Foto Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51156145
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Obwohl Christen in der Türkei weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellen Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine regierende Partei Gerechtigkeit und Versöhnung (Adalet ve Kalkınma Partisi, AKP) sie als eine ernste Bedrohung für die Stabilität der Nation dar.

 

von Anne-Christine Hoff

Infolge von Erdogans dschihadistischer Rhetorik, in der christliche türkische Bürger oft stereotyp als Menschen dargestellt werden, die keine echten Türken, sondern westliche Handlanger und Kollaborateure seien, tendieren viele Türken offenbar zu einer „eliminatorisch, antichristlichen Mentalität“, um den Begriff des Historikers Daniel Goldhagen zu benutzen. Da war es kein Wunder, dass kürzlich eine Welle der Xenophobie durch die sozialen Medien ging, als ein offizieller Online-Genealogie-Dienst in Betrieb genommen wurde, der es Türken ermöglicht, ihre Ahnenreihe zurückzuverfolgen: Viele begrüssten die Chance, „Krypto-Armenier, Griechen und Juden“ zu enttarnen, welche sich als echte Türken verkleiden würden. 1

“Die Moscheen sind unsere Kasernen”

Schon lange vor Erdogan und der AKP wurde die christliche Minderheit in der Türkei verfolgt. Im Osmanischen Reich stand sie bereits am Rand der Auslöschung; damals gab es Massendeportationen und Massaker, die im Völkermord an den Armeniern gipfelten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden mehr als eine Million Griechen vertrieben 2. In Mustafa Kemal Atatürks säkularer Republik verbesserte sich die Lage der immer kleiner werdenden christlichen Gemeinde nur leicht. Während aber die kemalistische Türkei immer noch Lippenbekenntnisse zur Gleichstellung der nichtmuslimischen Minderheiten abgab, schliesst die AKP diese unverhohlen aus dem wachsenden islamistischen türkischen Nationalethos aus. 3

Ein Omen für das, was die religiösen Minderheiten zu erwarten haben, gab es schon im Dezember 1998, als Erdogan, damals Bürgermeister von Istanbul und Politiker der Opposition, ankündigte: „Moscheen sind unsere Kasernen, die Kuppeln sind unsere Helme, die Minarette unsere Bajonette und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Mit diesem Zitat von Ziya Gökalp, einem nationalistischen Dichter des 19. Jahrhunderts, unterstrich Erdogan die islamistische Grundlage der türkischen Identität.

Wegen dieser Rezitation kam Erdogan zwar wegen des Schürens von religiösem Hass ins Gefängnis 4 , doch kaum hatte er das Heft in der Hand, verwirklicht er Schritt für Schritt seine Vision, schaffte systematisch das säkulare Erbe Atatürks ab und islamisierte den öffentlichen Raum der Türkei, etwa mithilfe des von der Regierung gelenkten Direktorats für religiöse Angelegenheiten (Diyanet), das die Gehälter von 110.000 Imamen bezahlt und den Inhalt der Freitagspredigten kontrolliert.

Mit dem gescheiterten Putsch am 15. Juli 2016 spitzte sich die Lage zu; das Regime befahl den Imamen, zu ihren Moscheen zu gehen und die Gläubigen auf die Strassen zu bringen, um die versuchte Revolte zu ersticken. 5 Es war nicht überraschend, dass dieses Auftrumpfen des Islamismus und Nationalismus mit zahlreichen christenfeindlichen Bekundungen einherging (so Ayyan Hirsi Ali),6 zu nennen sind hier vor allem Anschläge auf Kirchen im ganzen Land 7. In Malatya etwa zerstörte ein Mob, der “Allahu Akbar” rief, das Glas der Eingangtür einer protestantischen Kirche; in der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer zerstörten Randalierer die Fenster der katholischen Kirche Santa Maria. Zeugen sagten aus, die Angreifer hätten Hammer benutzt, um die Tür der Kirche einzuschlagen, ehe muslimische Nachbarn sie verjagt hätten. 8 Der Istanbuler Pastor Yüce Kabakçı klagt:

