Ein ägyptisches Flugzeug, das im Sechstagekrieg abgeschossen wurde. Foto יחזקאל רחמים , CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66122071
Ein ägyptisches Flugzeug, das im Sechstagekrieg abgeschossen wurde. Foto יחזקאל רחמים , CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66122071

Die arabische Welt hat seit 1967 wenig Fortschritte gemacht; beeinflusst von islamischen Deutungen der Wirklichkeit versucht sie immer noch, eine unmögliche arabische Einheit herzustellen.

 

von Dr. Mordechai Kedar  

51 Jahre sind seit dem Sechs-Tage-Krieg vergangen, 51 Jahre, in denen Israel an jeder Front vorangekommen ist: wirtschaftlich, technologisch, gesellschaftlich (Wechsel vom Sozialismus zum Patriotismus) und, vor allem anderen, was seine geopolitische Lage betrifft. Zwei arabische Länder, die an Israel grenzen, haben Friedensverträge mit dem jüdischen Staat unterzeichnet, und eine Reihe arabischer Staaten unterhalten hinter den Kulissen Beziehungen zu Israel. Israel ist ein geachtetes Mitglied der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und sein Bruttoeinkommen pro Kopf beträgt 40.000 US-Dollar pro Jahr.

Hat Israel all seine Probleme gelöst? Nicht alle. Auch nach 1967 musste Israel weiter um sein Überleben kämpfen. Es kämpfte einen Abnutzungskrieg während der Jahre 1968-70, den Jom-Kippur-Krieg 1973, den Ersten Libanonkrieg 1982 und den Zweiten Libanonkrieg 2006, kämpfte zwischen diesen Kriegen gegen einen niemals endenden Terror und hat nun massive Probleme mit dem Iran.

Niederlage im Sechs-Tage-Krieg

Doch der Krieg mit dem Iran ist einer, mit dem man fertig werden kann, während die arabische Welt auf der anderen Seite sich immer noch nicht vom Sechs-Tage-Krieg erholt hat, vor allem, weil es der arabischen Kultur schwerfällt, mit Versagen und der damit einhergehenden Demütigung umzugehen. Auf das Einräumen von Fehlern folgt natürlicherweise eine Untersuchung darüber, was die Gründe für diese Fehler waren; man sucht die Verantwortlichen und setzt alles daran, das Handeln so einzurichten, dass eine weitere Niederlage verhindert wird. Dieser Prozess ist in einem arabischen Land problematisch, da das jeweilige Regime den grössten Teil der Verantwortung für die Niederlage trägt; in der arabischen Welt von 1967 aber war es verboten, das Regime zu kritisieren – im damaligen Fall waren das Gamal Abdel Nasser in Ägypten, König Hussein in Jordanien und Hafiz al-Assad in Syrien.

Israel begann den Krieg mit einem Luftangriff, der die ägyptische, jordanische und syrische Luftwaffe am Boden zerstörte und die des Irak und des Libanon beschädigte. Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser und der jordanische König Hussein konnten die Schande nicht ertragen und beschlossen in einem Telefongespräch, in den Nachrichten zu verkünden, die amerikanische Luftwaffe hätte ihre Luftwaffenbasen angegriffen und die Flugzeuge zerstört. Die israelischen Geheimdienste schnitten das Gespräch mit und sendeten es im Radiosender Voice of Israel, nachdem die ägyptischen und jordanischen Rundfunkstationen von dem „amerikanischen Angriff“ berichtet hatten.

Die Übertragung des israelischen Radios zeigte die beiden Diktatoren als die Lügner, die sie waren; Nasser hatte das Gefühl, zurücktreten zu müssen, weil seine Glaubwürdigkeit beschädigt war. In von der Regierung organisierten Demonstrationen gingen Massen von Ägyptern auf die Strassen, um ihn vom Rücktritt abzuhalten; Nasser „gab dem Willen des Volkes nach“ und zog seinen Rücktritt zurück. Drei Jahre später starb Nasser an Herzversagen, vielleicht eine Folge der Schande, die er durch die Niederlage im Sechs-Tage-Krieg und durch das Bekanntwerden seines Gesprächs mit König Hussein erlitten hatte.

