Markt in Hebron. Foto amillionwaystobe - Hebron, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47233401
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Die Schweizer Zeitung Blick.ch, hat unter dem Titel „Bewaffnete Soldaten, Messerstechereien, Zwangsräumungen – Das tägliche Leid der Menschen im Nahost-Konflikt“ ein Video in 360-Grad-Perspektive zum Leben in Hebron, dem Jerusalemer Stadtviertel Silwan und in Maaleh Adumim nahe Jerusalem gesendet. Ein Faktencheck.

 

Natürlich soll man in einer Reportage die gefilmten Menschen unzensiert zu Wort kommen lassen. Aber bei den Erklärungen des Reporters im Off sollten wenigstens die Fakten stimmen.

Gezeigt wird ein (israelischer) Kontrollpunkt in der „historischen Altstadt von Hebron“. Dann wird der Zuschauer belehrt: „Die Stadt (Hebron) liegt im palästinensischen Autonomiegebiet im Westjordanland südlich von Jerusalem.“

Bereits diese Aussage ist falsch.

Hebron wurde 1997 von allen palästinensischen Städten als letzte den Palästinensern und ihrer 1994 errichteten Autonomie übergeben. Aber nicht die ganze Stadt! Ausgerechnet in der historischen Altstadt, um die es hier geht, liegt das alte jüdische Viertel- Es hat 3000 Jahre lang bestanden, bis alle Juden 1929 bei dem vom Jerusalemer Mufti Hadsch Amin el Husseini ausgerufenen blutigen Pogrom vertrieben worden sind. Nach der Eroberung des von Jordanien annektierten Westjordanlandes errichteten aus Hebron vertriebene Juden in ihrem alten Viertel die erste „illegale jüdische Siedlung“, wie man heute sagen würde. Dieser Stadtkern wurde bei dem Übergabevertrag 1997 unter israelischer Kontrolle belassen. Deshalb ist das ausdrücklich nicht Teil der palästinensischen Autonomie. Zudem würden die Palästinenser den Israelis nicht erlauben, in dem von ihnen kontrollierten Gebiet einen Kontrollpunkt zu errichten.

Die Reporter von Blick.CH haben offensichtlich nicht einmal bei Wikipedia unter „Hebron“ nachgeschaut. Dort steht: „Im Hebron-Abkommen von 1997 einigten sich Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde auf eine verwaltungstechnische Teilung der Stadt in die Zone H1 (palästinensisch kontrolliert) und die Zone H2 (israelisch kontrolliert).“

Kronzeuge für die Probleme in Hebron ist der Palästinenser Naser Gulmeh. Der wohnt angeblich in der Altstadt Hebrons, obgleich eine Landstrasse ausserhalb der Stadt gezeigt wird. Ob er im israelisch kontrollierten H2 Bezirk oder im palästinensischen H1 wohnt, bleibt unklar. Der arabische Teil der Stadt ist jedenfalls von allen Seiten offen und problemlos erreichbar.

Israelis/Juden dürfen allerdings den arabischen Teil der Stadt nicht betreten, während Araber durchaus den jüdischen Teil besuchen dürfen.

Bei Blick.ch wird eine menschenleere Gasse mit wenigen geöffneten Läden gezeigt, im „Herzen der Altstadt“. Die grösste Stadt Palästinas „gleicht einer Geisterstadt“, heisst es im Kommentar. Irgendwie passen die Bilder nicht zu dem gesprochenen Text. Denn „Grund dafür“, die Leere im Bild, sei, dass da „hunderte religiöse jüdische Hardliner“ siedeln. Da aber keine Menschenseele zu sehen ist, muss man sich diese „religiösen Juden“ fantasieren. Fraglich ist auch, wie denn die Reporter festgestellt haben, dass die auch noch „Hardliner“ sind. Was immer das bedeutet.

Es kann natürlich sein, dass die Schweizer an einem Freitag, dem muslimischen Ruhetag, gedreht haben. Dann sind die meisten Läden (wie in der Schweiz am Sonntag) auch in sonst so geschäftigen Fussgängerzonen geschlossen.

Reisserische Schlagzeilen. Foto Screenshot Blick.ch

„In dieser Strasse leben die Siedler in den oberen Geschossen, mit einem Maschendraht getrennt von den unteren palästinensischen Häusern.“ Das sind ja interessante Verhältnisse.

Wer dort schon einmal war, sollte gelegentlich genauer hinschauen. An den Türrahmen vieler „palästinensischer Häuser“ kann man noch die Einbuchtungen der „Mesusot“ erkennen, kleine längliche Kästen mit einem jüdischen Gebet, wie sie jeder fromme Jude kennt. Vielleicht wollten die Autoren von Blick.ch damit ausdrücken, dass 1929, als die Juden hier mit Gewalt vertrieben worden waren, alle Menschen in dieser Region, Juden, Araber, Moslems, Christen als „Palästinenser“ bezeichnet wurden, als Bürger des britischen Mandatsgebiets?