„Die Wirklichkeit ist, dass die Türkei weder eine Demokratie noch eine säkulare Republik ist. Es gibt keine Trennung zwischen Regierungsangelegenheiten und religiösen Belangen. Es gibt keinen Zweifel, dass die Regierung die Moscheen benutzt, um ihre Botschaft an ihre Unterstützer an der Basis zu bringen. Es gibt in der Türkei derzeit eine Atmosphäre, in der jeder, der kein Sunnit ist, als eine Gefahr für die Stabilität der Nation betrachtet wird. Selbst die gebildeten Klassen hier lassen sich nicht mit Juden oder Christen ein. Es ist mehr als eine Verdächtigung. Es ist ein: ‚Lasst uns alle vertreiben, die keine Sunniten sind.’“9

Anti-Weihnachts-Kampagnen

Die antichristliche Hetze ging nach dem Putsch rasch weiter. Im Februar 2017 veröffentlichte die türkische Vereinigung protestantischer Kirchen ihren jährlichen „Bericht über Rechtsverletzungen“. Darin heisst es, antichristliche Hassreden verbreiteten sich in der Türkei sowohl in den sozialen als auch in den konventionellen Medien und hätten in der Weihnachtssaison 2016 ein extremes Mass erreicht. Vor allem Kirchen seien ernsten Terrordrohungen ausgesetzt, die Regierung tue wenig, um diese offen christenfeindlichen Ausschreitungen zu stoppen. 10

Die ultranationalistische islamistische Gruppe Alperen Hearths stellte in einer schauspielerischen Darbietung eine erzwungene Konversion des Weihnachtsmanns zum Islam dar, dabei wurde dem als Weihnachtsmann verkleideten Schauspieler eine Pistole an den Kopf gehalten. Das Foto wurde anschliessend über Twitter verbreitet. Ein Vertreter der Gruppe erklärte die Aktion so:

„Unser Ziel ist es, dass die Menschen zu ihren Wurzeln zurückkehren. Wir sind muslimisch-türkische Menschen, die seit Tausenden von Jahren den Islam anführen. Wir werden keine christlichen Traditionen feiern und unsere eignen Traditionen wie Hıdrellez, Nevruz und andere nationale religiöse Feiertage vernachlässigen.11

In der Stadt Van tauchte eine Reklametafel auf, auf der stand: „Hast du je einen Christen gesehen, der Eid al-Adha feiert? Warum feiern wir deren Feste?“ Eine Gruppe von Studenten an der Technischen Universität Istanbul hielt Schilder hoch, auf denen stand: „Lasst euch nicht von Satan verführen. Feiert nicht Neujahr“; „Im Islam gibt es kein Weihnachten“ und „In muslimischen Ländern versuchen die Leute, am Leben zu bleiben; in ihren Ländern dreht sich alles um Feste.“12

Es ist leicht, solche Aktionen als blosses Geschwätz abzutun. Doch in mehrheitlich muslimischen Staaten – vor allem in Ägypten – sind Weihnachten und Neujahrsfeiern oft Anlässe für mörderische Anschläge.13 So war es auch in der Türkei am 31. Dezember 2016, als Terroristen, die mit dem IS verbündet waren und Weihnachtsmannmützen trugen, aus ihren Waffen das Feuer auf eine gemischte Gruppe von Ausländern und Türken eröffnete, 39 Menschen tötete und 69 weitere verletzte. 14 In einem Kommentar im „Guardian“ beschrieb die türkische Schriftstellerin Elif Shafak am 3. Januar 2017, wie sich der antiwestliche Fanatismus ausbreitet:

„Diejenigen, die die Linie der Partei in Frage stellen, werden als ‚Verräter’ und ‚Handlanger’ westlicher Mächte verunglimpft. Jungen Leuten wird gesagt, dass wir ein Land seien, das auf drei Seiten von Wasser umgeben sei und auf allen vier Seiten von Feinden. Paranoia, Misstrauen und Furcht werden immer stärker, die Kultur der Koexistenz wird zersetzt.“