Auch der syrische Präsident Salah Jadid und sein Verteidigungsminister Hafiz el-Assad, welcher auch die Luftwaffe befehligte, erlitten eine schwere Schmach. Sie wurden als für die Niederlage verantwortlich betrachtet, weil sie ein Jahr zuvor, im Jahr 1966, als sie die Herrschaft in Syrien übernommen hatten, eine grosse Zahl von Armeeoffizieren, die sie der Illoyalität gegenüber dem neuen Regime bezichtigten, ihres Postens erhoben hatten. Viele der Offiziere wurden zum Tode verurteilt, was erheblich zu der katastrophalen Leistung der syrischen Armee im Krieg beitrug. Die Niederlage war eine der Entschuldigungen dafür, dass Assad im November 1970 Jadid vom Amt des Präsidenten entfernte.

Im Falle Syriens brachte Israel grosse Schande über Jadid und Assad, als es am 10. Juni Kuneitra, die Hauptstadt des Golan, eroberte. Israel sendete eine gefälschte Nachricht über das offizielle syrische Radio: Schon bevor es zur Schlacht kam, erklärte der Nachrichtensprecher – ein IDF-Soldat, dessen Familie aus Syrien ausgewandert war –, dass Kuneitra besiegt worden sei. Die syrischen Kräfte, die die Stadt verteidigen sollten, hörten von dem angeblichen Fall Kuneitras und flohen, ohne irgendwelche Anstalten zum Kampf zu machen, da jeder von ihnen glaubte, er sei der einzige noch in der Stadt verbliebene syrische Soldat.

Seitdem überkamen Assad jedes Jahr am 10. Juni schwere Depressionen, verursacht von dem Verlust der Golanhöhen und der Art und Weise, wie Kuneitra in die Hände Israels gefallen war. Während der 30 Jahre seiner Herrschaft gelang es Assad nicht, den Golan für Syrien zurückzugewinnen, und so konnte er auch seine verlorene Ehre nicht zurückgewinnen. Alt, krank und schwach starb er am 10. Juni 2000 an Herzversagen.

Wiederaufleben der Religiosität

Die Popularität der Ideologie des von Gamal Abdel Nasser propagierten Panarabismus, den er auch dazu benutzte, um andere Nationen zu kontrollieren und die sogenannte „arabische Einheit“ herzustellen, nahm durch den Sechs-Tage-Krieg weiter ab. Schon zuvor hatte lediglich Syrien davon überzeugt werden können, sich Ägypten anzuschliessen und die „Vereinigte Arabische Republik“ zu bilden, die drei Jahre lang Bestand hatte, von 1958 bis 1961. Alle anderen arabischen Herrscher begriffen, dass „arabische Einheit“ für Nasser nur ein Vorwand war, um die Kontrolle über ihre Länder zu erlangen und weigerten sich, an der Initiative teilzunehmen.

Die Idee arabischer Einheit wurde ersetzt durch eine Ideologie des Individualismus, der zufolge jeder arabische Staat für sich und unabhängig bleiben musste. Gleichzeitig gab es ein Wiederaufleben der Religiosität; ein Teil der Bevölkerung suchte nach religiösen Erklärungen für die Niederlage. Imame und Prediger behaupteten, dass die beiden Ideologien, die die Araber zuvor geleitet hatten – der Nationalismus in Ägypten und der Baath-Sozialismus in Syrien – zutiefst antireligiöse seien, weil sie die Nation und die Gesellschaft in den Mittelpunkt stellten, während Allah an den Rand gedrängt werde. Die Niederlage war laut solchen Predigern die von Allah über diese Länder verhängte Bestrafung, weil sie ihm den Rücken zugekehrt hätten.

Dieses religiöse Verständnis der Niederlage im Sechs-Tage-Krieg war ein Hauptelement der Ermahnungen der Muslimbruderschaft, als sie mit all ihrer Macht versuchte, Ägypten und Syrien zu übernehmen. Es war die wachsende Popularität der Bruderschaft, die Nasser und seinen Nachfolger Anwar Sadat dazu bewog, regelmässig Anführer dieser Organisation hinrichten zu lassen. In Syrien organisierte sie sich im Geheimen und probte den Aufstand erst 1976. Assad bekämpfte sie unbarmherzig und beendete die Rebellion im Februar 1982 mit dem Massaker von Hama.

