Kibbutz Ginegar 1947. Foto Government Press Office (Israel), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22807158
Kibbutz Ginegar 1947. Foto Government Press Office (Israel), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22807158

Die sozialistische Kibbuzbewegung prägte den Staat Israel bei seiner Gründung mehr als jede andere politische Kraft. Doch nachdem sie knapp am Konkurs vorbeischlitterte, muss sie sich heute neu erfinden. Aus Kuhställen werden High-Tech Oasen, aus Landwirten IT-Millionäre.

 

Eigentlich sollte er sich ja um Kühe und Schafe kümmern. Doch zum Leid seiner Eltern war Shachar Belkin als Kind mehr damit beschäftigt, den heiss geliebten Plattenspieler auseinanderzunehmen und andere Küchengeräte bis zur Unkenntlichkeit zu zerlegen. Bis er mit zehn Jahren Erfolg hatte: „Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal einen Fernseher wieder instand setzte“, sagt der heute 54 Jahre alte Unternehmer mit einem spitzbübischen Lächeln. Die Reparatur sollte Anfang einer ungewöhnlichen Karriere in der High-Tech Branche werden. Die prägte nicht nur Belkins Leben, sondern verändert heute auch eine von Israels einst wichtigsten politischen Bewegungen.

Shachar Belkin. Foto zVg
Shachar Belkin. Foto zVg

Belkin wuchs im Kibbuz Nahal Os auf, eines jener landwirtschaftlichen Kollektive, die dem frisch gegründeten Staat Israel den Weg bereitet hatten. Kibbuznikim – so heissen die Mitglieder der Siedlungen – prägten Kultur, Politik und Armee des Landes anfangs mehr als jeder andere Sektor der Bevölkerung. Die hemdsärmeligen Bauernsoldaten, die Frugalität als Tugend feierten und bereit waren, ihr Leben für das neue jüdische Kollektiv zu opfern, galten als Sinnbild des neuen Israel. Ausländer verbrachten ihre Sommerferien in den Orangenhainen und Kuhställen der Kibbuzim, so der Plural, um die Utopie dieser neuen sozialistischen Gesellschaft mitzuerleben.

Hubs der Zukunft

Doch die 1980er Jahre brachten ein jähes Erwachen. Israels 250 Kibbuzim stürzten in eine Krise, vielen drohte der Bankrott. Mitglieder verliessen sie in Scharen, Nahal Os verlor die Hälfte seiner Mitglieder. „Wir waren mal die Zukunft“, fasst der Titel einer Autobiographie einer Kibbuznikit den damaligen Zeitgeist zusammen. Medien sprachen vom Ende der Bewegung. Sie hätten fast Recht gehabt, gäbe es nicht Menschen wie Belkin. Als Gründer des gemeinnützigen Vereins SouthUp macht der Dauertüftler heute aus armen Agrardörfern reiche High-Tech Oasen. „Ich wusste schon immer, dass die Kibbuzim mit Landwirtschaft allein nie überleben würden. Unternehmertum und der Kibbuz gehören zusammen“, sagt Belkin. Deswegen bringt er Start-Ups in Kibbuzim, und macht aus sozialistischen Paradiesen Hubs der Zukunft – selbst wenn die alte Ideologie dabei auf der Strecke bleibt.

Es ist Teil eines umfassenden Wandels der ganz Israel betrifft. Einst galt Gleichheit als staatstragendes Prinzip des jüdischen Sozialstaats. Doch eine Reihe harter Reformen und Privatisierungen veränderten Israel in den 1990er Jahren von Grund auf: Seither wächst die Wirtschaft schneller als die der meisten anderen Mitgliedstaaten der OECD, vor allem dank des starken Hochtechnologiesektors. Doch zugleich haben sich hier inzwischen auch mit die grössten Unterschiede zwischen arm und reich entwickelt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den sozialistischen Bauernoasen der Kibbuzim wider. Sie investierten 2016 rund 18 Millionen Euro in Start-Up Unternehmen – 46 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Rund um Gaza beteiligen sich 20 Kibbuzim an Belkins Projekt. Aus Speisesälen werden Konferenzräume, aus Kuhställen Forschungslabors, aus Landwirten Erfinder und Unternehmer.

In einem alten Schulgebäude, dass SouthUp nur wenige Kilometer nördlich von Nir Am angemietet hat, tüftelt jetzt eine Firma in einem ehemaligen Klassenzimmer an intelligenter Bewässerung, die Erträge steigern und Wasserverbrauch senken soll. Nebenan werkeln zwei junge Männer an einem neuartigen 3D-Drucker. Im grossen Gemeindehaus des Kibbuz Nir Am wird der Sinneswandel besonders deutlich. Dessen pockennarbige Fassade ist vom Schrapnell unzähliger Granaten der radikal-islamischen Hamas gezeichnet, die diese Gegend bis vor wenigen Jahren fast täglich aus dem nahen Gazastreifen beschoss. Einst war der Speisesaal im ersten Stock dieses Gebäudes gesellschaftliches Zentrum des Dorfes. Mitglieder nahmen hier ihre Mahlzeiten ein und feierten miteinander jüdische Feste. Doch seitdem Belkins SoutUp hier umbaut, erinnert kaum noch etwas an Früher. Der grosse Kühlraum für Fleisch und Gemüse steht leer. Unter der Dunstabzugshaube, wo hunderte Schnitzel gebraten wurden, stapeln sich jetzt Bürostühle.