Shafak erzählt von weiteren Fällen aus der jüngeren Vergangenheit, die Christen und andere religiöse Minderheiten in der Türkei in Angst versetzt haben. So nannte die Diyanet in einer Freitagspredigt, die in Moscheen im ganzen Land übertragen wurde, Neujahrsfeiern „illegitim“. Vor Neujahr gab es wochenlang Kampagnen ultranationalistischer und islamistischer Gruppen, die Flugblätter in den Strassen verteilten, auf denen stand: „Muslime feiern nicht Weihnachten.“ 15

Staatlich geförderte Verschwörungstheorie

Die antichristliche Rhetorik in der Ära nach dem Putsch folgt einem bekannten Muster: Christlich-türkische Bürger seien keine wahren Türken, sondern loyal zum Westen. Die Rhetorik verschmelzt mehrere westliche kulturelle Gruppen: die Säkularen, die Neujahr feiern, und die frommen Christen, die Weihnachten feiern – beide sind gleichermassen suspekt. Solche Rhetorik wäre nicht so gefährlich, wenn die türkischen Medien etwas dagegenhalten würden. Doch infolge der Massenverhaftungen all jener, die entfernt kritisch gegenüber der AKP und Erdogan sind, ist es unwahrscheinlich, dass der türkischen Öffentlichkeit irgendeine alternative Ansicht präsentiert wird.

Laut Voice of America News haben viele Pro-Regierungs-Medien und einige Offizielle in den Monaten nach dem Putsch direkt den Westen, die Christen und die Juden beschuldigt, beim Putschversuch eine Rolle gespielt zu haben. Auf einer Pro-Regierungs-Demonstration unter dem Motto „Demokratie und Märtyrer“ etwa, die im August stattfand und die von mehr als einer Million Menschen besucht wurde, brachten Redner religiöse Minderheiten mit den Drahtziehern des Putsches in Verbindung, nannten sie die „Saat von Byzanz“, „Kreuzfahrer“ und „Horde Ungläubiger“ 16 Die Pro-Regierungs-Medien, so der Menschenrechtsanwalt Orhan Kemal Cengiz, hätten einen „alarmierenden Narrativ“ angenommen, „der die religiösen Minderheiten zum Sündenbock macht und sie mit dem Putsch in Verbindung bringt. … Vor allem die Pro-Regierungs-Medien haben eine Anti-USA- und Anti-EU-Haltung, eine xenophobe Haltung, sie versuchen, den Westen zu dämonisieren und bezichtigen ihn des Putschversuchs. Dieser Narrativ richtet sich gegen Nichtmuslime in der Türkei und fügt ihnen Schaden zu.“ 17

Die Islamisierung der türkischen Institutionen

Während die Idee, dass christliche Türken Kollaborateure des Westens seien, nichts Neues ist, hat die unkritische massenhafte Akzeptanz, die dieser Narrativ erfährt, die Folgen des Putsches für die christliche Minderheit der Türkei verschärft. Das türkische Bildungssystem habe seit Jahren Misstrauen gegen die christlichen Türken und den christlich geprägten Westen gesät, sagt die amerikanische Anthropologin Jenny White. Die Wahrnehmung von christlichen Türken als „den Anderen“ kann am besten verstanden werden, wenn man sich die Lehrpläne des Sicherheitsunterrichts ansieht, die zwischen 1926 und Januar 2012 für alle Schüler der höheren Klassen verbindlich waren. Die Lehrer waren pensionierte Offiziere, die von der örtlichen Militärbasis ernannt waren. In den Klassen wurde die Idee gelehrt, dass die Türkei keine Freunde habe und kein Land der Welt ein Interesse an einer starken Türkei habe. In den Schulbüchern wurden nichtsunnitische Bürger als spalterische Elemente dargestellt, die von den Feinden der Türkei unterstützt würden. 18