„Regelmässig gibt es hier Messerstecher-Angriffe“ heisst es zu ein paar vorbeilaufenden arabischen Frauen. Ob die Schweizer Reporter diese Frauen für die Messerstecher halten, bleibt offen. Denn die vorher schon erwähnten „Hardliner“ sind immer noch nicht zu sehen und in den Nachrichten hört man immer wieder von jungen arabischen Frauen, die auf die israelischen Soldaten bei den Kontrollpunkten einstechen.

Szenenwechsel. Man sieht ein Stück der Antiterror-Mauer, die seit 2003 gebaut worden ist, eine verwahrloste Mülltonne und vorbeifahrende Autos an einem Kreisverkehr. Wiederum ist keine Menschenseele zu sehen. „Auch in Ostjerusalem, wo Muslime und Juden dicht zusammenleben, ist die Anspannung gross“. Offenbar sind die Autofahrer „angespannt“. Es geht weiter zum „arabischen“ Stadtteil „Silwan“, wo laut Sprechertext „einige Hundert jüdische Siedler“ leben. Im Bild ist eine braune Mauer zu sehen und eine grosse israelische Flagge an einem Hochhaus. Der Sprecher behauptet, dass die Siedlerhäuser „sichtbar gekennzeichnet seien durch die blauweisse (also israelische) Flagge an der Front.“ Es ist die Rede von „Palästinensern“, die hier wohnen.

Eine schnelle Recherche hätte die Autoren belehrt, dass in Ostjerusalem zwar Araber leben, aber mit jordanischer Staatsangehörigkeit, da Ostjerusalem nie Teil der palästinensischen Autonomie geworden ist und die Araber auf Anordnung der arabischen Führung nicht die ihnen angebotene israelische Staatszugehörigkeit annehmen durften.

Für die Zuschauer wie für Ortsansässige völlig neu ist die Erkenntnis, dass ausgerechnet Silwan für „Juden wie für Palästinenser besonders heilig“ sei. Es bleibt unklar, ob die genannten Palästinenser Moslems, Christen, Drusen oder Sonstiges sind. „Heiligkeit“ wird normalerweise durch die Religion definiert und nicht durch die Staatsangehörigkeit, die in diesem Fall sogar falsch ist.

Die Blick.ch Reporter liefern keinen Hinweis, weshalb und was in Silwan so heilig ist. In Jerusalem-Führern sind in Silwan jedenfalls keine Heilige Stätten vermerkt.

Man sieht nun einen fast leeren Raum, eine Synagoge. Yair Dan betet dort ganz alleine um sechs Uhr früh oder am Abend gegen 18 Uhr. Man sieht in der nächsten Szene Dächer, eine Sicherheitskamera und Yair Dan. Er leitet das „Ost-Jerusalem Jugendforum“, und, wie weiter erklärt wird, „die Organisation der Siedler“. Im Internet war in der Hebräischen Presse nur zu finden, dass er ein Mitglied bei der Siedlerorganisation Ateret Cohanim sei. In dem Filmbeitrag sollte er wohl die als „Hardliner“ bezeichneten „religiösen Juden“ repräsentieren. Er wendet sich auf Hebräisch an die Menschen in Europa. „Ich hoffe sehr, dass das jüdische Volk, das so viele Jahre in Europa verfolgt worden ist, hier endlich Sicherheit finden wird und unbeschwert leben kann. Das hier ist unser Heimatland.“ Auf Hebräisch hört man ihn noch sagen, dass es hier einen „grossen historischen Streit gibt.“

Es folgt eine mit Graffiti bemalte Mauer und ein Haus mit israelischer Flagge. Wer sich in Silwan auskennt, weiss, dass die palästinensischen Hauswände mit vielen Graffiti besprüht sind mit islamischen Symbolen wie der Kaba, antiisraelischer Hetze, Davidsternen (im Bild zu sehen) und sogar Hakenkreuzen. In der Ferne sieht man israelische Sicherheitsleute eine Treppe hinaufsteigen. „Aus israelischer Sicht gehört Ostjerusalem zum israelischen Staatsgebiet. Die internationale Staatengemeinschaft erkennt dies allerdings nicht an“, sagte dazu die Reporterin aus dem Off.

Das ist eine sehr verkürzte Darstellung der politischen Verhältnisse vor Ort. Der Status Jerusalem ist kompliziert und Israel „sieht“ in Ostjerusalem nicht nur Staatsgebiet, sondern hat es 1967 formal annektiert. Damit ist es laut Gesetz erst einmal Staatsgebiet, auch wenn das keiner anerkennt. Man denke doch nur mal an Zypern, an das geteilte Deutschland und viele andere Orte in Europa, wo auch zwischen Wirklichkeit und politischen Vorstellungen Diskrepanzen herrschten. Hat es den Menschen in der DDR etwas genützt, dass ihr Staat nicht anerkannt war? Trotzdem durften sie die DDR oder gar deren nicht-anerkannte Hauptstadt, nicht in Richtung Westen verlassen.