„Wir werden nur das hier erhalten“, sagt Belkin, und zeigt auf eine enge Stahltreppe, die durch ein Loch in der Decke zu einem kleinen Raum auf dem Dach führt. „Das gab es in jedem Kibbuz: Da ging der Verantwortliche Freitagabends mit den Filmrollen herauf, um den wöchentlichen Kinofilm für die Mitglieder aufzuführen.“ Dazu wird es nicht mehr kommen. Statt langen Tischen und Stuhlreihen vor der grossen gemeinsamen Leinwand ist der Raum jetzt in kleine Büros unterteilt, in denen Jungunternehmer vor Computerbildschirmen sitzen werden. Ab Mitte Mai soll der ehemalige Speisesaal als weiterer High-Tech Hub von SouthUp dienen.

„Irgendeine Hochtechnologiefirma“ gründen

Kibbuznikim sollen hier Belkins Lebenslauf wiederholen, der schon seinen eigenen Kibbuz mit High-Tech vor dem Ruin bewahrte. Als er seinen Armeedienst beendet hatte, schickte Nahal Os ihn studieren um Elektroingenieur zu werden. Nach dem Hochschulabschluss erhielt Belkin ein Jobangebot von einer israelischen Rüstungsfirma. Doch die Kibbuzführung trat mit einer ungewöhnlichen Bitte an ihn: Er solle für sie „irgendeine Hochtechnologiefirma“ gründen. Dafür stellte man ihm insgesamt eine Million US-Dollar zur Verfügung, und das Gebäude des alten Kindergartens. Dort entstand in den neunziger Jahren OzVision, die erste Firma weltweit, die Fernüberwachung mit Videokameras anbot. Heute hat diese Firma mehr als 1 Millionen Kunden. Als eine US-Firma dem Kibbuz Aktien abkaufte, konnte der so einen Grossteil seiner Schulden begleichen.

Nahal Os Projekt war revolutionär. Bis dahin hatten Kibbuzim sich an Agrarwirtschaft gehalten, auch aus ideologischen Gründen. Sie wollten Juden zu Bauern machen, nachdem ihnen in der Diaspora jeder Grundbesitz verboten gewesen war. Bis heute produzieren Kibbuzim etwa die Hälfte von Israels landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Doch die Krise der 1980er erzwang Wandel. Die Kollektive waren bitterarm geworden. In Brur Hail, der Kibbuz in dem Belkin heute lebt, gab es nur noch Geld für Nahrung und ein monatliches Taschengeld von umgerechnet 12 Euro pro Familie.

Als erstes wurde die Maxime der Gründer aufgegeben: „Jeder gibt so viel er kann, und bekommt so viel er braucht.“ „Deswegen gab es überall Faulpelze, die nichts zum Gemeinwohl beitrugen“, meint Belkin. Ein anderes Hindernis war, dass das Kollektiv seinen Mitgliedern alles vorschrieb, oft mit absurden Folgen: „Die Versammlung entschied, wer wann was tun oder kaufen durfte. Manche mussten jahrelang warten, bevor sie ins Ausland reisen, ein Studium aufnehmen, oder ein Auto haben konnten.“ Belkin erinnert sich an ein Mitglied, das Anfang der achtziger Jahre sein Taschengeld für einen Farbfernseher aufgespart hatte. „Die Versammlung fand, dass er damit das Prinzip der Gleichheit verletze, und befahl ihm, Programme nur noch in Schwarz-Weiss anzuschauen.“

Wenn es viel zu verteilen gibt, streitet man sich weniger

Das ist inzwischen Vergangenheit. Fast alle Kibbuzim führten Privatbesitz und verschiedene Gehaltsstufen ein, lassen Mitglieder frei entscheiden, wo sie arbeiten wollten. Zudem wandten sie sich der Industrie zu. Heute verkaufen Kibbuzfirmen Industriegüter im Wert von jährlich rund 13 Milliarden US-Dollar. Dazu gehören erfolgreiche Giganten wie „Netafim“, die 2017 von Mexichem für 1,5 Milliarden US-Dollar akquiriert wurde. Industriegüter generieren heute rund 75 Prozent der Einnahmen der Kibbuzim. Manchen ermöglichte die Industrialisierung ihren sozialistischen Lebensstil zu erhalten. In den superreichen Kibbuzim ist jedes Mitglied Millionär. Sie halten an Teilen der ursprünglichen Ideologie fest: „Wenn es viel zu verteilen gibt, streitet man sich weniger“, meint Belkin.