Ein ähnliches Bild zeichnet die Anthropologin Ayşe Gül Altınay. Sie hat Klassenzimmer im ganzen Land besucht und fand dort fast keine Gespräche über Frieden, Koexistenz, Dialog oder Gewaltfreiheit. Stattdessen wurde den Schülern beigebracht, Unterschiede zu fürchten und nichtmuslimische Freunde als völlig „anders“ zu behandeln.19

Seit Atatürk in den 1920er Jahren die türkische Republik ins Leben rief, wurde das türkische Schulsystem als der politische Arm des Staates benutzt. Die AKP hat dieses System schrittweise von seinen säkularen Wurzeln wegbewegt. Im Juli 2017 erklärte Bildungsminister Ismet Yılmaz, die öffentlichen Schulen in der Türkei würden nicht mehr länger die Evolutionstheorie Charles Darwins lehren. Stattdessen werde das Konzept des Dschihad ab dem Lehrjahr 2017/18 in die religiösen Lehrpläne integriert, und die Schulen würden verpflichtet, patriotischen Geist zu lehren. Yılmaz sagte Reportern:

„Es ist unsere Pflicht, das, was falsch ist, zu reparieren. Darum werden der Unterricht im islamischen Recht und der in Religion [Unterrichtseinheiten] zum Dschihad enthalten. Seine Nation zu lieben, ist die wahre Bedeutung des Dschihad.“20

Laut White werden die Christen nicht nur vom Schulsystem, sondern auch von Regierungsorganisationen und dem Militär als Bedrohung der türkischen Einheit wahrgenommen. Bis vor kurzem etwa hätten sowohl die Website des türkischen Generalstabs als auch die von Diyanet missionarische Aktivitäten als eine der Hauptgefahren für die Türkei angeführt. 2001 nannte der Nationale Sicherheitsrat protestantische Missionare als die drittgrösste Gefahr, der die Nation gegenüberstehe. Drei Jahre später hiess es in einem Bericht der türkischen Armee, protestantische Missionare planten, eine Million Bibeln zu verteilen und bis 2020 zehn Prozent der türkischen Bevölkerung zu bekehren; Gouverneure, Bürgermeister und das Sicherheits- und Bildungspersonal wurden gedrängt, dieser Gefahr entgegenzuwirken. In einem Artikel in einer Monatszeitschrift aus dem Jahr 2005 warnte die Diyanet, dass missionarische Aktivitäten, wie harmlos sie auch wirken möchten, auf das Ziel hinarbeiteten, das Land zu spalten, seine Einheit zu untergraben und türkische Bürger zu Werkzeugen finsterer Bestrebungen zu machen.21

Diesen Trend zeigt auch die Tatsache, dass der syrisch-christliche Vizebürgermeister von Mardin im November 2017 von der türkischen Regierung zum Rücktritt gezwungen wurde. Von einem öffentlichen Platz vor dem Rathaus in Diyabakir liessen die türkischen Behörden eine assyrische Skulptur entfernen. Keine Erklärung wurde dafür gegeben, weder für das Entfernen der Skulptur noch für den erzwungenen Rücktritt des Vizebürgermeisters, der durch eine von der Regierung ernannte Person ersetzt wurde.22

In Wahrheit wird die angebliche Gefahr, dass die Türkei eine christliche Nation werden könnte, von der Demografie des Landes widerlegt, wenn man auf die Veränderungen bei der Religionszugehörigkeit in den letzten hundert Jahren schaut. Laut dem osmanischen Zensus machte die christliche Minderheit in der Türkei 1914 fast 20 Prozent aus.

