot ständig debattiert. Im März forderten zwei Minister der Regierung, alle konfessionellen Schulen zu schliessen.

Doch selbst vor diesem Hintergrund behaupte sich – zumindest in Stockholm – das jüdische Leben, sagt Petra Kahn Nord, die Gemeindesprecherin. Die Hauptstadt habe drei Synagogen, ein jüdisches Zentrum mit einem koscheren Lebensmittelgeschäft und eine neueröffnete jüdische Bücherei. Dazu gibt es einen jüdischen Kindergarten und eine jüdische Schule „mit einer langen Warteliste“, so Kahn Nord. Die Gemeinde wachse unter reger Beteiligung der Jugend. Jährlich findet in Stockholm eine Limmud-Konferenz jüdischer Gelehrsamkeit statt.

In anderen Gemeinden aber sieht die Lage anders aus, etwa in Malmö, wo die Zahl der Juden so stark gesunken ist, dass der jüdische Kindergarten vorwiegend von Nichtjuden besucht wird, gibt Kahn Nord zu. Wegen der Schikanen zögen einige Juden aus ihrer Heimatstadt Malmö, Göteborg und anderen Städten nach Stockholm. Viele hätten dafür allerdings auch „positive Gründe“, so Kahn Nord: „Sie wollen ein stärker jüdisch geprägtes Leben. Stockholms jüdische Gemeinde wächst, anderswo in Schweden stirbt sie einfach aus.“

Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung des ursprünglich in Englisch verfassten Artikels „Caught between jihadists and neo-Nazis, Swedish Jews fear for their future“ erschienen bei Jewish Telegraphic Agency.

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