Foto Yonatan Sindel/Flash90
Foto Yonatan Sindel/Flash90

Yom Hasikaron, der Gedenktag für die gefallenen Soldaten von Zahal – der israelischen Verteidigungsarmee IDF − ist einer der Tage, die für die Öffentlichkeit im Staat Israel am schwersten sind. Er öffnet die schmerzenden Wunden und die tiefen Narben, die der unerlässliche Preis von Unabhängigkeit und Freiheit sind.

 

von Rabbiner Yuval Cherlow

Der natürliche Lauf der Welt ist es, dass Kinder ihre Eltern zu Grabe tragen. Wenn sich das jedoch umkehrt, und Eltern ihre gerade erst volljährigen Kinder begraben müssen, die im Kampf um Aufbau und Verteidigung des Staates gefallen sind, dann wird der Schmerz unermesslich gross.

Das ganze unerfüllte Potenzial eines Lebens, das nicht gelebt werden durfte; eine erste Jugendliebe, die ein plötzliches Ende fand; Träume, die nicht mehr verwirklicht werden konnten und der grosse Schmerz von Eltern, Geschwistern, Freunden und Freundinnen − des gesamten israelischen Volkes.

Aber all dieser Schmerz wird gleichzeitig auch von einer parallelen Emotion begleitet… bei den trauernden Familien, bei denen, die diese umgeben, bei der ganzen Nation: dem Bewusstsein nämlich, wie ungeheuer gross das Privileg ist, nicht länger verfolgt und vertrieben zu sein, sondern als Bürger eines souveränen Staates zu leben. Eines Staates, der der Welt gezeigt hat, dass jüdisches Blut nicht ungestraft vergossen werden kann, dass wir den Anschluss an unsere Historie wiedergefunden haben, wenn es uns mit Gottes Hilfe vergönnt ist, aus eigener Kraft um unser Leben und unsere Freiheit zu kämpfen.

Dabei sind es diejenigen, die in den Kämpfen um die Existenz dieses Landes sterben müssen, die es uns ermöglichen, Alltag wie Festtage als Bürger eines eigenen Staates zu erleben, es sind unsere besten Söhne und Töchter, die bereit sind, für all das ihr Leben zu geben.
Somit vermengt sich der schreckliche Schmerz mit dem Bewusstsein des historischen Privilegs, zu dieser Zeit an diesem Ort zu leben.

Soldaten legen vor dem Gedenktag für die gefallenen Soldaten Israels auf dem Soldatenfriedhof am Mount Herzl in Jerusalem israelische Fahnen auf die Gräber. Foto Hadas Parush/Flash90
Soldaten legen vor dem Gedenktag auf dem Soldatenfriedhof am Mount Herzl in Jerusalem israelische Fahnen auf die Gräber. Foto Hadas Parush/Flash90

Ob all das ein Trost ist? Es ist kein Trost. Die brennenden Narben quälen auch weiterhin Körper und Seele. Die grosse Leere, die entsteht, wenn Soldaten fallen, kann nicht überwunden werden. Daher sprechen wir nicht von Trost, sondern von zwei parallelen Empfindungen: dem schrecklichen Schmerz und dem Gefühl eines grossen Privilegs; dem Hoffen und Warten auf die Rückkehr der Soldaten und die Erkenntnis, dass diese niemals wiederkommen werden; der schweren Wolke, die das Leben überschattet und der gleichzeitigen Einsicht, dass dieses einen schrecklichen Preis hat, und dass wir ihn zahlen, Tag für Tag.

Allem voran kann der Gedenktag für unsere Gefallenen aber auch eines bewirken und mitunter gelingt ihm das sogar: einen Prozess der internen Reinigung. Das Bewusstsein nämlich, wie schrecklich hoch sein Preis ist, verpflichtet all diejenigen, die mit diesem Staat verbunden sind, ihn auch zu rechtfertigen… in anderen Worten: unseren so einzigartigen Staat in einen Staat zu verwandeln, der es wert ist, so viel Leid auf sich zu nehmen, um seine Existenz, seine Entwicklung und sein Gedeihen zu sichern. Die nationsweite Sensibilität, die sich am Gedenktag schärft, ermöglicht es auch, überflüssige Dispute beizulegen und sich von Schadenfreude, Neid und Missgunst zu befreien. Sie ermöglicht es, zusammenzuleben wie eine grosse Familie, die das wertvolle Geschenk eines eigenen Staates bekommen hat und nun mit Schmerzen erfahren muss, welch schreckliche Bedeutung der Kampf um diesen hat.

Das ist kein Trost − es ist das ungeschriebene Vermächtnis derer, denen es nicht länger vergönnt war, unter uns zu weilen, weil sie gezwungen waren, ihr Leben für die Existenz dieses Staates hinzugeben. Wir hingegen sind verpflichtet, dieses Vermächtnis nach besten Kräften zu erfüllen.

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