1927, nur 13 Jahre später, waren weniger als 2,5 Prozent der Bevölkerung Christen. Heute sind es weniger als 0,2 Prozent der 80 Millionen Türken (in der Zahl enthalten sind schätzungsweise 45.000 Christen, die vor der Verfolgung durch den IS aus dem Irak und Syrien geflohen sind). 23) Tatsächlich könnte selbst die Schätzung von mickrigen 0,2 Prozent noch zu hoch gegriffen sein. Der offizielle Zensus beziffert den Anteil des Islam auf 99,8 Prozent, bei 0,2 Prozent „Sonstigen“ (vor allem Christen und Juden).24

Neue Hindernisse bei der Religionsausübung

Wie in den meisten anderen mehrheitlich islamischen Staaten hatten die Christen in der Türkei nie dieselben Rechte wie die muslimische Mehrheit – weder im Osmanischen Reich noch heute. Die Gesetze der heutigen Zeit bevorzugen die Muslime. Kirchen dürfen nicht über eine bestimmte Höhe gebaut werden, während auf den höchsten Berggipfeln enorme Moscheen errichtet werden. Christliche Gottesdienste sind nur in Gebäuden erlaubt, „die für diesen Zweck geschaffen wurden“. Türken, die in der Öffentlichkeit über das Christentum reden, drohen Verfolgung, Drohungen und Gefängnis. Die meisten Kirchen sind von hohen Mauern umgeben und werden rund um die Uhr bewacht. 25

Und doch bemerken die türkischen Christen seit dem Putschversuch von 2016 eine qualitative Veränderung in der Haltung der sunnitischen Mehrheit ihnen gegenüber. Ian Sherwood, Kaplan des britischen Konsulats und Priester der Krim-Gedenkkirche, sagt:

„Es gibt eine wachsende unterschwellige Intoleranz gegenüber Christen und anderen Nichtmuslimen in der Türkei. Das reicht weiter als Jungen, die an den Mauern des Kirchhofs ‚Allahu Akbar’ brüllen. Wir Anglikaner sind hier seit 1582 und trotzdem konnten wir keine Kirchen bauen, mit Ausnahme einer kurzen Periode im 19. Jahrhundert. Und heutzutage ist es sehr selten geworden, dass man hört, dass eine christliche Gemeinde eine Kirche bauen durfte.“26

Zu solchen Hindernissen gesellt sich die Gefahr, dass islamistische Extremisten Anschläge auf die Kirchen verüben, auch dies hat seit dem Putschversuch stark zugenommen. Umut Şahin, Generalsekretär der Union Protestantischer Kirchen und Pfarrer in Izmir, sagt: „Einige Leute haben Morddrohungen auf die Mobiltelefone von 15 Pfarrern geschickt. Sie benutzten in den Textbotschaften dieselben Begriffe und Argumente wie der IS. Sie sandten den Pfarrern Propagandavideos des IS.“ 27 Der protestantische Kirchenführer Ihsan Ozbek machte publik, dass einige Kirchen mittlerweile aus Angst vor Anschlägen des IS auf den sonntäglichen Gottesdienst verzichten. „Das hat in unserer Gemeinschaft tiefe Furcht und Panik geschaffen.“28

In einigen Fällen haben die Regierung oder örtliche Behörden das Kircheneigentum christlicher Türken enteignet. Im April 2016 etwa beschlagnahmten die Behörden alle Kirchen in der mehrheitlich kurdischen Stadt Diyarbakir im Südosten. Die historische armenische Surp-Giragos-Kirche, die 1.700 Jahre alt ist und eine der grössten armenischen Kirchen im Nahen Osten, wurde von der Regierung konfisziert.29 Und während die Regierung den Schritt mit der Notwendigkeit rechtfertigte, das historische Stadtzentrum nach zehn Monaten erbitterten Kampfes mit der PKK wiederaufzubauen, sind viele in der christlichen Gemeinde skeptisch gegenüber dieser Erklärung. Die Diyarbakir-Bar-Vereinigung, die die örtlichen Christen repräsentiert, reichte Berufung gegen diesen Schritt ein.30

Die türkische Regierung beschlagnahmte kürzlich auch etliche Gebäude in der südöstlichen Stadt Mardin, die den assyrischen (syrischen) Christen gehören, und übertrug sie an öffentliche Institutionen: Dutzende von Kirchen und Klöstern wurden der Diyanet gegeben; Friedhöfe wurden an die Kommunalverwaltungen übertragen.31 Diese Beschlagnahmung von Kircheneigentum ist einer von vielen Hinweisen darauf, dass die Regierung Christen nicht als Teil der grösseren türkischen Gemeinschaft ansieht.

