Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu begleitet den russischen Präsidenten Wladimir Putin bei der Moskauer Siegesparade 2018.. Foto kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69025075
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu begleitet den russischen Präsidenten Wladimir Putin bei der Moskauer Siegesparade 2018.. Foto kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69025075

Im Gegensatz zum Rest der westlichen Welt weigert sich Israel, Putin als Feind zu betrachten – aus gutem Grund.

 

Indem sie Russland drängten, „die Destabilisierung in der Ukraine zu stoppen“ drohten Kanzlerin Angela Merkel und der damalige Präsident Barack Obama im Frühjahr 2014, die Sanktionen gegen Russland zu verschärfen.

Die gemeinsam ausgegebene deutsch-amerikanische Warnung folgte der 10 Wochen zuvor erfolgten Annektierung der Krim durch Russland und dem daraus resultierenden Ausschluss Moskaus aus dem G8-Forum der führenden Industriestaaten der Welt.

Washington erwartete von Israel, dass es sich an seiner anti-russischen Kampagne beteiligen würde. Israel weigerte sich jedoch. Stattdessen entschied es sich dafür, sich in Bezug auf den Krieg in der Ukraine neutral zu verhalten, auch wenn sich Jerusalem diesbezüglich nicht öffentlich äusserte.

Das israelische Streben nach Neutralität datiert zehn Jahre zurück, zum russisch-georgischen Kaukasuskrieg im Sommer 2008, als die Olmert-Regierung sich weigerte, sich an der Verurteilung der russischen Invasion der Bush-Regierung zu beteiligen und lediglich erklärte, Jerusalem erkenne „Georgiens territoriale Kontiguität an“.

In ähnlicher Weise zog Israel ebenso wenig mit, als 29 westliche Staaten vergangenen Winter 153 russische Diplomaten auswiesen, nachdem Grossbritannien Russland vorgeworfen hatte, russische Agenten hätten auf britischem Boden einen ehemaligen russischen Spion und dessen Tochter vergiftet. Israel verurteilte zwar das versuchte Attentat, verwendete in seiner Stellungnahme das Wort „Russland“ jedoch in keinerlei Form.

Nein, die israelische Neutralität ist nicht vergleichbar mit der Schweiz. Der Tag, an dem der jüdische Staat keine Feinde mehr haben wird, ist nach wie vor in weiter Ferne. Dennoch erweist sich Israel allmählich als eine Version dessen, was Finnland in der Zeit des Kalten Krieges war: ein Land, dessen Demokratie, Wirtschaft und Kultur es auf die Seite Amerikas stellten, dessen Geographie und Geschichte jedoch Neutralität von ihm verlangten, wenn es um die Rivalität zwischen Amerika und Russland ging.

Israel hat hart daran gearbeitet, nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen in der Folge des Sechstagekriegs von 1967, die Beziehungen zu Moskau wiederherzustellen.

Der Austausch von Botschaftern mit der Sowjetunion in den letzten Tagen ihres Bestehens im Jahr 1991 war gefolgt von einem jahrzehntelangen regen Handel. Israel kaufte russisches Öl und Russland wurde einer der grössten Abnehmer von israelischem Obst und Gemüse. Bei manchen Gemüsesorten, wie etwa Karotten, Radieschen und Paprika, landeten sogar 80 % auf dem russischen Markt.

Die Israelis erinnern sich noch sehr gut an die Zeit, als die Sowjetunion ihre Juden verfolgte.

Die Nähe Russlands sowie dessen Reichtum an natürlichen Ressourcen machen es zu einem Wirtschaftsfaktor für Israel. Und doch ist der Grund für Israels Neutralität nicht der Handel, dessen Jahresvolumen 2014 mit 2 Milliarden USD – was weniger als 1 Prozent des israelischen Bruttoinlandsprodukts darstellt – einen Höchststand erreichte.

Warum sich Israel in den Spannungen zwischen dem Westen und Russland neutral verhält, ist vielmehr in jüdischen Umständen und den Kriegen im Nahen Osten begründet.

Die Israelis erinnern sich noch sehr gut an die Zeit, als die Sowjetunion ihre Juden verfolgte, ihnen die Auswanderung verweigerte, sie in der Ausübung ihres Glaubens behinderte und jüdische Erziehung verbot.

Obwohl seit damals der Grossteil des sowjetischen Judentums in Israel angelangt ist, gibt es in der ehemaligen Sowjetunion noch immer geschätzte 250.000 Juden sowie Hundertausende Menschen mit teilweise jüdischem Erbe. Für Israel ist die politische Sicherheit dieser Juden ein strategisches Ziel von hoher Priorität. Diese Sicherheit durch die Parteinahme im Konflikt zwischen Moskau und dem Westen aufs Spiel zu setzen, ist die Sache nicht wert.