Dass der Islam in den letzten 50 Jahren zu einer politischen Alternative zur modernen säkularen Ideologie aufgestiegen ist, hängt ebenfalls mit der Niederlage im Sechs-Tage-Krieg und dem Bankrott säkularer Ideologien zusammen. Der islamische Terror, unter dem die gesamte Welt heutzutage leidet, kann somit als eine verspätete Reaktion und indirektes Resultat des Sechs-Tage-Kriegs gesehen werden.

Israel gab dem „Sechs-Tage-Krieg“ seinen Namen, um zu betonen, dass es nur sechs Tage gedauert hatte, drei arabische Nationen zu besiegen. Arabische Medien hingegen sprechen vom „Juni-Krieg 1967“, um es so aussehen zu lassen, als hätte der Krieg einen Monat gedauert; manche unternehmen gar den Versuch, ihn den „1967er-Krieg“ zu taufen, um den Eindruck zu erwecken, er habe ein ganzes Jahr gedauert.

Syrische Medien nennen ihn nicht einmal einen Krieg, sondern ein Beispiel von „Aggression“; denn ein Krieg werde zwischen zwei Ländern geführt, während eine Aggression von einem Land gegen ein anderes unternommen werde und nur von einem Land ausgehe. Den Krieg als „Aggression“ darzustellen, lässt es so aussehen, als wenn Syrien nicht besiegt worden wäre, weil es ja nicht einmal einen Krieg geführt hätte.

Bis zum Sechs-Tage-Krieg beherrschte Jordanien Judäa und Samaria und würgte jeden Versuch der Bewohner ab, nationalistische palästinensische Gefühle hin zu einer Unabhängigkeit vom Haschemitischen Königreich zu entwickeln. Die Befreiung dieser Territorien von jordanischer Besatzung befreite die dortige Bevölkerung von der Furcht vor dem Netzwerk des jordanischen Geheimdienstes. Israel erlaubte ihr, über die Idee des palästinensischen Nationalismus zu reden, zu schreiben und Artikel darüber zu veröffentlichen, solange es nicht allzu sehr gegen Israel ging. Paradoxerweise erlaubte der Sechs-Tage-Krieg es den Arabern in Judäa, Samaria und Gaza, die Idee eines „palästinensischen Volkes“ zu erfinden und sie zu den Ausmassen zu entwickeln, die sie heute angenommen hat, bis zu dem Punkt, wo ihre Sprecher das argentinische Fussballteam davon überzeugen können, seine geplante Reise nach Jerusalem zu einem Freundschaftsspiel gegen die israelische Nationalmannschaft abzusagen.

Auf der anderen Seite zerfällt die ganze Idee eines „palästinensischen Nationalismus“ vor unseren Augen, seit ihr Hauptpropagandist – die PLO – im September 1993 einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnete. Die PLO kooperiert sogar mit den israelischen Sicherheitskräften, um andere Organisationen im Zaum zu halten. Die Hamas zerstörte die Idee des palästinensischen Nationalismus, als sie im Juni 2007 einen Putsch im Gazastreifen durchführte. Es scheint, als wäre diese Idee nicht stärker gewesen als die des Panarabismus, die dem Sechs-Tage-Krieg zum Opfer fiel.

Stämmesystem

Diese recht düstere Situation hat dazu geführt, dass Araber, die an der Frontlinie feststecken, von einer modernen, aus Europa importierten Ideologie – die im Sechs-Tage-Krieg zerstört wurde – zu einer anderen überliefen, trotz der Tatsache, dass die einzige Regierungsform, die in der arabischen Welt funktionieren kann, das von der nahöstlichen Kultur des Stammes und der Wüste geschaffene Stämmesystem ist. Die Golfemirate sind die einzige Erfolgsgeschichte in der Region, weil jedes von ihnen auf einem dominierenden Stamm beruht.

Es ist Zeit, dass die arabische Welt aus ihren Täuschungen erwacht und mit westlicher und russischer Hilfe den von den Kolonialmächten geschaffenen künstlichen, gescheiterten Staaten in der Region ein Ende macht. Auf den physischen und ideologischen Ruinen jener Staaten könnte die Welt erfolgreiche, florierende Emirate schaffen, die von örtlichen Familien regiert werden, wie jene am Golf.

Dr. Mordechai Kedar ist Dozent an der Arabisch-Fakultät an der Bar-Ilan-Universität und Experte für arabische Gesellschaft und Kultur. Aus dem Hebräischen von Rochel Sylvetsky. Auf Englisch zuerst erschienen bei Arutz Sheva

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