Ein neuer Genozid?

Für einige religiöse Minderheiten rufen diese Beschlagnahmungen bittere Erinnerungen wach. Vor etwas mehr als hundert Jahren, 1915, verabschiedete das Komitee für Einheit und Fortschritt des Osmanischen Reichs ein Gesetz, das die Deportation von Personen erlaubte, die „als Gefahr für die nationale Sicherheit beurteilt werden“. Die Deportierten, viele von ihnen armenische Christen, wurden angewiesen, keine Vermögenswerte zu verkaufen, sondern eine detaillierte Liste ihres Besitzes zu übergeben:

„Lassen Sie alle ihre Besitztümer – Ihre Möbel, Ihre Betten, Ihren Hausrat – zurück. Schliessen Sie Ihre Geschäfte und Firmen mit allem, was darin ist. Ihre Türen werden mit speziellen Siegeln versehen. Wenn Sie zurückkehren, werden Sie alles zurückerhalten, was Sie zurückgelassen haben. Verkaufen Sie kein Grundstück oder irgendeinen teuren Gegenstand. Käufer und Verkäufer werden gleichermassen haftbar gemacht. … Sie haben zehn Tage, um dem Ultimatum nachzukommen.“32

Das genaue Ausmass konfiszierter Güter während dieser Periode der Massenvernichtung der armenischen Christen ist unbekannt. Doch laut privaten Dokumenten von Talaat Pasha, dem osmanischen Innenminister und Hauptarchitekten der Konfiszierungsgesetze, wurden von der Regierung insgesamt 20.545 Gebäude und 108.000 Hektar an Grundstücken beschlagnahmt, dazu Agrarland: 31.000 Hektar Weinberge, 285.000 Hektar Olivenhaine und 1.850 Hektar Maulbeerplantagen.33 Während der Pariser Friedenskonferenz schätzte die armenische Delegation den Wert der von der armenischen Kirche erlittenen materiellen Verluste auf 3,7 Milliarden Dollar (rund 51 Milliarden in heutigen Dollar). 34

Ein Jahrhundert später gibt das türkische Zivilgesetzbuch der Exekutive immer noch weitreichende Vollmachten, Eigentum zu konfiszieren, um die „nationale Einheit“ der türkischen Republik zu schützen.35

Antichristliche Hetze

Unter Erdogans Führung – und vor allem nach dem Putschversuch von 2016 – werden die religiösen Minderheiten der Türkei an den Rand gedrängt und von der sunnitischen Mehrheit isoliert. Antiwestliche und Anti-EU-Rhetorik geht oft in rabiate antichristliche Hetze über, mit der klaren Botschaft, dass die Christen des Landes keine wahren Türken seien, eine Botschaft, die von den staatlich kontrollierten Medien und Regierungsvertretern entweder aktiv verbreitet oder zumindest nicht verurteilt wird. Diese Massnahmen, deren Wirkung von der Regierungspolitik wie etwa der Aufnahme des Dschihad in die Lehrpläne der Schulen noch verstärkt wird, bringen die nichtmuslimischen Minderheiten in eine immer prekärere Lage.

Anne-Christine Hoff ist Assistenzprofessorin für Englisch am Jarvis Christian College in Hawkins, Texas. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Middle East Forum.