Koordinationskanal zwischen den Ländern

All das war bereits im letzten Jahrzehnt den israelischen Staatsoberhäuptern, von Shimon Peres von der Linken über Ehud Olmert in der Mitte und Benjamin Netanyahu von der Rechten, klar. In diesem Jahrzehnt hat der Eingriff Russlands in die Kämpfe in Syrien die israelische Politik nur umso plausibler, dringender und erfolgreicher gemacht.

Im Herbst 2015, als Russland einen Militärflughafen im Westen Syriens baute, errichteten Netanyahu und der russische Präsident Vladimir Putin einen regelmässigen Koordinationskanal zwischen russischen und israelischen Generalen, um Unfälle zwischen den Luftstreitkräften der beiden Länder zu verhindern.

Gleichzeitig mischte sich Israel nicht in den internen syrischen Konflikt ein, während Russland sich auf Assads Seite stellte.

Israel mischte sich nicht ein, da es aus dem ersten Libanonkrieg von 1982 gelernt hatte, dass es bei der Parteinahme in internen arabischen Konflikten zwar viel zu verlieren, aber nichts zu gewinnen hatte. Dies ist der Grund, warum dieselbe Neutralität, die Israel bei den neuen Spannungen zwischen Russland und dem Westen wahrt, auch bei den zahlreichen Bürgerkriegen im Nahen Osten, von Libyen über Syrien bis hin zum Jemen, praktiziert wurde.

Ob Israel diese Rechnung im Voraus durchführte oder nicht, seine Neutralität macht sich jetzt an der Front bezahlt, die ihm am wichtigsten ist – Iran.

Israels Verbindung zum Kreml hat sich dergestalt entwickelt, dass Netanyahu und Putin am 9. Mai auf dem Roten Platz anlässlich der Parade zum Gedenken an den Sieg der UdSSR im Zweiten Weltkrieg gemeinsam auftraten – nur wenige Stunden, bevor die israelische Luftwaffe im Morgengrauen einen massiven Angriff auf 50 iranische Ziele in ganz Syrien startete.

Jeder verstand die versteckte Botschaft: Russland war über den israelischen Angriff informiert und stand ihm nicht im Wege – sei es aus Anerkennung für die Neutralität Israels im Fall der Ukraine oder aus Berechnung, da ein israelischer Schlag gegen den iranischen Einsatz in Syrien den russischen Dominanzbestrebungen in Syrien entgegenkam.

Wie dem auch sei, die Neutralität Israels hat sich auf eine Weise bezahlt gemacht, die nicht vorauszusehen war, als die Oberhäupter des Landes diese Politik im vergangenen Jahrzehnt einführten.

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass Israelis wie sie der Auffassung sind, dass das was zwischen Russland und der Ukraine geschieht, in der Tat nicht Sache der internationalen Gemeinschaft ist.

Washington fehlinterpretierte diese slawische Familienfehde als einen Zusammenstoss zwischen Freiheit und Despotismus. Das ist sie jedoch nicht. Die Politik der Ukraine ist nicht sauberer als die Russlands und ihre Grenze ignoriert in der Tat historische und ethnische Abgrenzungen. Europa, angeführt von Deutschland, fürchtet Russland, gleich welche Ideologie die russischen Staatsoberhäupter vertreten. Diese Furcht ist legitim, rechtfertigt jedoch nicht, Russland wie eine Reinkarnation der Sowjetunion zu behandeln.

Putins Held ist Peter der Grosse, nicht Lenin und, ja, Putin wünscht sich ein imperiales Russland – aber er ist weder darauf aus, die Ideen des Westens zu bekämpfen, noch will er die Welt erobern.

Wie die Israelis die Sache sehen, ist ein solches Russland kein Rivale des Westens und noch viel weniger Israels; ganz bestimmt nicht, wenn sich mit dieser Version von Russland anzufreunden dazu beiträgt, den wahren Feind Israels zu bekämpfen – den Iran.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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1 KOMMENTAR

  1. Gewohnt vorzüglicher Artikel, geschrieben von Amotz Asa-El.

    Keinen anderen Staatschef hatte Netanjahu in den letzten Jahren so oft
    getroffen wie den russischen Staatschef Putin!

    Beide Regierungen wissen,
    wie unausweichlich die beiden Staaten zu Partnerstaaten würden
    – wäre da nicht die historisch gewachsene Blockpolitik,
    die bereits seit Jahrzehnten nicht mehr repräsentiert,
    was derzeit vernünftig wäre.

    Trump war zu lange Geschäftsmann,
    als dass er Bündnispolitik nicht vor allem durch eine Brille des Pragmatismus
    sehen würde
    – was viele seiner Landsleute, ja, auch Republikaner, entsetzt.

    Russland und Israel wünsche ich,
    dass beide Staaten künftig eng zusammenwachsen mögen.
    Den USA sei gewünscht,
    dass sie sich auf friedlichem Wege einen Umbau ihrer rüstungs-lastigen
    Wirtschaft leisten können.

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