High-Tech soll jetzt die nächste grosse Revolution werden. Dabei müssen Hindernisse überwunden werden. Bislang wollten Kibbuzim keine Start-Up Unternehmen, weil diese als zu unsicher galten. Zugleich hatten die Kollektive ein schlechtes Image: „Kaum ein israelischer Investor will einen Kibbuz als Geschäftspartner. Sie gelten als schwerfällig, altmodisch“, sagt Belkin, der aus eigener Erfahrung spricht. Er musste Nahal Os verlassen weil die Kibbuz-Führung nicht wusste, wie sie die Optionen verbuchen sollte, die ihm ein Investor angeboten hatte. Er durfte wenigstens im Kibbuz wohnen bleiben. Dennoch verliess er Nahal Os wenige Jahre später, wegen des täglichen Beschusses aus Gaza. Belkin gründete später mit ehemaligen Armeeoffizieren die Firma FST Biometrics, ein weltweit führendes Unternehmen im Sicherheitsbereich.

Keine Stütze der Arbeiterpartei mehr

Doch 2015 zog es Belkin zurück in den Kibbuz. Er entschied sich für Brur Hail, sieben Kilometer von Nahal Os und dem Gazastreifen entfernt – nah an seinem Geburtsort, aber weit genug, damit nicht jeder Schuss, den die Hamas in Gaza abgibt, seine Kinder erschreckt. Ein Kibbuznik von früher würde Brur Hail indes wohl kaum mehr als Kibbuz bezeichnen. Im Dorfzentrum stehen noch die alten Wohnhäuser der Gründergeneration: kleine, erdgeschossige grau-braune Würfel, deren Schönheit von ihrer Schlichtheit und dem Umstand rührt, dass sie inmitten einer grünen Parkanlage stehen: „Die Kindheit im Kibbuz ist Freiheit, Unabhängigkeit und Verantwortung“, schwärmt Belkin. Ein Kibbuz zeichne sich dadurch aus, dass es zwischen Nachbarn keine Zäune gebe, dass selbst vier Jahre alte Kinder vollkommen frei umherliefen.

Doch wenige hundert Meter vom Zentrum herrscht eine neue Realität. Hier ist die Erweiterung für neue Mitglieder, und fast nichts erinnert mehr an das sozialistische, frugale Ideal von einst. Kleine, baumbestandene Strassen werden von prachtvollen Villen gesäumt, die durch Zäune voneinander getrennt sind. Bevor die neuen Mitglieder aufgenommen wurden, mussten sie sich einer Finanzprüfung unterziehen. So manch ein neues Mitglied ist reicher als das Kollektiv. Sie mussten für ihre Grundstücke zahlen und die Wohnhäuser auf eigene Kosten bauen. Die sind die im Grundbuch auf Namen der Privateigentümer eingetragen. Alle arbeiten ausserhalb von Brur Hail, entrichten nur eine „Kibbuzsteuer“ von umgerechnet 700 Euro im Monat für laufende Spesen. Im Gegensatz zur früheren Homogenität rekrutieren sich die neuen Mitglieder aus allen Teilen der Bevölkerung: säkular, religiös, politisch rechts und links. So sind die Kibbuzim keine Stütze der Arbeiterpartei mehr.

Was ist daran eigentlich noch Kibbuz? „Das man sich umeinander kümmert, als Gemeinschaft agiert“, meint Belkin. Dieser Lebensstil wirkt offenbar anziehend. Die Kibbuzim rund um Gaza sind voll, Anwärter müssen sich auf einer Warteliste eintragen. Ob dieser Wandel gut ist, darüber streitet man noch immer. Im Erdgeschoss des Gemeindehauses von Nir Am, unter dem ehemaligen Speisesaal und dem zukünftigen Hub von SouthUp, befindet sich die Verwaltung des Kibbuz. Hier sitzt Jehudit Dagan vor einem Computer und überprüft die Finanzen. Sie ist hier aufgewachsen, hat hier ihre Kinder grossgezogen, und erinnert sich noch an die grossen Feste, die früher alle zusammen eine Etage höher gefeiert haben. „Ich vermisse die alten Zeiten, als alles noch so war wie die Gründer sich das gedacht hatten“, sagt sie mit einem bitteren Lächeln. Das Leben sei damals besser, unbeschwerter gewesen. Eine Kibbuznikit am Tisch nebenan blickt entgeistert von ihrer Arbeit auf und sagt: „Du bist meschugge!“

Über Gil Yaron

Dr. Gil Yaron ist Buchautor, Dozent und Nahostkorrespondent der Tageszeitung und des Fernsehsenders WELT, sowie der RUFA, der Radioabteilung der dpa. Er schreibt ebenso für die Straits Times in Singapur, und arbeitet als freier Analyst in zahlreichen Fernsehsendern.

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