  1. Fehim Taştekin, “Turkish genealogy database fascinates, frightens Turks,” al-Monitor (Washington, D.C.), Feb. 21, 2018.
  2. Renée Hirschon, ed., Crossing the Aegean: An Appraisal of the 1923 Compulsory Population Exchange between Greece and Turkey (Oxford: Berghan, 2003), p. 6.
  3. John Eibner, “Turkey’s Christians under Siege,” Middle East Quarterly, Spring 2011, pp. 41-52; Daniel Pipes, “Dhimmis No More: Christians’ Trauma in the Middle East,” danielpipes.org, Jan. 2018.
  4. Deborah Sontag. “The Erdogan Experiment.” The New York Times Magazine, May 11, 2003.
  5. The New York Times, July 17, 2016; al-Monitor, July 25, 2016.
  6. Ayaan Hirsi Ali, “The Global War on Christians in the Muslim World,” Newsweek, Feb. 6, 2012.
  7. The New York Times, Apr. 23, 2016; World Watch Monitor (London), Feb. 7, 2018
  8. The Express (London), Apr. 22, 2016.
  9. Ibid., Aug. 1, 2016.
  10. Turkish Association of Protestant Churches Human Rights Violations Report, 2016, South Hadley, Mass.
  11. Hürriyet Daily News (Istanbul), Dec. 29, 2016.
  12. Elif Shafak, “The Reina atrocity shows how deeply fanaticism has taken hold in Turkey,” The Guardian, Jan. 3, 2017.
  13. Z.Bsp. “A Gruesome Christmas under Islam,” ryamondibrahim.com, Jan. 18, 2016; “Death and Destruction on Christmas: Muslim Persecution of Christians, December 2016,” raymondibrahim.com, Mar. 13, 2017.
  14. The Guardian, Jan. 1, 2017.
  15. Shafak, “The Reina atrocity shows how deeply fanaticism has taken hold in Turkey.”
  16. The National Herald (New York), Sept. 28, 2016.
  17. Voice of America News, Sept. 25, 2016.
  18. Jenny White, Muslim Nationalism and the New Turks (Princeton: Princeton University Press, 2013), pp. 80-101.
  19. Ayşe Gül Altınay, “Human Rights or Militarist Ideals? Teaching National Security in High Schools,” in Gürol Irzik, Deniz Tarba Ceylan, and Ismet Akça, eds., Human Rights Issues in Textbooks: The Turkish Case (Istanbul: Tarih Vakfı Yayınları, 2004), pp. 76-90
  20. The Independent (London), July 18, 2017.
  21. White, Muslim Nationalism and the New Turks, pp. 80-101
  22. Uzay Bulut, “Turkey Uncensored: The Fate of Assyrian Christian Churches and Monasteries,” The Philos Project, New York, July 13, 2017.
  23. “Attacks hint that Christians may fare worse in post-coup Turkey,” Iraqi Christian Relief Council, Glenview, Ill. Aug. 23, 2016.
  24. “Turkey, People and Society,” CIA World Factbook (Washington, D.C.: CIA Office of Public Affairs, Mar. 16, 2018).
  25. “Is Ataturk’s dream of a secular Turkey lost?” Belief Net News (Virginia Beach), accessed Mar. 3, 2018.
  26. Alec Marsh, “The war on Christians is extending into Turkey,” The Spectator, July 19, 2016.
  27. Burak Bekdil, “Red Alert! Protestant Couple ‘Security Threat’ to Turkey!” The Gatestone Institute, New York, Oct. 22, 2016.
  28. Voice of America News, Sept. 25, 2016.
  29. The New York Times, Apr. 23, 2016.
  30. The Express, Apr. 22, 2016.
  31. Agos (Istanbul), June 23, 2017.
  32. Uğur Umit Ungör and Mehmet Polatel, Confiscation and Destruction: The Young Turk Seizure of Armenian Property (New York: Continuum International Publishing Group, 2011), p. 69.
  33. Taner Akçam, A Shameful Act: The Armenian Genocide and the Question of Turkish Responsibility (New York: Metropolitan Books, 2007), p. 86.
  34. Vahagn Avedian, “State Identity, Continuity and Responsibility: The Ottoman Empire, the Republic of Turkey and the Armenian Genocide,” European Journal of International Law, 2013, no. 3, pp. 797-820.
  35. Mehmet Polatel, Beyannamesi: Istanbul Ermeni Vakıflarının el konan mulkeri (Istanbul: Uluslararası Hrant Dink Vakfı Yayınlari, 2012), p. 69.
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