Weiter sagt der jüdische „Hardliner“ auf seiner Terrasse (ab 2:40): „Das hier ist ein extrem kompliziertes Gebiet. Aber am Ende sind wir doch alle Menschen. Und wenn wir nur alle ein wenig Verantwortung übernehmen – und das versuche ich hier – werden wir erfolgreich sein. Wir haben hier einen Prozess in Gang gesetzt. Und es gibt auch Kooperation. Wir können unsere Distanzen überwinden. Wir sind hier und sorgen uns um unsere Sicherheit. Aber wir sorgen uns sogar mehr um die Sicherheit der hier lebenden Araber, Muslime, der Christen und der Drusen. Jeder soll in Sicherheit sein. Auch hier in Silwan.“ Soweit zu den Sprüchen des jüdisch-religiösen Hardliners…

Nun folgt ein Palästinenser, Zuhir Rashabi, auf dem Balkon seines Hauses. Vor zwanzig Jahren sei er in dieses Haus eingezogen. Und jetzt soll er schon wieder umziehen, was die Schweizer Reporter offenbar für unzumutbar halten – als wenn Menschen anderswo nicht auch gelegentlich umziehen. Denn in seiner Hand hält er angeblich einen „Zwangsräumungsbefehl“. Doch der Mann sitzt auf seinem Sofa und schaut sich eine geheftete Broschüre mit alten Stichen an. Aus der Ferne ist zu erkennen, dass es sich um Darstellungen von Silwan handelt, das um 1880 von jemenitischen Juden errichtet worden ist. Einige der alten Häuser sind noch erhalten. Sie sind aber längst von Arabern übernommen worden, darunter Synagogen. Ansonsten war der Hügel kahl, während er heute mit illegal errichteten Häusern dicht bebaut ist.

Von Arabern zerstörte Synagoge im Jahre 1929. Foto American Colony (Jerusalem), Photo Dept., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13270792

In der nächsten Szene sieht man „jüdische Soldaten“ – so der Sprechertext. Wer sich auskennt, wird sofort sehen, dass auf den Wappen an den Schulterklappen der „Soldaten“ das hebräische Wort „Polizei“ steht.

Unwidersprochen und ohne Beweise, darf der Palästinenser nun noch grosse Worte von sich geben, wohl weil er einen Räumungsbefehl erhalten hat und innerhalb Jerusalems umziehen soll. Er beschuldigt die Regierung, die Polizei und die israelischen Rechten, dass sie die Palästinenser aus Jerusalem vertreiben wollen. Das widerspricht seinen zuvor geäusserten Behauptungen zu der Suche nach einer neuen Wohnung im gleichen Viertel.

Doch die Bick.ch Reporter scheinen das nicht einmal bemerkt zu haben. Wichtig ist ihnen nur, dass die Juden, die Hardliner und jetzt auch noch die Regierung blindlings kritisiert werden.

Zum Abschluss machen die Reporter noch einen Abstecher nach Maaleh Adumin, einer 1974 gegründeten Stadt zwischen Jerusalem und der Grenze zu Jordanien.  „Doch die Schuld liegt nicht nur bei einer Seite,“ heisst es dazu. Gezeigt wird dann Netta Barzilai und ihr Sohn Noar, der bei einer Messerattacke von 13 und 15-jährigen Palästinensern Stiche in den Hals erhalten habe. Nur durch ein Wunder habe er überlebt.

Doch auch hier vermittelt Blick.ch Ungenauigkeiten. Barzilai ist von Pisgat Zeev, eine riesige Siedlung mit 50.000 Einwohnern, im Westjordanland aus palästinensischer Sicht, und ein Viertel in Nordjerusalem aus israelischer Sicht, das auf Grundstücken errichtet worden ist, die Holocaustopfer erworben haben. Für Blick.ch ist das „Ostjerusalem“.

Der Terroranschlag hat in Pisgat Zeev im Oktober 2015 stattgefunden und ist von mehreren Sicherheitskameras gefilmt worden. Anstatt Barzilai beim Spaziergang mit ihrem Hund zu zeigen, hätte Blick.ch gutgetan, die öffentlich zugänglichen Filmausschnitte zu präsentieren

Die Reportage reflektiert vor allem, dass die Reporter scheinbar kein vertieftes  Wissen über das komplexe historische, wie politische Objekt ihrer Reportage haben, und dass das Resultat dementsprechend ein Mosaik von Faktenfetzen und Unwahrheiten darstellt. Es wäre zu wünschen, dass bei solch folgenschweren Reportagen wie diesen, die Autoren und Redakteure ihre Verantwortung ernster nehmen und sich vertiefter mit der Materie auseinandersetzen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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